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Richtig schwurbeln! Verschwörungserzählungen und rechte Kontinuitäten Aktuelle Ausgabe Nr. 57, 13. Oktober 2020

Richtig schwurbeln! Verschwörungserzählungen und rechte Kontinuitäten © Johanna Bröse

Werden die Geschicke der Menschen von Geheimbünden gelenkt, von Reptilienwesen oder gar Außerirdischen? Versprühen Regierungen seit Jahren Chemtrails, um unsere Gedanken und Handlungen zu beeinflussen? Und steckt hinter der aktuellen Corona-Pandemie ein ausgetüftelter Geheimplan von Bill und Melinda Gates zur Massenimpfung für Profite? Glaubt man den zahllosen Verfechter*innen dieser Thesen, scheint es Verschwörungen am laufenden Band zu geben. Mächtige Gruppierungen oder gar Einzelpersonen werden für die globalen Missstände verantwortlich gemacht. Es genügen einige Schuldige, um zu erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist – und die Beteiligten scheinen im Puzzlespiel der Verschwörungen immer ein paar Teile mehr zusammensetzen zu können als alle anderen.

Verschwörungstheorien sind oft ein Versuch, reale politische und gesellschaftliche Konflikte durch Machenschaften einer geheimen Gruppe zu erklären. Machtverhältnisse werden zwar potenziell thematisiert – die Wut der Anhänger*innen richtet sich gegen „das Establishment“ oder gegen „die Regierung“ – jedoch werden die Verhältnisse antisemitisch, rassistisch und antikommunistisch erklärt. Dass solche Vorstellungen und Theorien brandgefährlich sein können, zeigen Gewaltaufrufe in den Reden der Vorreiter*innen, die auch zu gewaltvollen Übergriffen und Anschlägen führen. Und es ist schwer, diesen fahrenden Zug zu bremsen: Jede Richtigstellung, jeder Verweis auf Fakten ist für Verschwörungstheoretiker*innen nur ein weiterer Beweis für die große Weltverschwörung.

Dennoch: Die Geschichte lehrt uns eben auch, dass staatliche Verschwörungen, Vertuschungsaktionen und orchestrierte Fehlinformationen existieren. Stay-behind-Strukturen wie das italienische Beispiel Gladio oder der Umgang mit tief verankerten Nazi-Netzwerken, vom sogenannten NSU bis zu aktuellen Nazistrukturen in Bundeswehr und Polizei, sind nur einige Beispiele dafür. Es gibt von vielen Menschen ein berechtigtes Unbehagen gegenüber dem gesellschaftlichen System, in dem wir heute leben. Ausbeutung, Ungleichheit, struktureller Rassismus und Sexismus – um nur einige zu nennen – sind Erscheinungen eines globalen Kapitalismus, gegen den nicht nur Linke kämpfen: Im Namen liberaler demokratischer Grundrechte verteidigen Corona-Leugner*innen das neoliberale Credo der persönlichen Freiheit. Paradoxerweise sind das zu einem Großteil die gleichen Menschen, die den Pluralismus als Fremdbestimmung oder Diktatur empfinden.

Doch gerade bei der Corona-Krise fanden sich Linke plötzlich Seite an Seite mit liberalen Lockdown-Gegner*innen oder als Verteidiger*innen der autoritären Staatsräson, um eine möglichst große Distanz zum Verschwörungsgeschwurbel herzustellen. Es ist wichtig, die Frage zu stellen, wie wir aus diesem Dilemma Auswege finden. Wir müssen dringend unsere Standpunkte schärfen. Wir fragen uns also: Wie sollte man diesen Theorien und ihren Anhänger*innen begegnen? Wie erkennen wir, wann Verschwörungserzählungen gefährlich werden? Welchen linken Verschwörungstheorien sitzen wir eigentlich auf? Wie hängen Verschwörungstheorien und rechte Gesinnung zusammen? Und wie können aus dem Unmut über die gesellschaftlichen Zustände auch Potenziale der Emanzipation jenseits kruder Erklärungsansätze wachsen? Diesen Fragen widmet sich diese Ausgabe.

In der Ausgabe #58 im Januar 2021 befassen wir uns mit dem Thema Knast und Strafe. Welches Menschenbild steckt im System Knast und welche Alternativen zur Strafe sind denkbar?

Viel Spaß beim kritischen Lesen!

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