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"Wenn Mars die Antwort ist - was war nochmal die Frage?"

"Wenn Mars die Antwort ist - was war nochmal die Frage?"
Interviewpartner_innen
Zara Zimbardo im Gespräch mit Mickey Huff und Eleanor Goldfield (Project Censored Show)

Marsifizierung: Warum die Vision vom Planet B kein Fortschritt ist, sondern die Fortsetzung kolonialer Gewalt mit anderen Mitteln – und weshalb die eigentliche Aufgabe darin besteht, wieder mit beiden Füßen auf der Erde zu landen.

Mickey Huff: Hallo Zara, schön, dass du Zeit gefunden hast. Du hast in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Bureau of Linguistical Reality den Begriff der Marsifizierung geprägt und das konzeptuelle Audio-Kunstwerk „Marsification: A Tale of Planetary Grief“ entwickelt. Bei Project Censored ist aktuell ein Beitrag von dir erschienen, „Marketing Mars“, über den wir, Eleanor Goldfield und ich, gerne mit dir sprechen wollen. Was war der Anstoß deines Textes, und was ist die zentrale These? Oder anders: Wenn Mars die Antwort ist – was war dann eigentlich die Frage?

Zara Zimbardo Vielen Dank euch beiden für die Einladung. „Marketing Mars” ist ein Text, der sich mit unserer gegenwärtigen Situation auseinandersetzt: Wir erleben aktuell eine zunehmende Intensivierung von Erzählungen, die den Weltraum als Zukunftsort der Menschheit ausrufen – und dass wir Menschen den Mars besiedeln könnten und sollten. Die 2030er Jahre werden derzeit intensiv als das kommende Jahrzehnt menschlicher Landungen und erster Siedlungsprojekte auf Mond und Mars beworben – flankiert von Visionen exklusivem Luxus-Weltraumtourismus’ und der verlockenden Reichtümer des Asteroidenbergbaus. Wir erleben also den angeblichen Beginn eines Zeitalters der Weltraumkolonisierung. Gerade deshalb ist es wichtig, innezuhalten und zu analysieren, wie uns bestimmte Fantasien und Träume über unsere Beziehung zum roten Planeten verkauft werden – und damit den Zauber jener Deutungsrahmen zu brechen, die dahinterliegende Weltbilder und Ideologien transportieren, die eigentlich alles andere als neu sind.

In meinem Text untersuche ich fünf dominante Narrative im US-amerikanischen Kontext, mit denen der Mars „verkauft“ wird: das Überleben der Spezies; der Mars als Backup-Planet, als Planet B; der Mars als neuer Wilder Westen, als raue Grenzregion und der nächste evolutionäre Schritt der Menschheit; das Space Race, Entdeckung und Erschließung. Und nicht zuletzt Transzendenz und Freiheit. Ich gehe den ideologischen Wurzeln dieser Erzählungen nach – Botschaften, die von sehr unterschiedlichen Akteur:innen verbreitet werden, allen voran von Tech-Milliardären, die Science-Fiction-Fantasien vermarkten, um von den sehr realen Problemen auf der Erde abzulenken. Diese Narrative zu entzaubern und öffentlich zu diskutieren, halte ich für dringend notwendig.

MH: Viele dieser Akteur:innen scheinen die Warnungen dystopischer Science-Fiction gründlich missverstanden zu haben. Du hast die milliardenschweren Tech-Unternehmer bereits erwähnt. Insbesondere Elon Musk steht hier Vordergrund, auch wenn ich vermute, dass Figuren wie Curtis Yarvin und Peter Thiel eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen – was uns vielleicht noch mehr Sorgen machen sollte. Doch Musk hat mit dem Slogan „Occupy Mars” diese Vorstellung stark popularisiert – eine ziemlich groteske Umdeutung von Occupy Wall Street. Er wird den Mars kaum „besetzen“, um ihn tatsächlich zu verbessern. Aber genau diese Sprache ist, wie du sagst, längst Teil unseres öffentlichen Vokabulars geworden, unserer kollektiven Vorstellungskraft. Und häufig wird das Ganze, wie du ebenfalls betonst, mit dem Argument des Überlebens unserer Spezies legitimiert. Vielleicht kannst du dazu noch etwas sagen: Woher stammt eigentlich diese Vorstellung, dass wir – nachdem wir diesen Planeten zugerichtet haben – es auf dem nächsten besser machen würden? Mir erschließt sich das nicht, aber vielleicht kannst du uns da durchführen.

