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Die Lust am Untergang

Buchautor_innen
Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey
Buchtitel
Zerstörungslust
Buchuntertitel
Elemente des demokratischen Faschismus

Faschistischen Bewegungen kommt man nicht mit Faktenchecks und rationalen Argumenten bei – es bedarf einer Untersuchung ihrer Gefühlslagen.

Manche sagen, mit der AfD stehe der Faschismus in Deutschland wieder vor der Tür. Doch die Unterschiede zum historischen Faschismus sind bezeichnend. In ihrem neuen Buch „Zerstörungslust“ analysieren die Soziolog*innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, welche gesellschaftlichen Mechanismen Menschen zur AfD treiben.

Der neue Faschismus, so ihre zentrale These, versteht sich als Erneuerer der Demokratie – als Versuch, den Kapitalismus von den „Fesseln der Diversity-Programme und Umweltauflagen“ zu befreien, „muskulär dank eines starken Nationalstaats und des Militärs“ (S. 261). Amlinger und Nachtwey sprechen daher vom „demokratischen Faschismus“, der aus einer gesellschaftlich tief verankerten Zerstörungslust hervorgeht.

Zerstörung als Triebkraft

Die Anhänger*innenschaft der AfD protestiert primär gegen alles Etablierte. Hintergrund ist eine Krise des neoliberalen Wirtschaftsmodells, das seine Versprechen auf Aufstieg und Emanzipation nicht länger einlösen kann – es vielleicht auch nie ganz konnte. Doch anders als in den 1930er Jahren ist es nicht massenhafte Verarmung, die den Mittelstand in die Arme der Rechten und Faschisten treibt. Vielmehr ist es die Angst vor dem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg, eine gefühlte Blockade des eigenen Lebens sowie der Eindruck, Privilegien seien bedroht. Wie bereits die NSDAP erfreut sich auch die AfD klassenübergreifenden Zuspruchs, von Ärzt*innen bis Arbeitslosen. Einen Großteil der Wähler*innen stellen aber eher „Fans als Parteisoldat:innen“ (S. 259). Angetrieben werden viele AfD-Wählerinnen von einer Mischung aus Ohnmacht und Wut – eine emotionale Haltung, die stärker affektiv als ideologisch geprägt ist.

Amlinger und Nachtwey stützen ihre Analyse auf die politikwissenschaftliche Forschung zum sogenannten „Need for Chaos“. Gemeint ist ein nihilistisches Mindset, das aus dem Gefühl erwächst, Leistung zähle nichts mehr und politische Prozesse beschränkten die persönliche Autonomie. Dieses Denken folgt einer Nullsummenlogik: Schuld an Wohnungsnot oder niedrigen Sozialleistung sind jene, die vermeintlich etwas „wegnehmen“, also Geflüchtete oder Bürgergeldempfänger*innen und nicht etwa Wohnungsspekulation und der Staat im Kapitalismus.

Ursächlich für diese Denkweise sehen die die Autor*innen die Erosion demokratischer Institutionen im Neoliberalismus. Der Staat erscheint zunehmend unfähig, reale Probleme zu lösen – siehe einstürzende Brücken und das marode Bahnnetz. Die Deregulierung von Märkten und die zunehmende Konkurrenz erhöhen reale Abstiegsängste. Der Neoliberalismus, der eigentlich den Staat unter der Privatwirtschaft begraben will, führt paradoxerweise zu einer Zunahme von Gesetzen und Regeln, denn die Entfesselung des Privatkapitals zwingt den Staat zu umfassenden Regulierungsmaßnahmen. Eine kulturelle Liberalisierung befördert darüber hinaus die Diversität der Arbeiter*innenklasse. Das erzeugt Gefühle der Fremdbestimmung und Entwertung, die von den Rechten geschickt mobilisiert werden.

Alter und neuer Faschismusbegriff

Die faschistische und rechtsextreme Bewegung ist laut Amlinger und Nachtwey deutlich fragmentierter als der historische Faschismus. Sie reicht von neoliberalen Weidel-Fans, völkischen Höcke-Anhänger*innen, über stramme Neonazis bis hin zu Incels. Die Autor*innen bemühen sich dabei, den Faschismusbegriff analytisch scharf zu halten: Das aktuelle faschistische Moment sei „weder die Wiederkehr des alten Faschismus, noch etwas völlig Anderes und Neues“ (Amlinger/Nachtwey in JACOBIN, 1.5.2025).

