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Pandemisches Zeitalter Aktuelle Ausgabe Nr. 63, 12. April 2022

Pandemisches Zeitalter © Edwin Hooper | Unsplash

Mutanten mit griechischen Namen, Menschen, die sich boostern lassen, andere, die querdenken und Angst vor Zwangschippungen per Kanüle haben. Inzidenzen, Lockdown, Impfquote. Die Pandemie hat jede Menge eigenwillige Begrifflichkeiten hervorgebracht, die wir zwischenzeitlich wie selbstverständlich verwenden. Andere Begriffe scheinen indes an Bedeutung eingebüßt, oder gar in ihr Gegenteil verkehrt worden zu sein. Als selbsttitulierte Kämpfer:innen für die „Freiheit“ marschieren Nazis gemeinsam mit Esoteriker:innen, während Solidarität nochmals stärker als zuvor eine Solidarität unter Konditionen, eine Solidarität der Privilegierten zu sein scheint. Der Umgang der Politik mit den pandemischen Herausforderungen nährt ein gesellschaftliches Klima, das auf Konkurrenz, Rassismus und Sozialchauvinismus beruht und das Leben und die ach so hoch gehandelte „Freiheit“ einiger über die von anderen, oft marginalisierten Menschen stellt. Die Gesellschaft, so stellen einige Beobachter:innen alarmiert fest, polarisiere sich zunehmend. Andere schreiben der gegenwärtigen Pandemie eine Kristallisationsfunktion zu: Die Krise sei schon dagewesen, da systemimmanent; Corona hebe dies nur nochmal deutlich hervor.

Tatsächlich ist die Pandemie eine weitere Krise im und vor allem eine Krise des Kapitalismus. Kapitalistische Produktionsweisen, ökologischer Raubbau wie Massentierhaltung oder das Vorrücken in natürliche Lebensräume, globalisierte Warenströme, Produktion von Armut und gesundheitliche Unterversorgung sind nur einige Faktoren, die den Nährboden für Pandemien bilden. Tatsächlich sind virale Erkrankungen eine ständige Gefahr – unsere Lebensweise führt aber zusätzlich dazu, dass diese Gefahr unkontrollierbar wird. Ebenso wie die Klimakrise wird das Pandemische Zeitalter Realität bleiben, vor allem in einer Gesellschaft, die dem Primat der Ökonomie folgt, statt nach sozialen Lösungen zu suchen.

Auch wenn es scheint, dass die Pandemie auf ihr Ende zugeht, wird sie, und werden ihre Nachwirkungen uns noch lange begleiten. Während täglich noch immer hunderte Menschen an Covid sterben, werden vielerorts sämtliche Maßnahmen zum Schutz vor Infektion beendet. Immer sichtbarer wird eine tiefe Krise der Humanität. Die individuelle Freiheit, vor allem aber die Freiheit des Marktes, darf durch das bisschen Sterben nicht mehr eingeschränkt sein.

Zahlreiche Publikationen erschienen in letzter Zeit zum Thema, die das dynamische Geschehen zu fassen suchen. Wir fragen uns: Welche Anforderungen stellt das Pandemische Zeitalter an unser Leben und insbesondere an unser politisches Arbeiten? Wie zeigt sich die Krise für verschiedene soziale Klassen und wie werden gesellschaftliche Widersprüche durch die Pandemie verschärft? Wer profitiert? Welche theoretischen oder gar praktischen Strategien werden als Ausweg aus der Krise diskutiert? Wie müssen sich linke soziale Bewegungen aufstellen, um herzustellen, was am meisten fehlt: Wirkliche Solidarität.

In der nächsten Ausgabe #64 im Sommer 2022 beschäftigen wir uns mit einem Thema, dessen akute Dringlichkeit sich im Krieg Russlands gegen die Ukraine aufdrängt: Die Militarisierung der Welt. Wir wollen uns dabei vor allem die Geschichte und Rolle der Nato ansehen und unter anderem ausloten, wie es dazu kommt, dass ein gigantisches Militärbündnis das Image des weltweiten Friedensstifters inne hat.

Viel Spaß beim kritischen Lesen!

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