Elon Musk ist sicher einer der sichtbarsten und einflussreichsten Evangelisten der Idee „Make Mars Great Again“. Er verkauft die Marsbesiedlung als essenziell für das langfristige Überleben der Menschheit. Er beschwört dafür alle möglichen Katastrophen für die Erde – sogenannte Auslöschungsereignisse, etwa Asteroideneinschläge – und argumentiert, es sei zwingend notwendig, keine rein planetare Zivilisation mehr zu sein. Diese Idee ist keineswegs neu, sie kursiert seit Jahrzehnten. Doch Musk präsentiert sie als ultimative Garantie für das Überleben der Spezies. Seine „Pläne“ – ich setze das bewusst in Anführungszeichen – sehen vor, bereits im kommenden Jahrzehnt Menschen zum Mars zu bringen und dort über mehrere Jahrzehnte hinweg eine Stadt mit einer Million Einwohner:innen aufzubauen. Diese Stadt solle das „Licht des Bewusstseins“ bewahren und eine neue Gesellschaft hervorbringen, in der all jene Probleme überwunden würden, an denen wir auf der Erde gescheitert sind. Das ist in vielerlei Hinsicht absurd. Er spricht etwa von direkter Demokratie – während er hier auf der Erde demokratische Strukturen mit der Abrissbirne bearbeitet. Auch von einer neuen Form von Egalitarismus ist die Rede. So fungiert der Mars gleichzeitig als Projektionsfläche libertärer Fantasien: als Ort der Freiheit von lästigen Regulierungen, von sozialen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Grenzen.

MH: Die Frontier-These.

Ganz genau. Robert Zubrin, einer der lautstärksten Befürworter der Marskolonisierung und Vorsitzender der Mars Society, bezieht sich explizit auf Frederick Jackson Turners Frontier-These. Er argumentiert, die Menschheit brauche eine neue Grenze, um einen härteren, besseren, freieren Lebensstil zu entwickeln – als Katalysator für den nächsten evolutionären Schritt. Diese Vision teilen viele der sogenannten Billionauten: Elon Musk, Jeff Bezos, Richard Branson. Viele von ihnen sind mit Science-Fiction aufgewachsen, mit den bekannten, liebgewonnenen Zukunftsvisionen. Inzwischen gehen zahlreiche Science-Fiction-Autor:innen sehr offen auf Distanz: Cory Doctorow etwa sagt, er empfinde eine gewisse persönliche Verantwortung dafür, dass Menschen wie Musk seine Dystopien gelesen und fälschlicherweise für Geschäftsmodelle gehalten hätten. Auch Kim Stanley Robinson, der mit seiner Mars-Trilogie – Red Mars, Green Mars, Blue Mars – die Vorstellung der Terraformierung des Mars stark geprägt hat, äußert sich inzwischen sehr kritisch. Er spricht von einem moralischen Risiko dieser heutigen Science-Fiction-Träume. Nur wenn wir auf der Erde tatsächlich ein gutes Leben für alle ermöglichen würden, könnte ein solches Abenteuer überhaupt sinnvoll sein. Angesichts des Zustands unserer Welt sei der Mars jedoch irrelevant – ja schlimmer noch: eine gefährliche Ablenkung von der Aufgabe, hier eine bessere Gesellschaft aufzubauen.

