All Krimis Are Political Aktuelle Ausgabe Nr. 80, 14. Juli 2026
© Jo Broese
Krimis gehören zu den meistgelesenen und meistverlegten Genres überhaupt. Sie versprechen Nervenkitzel und Plottwists, spielen mit dem Reiz des Verbotenen sowie der Überschreitung gesellschaftlicher Grenzen – und führen am Ende doch meist zu einer versöhnlichen Auflösung, die die gestörte Ordnung wiederherstellt. Damit erzählen Krimis nie nur von Mord und Ermittlungen. Die scheinbar einfache Formel verrät immer auch etwas darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der die Verbrechen stattfinden. Schon der Noir-Pionier Jean-Patrick Manchette schrieb: „Jeder gute Krimi muss politisch sein.“ Und so treten Kriminalromane immer wieder in einen engen Dialog mit den politischen Konflikten und Krisen ihrer Gegenwart.
Sicherlich: Viele Krimis tragen auf unterhaltsame Weise zur Stabilisierung des Status quo bei. Aber die verhandelten Kriminalfälle zeigen auch, welche Ordnung überhaupt verteidigt werden soll und wessen Leben als schützenswert gilt. Wer darf ermitteln? Wem wird geglaubt? Wer wird verdächtigt? Krimis verhandeln Vertrauen und Misstrauen gegenüber Sicherheitsbehörden, Justiz und staatlichen Institutionen. Auch die Figuren der Ermittler*innen spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider: vom zynischen Privatdetektiv des Hardboiled-Romans über den souveränen Polizeikommissar bis zu neueren Figuren, die selbst Teil der Konflikte sind, die sie aufklären sollen. Gleichzeitig sind Kriminalgeschichten oft auch Gesellschaftsdiagnosen: Klasse, Geschlecht, Rassismus oder staatliche Gewalt bilden nicht selten den Hintergrund oder Ausgangspunkt von Verbrechen. Während klassische Whodunits häufig in aristokratischen Milieus spielen, richten Noir-Krimis ihren Blick auf die „Unterwelt“ der Großstädte, auf Gangster, Korruption und die Verlierer*innen des kapitalistischen Systems.
Doch auch die Perspektiven innerhalb des Genres haben sich verschoben. Feministische Krimis stellen die lange dominierende Konstellation männlicher Ermittler und weiblicher Opfer infrage. Autor*innen aus marginalisierten Perspektiven verändern den Blick auf Kriminalität und Ordnung wie etwa in der afroamerikanischen Kriminalliteratur von Walter Mosley bis Colson Whiteheads. Manche Romane experimentieren auch mit alternativen Formen von Gerechtigkeit, etwa im Kontext von Transformative Justice.
Mit unserer 80. Ausgabe haben wir die politischen Dimensionen von Kriminalliteratur herausgearbeitet. Wir haben gefragt, wie die Romane gesellschaftliche Machtverhältnisse darstellen, kritisieren oder reproduzieren. Wo werden politische Gegenwartsdiagnosen im Krimi gestellt? Welche sozialen Konflikte werden sichtbar gemacht? Wie verändern neue Perspektiven und Figuren das Genre?
Wir haben uns in dieser Ausgabe eine kleine Sommerpause gegönnt und diesmal kein Essay und Interview als Beiträge zum Thema dabei. Wenn euch die Entwicklung, Diversifizierung und Popularisierung des Krimis und vor allem des sozialkritischen Krimis interessiert, haben wir hier einige spannende Lesetipps für Euch:
Sehr empfehlen möchten wir den Text von Else Laudan zur Entwicklung des Ariadne-Verlags als dezidiert politisches Krimiprojekt mit feministischem Schwerpunkt, online einsehbar hier.
Mit dem True-Crime-Boom und der Warenförmigkeit des Krimis setzt sich unter anderem Isabella Caldart in ihrem Text Wahre Verbrechen oder Ware Verbrechen auseinander. Ein Beispiel von True Crime mit gesellschaftspolitisch betrachtet hoher Brisanz analysiert Frederik Tidén in True Crime in Volksheim anhand der populären schwedischen Kriminalliteratur und der Ermordung Olof Palmes im Jahr 1986.
Zwei kritische Texte zur Rezeption von True Crime-Formaten beleuchten die Fallstricke des Booms, wie zum Beispiel die mögliche Retraumatisierung der Betroffenen oder den Trend jener Erzählungen, in denen junge Frauen die Opfer sind: So publizierte das Weißer Ring Magazin den Text Die dunkle Seite des True-Crime-Booms und das Medienradar betrachtet die Die Rezeption und Kritik von True Crime.
Einem ebenfalls sehr kriminellen Spektakel gehen wir in unserer Oktober-Ausgabe #81 auf die Spur: dem Kulturkampf von rechts. Brrrr, grausig! Meldet euch gern bei uns, wenn ihr zu der Ausgabe noch etwas beitragen wollt!
Und jetzt wünschen wir euch viel Spaß beim kritischen Lesen und einen ganz wundervollen Sommer! Eure kritisch-lesen.de-Gang.