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Denken im Orbit

Buchautor_innen
Jan Völker
Buchtitel
Ein Weltall des Kapitals
Buchuntertitel
Die Überwindung der terrestrischen Vernunft

Private Raumfahrtprogramme formen ein neues Denken, das den Menschen von allen irdischen Zwängen befreit – außer denen des Kapitalismus.

Die Zeit des Kalten Krieges war auch ein Wettstreit um die Vorherrschaft im All: Wer würde als erstes im All spazieren gehen, wer würde als erstes den Mond betreten. Ost oder West? Zwar kam die Raumfahrt nach dem Ende der Blockkonfrontation und der politischen Neuordnung in den 1990er Jahren keineswegs zum Erliegen, doch erst in den letzten Jahren hat sie erneut eine Hochkonjunktur erfahren: allerdings unter grundlegend veränderten Vorzeichen. Nicht mehr staatliche Programme und geopolitische Konkurrenz bestimmen das Geschehen, sondern privatwirtschaftliche Akteure machen sich auf zu interstellaren Ufern und eröffnen eine neue Phase der Raumfahrt.

Diese Verschiebung nimmt der Philosoph Jan Völker in seinem äußerst spekulativen Essay „Ein Weltall des Kapitals“ zum Anlass, über das Menschenbild nachzudenken, das mit der privatwirtschaftlichen Erschließung des Weltraums einhergeht. Welches Bild vom Menschen haben Personen wie Jeff Bezos, Elon Musk & Co? Welche Selbstauffassung entsteht wohl, wenn der Mensch nicht länger an die planetaren Grenzen der Erde gebunden ist und er damit ein Mensch wird, „der von seinem Unbewussten getrennt ist, […] kein Erdbewohner mehr, sondern […] ein Kolonist im Weltall und ein astronautischer Kolonist auf der Erde selbst, während auf der Erde sich die Apokalypse entfaltet“ (S. 7). Dieser Gedanke jedenfalls stellt den Leitfaden des Buches dar, dessen Untertitel bereits eine „Überwindung der terrestrischen Vernunft“ ankündigt. Wäre unsere Vernunft eine andere, wenn sie nicht durch die Bedingungen des Lebens auf der Erde geprägt wäre? Völker bietet hierzu weniger materialistische Analyse als vielmehr weitreichende Spekulationen, die etwas guten Willen der Leser*innen voraussetzen.

Mit Kant und Lacan ins All

Zunächst entfaltet Völker mithilfe verschiedener Texte von Immanuel Kant, was unter „terrestrischer Vernunft“ zu verstehen ist. Terrestrisch ist sie, weil sie „unter den Voraussetzungen sinnlicher Erfahrungen gebildet und ihre Verwirklichung im Rahmen der Welt und ihrer Natur gedacht wird“ (S. 20). Der Rückgriff auf Kant ist dabei keineswegs beliebig. In dessen frühen Schriften aus der Mitte des 18. Jahrhunderts finden sich tatsächlich Überlegungen zu „Bewohnern der Gestirne“, ja sogar Spekulationen über die Bewohner*innen des Jupiter. In späteren Texten werden solche Gedankenspiele zwar vorsichtiger und als bloße Meinungen relativiert, dennoch hält Kant daran fest, dass es eine Vernunft jenseits irdischer Begriffe geben müsse – auch wenn wir nicht in der Lage sind, entsprechende Phänomene wahrzunehmen. Völker fasst dies wie folgt zusammen: „Die notwendige Anerkennung von etwas Unerkennbaren öffnet die Möglichkeit, dass etwas Unerkennbares das Zeichen einer anderen Vernunft sein könnte.“ (S. 46)

Damit stellt sich die Frage, ob diese andere Vernunft nun in den Weiten des Weltalls zu verorten ist. Der Raum erscheint bei Völker vor allem als das „Außen des menschlichen Verständnisses“ (S. 70), das durch wissenschaftliche Forschung und technische Apparaturen erschlossen werden soll. Wissenschaft berührt dabei stets etwas, das sie nicht vollständig begreifen kann, das aber dennoch reale Effekte zeitigt:

„Die Wissenschaft öffnet also einen Raum, in dem sie an etwas rührt, was sie selbst nicht vollständig erfassen vermag, was jedoch zu Änderungen der Welt führt“ (S. 96).

Zur weiteren Ausarbeitung greift Völker – in teils etwas umständlichen gedanklichen Girlanden – auf Hannah Arendt und insbesondere auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan zurück. Dieser beschrieb bereits in den 1970er Jahren eine durch technische Apparate verschaltete Menschheit. Was damals noch abstrakt erschien, ist im Zeitalter des Internets und der allumfassenden Datafizierung alltägliche Erfahrung. Die Figur des Astronauten, der hermetisch von seiner Umwelt abgeschlossen ist, dient Völker dabei als Sinnbild eines Menschen, der das Verdrängte – oder präziser: das Unbewusste – von sich abgeschnitten hat und eingekapselt in der Schwerelosigkeit schwebend auf sich selbst zurückgeworfen ist. Es ist ein Mensch, der nicht länger in die gesellschaftliche Vermittlung von Natur – der eigenen und der planetaren – und der damit einhergehenden Konflikte verstrickt ist.