MH: Eigentlich wäre jetzt der Moment, den Blick nicht auf den Mars zu richten, sondern zu fragen: Was können wir hier reparieren? Und was die Terraformierung angeht: offenbar haben diese Leute Star Trek III: The Search for Spock nicht gesehen. Das Genesis-Projekt endet dort bekanntlich katastrophal. Ein Planet wird innerhalb kürzester Zeit neu geboren, destabilisiert und zerstört. Nur ein Beispiel dafür, wie großtechnologische Hybris uns am Ende um die Ohren fliegt.

Ja – denn was könnte schon schiefgehen? Durch meinen Artikel hindurch verfolge ich die kolonialen Tiefenstrukturen dieser Erzählungen. Die Idee, die Zivilisation auf einer angeblich leeren, roten Leinwand neu zu starten, wiederholt bekannte Muster. Dieser Mythos des „Space Cowboy“: Es ist kein Zufall, dass Branson, Bezos und Musk ihren Champagner im niedrigen Erdorbit in Cowboyhüten trinken. Mars wird als „unberührte Wildnis“ imaginiert – und damit ein zutiefst toxisches Weltbild transportiert: die Vorstellung einer toten Welt, aus der man rücksichtslos extrahieren darf. Diese Ideologie prägt bereits unseren Umgang mit der Erde und wird nun unverändert ins All übertragen – zusammen mit romantisierten Bildern des Siedlers, der Grenze und einer angeblich einfacheren Zeit. Dabei reden wir realistisch von einem Leben unter der Oberfläche des Mars, um der Strahlung zu entgehen, wir reden von giftiger Atmosphäre, lebensfeindlichen Landschaften, extremen Bedingungen. Und dennoch gewinnen diese Mythen erstaunlich unkritisch an Zustimmung – als sei die Geschichte des Siedlerkolonialismus nicht von extremer Gewalt, Enteignung, Diebstahl und Unterwerfung geprägt gewesen.

EG: Beim Lesen deines Textes sind mir zwei Begriffe immer wieder ins Auge gesprungen: Dystopie und Ablenkung. Dahinter steckt ja diese Vorstellung: Hier haben wir es nicht ganz richtig gemacht – Manifest Destiny ist nicht so aufgegangen wie erhofft –, aber, wie Musk sagt, auf dem Mars schaffen wir dann die Utopie. Dort machen wir es besser. Das erinnert mich an Menschen, die glauben, die Erde sei flach oder der Klimawandel sei nicht menschengemacht. Es gibt dieses verzweifelte Bedürfnis, all die Fakten in einen Mythos zu überführen, der am Ende alles wieder in Ordnung bringt. Wir Menschen sind Geschichtenerzähler:innen, Mythenmacher:innen. Seit jeher. Und wie du sagst, reproduzieren wir diese Mythen nun auf dem Mars. Mich interessiert deshalb besonders die Rolle der Imagination.

Denn wir haben ja auch Mythen hervorgebracht, die nicht auf Siedlerkolonialismus beruhen, und Gesellschaften geschaffen, die egalitärer waren und nicht auf unterdrückenden Hierarchien aufbauten. Gibt es also einen anderen Raum (space im Original, was Möglichkeit für Wortspiele gibt, Anm. Red.) für solche imaginativen Denkweisen? Nicht unbedingt mit Blick auf den Mars, sondern auf das Hier und Jetzt: Wie könnte das unsere Perspektive nicht nur auf den Mars, sondern auch auf die Erde verändern?

Eine der zentralen Fragen, die ich in diesem Text stelle, lautet: In wessen Imaginationen halten wir uns eigentlich auf? Auch wenn ich mich damit auf dominante narrative Rahmungen im US-amerikanischen Kontext konzentriere, bedeutet das nicht, dass es keine anderen gäbe. Es sind vielmehr jene Erzählungen, die finanziert werden – die mit Macht und Ressourcen ausgestattet sind und darauf abzielen, diese Visionen möglichst bald Realität werden zu lassen.

