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Milliardäre im Weltraum

Milliardäre im Weltraum
Thema
Die Tech-Broligarchie und das „Zweite Weltraumzeitalter“. Essay von Jens Temmen

NewSpace-Narrative beschwören eine Zukunft „for all mankind“, legitimieren jedoch Kapitalismus, Extraktivismus und Patriarchat im Hier und Jetzt.

Essay von Jens Temmen

Knapp vor einem Jahr, im Januar 2025, sorgte Elon Musk, „Tech-Broligarch“ und selbsternannter NewSpace-Pionier, bei den Feierlichkeiten zum Amtsantritt von US-Präsident Trump für erschreckende Bilder, die sich sofort viral verbreiteten: Berauscht von der erneuten Präsidentschaft Trumps, die Musk selbst mit großzügiger finanzieller Unterstützung herbeigeführt hatte, streckte der reichste Mensch der Welt gleich zwei Mal den Arm zum Hitlergruß – einmal in Richtung des Publikums, und dann nochmal in Richtung der Sitztribüne hinter sich. Die Szene markiert den vorläufigen Höhepunkt Musks eigener politischer Ambitionen – nur wenige Monate später gab er sein inoffizielles Amt als Leiter des inoffiziellen Ministeriums für Regierungseffizienz (Department of Government Efficiency, DOGE), mit dem er unermesslichen Schaden in verschiedenen öffentlichen Institutionen verursacht hat, wieder auf. Musks bizarrer Auftritt steht darüber hinaus aber auch paradigmatisch für die tiefere ideologische Verquickung eines neoliberal-autoritären Deregulierungsdranges mit Ursprung im Silicon Valley einerseits, mit der Vorstellung des Weltraums als technoliberalem Lösungs-, ja, Erlösungsraum für die Menschheit, andererseits. Musks persönliche politische Radikalisierung spiegelt dabei wider, wie diese Verbindung zusehends an Explosivität gewann, bis hin zu ihrer Einreihung in eine neofaschistische Ideologie US-amerikanischer Prägung, wie Trump in seiner eigenen Antrittsrede deutlich gemacht hatte:


„Die Vereinigten Staaten werden sich wieder als wachsende Nation betrachten – eine Nation, die ihren Wohlstand mehrt, ihr Territorium erweitert, ihre Städte baut, ihre Erwartungen steigert und ihre Flagge in neue, vielversprechende Horizonte trägt. Und wir werden unserer Bestimmung (‚manifest destiny‘) folgen und amerikanische Astronauten in die Sterne schicken, um die Stars and Stripes auf dem Mars zu hissen. […] Amerikaner sind Entdecker, Erbauer, Innovatoren, Unternehmer und Pioniere. Der Geist der Pioniere ist uns ins Herz geschrieben. Der Ruf des nächsten großen Abenteuers hallt in unseren Seelen wider.“ (The White House 2025, Übers. J. T.)

Eingebettet in eine Rede, die eine radikale Deportationswelle und ein gnadenloses Grenzregime verspricht, die Entmenschlichung von transgender Personen und nicht-binären Geschlechtsidentitäten staatlich verordnet, das körperliche Selbstbestimmungsrecht von Frauen in Frage stellt, die imperialistische Verschiebung von Grenzen zelebriert, und die Zerstörung unserer planetaren Ökologie vorsieht, findet sich also auch das neokoloniale Versprechen der amerikanischen Flagge auf dem Mars. Mit anderen Worten, „our manifest destiny in outer space“ hat seinen Platz eingenommen neben anderen radikalen Kampfbegriffen der postfaschistischen Bewegung in den USA, wie „drill, baby, drill“, „your body, my choice“ oder „go woke, go broke“. Doch wie konnte es so weit kommen? Wie wurde der Weltraum zur eskapistischen Spielwiese für die Ultrareichen? Und wie wurde die Vorstellung eines sogenannten Zweiten Weltraumzeitalters (Second Space Age) zum zentralen Motiv einer tech-kapitalistischen Ideologie, die sich durch ungezügelte Eugenik, kapitalistisch-koloniale Ressourcenausbeutung und radikal-entfesselten Neoliberalismus auszeichnet?

