Indigene Souveränität
- Buchautor_innen
- Jon Hickey
- Buchtitel
- Big Chief
Dieser Debütroman um einen kontroversen Wahlkampf innerhalb einer Indigenen Nation verhandelt die Grenzen politischer Selbstbestimmung.
In den USA sind aktuell 574 Indigene Nationen bundesstaatlich anerkannt (federally recognized tribes), die jeweils eine eigenständige, rechtlich definierte nation-to-nation-Beziehung mit der US-Regierung führen. Dennoch wird über die hochkomplexen Strukturen und Dynamiken von Indigener Selbstverwaltung (tribal self-governance) kaum berichtet – wenn mensch denn überhaupt weiß, dass Indigene Nationen über eigene, wenn auch rechtlich eingeschränkte Formen politischer Souveränität verfügen. Stattdessen werden Indigene Nationen meist nur dann in Verbindung mit Politik gebracht, wenn sie sich gegen kolonialistisch geprägte Projekte der US-Regierung wie die Dakota-Access-Öl-Pipeline widersetzen. 2016 kam es zu vehementen Protesten gegen den Bau der Pipeline. Angeführt wurden sie von den Standing Rock Sioux, die befürchteten, dass die Pipeline das Grund- und Trinkwasser ihres Reservats nachhaltig verunreinigen könnte. Außerdem sahen sie wichtige Gräberfelder und Kulturstätten bedroht. 2017 wurden die Proteste und das errichtete Protest-Camp schließlich gewaltsam niedergeschlagen.
Auch wenn ein kritisches Verständnis der kolonialen Beziehung zwischen der US-Regierung und Indigenen Nationen wichtig ist, reproduziert die Fokussierung darauf zugleich ein stark eingeschränktes Verständnis, das Indigene Nationen ausschließlich als kolonisierte Subjekte fasst. Dem setzt Jon Hickey mit seinem Debütroman „Big Chief“ einen politischen Text entgegen, indem er sowohl die politischen als auch zwischenmenschlichen Dynamiken der Passage Rouge Nation of Lake Superior Anishinaabe während der letzten fünf Tage eines kontroversen Wahlkampfs in den Vordergrund der Erzählung stellt. Die starke Polarisierung, auf dem dieser beruht, und die daraus resultierenden, teils moralisch fragwürdigen Handlungen werden Außenstehende zweifellos an Dynamiken US-amerikanischer Wahlkämpfe erinnern. Diese Assoziation lässt auf eine kritische Haltung gegenüber Indigener Souveränität schließen, die „Big Chief“ zugrunde liegt. Dies lässt sich vor allem an der Auseinandersetzung mit sogenannten tribal banishments im Roman festmachen.
Wer darf entscheiden?
Denn Hickey verhandelt in „Big Chief“ nicht nur universelle Themen wie Identität, Zugehörigkeit, Widerstand und Macht, sondern setzt sich insbesondere mit der umstrittenen Praxis der tribal banishments als Ausdruck Indigener Souveränität kritisch auseinander. Diese werden seit Jahrhunderten von verschiedenen Indigenen Nationen praktiziert. Sie beinhalten den Ausschluss von Mitgliedern einer Tribal Community, die gegen deren Regeln und Normen verstoßen haben. Heutzutage werden sie vor allem eingesetzt, um gegen soziale Probleme wie Gewalt und Kriminalität vorzugehen. Gleichzeitig sind sie äußerst umstritten, da sie in individuelle Rechte eingreifen und viele rechtliche und ethische Fragen aufwerfen. Die politische Dimension wird insbesondere von Mitch Caddos persönlicher Erzählperspektive getragen, die wiederum schwierige und schmerzhafte Fragen Indigener Identität verhandelt.
Vor allem zu Beginn des Romans versteht sich Mitch Caddo vorwiegend als Außenseiter-Figur, der zwar zur Passage Rouge Nation gehört, jedoch die meiste Zeit seines Lebens außerhalb des Reservats verbracht hat, darunter auch an der Columbia Law School. Diese Erfahrung beeinflusst seinen Blick auf Passage Rouge wesentlich; er gleicht in vielerlei Hinsicht einem kolonial anmutenden Fremdblick. Mitchs fehlendes Zugehörigkeitsgefühl prägt nicht nur seine Identität, sondern auch seine Arbeit als politischer Berater für den Tribal President Mack Beck. Denn seine wahrgenommene Minderwertigkeit meint Mitch mit politischer Macht kompensieren zu müssen – auch, wenn er vorgibt, im Sinne des Gemeinwohls von Passage Rouge zu handeln: „Wenn ich meinen Leuten wirklich helfen wollte, wozu ich angeblich hierher gekommen war, brauchte ich mehr Macht.“ (Original: „If I truly wanted to help my people, which is what I ostensibly came out here to do, I needed more power.“) (S. 15; Übers. Red.) Somit wird Mitch Caddo als machiavellistische Romanfigur vorgestellt, die den kolonialen Blick auf Indigene Nationen verinnerlicht hat, indem sie davon ausgeht, dass Passage Rouge nur durch hierarchische Machtstrukturen regierbar sei.