(Doch) es gibt so viele unterschiedliche Himmels- und Kosmostraditionen, so viele verschiedene Beziehungen zum All als einem gemeinsamen, anzestralen und globalen Gemeingut. Entsprechend vielfältig sind die Stimmen – etwa innerhalb der Astrophysik und Kosmologie –, die dafür plädieren, Raum für unterschiedliche Imaginationen zu öffnen. Wir alle kennen Bilder seiner Oberfläche – dank Rover-Missionen und Vorbeiflügen von Raumsonden. Lasst uns den Mars in unserer Vorstellung besuchen! Oder in der Literatur, den Medien, mit VR-Technologien, was auch immer. Nicht um dort zu bleiben, sondern um immer wieder zurückzukehren und auf der Erde zu landen. Wir können uns so ernsthaft vorstellen, wie eine erste menschliche Kolonie dort aussehen würde: wie zutiefst einsam es wäre, als einzige Spezies dort zu leben, getrennt von all unseren mehr-als-menschlichen Verwandten. Wie es wäre, keinen Wind im Gesicht zu spüren – während man gleichzeitig von transzendenter „Freiheit“ spricht. All das kann uns helfen, immer wieder nach Hause zurückzukehren, unser Staunen für die uns umgebende Welt zu erneuern und unsere entschlossene Verpflichtung, das bewohnbare, lebensfähige Zeitfenster hier auf der Erde offen zu halten.

Frank White, ein Weltraumphilosoph, hat den Begriff Overview Effect geprägt. Er beschreibt die Erfahrung tiefgreifender Ehrfurcht, die viele Astronaut:innen überkommt, wenn sie ihren Heimatplaneten aus dem All betrachten: Das Gefühl von Wertschätzung, Sehnsucht, Trauer und Schönheit. Ein eindrückliches Beispiel davon stammt von William Shatner – bekannt als Captain Kirk –, der 2021 mit Blue Origin ins All flog. Er schrieb danach, seine Reise sei als Feier gedacht gewesen, habe sich aber wie eine Beerdigung angefühlt – “my trip to space was supposed to be a celebration. Instead, it felt like a funeral”. Es sei eines der tiefsten und intensivsten Trauergefühle gewesen, die er je erlebt habe. Der Blick auf die Erde als fragile, lebensspendende Atmosphäre, auf Arten, die sich über Milliarden Jahre entwickelt haben und die wir gerade zerstören; dieser warme, nährende Ort inmitten der erbarmungslosen Kälte des Alls. Wir müssen eigentlich nicht in eine Rakete steigen, um diese Perspektive einzunehmen, oder? Die Einsicht – unser Dasein als Erdbewohner:innen in der radikalen Schönheit dieses Planeten – war uns von hier unten aus immer schon zugänglich.

EG: Ja. Wir müssen dazu nur unsere Rahmung verschieben. Der Fisch erkennt bekanntlich nicht das Wasser, in dem er schwimmt. Wir sind tief durchtränkt von Manifest Destiny, von Frontier-, Wild-West- und weiß-suprematistischen kolonialen Paradigmen. Mars erscheint uns dann ganz selbstverständlich als nächster Schritt – weil wir so auch der Erde begegnen.

Ein weiterer Punkt, der mir extrem wichtig erscheint, ist der Aufstieg eines selbstbewussten Anti-Intellektualismus. Es gilt mittlerweile als Auszeichnung, anti-intellektuell zu sein: sich nicht für andere Arten zu interessieren, den Klimawandel zu leugnen, die Zerstörung unserer Denk- und Deutungsmuster nicht einmal anzuerkennen. Das zieht sich auch durch deinen Text: Der wachsende Anti-Intellektualismus prägt massiv, wie wir alles betrachten. Ganz gleich, ob direkt vor unseren Füßen – oder weit draußen im All…

Der Begriff Marsifizierung, den wir verwenden, knüpft genau daran an: Er bezeichnet diese Phase, in der enorme Anstrengungen unternommen werden, den Mars bewohnbar zu machen, während die Erde zunehmend unbewohnbar gemacht wird. Es ist die Ausdehnung kolonialer Fantasien über die Atmosphäre der Erde hinaus – Manifest Destiny bis zu den Sternen. Ich bin übrigens fast vom Stuhl gefallen, als Donald Trump bei seiner Amtseinführung wörtlich erklärte, man werde Manifest Destiny – das angeblich offenkundige Expansionsschicksal – der USA bis in die Sterne verfolgen.