Zentral für den von ihnen beschriebenen „demokratischen Faschismus“ ist dessen ambivalentes Verhältnis zur Demokratie. Anders als der historische Faschismus, bekennt er sich nicht offen zur Abschaffung der Demokratie, sondern zu ihrer angebliche Erneuerung und Säuberung. So heterogen die neufaschistischen Projekte sind, geht es ihnen im Kern weniger um den Wiederaufbau eines Volkskörpers, sondern um einen entfesselten Kapitalismus, der vermeintlich nationalen Wohlstand verspricht. Zwar arbeiten Amlinger und Nachtwey ein faschistisches Moment heraus, unterscheiden dieses jedoch klar von faschistischem Umsturz.

„Wir stehen momentan nicht (oder noch nicht) vor einer faschistischen Machtübernahme. Rechtsradikale können gewisse Ziele durchaus im Normalbetrieb der parlamentarischen Demokratie erreichen. Zum demokratischen Faschismus gehört jedoch auch der Flirt mit der ‚moralisierten Gewalt‘.“ (S. 258)

Analyse statt Anklage

„Zerstörungslust“ ist weniger Analyse der neufaschistischen Bewegungen an sich als eine präzise Untersuchung der Gefühlslagen ihrer Anhänger*innen und versucht, die Gründe für den wachsenden Zuspruch zu rechtem Gedankengut zu erklären. Amlinger und Nachtwey zeigen, dass der Zulauf zur AfD nicht aus Irrationalität oder Dummheit, sondern aus sehr realen Erfahrungen sozialer Entwertung resultiert. Amlinger und Nachtwey plädieren dafür, dass die antifaschistische Bewegung diese Probleme ernst nimmt, um konkrete Lösungen anzubieten. Anstatt „pädagogisch auf Faschist:innen einzuwirken“ (S. 317) solle man die Massen eher auf Gefühlsebene, mit Theodor W. Adorno gesprochen, in ihrem Lebenstrieb ansprechen.

Das Buch ist keine Analyse neufaschistischer Bewegungen und will es auch nicht sein. Betrachtet man die Ansätze marxistischer Faschismusanalyse, die der Text mit seinem Begriff des „demokratischen Faschismus“ jedoch trotzdem bietet, finden sich massive Leerstellen. So kritisierte beispielsweise Gerhard Hanloser in der Analyse & Kritik, dass die These, die Zerstörungslust schaffe eine gefährliche Einheitlichkeit des rechten Blocks, sich nicht erhärten lasse. Auch geht der Text nicht in die Tiefe, inwiefern der rein narrativen Unterscheidung des demokratischen versus dem historischen Faschismus eine qualitativ andere oder ähnliche Bewegung wie unter Mussolini oder Hitler zugrunde liegt (oder eben nicht).

Zudem ist die Lektüre nicht leicht zugänglich. Der Text ist stellenweise langatmig und repetitiv, verliert sich immer wieder in theoretischen Wiederholungen und akademischen Schachtelsätzen. Wer jedoch Durchhaltevermögen mitbringt, wird mit einer tiefgehenden soziologischen Studie belohnt.

Zusätzlich verwendete Literatur

Amlinger, Carolin / Nachtwey, Oliver (2025): Demokratischer Faschismus. In: JACOBIN-Magazin Nr. 20/21 „Zurück zum Fortschritt“. Online einsehbar hier.

Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey 2025:
Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus.
Suhrkamp, Berlin.
ISBN: 978-3-518-43266-2.
464 Seiten. 30,00 Euro.
Zitathinweis: Yaro Allisat: Die Lust am Untergang. Erschienen in: Space Capitalism und Klassenkampf im All. 78/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/gJQnB. Abgerufen am: 21. 01. 2026 07:39.

Zum Buch
Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey 2025:
Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus.
Suhrkamp, Berlin.
ISBN: 978-3-518-43266-2.
464 Seiten. 30,00 Euro.