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Wir suchen wieder Rezensent:innen! Ausgabe #80: All Krimis are political

Krimis gehören zu den meistgelesenen und meistverlegten Genres überhaupt. Sie versprechen Nervenkitzel und Plottwists, spielen mit dem Reiz des Verbotenen sowie der Überschreitung gesellschaftlicher Grenzen – und führen am Ende doch meist zu einer versöhnlichen Auflösung, die die gestörte Ordnung wiederherstellt. Damit erzählen Krimis nie nur von Mord und Ermittlungen. Die scheinbar einfache Formel verrät immer auch etwas darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der die Verbrechen stattfinden. Schon der Noir-Pionier Jean-Patrick Manchette schrieb: „Jeder gute Krimi muss politisch sein.“ Und so treten Kriminalromane immer wieder in einen engen Dialog mit den politischen Konflikten und Krisen ihrer Gegenwart.

Sicherlich: Viele Krimis tragen auf unterhaltsame Weise zur Stabilisierung des Status quo bei. Aber die verhandelten Kriminalfälle zeigen auch, welche Ordnung überhaupt verteidigt werden soll und wessen Leben als schützenswert gilt. Wer darf ermitteln? Wem wird geglaubt? Wer wird verdächtigt? Krimis verhandeln Vertrauen und Misstrauen gegenüber Sicherheitsbehörden, Justiz und staatlichen Institutionen. Auch die Figuren der Ermittler*innen spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider: vom zynischen Privatdetektiv des Hardboiled-Romans über den souveränen Polizeikommissar bis zu neueren Figuren, die selbst Teil der Konflikte sind, die sie aufklären sollen. Gleichzeitig sind Kriminalgeschichten oft auch Gesellschaftsdiagnosen: Klasse, Geschlecht, Rassismus oder staatliche Gewalt bilden nicht selten den Hintergrund oder Ausgangspunkt von Verbrechen. Während klassische Whodunits häufig in aristokratischen Milieus spielen, richten Noir-Krimis ihren Blick auf die „Unterwelt“ der Großstädte, auf Gangster, Korruption und die Verlierer*innen des kapitalistischen Systems.

Doch auch die Perspektiven innerhalb des Genres haben sich verschoben. Feministische Krimis stellen die lange dominierende Konstellation männlicher Ermittler und weiblicher Opfer infrage. Autor*innen aus marginalisierten Perspektiven verändern den Blick auf Kriminalität und Ordnung wie etwa in der afroamerikanischen Kriminalliteratur von Walter Mosley bis Colson Whiteheads. Manche Romane experimentieren auch mit alternativen Formen von Gerechtigkeit, etwa im Kontext von Transformative Justice.

Mit unserer 80. Ausgabe arbeiten wir die politischen Dimensionen von Kriminalliteratur heraus. Gemeinsam mit euch wollen wir diskutieren, wie die Romane gesellschaftliche Machtverhältnisse darstellen, kritisieren oder reproduzieren. Wo werden politische Gegenwartsdiagnosen im Krimi gestellt? Welche sozialen Konflikte werden sichtbar gemacht? Wie verändern neue Perspektiven und Figuren das Genre?

Wir suchen wieder Menschen, die Bücher, Broschüren, Sammelbände und Literatur zum Thema für Menschen jeden Alters besprechen möchten. Es sind sowohl Rezensionen aktueller und älterer Publikationen willkommen als auch Hinweise für interessante Publikationen, die in unserer Liste fehlen! Ihr arbeitet zu dem Thema aktivistisch, wissenschaftlich oder publizistisch? Ihr habt eine interessante Fragestellung zum Thema am Wickel und könntet euch vorstellen, ein Essay oder Interview zur Ausgabe beizutragen? Auch hier gern her mit euren Vorschlägen! Einsendeschluss für eure Vorschläge zum Schwerpunkt ist der 29.3.2026.

Zudem suchen wir jederzeit Rezensent*innen für aktuelle Neuerscheinungen in anderen Themengebieten. Auch Romane und Kinderbücher sind immer gern gesehen! Insbesondere möchten wir FLINTA*s ermutigen, uns Rezensionen anzubieten.

Wenn ihr Interesse habt, dann schickt eure Ideen bitte mit einer kurzen Begründung und ein paar Worten zu euch selbst an redaktion@kritisch-lesen.de oder an eines der Redaktionsmitglieder. Wir entscheiden nach Eingang der Vorschläge, welche Rezensionen wir gerne in der Ausgabe dabeihätten – und melden uns bei euch. Der Einsendeschluss der fertigen Rezensionen ist der 20.5.2026.

Literaturvorschläge:

Jörg Fauser: Das Schlangenmaul. Diogenes 1982.

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung Rosa Luxemburgs. PapyRossa 2015.

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley. Diogenes 1955.

Jadwiga Kamola, Ksenija Chochkova Giese, Sabine Becker (Hg.): Criminal Women – Eine Geschichte der weiblichen Kriminalität. Verbrecher Verlag 2023.

Adam Kuckhoff, Peter Tarin: Strogany und die Vermissten. Verlag Ansgar Warner / Kulturkaufhaus 2020.

Sergej Lebedew: Das Perfekte Gift. S. Fischer Verlag 2021.

Christine Lehmann: Alles nicht echt. Argument Verlag (Ariadne) 2024.

Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin. edition nautilus 2026.

Lissbeth Lutter: Hinterwald. de Noantri 2019.

Ernest Mandel: Der schöne Mord. Sozialgeschichte des Kriminalromans. Athenäum 1987.

Sara Paretsky: Entsorgt. Argument Verlag (Ariadne) 2024.

Sophie Sumburane: Keine besonderen Auffälligkeiten. edition nautilus 2026.

Paco Ignacio Taibo II: Vier Hände. Unionsverlag 2004.

TV-Serie: Black Earth Rising. BBC/Netflix 2018.

TV-Serie: Say Nothing. FX Productions 2024.