MH: Oh ja.

Und dann die Ankündigung, die Stars and Stripes (gemeint ist die US-amerikanische Flagge, Anm. Red.) auf dem Mars zu errichten. Wie unverfroren und offenkundig ist das eigentlich? Mein Text ist zwar US-zentriert, aber das Projekt ist global. Weltweit fließen enorme Summen in Mars- und Mondmissionen. Die NASA etwa verfolgt mit dem NASA-Programm Artemis das Ziel, nach über fünf Jahrzehnten auf den Mond zurückzukehren und dort am Südpol eine dauerhafte menschliche Präsenz aufzubauen – ausdrücklich als Sprungbrett zum Mars. Aber auch China plant eine Mondbasis am Südpol. Wenn wir also über Imagination nachdenken und über unsere vielfältigen Beziehungen zum nächtlichen Himmel: Der Mond ist uns etwas zutiefst Vertrautes. Manchmal blicke ich in Richtung Vollmond und denke: Wie wäre es wohl, zu wissen, dass dort Menschen leben – oder Tagebaue betrieben werden?Gerade deshalb ist es so wichtig, einerseits den imaginativen Raum offen zu halten und sehr unterschiedlichen Stimmen zuzuhören, die ganz verschiedene Zukunftsvisionen entwerfen, und andererseits die toxischen Weltbilder in den dominanten Rahmungen kritisch zu analysieren – jene Erzählungen, mit denen wir permanent bombardiert werden.

MH: Das ist im Kern eine sehr alte Botschaft: amerikanischer Exzeptionalismus. Er wird einfach ins All projiziert, auf den Mars oder wohin auch immer. Wie du in deinem Text unter Bezug auf Linda Billings von der NASA zitierst, geht es dabei um Frontier-Pioniergeist, ständigen Fortschritt, Manifest Destiny, freien Markt, rauen Individualismus und ein angebliches Recht auf grenzenloses Leben. Das ist das, was Gore Vidal einmal die United States of Amnesia nannte: Wir vergessen bequemerweise, wie katastrophal diese Ideologie für die Mehrheit der Menschen und andere Lebewesen weltweit war. Die Vorstellung, das einfach woandershin zu verpflanzen, ist kaum ein Grund zum Feiern…

EG: Ich muss hier einfach Gil Scott Heron zitieren: I can’t pay my doctor bills, but whitey’s on the moon. Das ist heute genauso relevant wie damals – 50, 55 Jahre später. Und es wirft ganz grundlegende moralische Fragen zur Finanzierung dieser Fantasien auf. Musk spricht davon, Millionen Tonnen an Fracht zum Mars zu bringen. Diese Last mag enorm erscheinen – sie wiegt jedoch vermutlich weniger schwer als das kulturelle Gepäck, das wir mitnehmen würden, und als das spektakuläre wie zugleich hochkomplexe Unterfangen planetarer Ingenieurskunst, das damit verbunden ist. Gemeint ist die Vision der Terraformierung: den Mars mithilfe orbitaler Spiegel aufzuheizen, die Polkappen zu „nuken“ (also atomar zu zerstören, Anm. Red.) – ein Szenario, über das Musk gern spricht –, das Ausbringen photosynthetischer Pflanzen und gentechnisch veränderter Mikroben zur Atmosphärenbildung und so weiter.

