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Jenseits von Besitz

Buchautor_innen
Ursula K. Le Guin
Buchtitel
The Dispossessed
Buchuntertitel
An Ambiguous Utopia

Mit einer unvollkommenen Utopie lädt uns der Science-Fiction-Klassiker ein, eine Zukunft ohne Privateigentum und Hierarchien zu imaginieren.

Angesichts der multiplen Krisen, die unseren Planeten prägen, wirkt selbst das Weltall nicht mehr wie ein Zufluchtsort: Raketenstarts als PR-Spektakel, Tech-Milliardäre mit Space-Tourismus-Fantasien und die Vision eines Kosmos, der zum nächsten Rohstofflager wird. Das Bild eines expandierenden Kapitalismus scheint unveränderbar wie die Schwerkraft selbst. Gerade deswegen lohnt sich ein Blick auf die spekulative Fiktion: nicht als reiner Eskapismus oder warnende Geschichte vor der unvermeidlichen Apokalypse, sondern als Versuch, unsere verlorene Vorstellungskraft zurückzuerobern.

Ursula Le Guins Roman „The Dispossessed“ (der auf Deutsch unter verschiedenen Titeln erschienen ist, unter anderem „Planet der Habenichtse“) fragt danach, wie eine gelebte Utopie aussehen könnte, mit all ihren Erfolgen und Problemen. Fern und zugleich nah an der Erde entwirft Le Guin eine Erzählung zwischen zwei Welten: Die Mondkolonie Anarres steht für den anarchistischen Traum einer Gesellschaft ohne Klassen, in der Arbeit und Ressourcen kollektiv geteilt werden, der Mutterplanet Urras hingegen für ein System, das dem Kapitalismus unserer Realität entspricht, bestimmt von Profit, Konkurrenz und starkem Individualismus. Die Brücke zwischen beiden Welten ist Shevek, ein Wissenschaftler, der auf Anarres lebt und nach Urras reist, um sein Wissen zu teilen. Doch er erkennt schnell: In einer Gesellschaft, die alles privatisiert und nur auf Gewinn ausgerichtet ist, kann seine Erkenntnis nie dem Gemeinwohl dienen.

Anarres: Die Widersprüche einer gelebten Utopie

Im Buch wechseln die Kapitel, die Sheveks Leben auf Anarres und die, die seine Ankunft auf Urras beschreiben, sodass die zwei Lebensrealitäten einfach zu vergleichen sind. Auf Anarres basiert die gesellschaftliche Organisation auf Freiwilligkeit und Gemeinwohl. Eigentum existiert nicht, Arbeit wird als Beitrag zum Kollektiv verstanden und Kinder wachsen nicht in Kleinfamilien, sondern in Gemeinschaftseinrichtungen auf. Die Sprache selbst wurde neu gedacht, um Besitzlogik zu vermeiden. In der Pravic-Sprache auf Anarres gibt es keine Possessivpronomen und somit werden Konkurrenz und Aneignung schon sprachlich erschwert. Hier zeigt sich die Kraft der Vorstellung: Indem Le Guin Institutionen wie Geld, Eigentum, Arbeit und sogar die Sprache an sich hinterfragt, eröffnet sie neue Möglichkeiten des Zusammenlebens, die nur durch eine Übung der Imagination existieren können.

Dennoch bleibt Anarres nicht frei von Spannungen. Odo, die politische Vordenkerin der Bewegung, formulierte eine Ethik der Freiheit und Gegenseitigkeit, die Hierarchie und Besitz in Frage stellt. Der Mond ist karg und ressourcenarm, Mangel und Entbehrung prägen den Alltag und zwingen die Gesellschaft, Versorgung und Arbeit solidarisch zu organisieren. Engpässe werden gemeinschaftlich bewältigt, nicht durch Zwang, sondern durch Verantwortungsgefühl. Gleichzeitig entstehen Spannungen zwischen individuellen Bedürfnissen und kollektiven Anforderungen: Shevek zum Beispiel fühlt sich in seiner Arbeit unterschätzt. Sein Vorgesetzter, der Leiter des Physiklabors, setzt strenge Vorgaben durch, um Stabilität zu ermöglichen. Sheveks innovative Ideen stehen in direktem Gegensatz zum Pragmatismus, der auf Anarres notwendig ist. Dieser Konflikt ist Grund dafür, seine Theorie der Simultanität nach Urras zu bringen. Diese Dynamik verdeutlicht die Schwierigkeit, völlige Freiheit und Effizienz in Einklang zu bringen. Dennoch: Am Ende des Tages muss auf Anarres niemand unter Hunger oder Not leiden. Sheveks wissenschaftliche Arbeit zur Simultanität in der Physik lässt sich als Metapher für die Utopie lesen. Seine Theorie erklärt, dass die Zeit nicht linear verläuft, sondern dass Ereignisse gleichzeitig wirken und verbunden sind. Wirklichkeit ist dadurch kein gerader Weg, sondern ein Geflecht von Beziehungen. In diesem Sinne kann man auch die Realität in Anarres verstehen: Die Utopie ist kein fernes Ziel, sondern etwas, das im Alltag gelebt wird und sich ständig verändert. Sie löst nicht alle Konflikte, doch durch radikale Umverteilung und die Umgestaltung von Arbeit, Familie und Sprache entsteht ein Raum neuer Möglichkeiten. Die Utopie ist weniger Endpunkt als fortlaufender Prozess, der immer wieder fragt, wie wir zusammenleben wollen. In den Worten der Idealistin Odo: „Veränderung ist Leben.“ (S. 139)

