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Wahrheit, Würde und Widerstehen

Buchautor_innen
Lea Ypi
Buchtitel
Aufrecht
Buchuntertitel
Überleben im Zeitalter der Extreme

In der Lebensgeschichte ihrer Großmutter erkennt die Autorin, wie sich Konzepte von Wahrheit und Würde im Laufe der Geschichte wandeln.

Nach dem überwältigenden Erfolg von „Frei“ ist das neue Buch von Lea Ypi „Aufrecht“ gespannt erwartet worden. Inhaltlich ist es gewissermaßen das Prequel zu ihrem ersten Buch, denn es erzählt die Lebensgeschichte ihrer geliebten Großmutter Leman Ypi. Und wie ihr Debüt könnte man es als Hybrid bezeichnen – fiktive Erzählung kombiniert mit philosophischen Erwägungen und Konzepten – und nun kommt bei diesem Buch noch die Schilderung einer Archivrecherche hinzu inklusive Wiedergabe der Fundstücke aus den Akten. Trotz dieser ungewohnten Mischung liest es sich fast durchweg spannend und bietet eine fulminante herstory, einen Einblick in die Geschichte des Balkans in den letzten 100 Jahren, die aus einer dezidiert nicht kolonialen Perspektive die Biografien vor allem von Frauen in den Fokus nimmt.

Auslöser für das Buch, das legt Ypi offen, war ein Foto, das bei Facebook auftauchte und ihre Großeltern in den Flitterwochen zeigte, 1941. Es gab eine Reihe von Kommentaren, die ihre Großmutter als Unterstützerin der Faschisten oder der kommunistischen Diktatur oder gleich von beidem diffamierten, und dadurch ausgelöst beschloss Lea Ypi, in Albanien in den Archiven des gefürchteten Geheimdiensts Sigurimi die Biografie ihrer Großmutter zu recherchieren.

Parallel zur Schilderung dieser Recherche erzählt sie Leman Ypis Leben. Deren Großvater war im Osmanischen Reich ein Pascha, die Familie gehörte zur gesellschaftlichen und politischen Elite. Sie lebten im heutigen Thessaloniki, das damals eine ethnisch sehr vielfältige Stadt war, in der Jüd*innen und Juden die Mehrheit der Einwohner*innen stellten. Die Familie war ursprünglich albanisch, sprach untereinander auch gelegentlich diese Sprache, hatte aber ansonsten nicht mehr viel Bezug zu diesem Land. Als Angehörige der Elite sprachen sie untereinander vor allem Französisch, in der Politik wurde Türkisch gesprochen, im städtischen Alltag auch Italienisch und Griechisch und das macht deutlich, wie selbstverständlich multiple und fluide Identitäten vor der Durchsetzung von Nationalstaaten waren.

Der „Bevölkerungsaustausch“

In Thessaloniki war es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und damit auch dem Ende der großen Empires so weit: Griechenland entstand als neuer Staat, und mit der Türkei wurde ein tatsächlich so genannter Bevölkerungsaustausch vereinbart. Wer als türkisch galt (davon waren fast alle Muslime betroffen), musste in die Türkei gehen, und im Gegenzug musste die seit Jahrhunderten in der Türkei ansässige griechische Minderheit in den neu gegründeten Staat ziehen. Das gesamte soziale Gefüge der Stadt wurde gewaltsam auseinandergerissen. Lemans Familie durfte aufgrund ihrer albanischen Herkunft trotz ihres muslimischen Glaubens bleiben. Ihr langjähriges Dienstmädchen Dafne jedoch, in Anatolien geboren und noch vor der Umsiedlung nach Thessaloniki in den Dienst der Familie getreten, musste als muslimische Türkin in das anatolische Dorf zurück, in dem sie geboren wurde. Als junge Frau, die danach strebte, so wie die Schweizer Kindermädchen in Thessalonikis Oberschicht zu sein, eine echte Nanny sozusagen, traf sie diese Anordnung hart und sie ging nur unter Tränen. Sie versuchte sogar, sich rechtlich als Eigentum der Familie einstufen zu lassen, um der erzwungenen Umsiedlung zu entgehen – was einerseits maximal befremdlich anmutet und an feudale Zeiten erinnert, sich mit Blick auf Dafne aber als vergeblicher Versuch eines Dienstmädchens auf Selbstbestimmung verstehen lässt.