Noch viel schwieriger als all das ist es jedoch, sich ernsthaft mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen, mit unserer Gegenwart – und alternative Zukünfte zu entwerfen. So viel Imagination hier auch mobilisiert wird: Es gibt eine erschreckende Verarmung der Weltbilder. Mars fungiert als Spiegel, als Rorschachtest – er zeigt, wie wir über die Erde denken. Dominante unternehmerisch-kolonial-kapitalistische Perspektiven betrachten die Erde als bloße Ressource, als tote Materie. Karge Orte, wie Wüsten – die im Vergleich zum Mars üppig sind –, die Antarktis oder die Tiefsee gelten als „wertlos“ und müssen erst durch Geoengineering produktiv gemacht werden. Dabei sind wir mit all diesen Orten zutiefst verflochten. Paradoxerweise sind selbst Tiefsee und Antarktis für Menschen weit lebensfreundlicher als der Mars – und dennoch lebt dort niemand dauerhaft.

Ja. Mehr Menschen waren auf dem Mond als in der abyssalen Tiefseezone…

MH: Der Historiker in mir tut sich schwer damit, wie billig diese Narrative immer wieder recycelt werden – fast ohne jede Analyse. Es wird viel darüber gesprochen, dass Trump sich rhetorisch an William McKinley anlehnt, den rechtsgerichteten Wirtschaftspolitiker des späten 19. Jahrhunderts, der stark von den imperialen Strategien Alfred Thayer Mahans geprägt war: Kanäle bauen, die Ozeane erobern – damals eben noch nicht den Weltraum. In den 1960er Jahren wurde dies mit Gene Roddenberrys Final Frontier weitergesponnen.

Interessanterweise knüpft Trump aber in vieler Hinsicht eher an James K. Polk und die Expansionisten des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges an. Dort entstand der Begriff Manifest Destiny, geprägt vom Journalisten John O’Sullivan: das göttlich legitimierte Recht zu besetzen – was „verbessern“ bedeuten sollte, und dabei Vertreibung, Auslöschung und Völkermord an indigenen Bevölkerungen ebenso einschloss wie Umweltzerstörungen, um jeden Preis. Zu behaupten, dieses Projekt sei – auch nur ansatzweise – erfolgreich gewesen, blendet die tatsächlichen Kosten unserer Ignoranz aus. Und genau das befeuert den Anti-Intellektualismus in einer Art Teufelskreis, der uns unfähig macht zu begreifen, was wir gerade verlieren: den einzigen bewohnbaren Planeten, den wir haben.

Zurück zu Planet B: Ich finde diesen Teil deines Textes besonders eindrücklich. Du gehst dort ja auch auf China ein, auf das neue Weltraumrennen, auf Narrative von Entdeckung, Fortschritt und Transzendenz. Vielleicht können wir dorthin noch einmal wechseln – auch wenn ich selbst gerade sehr stark in der Vergangenheit verhaftet war.

Ja, sehr gerne. Und wichtig ist dabei: Dieses neue Weltraumrennen findet nicht nur zwischen Nationalstaaten statt, sondern ist stark privatisiert – angetrieben von konkurrierenden Milliardären. Und wenn wir über Planet B sprechen: Dieser Slogan wird seit Jahren bei Klimaprotesten weltweit verwendet – „There is no Planet B“. Er soll Aufmerksamkeit erzeugen, Dringlichkeit vermitteln und daran erinnern, dass wir so handeln müssen, als sei dies unser einziger Planet – weil er es ist. Wenn nun ständig von einem Planet B die Rede ist, stellt sich die Frage: Was bedeutet das für die Priorität von Planet A?

Danke auch dafür, die religiöse Dimension der Manifest Destiny zu benennen – die Vorstellung, dass dieses Expansionsprojekt göttlich legitimiert sei. Betrachtet man die unterschiedlichen Transzendenz-Narrative, dann funktionieren sie oft wie eine säkularisierte Version der christlichen Entrückung: Eine ausgewählte Elite steigt auf und verlässt eine Welt, die als verloren, als Todesfalle oder als grundsätzlich unlebenswert dargestellt wird. Darauf macht unter anderem Naomi Klein sehr eindringlich aufmerksam. Aus dem Silicon Valley hören wir eine messianische Sprache: über Mars, über Weltraumkolonisierung, über Transhumanismus, Longtermism – all diese Ideologien kreisen um die Idee, dass Technologie uns retten werde. Das sind techno-salvatorische Weltbilder. Mars als Erlösungsversprechen verspricht Befreiung von den Beschränkungen und dem Leiden des menschlichen Körpers – von unserer Biologie, von der Sterblichkeit, von der Endlichkeit des Lebens. Ideen von Unsterblichkeit, Start-ups zur Kryokonservierung von Körpern oder Bewusstseins-Uploads: all das speist sich aus dem Wunsch, sich von den planetaren und körperlichen Grenzen zu lösen. Gerade deshalb müssen wir diese Freiheitsversprechen kritisch befragen.

