Zum Inhalt springen

Galaktische Allianzen

Buchautor_innen
Becky Chambers
Buchtitel
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Gegen die Dominanz technischer Dystopien setzt dieses Sci-Fi-Abenteuer eine Erzählung von Solidarität und gemeinsamem Leben im All.

Während im Real Life überreiche Tech Bros sich einen Wettlauf darin liefern, schnellstmöglich die schlimmstmöglichen Science-Fiction-Dystopien in die Wirklichkeit umzusetzen, kann schon mal in den Hintergrund geraten, dass das Genre Science Fiction immer schon auch viel Raum und Möglichkeit für Utopien geboten hat. So entwarf etwa Charlotte Perkins Gilman 1915 in ihrem (heute zum Teil als rassistisch kritisierten) Science Fiction Roman „Herland“ eine kriegs- und herrschaftsfreie Gesellschaft ohne Männer. In „Planet der Habenichtse“ schilderte Ursula K. Le Guin die Herausforderungen und die Solidarität einer anarchistischen Gesellschaft, die auf einem unwirtlichen Mond lebt. In diesem Zusammenhang nicht unerwähnt sein dürfen die wegweisenden und teilweise heute prophetisch wirkenden Werke von Octavia Butler, die zwar hauptsächlich dystopische Gesellschaftsrealitäten schildern – jedoch klar als Warnung und nicht als Anleitung zum Nachmachen.

In den Weiten des Universums menschelt es – nicht nur

Damit, wie ein gutes Zusammenleben vieler, ganz und gar unterschiedlicher intelligenter Spezies aussehen könnte, beschäftigt sich die „Wayfarer“-Serie von Becky Chambers auf eine wohltuend emphatische Weise. Gleichzeitig wird klar: Becky Chambers versteht was von dem, was sie schreibt, sodass die Leserin nebenbei eine Menge wissenschaftlich begründeter Fakten zum Weltraum und zu Weltraumtechnik aufschnappen kann.

Den ersten Band der Serie „The long way to a small and angry planet“ (der Titel der deutschen Übersetzung ist ganz nah am Original „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“) veröffentlichte die Autorin 2012 im Selbstverlag, finanziert durch eine Kickstarter-Kampagne. Drei Jahre später verlegte der britische Verlag „Hodder & Stoughton“ den Roman neu – und ebenso die nachfolgenden Bände der Reihe.

In „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ begleiten wir die junge Menschenfrau Rosemary Harper, die gute Gründe hat, ihren Heimatplaneten Mars zu verlassen. Sie heuert als Buchhalterin auf dem Tunnlerschiff Wayfarer an, das Wurmlöcher zur Verbindung entfernter Ecken des Universums bohrt. Das ist harte und mitunter auch gefährliche Arbeit. Die liebenswürdige Crew des Raumschiffs ist aus verschiedenen galaktischen Spezies zusammengewürfelt: Ashby Santoso ist ein Mensch und Captain des Schiffs und führt eine geheime Fernbeziehung zur toughen Äluonerin Pei. Die Pilotin Sissix gehört zu den reptiloiden Aandrisk, einer der drei Gründungsspezies der Galaktischen Union. Der Grum Dr. Chef versorgt die Crew medizinisch und mit köstlichen Speisen, bei deren Zubereitung er auf die Vorlieben und Eigenarten der verschiedenen Crewmitglieder achtet. Die Grum haben sechs Extremitäten, die sowohl als Arme als auch als Beine fungieren können und fluide biologische Geschlechter; zum Zeitpunkt der Geschichte ist Dr. Chef männlich.

Navigator Ohan sind ein Sianat-Paar, die im Plural angesprochen werden und aufgrund eines Virus besondere geistige Fähigkeiten haben, die ihnen dabei helfen, das Schiff zu navigieren. Das Kommunikationsinterface (KI) Lovelace wird als gleichberechtigtes Crewmitglied wahrgenommen und von allen „Lovey“ genannt. Sie hat das gesamte Schiff im Blick. Die beiden Techniker*innren Kizzy und Jenks sind Menschen, ziemliche Nerds auf ihrem Gebiet. Weil das Schiff mit einem Treibstoff aus Algen angetrieben wird, gibt es zudem den Algaeisten Corbin, der über die Algendepots wacht und nicht unbedingt das beliebteste Crewmitglied ist. Auch er ist ein Mensch – zumindest gehen wir, wie er selbst, zunächst davon aus.

Fragile Allianzen

Auch in diesem Universum gibt es Territorial- und Ressourceninteressen der Mächtigen: Als die Galaktische Union (GU) erwägt, die Toremi Ka als Mitglieder aufzunehmen, liegt das vor allem daran, dass es auf ihrem Gebiet viel wertvolles Ambi gibt. Bislang ist diese Gegend der Galaxis für die GU-Mitglieder noch unerschlossen. Die nötige Infrastruktur, wie Wurmloch-Tunnels, zu erbauen ist ein schwieriges – und durch die fragile Allianz mit den Toremi Ka durchaus auch bedrohliches – Unterfangen. Weil es aber selten so gut bezahlte Tunnler-Aufträge gibt, entschließt sich Captain Ashby sehr schnell dazu, sich um die Aufgabe zu bewerben: „Genau diese Art von Arbeit könnte uns weiterbringen. Für einen solchen Auftrag werden sie nicht wenig bezahlen.“ (Originalzitat: „This is exactly the kind of work that could get us ahead. A job like this, they're not going to pay small.“) (S. 87; Übers. MW)

Dass die gesamte Wayfarer-Crew sich dann auf eine Abenteuerreise an die äußersten Ränder der Galaktischen Union begibt, ist aber fast nebensächlich: Viel spannender sind die Interaktionen und Eigenheiten der verschiedenen Spezies und die Gedanken zu Freundschaft, Liebe und Familie, die Becky Chambers in ihrem Wohlfühl-Science-Fiction-Roman teilt. Queere Identitäten, nicht heteronormatives Begehren und das Aufeinandertreffen verschiedener kultureller Normen werden als selbstverständlich vorausgesetzt und müssen ebenso selbstverständlich ausgehandelt werden. Das ist auch deswegen angenehm, weil das natürlich auch die verschiedenen Spezies in den Weiten des Universums vor verschiedene Herausforderungen stellt, aber hier schon mal all die Argumente von vermeintlicher „Natürlichkeit“ nicht ziehen.

Überhaupt ist es schon allein deswegen eine lohnende Leseerfahrung, weil das Wayfarer-Universum einerseits den Blick über die irdischen Zwänge und Widersprüche hinaus weitet und andererseits uns einen Spiegel vorhält: Zwar ist auch das Universum, das die Wayfarer durchstreift, von Kriegen gebeutelt; zwar gibt es auch hier Habgier, Profitstreben und Intrigen – aber der Zusammenhalt der Crew, ihr respektvoller Umgang miteinander und mit anderen, die einfühlsamen Perspektivwechsel und viele schöne Momente zwischen den Figuren geben uns ein bisschen Hoffnung darauf, dass die Tech Bros zumindest darin erfolglos bleiben werden, unsere Solidarität miteinander zu zerstören.

Becky Chambers 2016:
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Übersetzt von: Karin Will.
FISCHER Tor, Frankfurt am Main.
ISBN: 978-3-596-03568-7.
544 Seiten. 14,00 Euro.
Zitathinweis: Miri Watson: Galaktische Allianzen. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/t4Ppd. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:38.

Zum Buch
Becky Chambers 2016:
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Übersetzt von: Karin Will.
FISCHER Tor, Frankfurt am Main.
ISBN: 978-3-596-03568-7.
544 Seiten. 14,00 Euro.