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Die unendlichen Weiten der Simulation

Buchautor_innen
Mark Taler
Buchtitel
Omniworld

In diesem selbstverlegten Sci-Fi-Thriller entscheidet sich der Kampf zwischen künstlicher Superintelligenz und der Menschheit in der rheinischen Provinz.

Man stelle sich eine Welt vor, in der es ein Hybrid aus Mark Zuckerberg und Elon Musk geschafft hat, die meisten Menschen zu Nutzer*innen des eigenen Metaverse zu machen, das zudem alles produziert, was für die Nutzung der Software nötig ist – von der Nahrung bis zum Microchip inklusive des Vertriebs und der Logistik. Der Autor Mark Taler bietet den Leser*innen in „Omniworld“ ein solches Szenario: Der Endzwanziger Ethan Hubble verfolgt das Ziel, mit seinem Produkt sämtliche Konkurrenz zu verdrängen, zugleich globale Probleme zu lösen und dabei auch noch seinem Ego zu schmeicheln – Stichwort Marskolonie. An seiner Seite steht zunächst die ehemalige Streamerin Marie, die für die ethischen Standards der Firma zuständig ist und sich dafür einsetzt, Firmengewinne in nachhaltige Projekte wie Algenfarmen zu investieren. Allerdings bricht sie mit Ethan, nachdem dieser mit einem neuen Sex-Tool einen digitalen Raum für sämtliche Entgrenzungen der Sexualität geschaffen hat, und darüber hinaus ihren Kinderwunsch mit einem KI-generierten Sprössling auf Basis ihrer beider DNA beantwortete. Von diesem Moment an befindet sie sich im Widerstand – gegen Ethan und gegen seinen Konzern.

Auch außerhalb des Konzerns formiert sich Widerstand, der vor allem durch zwei Personen charakterisiert wird: Lisa, eine bayrische Grüne im Europaparlament und Steffen, ein Beamter des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik. Ihr geht es um die Regulierung eines datensammelnden Megakonzerns, ihm neben seiner Arbeit auch um persönliche Rache. Aufgrund von Omniworld ist er einsam – sein Sohn ist mit 18 abgehauen. Omniworld hat ihm mehr geboten als die reale Welt. Steffen verliert sein soziales Umfeld zunehmend an das Metaverse. Selbst die Simulation seiner verstorbenen Frau in Omniworld gibt ihm nicht den Trost und die Geborgenheit, die er sich erhofft hat.

Als Antagonist*innen von Omniworld sind diese beiden Charaktere zwar simpel konstruiert aber auch realistisch. Omniworld hat wenig Feinde und nimmt diese Wenigen nicht sonderlich ernst. Hacker*innen können Omniworld nichts anhaben, wohl aber Regulationen auf EU-Ebene und die Vollzugsrechte eines Beamten.

Kein Ende der Arbeit

Allerdings fußt dies auf einer brüchigen Logik in Hinblick auf Politik und Ökonomie. Zwar versucht der Autor im Laufe des Buches ganz offensichtlich Logikfehler zu korrigieren, indem bestimmte Tätigkeiten Drohnen zugeschrieben werden, beziehungsweise auch ein Einbruch der Produktion von beispielsweise Polizeidrohnen vermutet wird. Schlüssig erzählt wird die Handlung aber nicht. Über die Jahre – ein interessanter erzählerischer Ansatz des Buches sind die Zeitsprünge von mehreren Jahren – wird immer mehr menschliche Arbeit nach Omniworld verlegt. Um welche Arbeiten es sich hierbei handelt, wird nie expliziert und es stellt sich die Frage, welche es sein könnten. Denn ab einem gewissen Punkt der Handlung befinden sich mehr als drei Viertel der Menschheit dauerhaft in einer Simulation und verlassen diese nicht mehr. Ihr biologisches Überleben wird von Omniworld gesichert, während ihnen innerhalb der Simulation alles zur Verfügung steht, was ihre Vorstellungskraft erlaubt. Es gibt dementsprechend keinen Bedarf mehr nach körpernahen Dienstleistungen, Bildung und Waren des täglichen Bedarfs. Wo solcher Bedarf weiterhin besteht, leben Menschen teilweise bis vollständig offline in abgegrenzten Communities mit kleinteiligen Wirtschaftskreisläufen. Es können aber auch nicht alle Programmierungstätigkeiten übernommen haben, dann wären die Algorithmen von Omniworld nicht geheim.