MH: Mit einem Oregon Trail zum Mars gäbe es jedenfalls mehr als nur die Ruhr (schwere Durchfallerkrankung, welche auch die kolonialen Siedler:innen in Nordamerika mit sich brachten, Anm. Red.) zu fürchten.

Wenn ich an die schillernde Weite des Alls denke, denke ich erstaunlich oft an ---- Stuhlgang im Weltraum. Das ist nämlich alles andere als einfach – in Schwerelosigkeit erst recht. Ich ermutige die Leute wirklich, sich das einmal anzuschauen und sich ernsthaft vorzustellen, wie der Alltag für eine menschliche Physiologie aussieht, die sich gemeinsam mit diesem Planeten entwickelt hat. Abseits der Erde wird jede alltägliche Tätigkeit, jedes Funktionieren, zur Herausforderung. Diese Vision, sich von all dem zu befreien – also: einige wenige Menschen –, bedeutet auch, sich vom Lernen aus den Zyklen unseres Planeten zu lösen, vom Erleben des menschlichen Körpers in all seinen Facetten, von der Kostbarkeit und Endlichkeit des Lebens, die sich im Spiegel des Todes zeigt. Stattdessen wird nach einem Notausgang gesucht. Und da erscheint es einfacher, sich Terraforming auf dem Mars vorzustellen, als alle verfügbaren Ressourcen in unseren einen, einzigen Heimatplaneten zu investieren.

EG: Das ist interessant, denn offensichtlich haben sie nicht nur Star Trek nicht gesehen, sondern auch Nosferatu nicht. Die ganze Pointe dort ist ja: Man sollte dieses Wesen bemitleiden, weil es ewig leben muss. Sterblichkeit ist etwas Gutes – niemand will ein blutsaugender Untoter sein. Diese quasi-schöpfungstheologische Dimension gibt es schon in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz: etwas wird nach dem eigenen Ebenbild erschaffen. Und so wird auch nach dem Ebenbild dieser vermeintlichen „Götter“ marsifiziert, dieser Schöpferfiguren, dieser Billionauts, die alles nach ihrem Bild formen. Nicht nach dem Ebenbild der Vielen, sondern nach dem Selbstbild dieser „Schöpfer“, dieser Billionauts, die sich als Halbgötter inszenieren, mit Anleihen aus Herr der Ringe. Das ist alles extrem unheimlich – und zutiefst techno-faschistisch.

MH: Es ist diese Milliardärsklasse im Spätkapitalismus, die den Planeten wie eine Müllhalde behandelt – und exakt dasselbe bereits mit dem Weltraum tut. Viel Glück dabei, überhaupt zum Mars zu gelangen, ohne mit dem Weltraumschrott zu kollidieren, der die Erde inzwischen umgibt! Und ich meine nicht nur Satelliten. Der Weltraum wird längst als nächste Deponie genutzt. Das bekommt kaum Aufmerksamkeit – außer, wenn zufällig etwas vom Himmel fällt. Und dann hoffen wir, dass es im Ozean landet, weil wir uns um den ja ebenfalls nicht kümmern, obwohl wir ohne ihn verloren wären. Ich will hier eigentlich gar nicht in eine reine Untergangsschleife verfallen. Aber die Milliardärsklasse projiziert überall dieselben fehlerhaften Programme: auf der Erde, im All, auf dem Mars. In welchem System auch immer – das Ethos bleibt kurzsichtig, narzisstisch und selbstzerstörerisch. Aus einer humanistischen Perspektive sind das absolute Fehlzündungen.