Urras: Kulturschock im Kapitalismus

Während seiner Reise auf Urras begegnet Shevek einer Welt, die ihm ganz fremd erscheint. Interessanterweise haben aber die Ideen, die Anarres prägen, dort ihren Ursprung. Odo wurde auf Urras geboren und entwickelte ihre Gedanken als Reaktion auf das System, in dem sie lebte. Shevek reist mit dem Wunsch nach Austausch und hofft, dass seine Theorie dem Gemeinwohl dienen könnte. Doch muss er bald feststellen, dass diese Hoffnung naiv ist. Er lebt im Luxus als Gast und Akademiker, trifft bedeutende Politiker*innen und angesehene Wissenschaftler*innen. Er genießt großen Respekt. Doch all die formale Anerkennung nimmt ihm nicht das Gefühl der Isolation: Die sozialen Hierarchien sind starr, allein persönliche Interessen stehen im Vordergrund, und echte Zusammenarbeit findet kaum statt.

Besonders der Umgang mit Frauen überrascht Shevek. Zum ersten Mal erlebt er, welche Vorteile ein Mann in einer patriarchalen Ordnung hat, und vieles erscheint ihm dabei verwirrend und widersprüchlich. Er bemerkt etwa, dass die Arbeit seiner Kollegin Gvarab, trotz ihrer beeindruckenden Forschung, von männlichen Kollegen kaum Beachtung findet. Immer wieder fragt er sich, wo die Frauen sind: in den Universitäten, bei politischen Treffen, sogar in den Raumschiffen. Auch andere soziale Strukturen wirken fremd auf ihn. Dienstpersonal, militärische Macht und der sichtbare Umgang mit Reichtum zeigen eine Gesellschaft, in der Herkunft und Geschlecht festlegen, wie viel Freiheit und Handlungsspielraum ein Mensch hat. Am Ende entdeckt er, dass seine Theorie für militärische Zwecke und für Machtgewinn eingesetzt werden soll, etwas, das seinen eigenen Werten völlig widerspricht. Er kehrt nach Anarres zurück mit der Feststellung, dass das Versprechen von individueller Freiheit durch Eigentum sich niemals einlösen kann: „Ihr, die Besitzer, ihr seid besessen. Ihr sitzt alle im Gefängnis. Jeder für sich, einsam, mit einem Haufen dessen, was er besitzt.“ ( S. 194)

Zurück auf unsere Welt mit leeren Händen

„Wenn es Anarres ist, das ihr wollt, wenn es die Zukunft ist, die ihr sucht, dann sage ich euch, dass ihr mit leeren Händen kommen müsst“ (S. 248), sagt Shevek vor seiner Abreise von Urras. Worte voller Hoffnung und zugleich eine Aufforderung, unsere Denkweise zu hinterfragen und neue Möglichkeiten zu sehen. Darin zeigt sich, was Literatur leisten kann: Sie macht andere Formen des Zusammenlebens vorstellbar und öffnet den Blick für das, was wir als selbstverständlich hinnehmen. Le Guin macht erfahrbar, dass alternative Lebensweisen möglich sind, wenn wir vertraute Regeln, Besitzdenken und Machtstrukturen hinterfragen. In diesem Sinne bedeutet Freiheit nicht, nur den eigenen Willen durchzusetzen, sondern die eigenen Bedürfnisse mit anderen auszubalancieren. Sie kann nur dort bestehen, wo Macht nicht ungleich verteilt ist und niemand über die Lebensbedingungen anderer verfügt. Wenn uns stets eingeschärft wird, dass die Zukunftsvorstellungen nur innerhalb des kapitalistischen Rahmens möglich sind, also gesellschaftliche Strukturen unveränderbar scheinen, zeigt „The Dispossessed“, dass es Alternativen gibt. Nichts in unserer Welt ist festgeschrieben: nicht Eigentum, Arbeit, Familie, Sprache und auch nicht die Techbros, die unsere Welt so stark prägen. Und wie Anarres einst als Idee inmitten eines kapitalistischen Systems begann, können auch wir innerhalb unserer unvollkommenen Welt neue Möglichkeiten denken und gemeinsam Wirklichkeit werden lassen. Während kapitalistische Machtträume von individuellem Aufstieg und unendlicher Akkumulation unsere Fantasie begrenzen, lädt uns Le Guin ein, durch spekulative Fiktion neue Möglichkeiten eines gerechten und nachhaltigen Zusammenlebens zu imaginieren.

Ursula K. Le Guin 1974:
The Dispossessed. An Ambiguous Utopia.
Harper & Row, New York City.
ISBN: 0-06-012563-2.
300 Seiten.
Zitathinweis: Julia Espindola: Jenseits von Besitz. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/VjpAK. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:37.

Zum Buch
Ursula K. Le Guin 1974:
The Dispossessed. An Ambiguous Utopia.
Harper & Row, New York City.
ISBN: 0-06-012563-2.
300 Seiten.