Neue Zeitalter, alte Ideologie

Die Idee eines zweiten Weltraumzeitalters bezieht sich auf die zunehmenden Aktivitäten privater Raumfahrtunternehmen ab den frühen 2010er Jahren, die in dieser Zeit begannen, extraplanetare Räume wie die Erdumlaufbahn, den Mond und den Planeten Mars zu erforschen, ihre Ressourcen auszubeuten, sie zu besitzen und manchmal sogar in Zukunft besiedeln zu wollen. Die zunehmende Privatisierung der Weltraumindustrie wird dabei zu einer Renaissance der Weltraumforschung an sich verklärt: Die staatlich finanzierten Weltraumprojekte des 20. Jahrhunderts – das Erste Weltraumzeitalter mit dem Wettlauf zum Mond als Markenkern – werden diskursiv als veraltet und überholt abgewertet und mit eben jenem Zweiten Weltraumzeitalter kontrastiert, das vom Pioniergeist und technischen Genie führender Figuren der privaten Raumfahrtindustrie, wie Elon Musk und Jeff Bezos, getragen wird. Die Idee des Zweiten Weltraumzeitalters, in dem Milliardäre die Menschheit in die Zukunft führen, ist dabei in erster Linie Selbstvermarktung und verschleiert auf mehreren Ebenen Kontinuitäten, die nicht in das schwärmerische Selbstbild der sogenannten NewSpace-Industrie passen.

So sind die angeblichen technologischen Innovationen in der Raketentechnik, derer sich insbesondere Elon Musk und sein Unternehmen SpaceX regelmäßig rühmen, keineswegs durchweg neu. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass es sich weniger um radikale Neuerfindungen, als vielmehr um Re-Konfigurationen bereits vorhandener, öffentlich finanzierter Technologien handelt, die zum Teil umwelttechnisch oder finanziell als zu riskant für eine massenhafte Anwendung galten. Was als technischer Durchbruch inszeniert wird, beruht maßgeblich auf einer Logik der massenhaften Produktion und des kalkulierten Scheiterns, die ökologische Risiken systematisch externalisiert. Getreu dem Silicon-Valley-Motto „move fast and break things“ wird dabei zum Beispiel in Kauf genommen, dass Raketen in regelmäßigen Abständen bereits vor oder kurz nach dem Start explodieren – mit, je nach erreichter Flughöhe, potenziell gravierenden Folgen für die lokale und/oder globale Umwelt. Und auch in finanzieller Hinsicht ist die NewSpace-Industrie kein radikaler Bruch mit der Geschichte: Staatliche Fördermittel und Aufträge sind für sie überlebenswichtig und unterlaufen so die Selbstdarstellung einer radikal unabhängigen und innovativen Industrie.

Selbst die eigenen Narrative, mit denen sich die NewSpace-Industrie im Zuge ihrer Selbstvermarktung umgibt, tönen vertraut. So haben besonders Wissenschaftler*innen der indigenen und kolonialen Studien, wie Kim TallBear (Sisseton-Wahpeton Oyate), David Shorter, William Lempert und Deondre Niiyokamigaabaw Smiles (Leech Lake Band of Ojibwe), in ihren Arbeiten dokumentiert, dass die selbsternannten „NewSpace“-Pioniere – Jeff Bezos, Elon Musk und Richard Branson, um nur einige zu nennen – gezielt und häufig auf das koloniale Konzept der frontier zurückgreifen; jene gedachte Grenze zwischen menschlicher Zivilisation und vermeintlich „wilder“, unmenschlicher Natur, die im 19. Jahrhundert maßgeblich zur Legitimation der kolonialen Expansion der USA auf dem nordamerikanischen Kontinent diente. Donald Trumps bereits zuvor erwähnte Amtsantrittsrede greift dieses Frontier-Narrativ explizit auf, indem sie die Imagination einer US-Flagge auf dem Mars als Fortsetzung eben dieser expansiven Logik inszeniert: als ein „manifest destiny into the stars“. Eingereiht neben Plänen zu militärischen Besetzungen des Panamakanals und Grönlands sowie dem allgemeinen Versprechen territorialer Expansion, wird das Zweite Weltraumzeitalter eng mit den kolonialen Anfängen der Vereinigten Staaten sowie mit ihren imperialen Feldzügen in Vergangenheit und Gegenwart verbunden – einschließlich der Mondlandung während des Kalten Krieges als Schlusspunkt des sogenannten Ersten Weltraumzeitalters.