Ja, absolut. Man sieht das ja bereits an der Vorstellung, sich in vergoldete Bunker zurückzuziehen, um in einer Welt zu überleben, deren Zerstörung man selbst beschleunigt. Es ist eine apokalyptische Vision, die stärker auf das Danach fixiert ist als auf das Jetzt – ganz gleich, ob es um Bunker geht, um den Weltraum, um den Mars oder um die Ideologie des Longtermism. Darin heißt es dann, der Mensch werde sein Bewusstsein irgendwo digital hochladen, das All kolonisieren oder in gigantischen rotierenden Zylindern abseits der Erde leben – Jeff Bezos schwebt das vor –, während die Erde zu einer Art Naturreservat wird, das die Elite gelegentlich besuchen kann. All das soll angeblich sicherstellen, dass „wir“ über Milliarden von Jahren hinweg existieren. Genau darin liegt die große Gefahr: Sorge und Verantwortung werden auf ein abstraktes menschliches Gedeihen anderswo und in ferner Zukunft verschoben – statt sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

EG: Und dazu kommt: Götter müssen niemals hinter sich aufräumen. In all diesen Mythen – ob Zeus oder das Christentum – übernimmt kein Gott Verantwortung für die eigenen Trümmer. Genau dieses Paradigma wiederholt sich hier: Wir dürfen alles ruinieren, ziehen einfach weiter auf einen anderen Planeten und müssen uns nicht um die Folgen kümmern. Das ist eine zutiefst verdrehte Selbst-Vergöttlichung innerhalb des kapitalistisch-kolonialen Weltbildes.

Wir erleben einen Kampf der Imaginationen, einen Wettstreit unterschiedlicher Mythologien. Gerade deshalb ist es entscheidend, sich an die vielen mythologischen Warnungen zu erinnern, die uns vor maßloser Hybris, Arroganz, Ignoranz und Narzissmus warnen – und vor den Konsequenzen, die daraus folgen. Mich interessiert daher, auf welche Weise das Bild des Mars – ja, der Mars selbst – uns dabei helfen kann, auf unterschiedliche Art nach Hause zurückzukehren und unsere Wahrnehmung zu verschieben: unseren Blick auf den Planeten, unser Weltverhältnis – und letztlich auch unseren Umgang mit der Erde.

Informationen zum Gespräch

Zara Zimbardo ist Autorin, Kulturtheoretikerin und Medienkünstlerin. In ihrer Arbeit verbindet sie kritische Technik-, Umwelt- und Kolonialismusanalyse mit Fragen der Imagination und Zukunftsentwürfe. Gemeinsam mit dem Bureau of Linguistical Reality prägte sie den Neologismus Marsification. Ihr Konzeptalbum Marsification: A Tale of Planetary Grief sowie eine Sammlung kuratierter Materialien – unterschiedliche Diskurse und Perspektiven auf den Weltraum, darunter dekoloniale, feministische, queere, afrofuturistische und indigene Zukunftsentwürfe ebenso wie kritische Analysen – findet sich auf der Webseite marsification.com.

Das Gespräch „Marketing Mars and AI Battle Space“ in voller Länge auf Englisch, ebenso der darin mehrmals erwähnte Artikel „Marketing Mars“ vom 5. Juni 2025. Das Gespräch ist Teil der „Project Censored Show“ auf Pacifica Radio mit den Hosts Mickey Huff und Eleanor Goldfield. Der Podcast wurde im Juni 2025 auf Englisch erstveröffentlicht und kann ebenfalls auf der oben genannten Webseite nachgehört werden.

Für eine deutsche Version wurde der Beitrag leicht gekürzt. Übersetzung: Johanna Bröse.
Zitathinweis: Redaktion: "Wenn Mars die Antwort ist - was war nochmal die Frage?". Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/3Vwnj. Abgerufen am: 04. 02. 2026 02:31.