Anhand dieses „Bevölkerungsaustauschs“, der – wie vieles aus der Geschichte des Balkans – in Deutschland eher wenigen bekannt sein dürfte, erörtert Ypi spannend Fragen von Zugehörigkeit, Identität und der Bedeutung von Grenzen. Und macht gleichzeitig klar, dass die Gegenwart keineswegs grundsätzlich fortschrittlicher, aufgeklärter und progressiver als die Vergangenheit ist; in ihrer Erzählung wird sichtbar, was für einen Verlust und Rückschritt die Durchsetzung von Nationalstaaten historisch bedeutet hat. Gerade in der heutigen Zeit ist das eine interessante Perspektive.

Im Leben der Großmutter ereignet sich nun eine Katastrophe: Ihre geliebte Tante Selma soll einen deutschen Tabakfabrikanten heiraten, den sie verabscheut. Sie bringt sich am Morgen der Hochzeit um. Leman Ypi wird daraufhin für längere Zeit bei Verwandten einquartiert. Sie erfährt erst viel später, was mit ihrer Tante passiert ist, und wird lange mit deren Entscheidung hadern und mit der Frage, ob ihre Tante sich damit letztlich selbst zum Objekt gemacht hat oder ob sie den einzigen Akt der Selbstbestimmung gewählt hat, der ihr noch blieb. Leman ist inzwischen eine rebellische Jugendliche, die Arbeiter*innenkämpfe unterstützt, zu Versammlungen geht und Flugblätter verteilt. Als sie mit einer Freundin den alten Jüdischen Friedhof von Thessaloniki besucht, trifft sie dort den langjährigen jüdischen Arzt ihrer Familie. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um den Friedhof zu kümmern, dem jedoch im neu entstandenen Nationalstaat Griechenland die Planierung droht. Er gilt als osmanisches Relikt und ohnehin scheint immer weniger Platz für alles Nicht-Griechische zu sein: Einige Grabsteine sind bereits mit antisemitischen Parolen beschmiert. Leman registriert es mit Sorge, vor allem mit Sorge um besagten Arzt. Sie hat ein Gespür für die Veränderungen in ihrer Heimatstadt und beginnt, sich verstärkt mit ihrer eigenen Identität auseinanderzusetzen und mit der Frage, wo sie leben will. Schließlich entscheidet sie sich, nach Albanien zu gehen, und lebt dort zunächst als alleinstehende berufstätige Frau, was damals einigermaßen spektakulär war. Sie lernt Enver Hoxha als jungen Mann flüchtig kennen, heiratet Asllan Ypi, bekommt ein Kind, und wird schließlich, nachdem ihr Ehemann nach dem Zweiten Weltkrieg und der Machtübernahme der Kommunisten zu 20 Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit wegen angeblicher Kollaboration mit ausländischen Agenten verurteilt wird, der Hauptstadt verwiesen und muss in einer Art Kolchose harte körperliche Arbeit leisten.

Neben diesem fiktiven Teil plätschert die Archivrecherche dahin und verläuft schließlich im Sande, als Lea (!) Ypi feststellen muss, dass dem Geheimdienst ein Fehler unterlaufen ist. Es gab eine zweite Leman Ypi mit ähnlicher Biografie, und von der ist in den Akten die Rede, nicht von der Großmutter. Das ist ein bisschen enttäuschend und führt zu der Frage, warum die Schilderung der Recherche trotzdem Teil des Buches ist. Die Autorin schreibt, sie habe auch der unbekannten Leman Ypi ihre Würde zurückgeben wollen. Vielleicht wollte sie aber vor allem deutlich machen, wie fehlbar und unvollständig Täterwissen bzw. allgemeiner das Wissen der Mächtigen ist oder wie fragwürdig das Konzept von Wahrheit. Das gelingt ihr.

Ein Sieg über die Entwürdigung?