Diese Diskrepanz zwischen Anspruch auf Innovation und Fortschritt, und der Wirklichkeit kolonialer Kontinuität zeigt sich besonders deutlich im Weltraumtourismus des 21. Jahrhunderts, ein Untersegment der NewSpace-Industrie. Immer wieder finden öffentlichkeitswirksame Missionen von Weltraumunternehmen, wie „Virgin Galactic” oder auch „Blue Origin” statt, die in erster Linie dazu dienen, einer breiten Öffentlichkeit die private Weltraumindustrie als besonders divers, progressiv und besonders zugänglich zu verkaufen – „astrowashing“ also, und das zum Teil mithilfe prominenter Unterstützung, von Schauspieler William Shatner (Captain Kirk) bis hin zu Popstar Katy Perry. Gleichzeitig wird dabei auch suggeriert, dass der Weltraum selbst, erschlossen durch die NewSpace-Pioniere, ein utopisch-progressiver Raum sein wird, in dem Fragen von Diversität, Inklusion und Gerechtigkeit der Platz eingeräumt wird, den sie in terrestrischen Kontexten leider selten erhalten. Kurz: NewSpace stellt sicher, dass das Versprechen des Weltraums für „all mankind” nun Wirklichkeit wird. Ohne die Leistungen der einzelnen beteiligten Personen an diesen Missionen schmälern zu wollen, verrät ein genauerer Blick, dass es der NewSpace-Industrie im Kern nicht darum geht, Gleichberechtigung, Chancengleichheit oder accessibility wirklich in den Mittelpunkt zu stellen oder gar zu fördern. Denn gerade im Weltraumtourismus wird das Narrativ der new beziehungsweise final frontier im All unermüdlich fortgeschrieben. Im Jahr 2021 beispielsweise bestieg Richard Branson, der Gründer von Virgin Galactic, sein Höhenforschungsflugzeug Unity22 für dessen ersten suborbitalen Flug. Um dieses Ereignis zu würdigen, verkündete Branson beim Erreichen der anvisierten Flughöhe das einprägsame Zitat: „Today, space is virgin territory.” Obwohl der Spruch als cleveres Wortspiel mit dem Firmennamen Virgin Galactic gedacht war, erinnert er auch gezielt an koloniale Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts von „unberührtem” Land und „unberührten”, „jungfräulichen” Völkern, die die Herrschaft weißer Siedler begrüßen würden.

Fred Scharmen macht in seinem Buch „Space Forces“ deutlich, dass solche Rückbesinnungen auf koloniale Diskurse keineswegs harmlos sind, nur weil der imaginierten Besiedlung unseres Sonnensystems voraussichtlich keine indigenen Völker im Weg stehen. Vielmehr besteht die Gefahr beim Recyclen kolonialer Logiken darin, dass sie die Strukturen eines rassistischen kapitalistischen Kolonialismus in der Gegenwart legitimieren und perpetuieren. Kurz gesagt: Der Weltraumkolonialismus der Zukunft gibt dem kolonialen Kapitalismus im Hier und Heute sein Existenzrecht. Diese Legitimierung wird dabei durch die zentralen Figuren der NewSpace-Industrie verkörpert, die sich gern als moderne Pioniere und Cowboys im Weltraum inszenieren, und so nicht nur ihre Unternehmungen dort oben moralisch aufladen, sondern auch ihre ausbeuterischen Geschäftsmodelle auf der Erde rückwirkend zu notwendigen Fundamenten für die utopische Zukunft der Menschheit im All verklären.

Dass diese Inszenierung koloniale Diskurse eng mit ebenfalls kolonialen Geschlechterrollen verschränkt, wird besonders deutlich, wenn man den ersten Weltraumflug von Jeff Bezos, Gründer von Amazon und Eigentümer des NewSpace-Unternehmens Blue Origin, im Jahr 2021 näher betrachtet. Die symbolische Aufladung dieses Ereignisses kulminiert in dem Moment, in dem Bezos die Raumkapsel mit einem Cowboyhut bekleidet verlässt. Kim TallBear und David Shorter beschreiben diese Szene wie folgt:

„Wer sich mit Science-Fiction und indigenen Studien auskennt, erkennt sicherlich, wie lächerlich und vorhersehbar die Aufnahmen von Jeff Bezos mit Cowboyhut aus dem Sommer 2021 waren. In einer gigantischen, phallischen und extrem kostspieligen Mission ins Weltall vorzudringen (und sei es nur an dessen Rand), während die Erde zwischen Überschwemmung und Überhitzung schwankt, ist ein Paradebeispiel für die Hybris der Kolonialherren.“ (Shorter/TallBear 2021, S. 1–2; Übers. J. T.)