Im Laufe des Romans stellt sich immer stärker heraus, dass politische Ämter auch in Passage Rouge anfällig für Korruption und Missbrauch sind. Dies lässt sich sicherlich auch auf den Einfluss kolonialer Denkmuster zurückführen, die nicht nur Mitch Caddo prägen. Auch Mack Beck wird als Figur dargestellt, die politische Macht zur Durchsetzung persönlicher Interessen instrumentalisiert. Während Mack noch vor zwei Jahren mit dem Versprechen von „Hope and Change“ zum Präsidenten gewählt wurde, ist seine Präsidentschaft seitdem sowohl von politischem Versagen und Unruhen als auch von starkem Lobbyismus geprägt. Unter diesen Umständen scheint eine Wiederwahl als Tribal President ausgeschlossen, weshalb dieser zunehmend zu autoritären Mitteln greift, um seine politische Macht zu sichern.
Und während das Thema an sich kontrovers diskutiert werden kann, werden tribal banishments in „Big Chief“ vorwiegend als autoritäres Mittel zur Sicherung politischer Macht dargestellt. Zudem lassen sich auch Ähnlichkeiten zur repressiven Grenz- und Abschiebepolitik der US-Regierung erkennen, was die Frage aufwirft, inwiefern gegenwärtige Formen Indigener Souveränität als Ausdruck einer kolonialen Mimikry verstanden werden können: In Passage Rouge reproduzieren tribal banishments jene koloniale Macht- und Ausschlusslogiken, die historisch gegen Indigene Nationen eingesetzt wurden. Dies wird auch am Beispiel von Protesten gegen Mack Becks Regierung unterstrichen, gegen die auf seinen Befehl hin gewaltsam vorgegangen wird.
Das Ringen um Macht
Als Gegenentwurf zu Mack Becks zunehmend autoritärem Regierungsstil werden nicht nur die politischen Proteste und Unruhen, sondern auch seine politische Gegenkandidatin Gloria Hawkins vorgestellt. Während Mack zunehmend politisch isoliert handelt, scheint sich Gloria als bekannte Aktivistin und Politikerin primär für das Gemeinwohl der Passage Rouge Nation zu interessieren. Jedoch versäumt es der Roman, Gloria Hawkins‘ politische Interessen und Ziele genauer zu begründen. Somit wird sie fast ausschließlich auf ihre Funktion als politische Gegenkandidatin von Mack Beck reduziert. Auch ihr Wahlprogramm scheint sich ausschließlich gegen die Anwendung von tribal banishments zu richten.
Dass „Big Chief“ keine konkreten Antworten auf komplexe politische Fragestellungen gibt, zählt aber sehr wohl zu den Stärken des Romans: Statt plakativen Parolen werden Ambivalenzen in den Vordergrund gestellt, die durch die Erzählfigur Mitch Caddo maßgeblich verkörpert werden. Denn die Auseinandersetzung mit Figuren wie Gloria und ihrer politischen Beraterin Leyla führt auch zu einer persönlichen Transformation bei Mitch Caddo, ausgelöst durch gemeinsame Erinnerungen und eine aufgewärmte Liebesbeziehung. Diese Erfahrungen machen Mitch die Bedeutung von kommunaler Fürsorge (communal care) bewusst und bringen ihn dazu, sich seiner persönlichen sowie politischen Isolation zu stellen und sein Festhalten an Autorität und Macht zu hinterfragen. Dass diese persönliche Transformation maßgeblich durch weibliche Romanfiguren angestoßen wird, ist natürlich aus feministischer Perspektive kritisch zu betrachten. Gleichzeitig unterstreicht die Gegenüberstellung eines männlichen Tribal Presidents mit einer weiblichen Politikerin und Aktivistin auch das Ringen gegen patriarchale Strukturen in Indigenen Communities und regt eine Rückbesinnung auf Prinzipien von Matrilinealität und Matriarchat an. Dennoch bleiben die weiblichen Figuren in „Big Chief“ ausbaufähig, da sie im Roman primär Mitchs Charakterentwicklung dienen.
Das letzte Wort
Letztendlich geht es in „Big Chief“ vor allem um Fragen der Zugehörigkeit und Identität und darum, wer im Kontext von Indigenen Nationen darüber zu entscheiden hat. Der Roman stellt heraus, dass tribal banishments dafür aufgrund ihrer Anfälligkeit für Machtmissbrauch nicht das richtige Mittel sein können. Untermauert werden diese Fragen durch Mitch Caddos ambivalente Erzählperspektive. Mitchs schrittweise Aussöhnung mit seiner Identität beweist, dass autoritäre Mittel nicht dazu bestimmt sind, über Identität und Zugehörigkeit zu bestimmen. Viel mehr zeigt der Roman, dass diese vor allem durch kommunale Fürsorge gefestigt werden können.
Mit „Big Chief“ hat Jon Hickey einen besonderen politischen Roman verfasst, der gegenwärtige Formen Indigener Souveränität für eine breite Öffentlichkeit greifbar macht, ohne dabei die politischen Realitäten zu schönen. Dadurch trägt der Roman zu einem komplexen Verständnis Indigener Souveränität bei, die Indigene Nationen nicht nur ausschließlich auf das koloniale Machtverhältnis mit den USA reduziert.
Big Chief.
Simon & Schuster, New York.
ISBN: 9781668046463.
320 Seiten. 25,00 Euro.