Die Kombination der Archivrecherche mit dem deutlich umfangreicheren fiktiven Teil gibt Anlass zu einigem Nachdenken. Die Autorin schreibt:

In diesem Fall besteht die Wahrheit über Leman Ypi vielleicht nur teilweise in der Rekonstruktion der Fakten ihres Lebens. Genauso wertvoll ist die Interpretation dieser Fakten, die Geschichte, die sie erzählen, und das moralische Licht, das sie auf die Welt werfen. Oder auch die Katharsis, die sich beim Nachdenken darüber einstellt, was alles anders sein könnte – der Sieg der Vorstellungskraft über die Entwürdigung. (S. 384f)

In Interviews führt Ypi aus, was sie damit meint: Nicht der Verzicht auf Faktenwissen ist gemeint, Archivrecherchen bleiben wichtig. Aber sie werden immer nur einen sehr selektiven Blick auf einen Menschen und nur eine Art von Wahrheit bieten können. Literatur vermag Charaktere und historische Kontexte zu zeigen und lebendig zu machen. Und sie blickt nicht durch die Brille der Macht, deshalb kann sie besonders marginalisierte Gruppen sehr viel eher zeigen als jedes Archiv. Das ist ein wichtiger Punkt und Ypi nutzt dieses Potenzial der Literatur. Das unterscheidet sich sehr wohltuend von den allermeisten Schilderungen der Geschichte des Balkans im 20. Jahrhundert, die darüber hinaus meist von Westeuropäern mit kolonialem Blick verfasst wurden. In den geschilderten Frauenbiografien wird überdeutlich, wie selten insbesondere in Ländern, auf die vonseiten mächtiger Nationen mit einem solchen kolonialen Blick geschaut wird, Entscheidungen tatsächlich durch das Wohl oder den Willen der einheimischen Bevölkerungen motiviert sind. Sie scheinen vielmehr ganz selbstverständlich als Verfügungsmasse angesehen zu werden.

Beim Lesen beschleicht eine mitunter das Gefühl, dass der Begriff der Würde vielleicht etwas überstrapaziert wird. Aber es gelingt Ypi tatsächlich sehr überzeugend, darzustellen, welches Konzept von Würde ihre Großmutter hatte und dass sie ihm ihr Leben lang gerecht geworden ist. Von der Großmutter stammt der Satz: „Frei sind wir nur, wenn wir versuchen, das Richtige zu tun.“ (S. 359) Dieses Freiheitskonzept vermag in „Aufrecht“ viel mehr zu überzeugen als in „Frei“. Denn Ypi schildert den Kontext, in dem die Großmutter es geschafft hat, diese Haltung zu bewahren: als Geächtete – der Mann im Gefängnis, sie selbst mit einem kleinen Kind in der kollektivierten Landwirtschaft, in dem Wissen, dass eine Überwindung dieser Ächtung niemals möglich sein wird. Auch die Bezogenheit auf andere ist ein Teil dieser Ethik. Und deshalb blieb der Großmutter tatsächlich, wenn sie ihr Kind nicht gefährden wollte, nur die Freiheit der moralischen Entscheidung – gegen Opportunismus und Mitläufertum und außerdem bei jeder einzelnen kleinen Entscheidung des Alltags. Viel anderes blieb ihr zu entscheiden nicht übrig. Und vor diesem Hintergrund wird die Kraft und, tatsächlich, Würde deutlich, die darin liegt.

Ähnliches gilt für die anderen Frauenfiguren, die allesamt mit starken eigenen Überzeugungen durchs Leben gehen und zu verschiedensten Mitteln greifen, um nach diesen Überzeugungen zu leben. Manche Idee oder mancher Versuch, zum Ziel zu gelangen, mutet vielleicht absurd oder sogar tragisch an, aber es sind jedenfalls ausnahmslos Entscheidungen, die versuchen, das Maß an Selbstbestimmung und damit an Würde zu verteidigen, das jeweils noch geblieben ist. Die Unterschiedlichkeit der Lösungswege ebenso wie der Überzeugungen ist beim Lesen enorm inspirierend: Auch da, oder gerade da, wo sich vor allem Irritation oder Unverständnis einstellt, lässt sich eine Vielzahl von spannenden und für die Gegenwart relevanten Überlegungen daran knüpfen. Ypi behandelt ihre Charaktere dabei stets mit Achtung und sieht sie als Subjekte an. Und so bleibt auch der Leserin am Ende vor allem Respekt vor dem Mut und der Entschiedenheit, mit denen die eigene Autonomie und Entscheidungsmacht verteidigt werden, gerade wenn fast nichts mehr davon übrig zu sein scheint.

Lea Ypi 2025:
Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-43262-4.
389 Seiten. 28,00 Euro.
Zitathinweis: Andrea Wierich: Wahrheit, Würde und Widerstehen. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/zyf8Y. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:39.

Zum Buch
Lea Ypi 2025:
Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-43262-4.
389 Seiten. 28,00 Euro.