Die Kehrseite dieser von toxischer Männlichkeit geprägten performativen Inszenierung ist ein ausgeprägt heteronormatives Frauenbild. Exemplarisch zeigt sich dies in der Art und Weise wie Blue Origin den Weltraumflug der Popsängerin Katy Perry inszenierte. Perry begründete ihre Teilnahme am Flug damit, auf Umweltzerstörung aufmerksam machen und feministische Anliegen fördern zu wollen, und hielt daher auf dem Flug ein Gänseblümchen, das sie mit an Bord der Kapsel gebracht hatte, in die Kamera, während sie den Flug als die zweitbeste Erfahrung nach der Mutterschaft beschrieb. Das Beispiel verdeutlicht, wie der Weltraumtourismus zu einem Vehikel für eine reduktive Vorstellung von Feminismus wird, die die Rolle der Frau im Weltraum auf Care-Arbeit (für die Menschheit und den Planeten) begrenzt und so auf eine unterstützende Funktion im kolonialen Expansionsprojekt zur Eroberung des Weltraums festlegt. Diese Rolle konzentriert sich auf die Reproduktion menschlichen Lebens sowie auf die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnungen des Heteropatriarchats – auf und jenseits der Erde. Anders formuliert: Während Männer ins All aufbrechen, um neue Territorien und Ressourcen zu beanspruchen, werden Frauen für die Reproduktion des Lebens und die damit verbundene Care-Arbeit verantwortlich gemacht. Im starken Widerspruch zum Versprechen des Weltraumtourismus von Aufbruch und Fortschritt, werden stattdessen Geschlechterhierarchien des 19. Jahrhunderts wiederholt und durch die Strahlkraft ihrer berühmten Vertreter*innen, wie Perry, auch über die Weltraumindustrie hinaus wieder salonfähig gemacht.

(Er)Lösungen im Weltraum

Die Aufdeckung kolonial geprägter Vorstellungen von menschlicher Zukunft, die De Witt Douglas Kilgore 2003 als Astrofuturismus bezeichnete, ist somit eine wichtige Perspektive, um die hegemonialen Muster nationalistischen Chauvinismus und militarisierter Männlichkeitsbilder zu verstehen; sie sind tief in der US-amerikanischen Auseinandersetzung mit dem Weltraum verwurzelt – und auch in der angeblich so neuen NewSpace-Industrie. Dennoch lässt sich das Projekt der NewSpace-Industrie im Zweiten Weltraumzeitalter nicht allein als reine Wiederholung bekannter Diskurse verstehen. So hat Alexandra Ganser in ihrem viel beachteten Essay „Astrofuturism“ herausgearbeitet, dass die Eroberung des Weltraums im Zweiten Weltraumzeitalter nicht länger primär als Ausdruck von menschlichem Fortschritt verhandelt wird, wie noch im Ersten Weltraumzeitalter (Ganser 2019, S. 38). Stattdessen wird die menschliche Zukunft im All zunehmend als existentielle Notwendigkeit inszeniert – als Voraussetzung für das Überleben der Menschheit angesichts einer anthropogenen Polykrise auf der Erde. Der Weltraum fungiert dabei als universelle Lösungsfolie für globale Krisenszenarien: Ressourcenknappheit soll durch die Ausweitung des Rohstoffabbaus auf andere Planeten überwunden werden, die durch industrielle Ausbeutung zerstörte Landschaften auf der Erde durch den Aufbau orbitaler Schwerindustrie geheilt werden, und Bedrohungen wie globale Erderwärmung, weltweite Pandemien oder ein nuklearer Krieg werden durch die Verheißung einer „Neuen Erde“ – etwa auf einem terraformierten Mars – vermeintlich entschärft.

