Space Capitalism und Klassenkampf im All Aktuelle Ausgabe Nr. 78, 20. Januar 2026
© Andrej Solokov
Katy Perry fliegt mit einer all female Crew ins All – glänzende Raumanzüge, dramatische Countdown-Shots, Selfies im Orbit – wohl orchestriert mit hochauflösenden Videos, Pressekonferenzen und PR-Events für Jeff Bezos’ milliardenschweres Prestigeprojekt Blue Origin. Das private Raumfahrtunternehmen des Amazon-Gründers, der derzeit Rang drei der weltweit reichsten Personen belegt, verfolgt nach eigener Aussage das langfristige Ziel, Industrien ins All zu verlagern und neue Energie- sowie Materialressourcen zu erschließen. „Um die Erde zu entlasten“, wie er sagt. Es ist eine „Mission“, ein Eroberungszug in Richtung unerschlossener Gefilde – „We’re Building a Road to Space for the Benefit of Earth“ – und of course, wir kommen in Frieden.
Während die Welt also gebannt zusieht, wie ein Popstar in einem selbstgenannten „Akt der Emanzipation“ für 10 Minuten und 22 Sekunden ins All fliegt und dabei „What a Wonderful World“ trällert, gelingt Bezos – der selbst auch schon einen Weltraum-Kurztrip unternahm – damit ein enormer PR-Coup. Die Realität fällt jedoch dahinter zurück: Der Weltraum wird zur Bühne für kapitalistische Expansionbestrebungen, männliche Eroberungsphantasien und Machtkonzentration. Den Geschäften im All sind, so scheint es, nur physikalische Grenzen gesetzt.
Es ist ein langgehegter Menschheitstraum, der hier angerufen wird: Anders als frühere Expansionsziele auf der Erde ist das Weltall (vermutlich) unendlich. Die Mär von der „final frontier“ suggeriert unbegrenzte Möglichkeiten, ein Entrinnen aus den Beschränkungen unserer immer zerstörteren Welt. Doch in Wahrheit verschärft sie Ausschluss, Ungleichheit und die Konzentration von Ressourcen in den Händen einer kleinen Elite, sie reproduziert koloniale Strukturen, verfestigt Dominanzlust und exklusive Akkumulationslogiken.
Das Weltall ist also weit mehr als Technikfaszination und Science-Fiction. Hinter der Glorie von Raketenstarts, Mondbasen und Marsplänen verbirgt sich eine brutale Realität: Klassenkämpfe am Boden, Kolonialphantasien im All und Strukturen kapitalistischer Macht, die Profite und Ressourcen in immer engeren Kreisen konzentrieren. Während Superreiche wie Elon Musk oder Jeff Bezos mit ihren All(machts)Phantasien Milliarden in Prototypen von Marskolonien und Orbitalstädten pumpen, schuften Arbeiter:innen in Zulieferbetrieben, Laboren und Startanlagen unter prekären Bedingungen – oft mit hochgiftigen Stoffen und unter extremen Sicherheitsrisiken. Wer den Orbit erobert, lässt andere den Preis dafür zahlen.
Gleichzeitig wird das All zur geopolitischen Arena. Satelliten dienen als strategische Infrastruktur, Anti-Satelliten-Waffen werden getestet und Staaten wie die USA verfolgen Initiativen wie die Space Force oder das NASA-New-Frontiers-Programm zur Erschließung des Weltraums, um ihre Operationen im Orbit abzusichern. Die Internationale Raumstation ISS mag als diplomatisches Symbol gelten, doch die Realität um sie herum sieht anders aus: Die ursprüngliche Akkumulation im All samt militärischer Infrastruktur im Kampf um den Platz an der Sonne hat längst begonnen.
Auch kulturell spiegeln sich diese Konflikte wider. Science-Fiction-Romane, Serien und Filme erzählen von Utopien und Dystopien, von unendlichen Weiten und autoritären Grenzziehungen, von kapitalistischem Größenwahn und Klassenkampf im Asteroidengürtel.
Und auch auf der Erde regt sich Widerstand: Postkoloniale Kritik sieht in Mond- und Marsprojekten eine Neuauflage kolonialer Muster. Gleichzeitig kritisieren Teile der Klimabewegung zurecht, dass Billionen in die Raumfahrt fließen, während die Erde brennt. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie das Global Network Against Weapons & Nuclear Power in Space warnen vor einer Militarisierung des Alls, die das Wettrüsten verschärfen und bestehende Abrüstungsbemühungen untergraben könnte. Streiks und Proteste wie beispielsweise 2023 bei Boeing-Zulieferern oder United Launch Alliance legen Produktionsstätten lahm und machen auf die desaströsen Arbeitsbedingungen und die Naturverwüstungen auf dem Planeten aufmerksam.
In dieser Ausgabe zeichnen wir die komplexen Linien dieser Kämpfe nach: Wie reproduzieren sich Kapitalismus, Akkumulationslogiken und koloniale Strukturen im All? Wer profitiert vom Weltraumboom, wer trägt die Kosten? Wo zeigen sich Widerstand, Streiks oder kreative Gegenentwürfe – in Arbeit, Kultur und Aktivismus?
In der April-Ausgabe #79 wenden wir uns dann wieder dem irdischen Wahnsinn zu: der wachsenden Militarisierung ziviler Infrastruktur. Gern nehmen wir noch Rezensionsvorschläge entgegen!
Wir möchten uns außerdem ganz freudig bei unseren Spender:innen bedanken: Ihr habt uns schon einen ganzen Schritt weiter gebracht. Wenn ihr noch spenden mögt, klickt gerne oben auf „Unterstützt uns“ – und freut euch über eine feine Belohnung!
Viel Spaß beim kritischen Lesen!