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Liebe, Sex und Dating im Neoliberalismus Aktuelle Ausgabe Nr. 65, 11. Oktober 2022

Liebe, Sex und Dating im Neoliberalismus

All you need is Love… Diese abgeschmackte und lebensferne Botschaft scheint gleichermaßen überholt und aktuell wie nie: Trotz – oder gerade wegen – der verbreiteten Angst vor der freiheitsraubenden und luftabschnürenden Liebe ist der Markt, der sämtliche Verheißungen vom aufregenden Flirt über das heiße Sex-Date hin zur einzig wahren Liebe bereit stellt, groß wie nie. Im neoliberalen Zeitalter der unzähligen Möglichkeiten ist für alle was dabei, sich selbst finden und ja nicht festlegen sind die primären Spielregeln. Endlich überwunden scheinen die Zeiten der heteronormativen Beziehungszwänge. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sex überall und jederzeit verfügbar zu sein hat und scheinbar alle dies auch lustvoll ausleben.

So scheint denn auch die sexuelle Liberalisierung endlich für alle Geschlechter vollzogen: Frauen* müssen zuerst schreiben, sonst löscht sich das Match. Auf Dating-Plattformen wie Tinder und Co wird nach links und rechts geswiped, was das Zeug hält; die Algorithmen finden den perfekten Fit und es bleibt allein die Qual der Wahl. Doch ist das Feminismus? Eins steht fest: Die Bestrebungen und Kämpfe um die Befreiung aus Gendernormen, seien sie progressiv oder nicht, wurden produktiv und gewinnbringend der neoliberalen Marktlogik unterworfen.

Dass die Bereiche Gender, Liebe und Begehren nur scheinbar private sind, ist spätestens seit der 68er-Revolte klar: Zwischenmenschliches ist so politisch, wie es nur geht. In den letzten Jahrzehnten haben zahlreiche politische Kämpfe um Sexualität und Körperlichkeit das Feld möglicher Identitäts- und Begehrensangebote glücklicherweise vergrößert. Die Kämpfe von Feminist*innen, trans* Personen oder Queers* haben wichtige Freiheiten errungen, trotz massiver und anhaltender Widerstände.

Gleichzeitig sind neue Erwartungshaltungen entstanden. Sie verändern unser Verständnis zwischenmenschlicher Beziehungen und lassen neue Fragen aufkommen: Will ich eine Beziehung führen? In welcher Form und mit wie vielen? Kennenlernen im Sandkasten, beim Bäcker um die Ecke oder online? Freundschaftplus, One-Night-Stand oder queere Genoss:innenschaft? Die wahre Liebe, das perfekte Match finden – oder vielleicht doch eher alles-kann-nichts-muss? Die Möglichkeiten, sich selbst für ein oder mehrere (Beziehungs-)Modelle zu entscheiden, waren noch nie so vielfältig und zahlreich – ebenso wenig wie der Druck, sie zu vermarkten. Der Neoliberalismus mit seiner bis ins Letzte greifenden Ökonomisierung hat sich das Feld schon längst von vorne bis hinten einverleibt: DatingApps, Ratgeber, Fernseh-Shows, Gadgets und Gimmicks, soweit das Auge reicht. So herrscht im Zuge der Möglichkeiten auch der Imperativ, die eigene (sexy) Identität hervorzuheben und diese zu Markte zu tragen. Was als Liberalisierung daherkommt, ist daher oftmals gespickt mit Widersprüchen zwischen konservativem Verharren und ökonomischer Vereinnahmung. Denn über allem spannt sich die Verwertungslogik des kapitalistischen Systems: Die Möglichkeiten, sich vom gewaltsamen Partner zu trennen, nach eigenen Vorstellungen Kinder groß zu ziehen, mit und ohne Be_hinderung zu daten oder dem Mythos Work-Life-Balance hinterherzujagen: All das ist materiellen Zwängen unterzogen. Sie formen, wie wir Beziehungen leben und auch imaginieren können – und mit wem.

Es geht in dieser Ausgabe um konservierte Überreste scheinbar überkommener Beziehungsmodelle, um unsichtbare Selbstverständlichkeiten, um neue Formen von Gemeinsamkeit(en). Wir fragen uns mit Blick auf die Paradoxien, die wir im Kontext von Sex, Beziehungen, Körperlichkeit und Liebe wahrnehmen: Wie steht es in unserer Gesellschaft um das Kennenlernen von Anderen? Welche Möglichkeiten von Begegnung(en) im Neoliberalismus gibt es und welche Beziehungsweisen können daraus entstehen? Wer darf mitspielen beim Dating-Reigen, wer bleibt außen vor? Welche Rolle spielen Patriarchat, Geschlecht, Herkunft, Klasse und Körper? Welche Vorstellungen von Sexualität, Körperlichkeit, Nähe, Emotionen, von Zugängen und Abhängigkeiten haben wir eigentlich, nicht als Einzelwesen, sondern als Gesellschaft?

In der nächsten Ausgabe #66 im Januar 2023 geht es in unserem Schwerpunkt um Erinnerungspolitiken zwischen Erinnern von unten und hegemonialer Einverleibung.

Viel Spaß beim kritischen lesen!

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