Der heilsbringende Unterton dieser technologischen Erlösungsfantasien deutet bereits an, dass die Logik einer kurzfristigen Kosten-Nutzen-Kalkulation – der Markenkern des klassischen Manchesterkapitalismus – allein nicht ausreicht, um die persönliche Investition von Hardcore-Neoliberalen wie Bezos und Musk in NewSpace zu erklären. Laut Mary Rubenstein muss man NewSpace vielmehr verstehen als eine von mehreren technologischen Fantasien der Tech-Oligarchie des Silicon Valley, die allesamt von einer utilitaristischen Ideologie namens Longtermism angetrieben werden. Wie Rubenstein in ihrem Buch „Astrotopia“ beschreibt, sollen diese Technologien der Menschheit ermöglichen, „alle Grenzen zu überwinden: biologische, soziale, ethische und ökologische“ (Rubenstein 2022, S. 4; Übers. J. T.). Nach dieser Logik rangiert die Eroberung des Weltraums auf einer Ebene mit „Fantasien von lebensverlängernden Diäten, Bluttransfusionen von Teenagern, dem Upload des Gehirns in die Cloud und Vitamintabletten für die Unsterblichkeit“ (ibid.; Übers. J. T.). Obwohl diese Ideologie einen posthumanistischen Anstrich haben mag, da sie vordergründig das Verhältnis der Menschheit zu Technologie, nicht-menschlichem und mehr-als-menschlichem Leben thematisiert, geht sie nicht auf die ethischen Fragen ein, die die Posthumanismusforschung im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit diesen Beziehungen aufwirft. Diese Fragen zielen in erster Linie darauf ab, den Anthropozentrismus der Menschheit kritisch zu hinterfragen und dadurch die Ungleichheiten und Unmenschlichkeiten zu überwinden, die dieser Anthropozentrismus hervorbringt. Die NewSpace-Konzeption des Menschen jenseits der Erde folgt stattdessen einer Logik des Longtermism. Laut Rainer Mühlhoff basiert der Longtermism auf einem utilitaristischen Glaubenssystem und ist ein Ableger des Effective Altruism. Longtermism geht davon aus, dass es uns moralisch geboten ist, den Weltraum (und digitale Räume) zu besiedeln, um den langfristigen Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation zu verhindern, eine „kosmische Evolution der Menschheit“ (Mühlhoff 2025, S. 89) einzuläuten und diese maximal zu vermehren und auszubreiten. Kurz gesagt: Der Weltraum wird als ein Schauplatz einer menschlichen Zukunft betrachtet, in der Technologie die Sterblichkeit überwinden und jede menschliche Krise lösen kann. Auch wenn hier eine Selbstwirksamkeit kosmischen Ausmaßes geltend gemacht wird – schließlich ist der Weltraum ja vermeintlich für alle da –, ist Longtermism nichts anderes als eine von Technologieoptimismus durchzogene Blut-und-Boden-Ideologie. So sollen sich natürlich nicht alle Menschen vermehren und den Weltraum besiedeln, sondern eben die „richtigen“ Menschen, die vorher durch die von staatlichen Regulierungsfesseln befreite Tech-Eliten selektiert wurden. Der Longtermism legitimiert also quasi-feudale Strukturen des grenzenlosen Kapitalismus heute, indem er diese als langfristig moralisch wertvoll verbrämt.

Tausche Erde gegen Weltraum

So ungeheuerlich und unglaublich diese eugenische Ideologie auch klingen mag, hat sie doch an Einfluss und Reichweite gewonnen und ist, zumindest in Teilen, ein Bestandteil der popkulturellen Auseinandersetzung mit dem Weltraum geworden. So greift etwa Christopher Nolans zu Recht als filmisch wegweisend gefeiertes Weltraumepos Interstellar (2014) zentrale Motive der NewSpace-Ideologie auf und reinszeniert sie in populärkultureller Form. Im Zentrum der Handlung steht der Weltraumpionier Joseph Cooper, Farmer und ehemaliger NASA-Pilot, der die Menschheit – hier konsequent als pars pro toto durch die USA repräsentiert – in einem groß angelegten Umsiedlungsprojekt von der Erde in den Weltraum führt. Ausgangspunkt ist eine Erde, die zunehmend unbewohnbar wird. Dieser Umstand wird hier weniger als ökologische Katastrophe, vielmehr als quasi göttliche Intervention präsentiert und vom Protagonisten als Aufforderung verstanden, den Planeten zu verlassen und das Heil der Menschheit im Weltraum zu suchen. Aus der Not wird rasch eine Tugend: Nicht nur gelingt die Rettung der Menschheit – erneut unter Mithilfe göttlicher Intervention –, auch erscheint der Weltraum als Ort moralischer Regeneration. Dort findet die Menschheit zu Idealen von Zusammenhalt und Menschlichkeit zurück, die auf der Erde als verloren galten. Visualisiert wird diese Rückkehr zu vermeintlich ursprünglichen Tugenden durch pastoral-romantische Landschaftsbilder des amerikanischen Westens, die dank technologischen Fortschritts nun im All rekonstruiert werden können – eine ästhetische Verbindung von Frontier-Mythos und Raumfahrtutopie. Das für den Longtermism zentrale Motiv der menschlichen Unsterblichkeit im Weltraum fungiert im Film als zentrales narratives Mittel: So ist es eine zukünftige, technologisch hoch entwickelte Menschheit, die sich selbst – durch den Protagonisten Cooper und durch die Zeit – jene technischen Voraussetzungen bereitstellt, die es erlauben, die Menschheit ins All zu führen und das „Joch der Erde“ mit all seinen materiellen und ökologischen Begrenzungen hinter sich zu lassen. Die longermistisch-idealtypische Menschheit wird so zu ihrem eigenen Deus ex Machina.