Woran jedoch viel Bedarf besteht, ist die Hardware zur Nutzung von Omniworld. Mit dieser erzielt der Konzern den Großteil seiner Einnahmen. Allerdings ist nicht klar, wer diese baut. Drohnen? Und wer baut die? Erledigt dies eine KI ganz nebenbei? Woher kommen die Materialien? Und selbst wenn: fünf Milliarden Chips, die man ins Gehirn einsetzen kann (beziehungsweise die dorthin über eine ebenfalls enthaltene Sonde gelangen), stehen unter keinen Umständen innerhalb weniger Wochen zur Verfügung. Aber die Ökonomie des Buches ist mit Algenkost, erneuerbaren Energien, Programmierdienstleistungen und Landwirtschaft der Aussteiger*innen erschöpft. Die Nutzer*innen zahlen für die Nutzung von Omniworld beziehungsweise die notwenige Hardware mit ihrem bedingungslosen Grundeinkommen. Doch wer für das Grundeinkommen aufkommt, bleibt leider unklar.

Der technologische Mythos

Warum ist dies wichtig? Muss eine Dystopie polit-ökonomisch sinnvoll sein? Wahrscheinlich nicht. Sie sollte aber nicht den Fehler begehen, an das Märchen vom Verschwinden der Arbeit anzuknüpfen. Dadurch nimmt sich der Roman schließlich selbst die gesellschaftliche Relevanz, die er mit seinem Setting und den Charakteren durchaus haben könnte. Denn anstatt den Finger in die Wunde zu legen und die verschiedenen Rollen von KI in gesellschaftlichen Prozessen zu reflektieren, funktioniert die Kritik im Buch an der Macht von Tech-Konzernen nur aufgrund eines affirmativen Bezugs auf den Mythos einer heilsbringenden Technologie. Stattdessen hätte KI in ihrer Nutzung und in ihrem Charakter als gesellschaftlicher Aushandlungsprozess verstanden werden können, anstatt die Analyse auf die Beziehung zweier Personen an der Konzernspitze zu verengen.

Dieses Problem zieht sich durch die Darstellung der politischen Praxis Omniworlds. Zwar wird deutlich, dass Regulierung und Rechtsprechung zahnlos bleiben, solange die Algorithmen nicht offengelegt werden und zentrale Prozesse im Verborgenen stattfinden können. Dass der Autor diesen Umstand nicht weiter ausführt, zählt durchaus zu den Stärken des Buches. Gleichzeitig jedoch untergräbt Omniworld aktiv politische Regulierung, übernimmt die vollständige Kontrolle über einzelne Staaten und schränkt den Raum für freie und gleiche Wahlen zunehmend ein. Die Motivation dafür bleibt unklar: Warum sollte politische Macht noch relevant sein, wenn ein Großteil der Menschheit dauerhaft in Omniworld verbleibt? Weshalb überhaupt noch wählen, wenn sich innerhalb der Simulation jede gewünschte Regierungsform und Gesetzgebung realisieren lässt – offenbar sogar eine regulierte Version von Omniworld selbst? Angesichts dieses logischen Bruchs bleibt lediglich die traurige Pointe, dass ausgerechnet die USA für den Konzern als besonders widerständig dargestellt werden. Es ist ausgerechnet die verfassungstreue Haltung eines rechten Republikaners, die ihn von einem Pakt mit Ethan abhält. Diese Szene wirkt retrospektiv beinahe unfreiwillig komisch, doch muss zur Verteidigung des Buches gesagt werden: DOGE wurde erst nach Erscheinen des Buchs eingeführt.

Letztlich handelt es sich (nur) um einen Thriller, der unterhalten soll. Dafür genügt es sicherlich, an vertraute Narrative einer omnipotenten KI anzuknüpfen, die grenzenlose Möglichkeiten eröffnet und zugleich das Potenzial totaler Vernichtung in sich trägt. Genau dies verkörpern die Algorithmen von Omniworld: eine alttestamentarische Gottheit, die das Paradies verheißt, aber jederzeit Strafe androht, sobald Regeln infrage gestellt werden. Von Menschen geschaffen, überschreitet sie deren Existenz. Auf diese Weise ist die göttliche KI sogar für den Kampf gegen einen deutschen Beamten gerüstet.

Mark Taler 2024:
Omniworld.
Books on Demand.
ISBN: 978-3749450497.
11,99 Euro.
Zitathinweis: Alexander Maschke: Die unendlichen Weiten der Simulation. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/HPUQE. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:36.

Zum Buch
Mark Taler 2024:
Omniworld.
Books on Demand.
ISBN: 978-3749450497.
11,99 Euro.