Markt und Kosmos

Auch die ökonomische Dimension bleibt in Völkers Essay nicht ausgespart. Der Weltraum wird zunehmend zum Objekt kapitalistischer Begehrlichkeiten. Astronauten sind „nicht länger Abgesandte abstrakter Großmächte, die die Interessen dieser Mächte symbolisch vertreten“ (S. 120f.), sondern Repräsentant*innen privatwirtschaftlicher Interessen, sei es im Rahmen von Musks Starlink-Projekt oder durch superreiche Tourist*innen und Promis, die Kurztrips ins All unternehmen – wo sollte man auch sonst Urlaub machen, wenn die Erde nichts mehr zu bieten hat. Völker interessiert sich jedoch weniger für eine detaillierte sozio-ökonomische Analyse dieser Entwicklungen als für ihre Rückbindung an den planetaren Ressourcenverbrauch. Damit stellen sich zwangsläufig zwei Fragen: Wird der Weltraum zum neuen Rohstofflager? Und wohin mit dem Müll dieser Expansion?

Für viele Tech-Milliardäre gilt die Erde längst als lost case: Ihre Ressourcen sind bald erschöpft, ihre Zerstörung unvermeidlich. Während Jeff Bezos etwa erwägt, Müll ins All zu schießen und den Asteroidenabbau vorantreibt – „ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt, das einen weitaus größeren ökonomischen Nutzen verspricht als der Tourismus“ (S. 128) –, propagieren andere offen einen planetaren Exodus und versuchen der Klimabewegung und ihrem Slogan „There is no Planet B“ demonstrativ das Gegenteil zu beweisen.

Besonders dort, wo Völker seine Überlegungen eng an aktuelle Entwicklungen der Raumfahrt knüpft und diese als Fortsetzung der kapitalistischen Landnahme begreift, entfaltet das Buch seine Stärke. Seine Ausführungen zur „terrestrischen Vernunft“ und deren angeblicher Überwindung bleiben hingegen derart spekulativ, dass es naheliegend erscheint, die Form menschlicher Vernunft weniger kosmologisch als vielmehr ökonomisch zu deuten. Denn wenn Völker von terrestrischer Vernunft spricht, ist damit nicht nur eine erdgebundene Form der Vernunft gemeint, sondern unausgesprochen auch eine Form der Vernunft, die stark von kapitalistischen Logiken durchzogen ist.

Darauf gibt bereits Kant einen impliziten Hinweis, wenn er in der Einleitung zur Erstauflage der „Kritik der reinen Vernunft“, schreibt: „Erfahrung ist […] das erste Produkt, welches unser Verstand hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen bearbeitet.“ (Kant, S. 48) Sinnliche Erfahrung erscheint hier also als Rohmaterial, das verarbeitet und verwertet wird – unser Denken und unser Begriff von Vernunft steht damit bereits selbst unter einem kapitalistischen Vorzeichen und weist Analogien zur ökonomischen Verwertungslogik auf. Die Tech-Milliardäre mit ihren privaten Weltraumprogrammen sind Teil einer Welt, die Kants Satz wörtlich nimmt und versucht, alle Lebensbereiche bis ins Letzte zu verwerten. Dafür muss alles rationalisiert und datafiziert werden, selbst Kommunikation reduziert sich auf reine Informationsübertragung. Da bleibt kein Platz für das Unbewusste und für den Blick über den Tellerrand. Die Menschheit ist heute nur bestimmter Formen von Vernunft fähig. Doch terrestrische Vernunft könnte mehr sein, als Völker ihr zugesteht; und sie bedarf dafür nicht einmal des Aufbruchs ins All.

Zusätzlich verwendete Literatur

Immanuel Kant (1968 [1781]): Werke. Teil 3: Kritik der reinen Vernunft 1. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Jan Völker 2025:
Ein Weltall des Kapitals. Die Überwindung der terrestrischen Vernunft.
Matthes & Seitz Berlin.
ISBN: 978-3-7518-3035-5.
224 Seiten. 15,00 Euro.
Zitathinweis: Sascha Kellermann: Denken im Orbit. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/es5AB. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:35.

Zum Buch
Jan Völker 2025:
Ein Weltall des Kapitals. Die Überwindung der terrestrischen Vernunft.
Matthes & Seitz Berlin.
ISBN: 978-3-7518-3035-5.
224 Seiten. 15,00 Euro.