Der Film Interstellar steht beispielhaft für das Echo, den das Zweite Weltraumzeitalter in der aktuellen (populären) Kultur im nordamerikanischen Kontext und darüber hinaus erfährt, und deutet damit wiederum an, wie wirkungsmächtig die Idee der Menschheit im Weltraum in Zeiten multipler planetarer Krisen ist. Und das ist natürlich auch verständlich: So verspricht das Zweite Weltraumzeitalter unter Führung der NewSpace-Industrie nichts weniger als die Lösung aller planetaren Krisen für die gesamte Menschheit für alle Zeit. Mitunter wird die Menschheit so von der Verantwortung, etwas gegen die Klimakrise zu tun, freigekauft, und das alles zum läppischen Preis von etwas ungezügeltem Kapitalismus im Hier und Jetzt. Ein Angebot, das man auf den ersten Blick nicht ablehnen kann. Und genau diese augenscheinliche Einfachheit macht den Diskurs des Zweiten Weltraumzeitalters und der NewSpace-Industrie so gefährlich. Denn der vermeintlich einfache und kostengünstige Deal, bei dem die Erde von heute gegen den utopischen Weltraum von morgen eingetauscht wird, verharmlost nicht nur die besondere Verantwortung der Menschheit für die Zerstörung der irdischen Biosphäre, sondern verschleiert zugleich die fundamentale Abhängigkeit menschlichen Lebens von eben dieser Biosphäre. Anstatt diese Realitäten ins Zentrum kollektiven Handelns zu rücken, akzeptiert, ja naturalisiert, der NewSpace-Diskurs, dass die Polykrise ihren Lauf nimmt, zum Schaden der großen Mehrheit der Menschheit. Zugleich bleibt das kapitalistische System, das im Kern für diese Krisendynamiken verantwortlich ist, bewusst unangetastet: und das zugunsten kurzfristiger Profite einiger weniger Eliten und getragen von dem vagen Heilsversprechen einer Erlösung in ferner Zukunft.

Hier zeigt sich die eigentliche Tragweite des Zweiten Weltraumzeitalters und von NewSpace: Obwohl beide Diskurse vordergründig auf zukünftige Formen menschlichen Lebens jenseits der Erde ausgerichtet sind, zielen sie in Wahrheit darauf ab, das Verhältnis der Menschheit zum Planeten Erde hier und heute grundlegend neu zu ordnen – und zwar im Sinne einer neofeudalen, kapitalistischen Ordnung. Genau diese Gegenwartsdimension soll durch die spektakulären Inszenierungen milliardenschwerer Raumfahrtakteure – bis hin zu offen faschistoiden Gesten – verschleiert werden. Ein kritischer Blick auf das Zweite Weltraumzeitalter darf diese Verschiebung nicht aus den Augen verlieren.

Verwendete Quellen

Ganser, Alexandra (2019): Astrofuturism. In: Paul, Heike (Hg.): Critical Terms in Future Studies. Palgrave Macmillan, Cham.

Interstellar (2014): Directed by Christopher Nolan. Paramount Pictures and Warner Bros.

Mühlhoff, Rainer (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart.

Rubenstein, Mary-Jane (2022): Astrotopia. The Dangerous Religion of the Corporate Space Race. University of Chicago Press, Chicago.

Shorter, David Delgado, und Kim TallBear (2021): An Introduction to Settler Science and the Ethics of Contact. In: American Indian Culture and Research Journal 45, no. 1.

Smiles, Deondre (2020): The Settler Logics of (Outer) Space. In: Society + Space. Online einsehbar hier.

The White House (2025): The Inaugural Address. Online einsehbar hier.

Zitathinweis: Jens Temmen: Milliardäre im Weltraum. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/U82j5. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:37.