Militärische Gewalt in der verwalteten Welt
- Buchautor_innen
- Cornelius Castoriadis
- Buchtitel
- Bürokratische Gesellschaft
- Buchuntertitel
- Ausgewählte Schriften. Band 10
Cornelius Castoriadis zeigt sich als ambivalenter Theoretiker zwischen einer noch heute nützlichen Bürokratiekritik und der Hinwendung zum Bellizismus.
In den 1970er Jahren wurde Cornelius Castoriadis besonders in solchen linken Kreisen viel gelesen, die sich für eine sozialistische Theorie jenseits von Stalinismus und Sozialdemokratie interessierten. Der in Griechenland geborene Autodidakt, der kein abgeschlossenes Universitätsstudium hatte, begann seine politische Sozialisation in der trotzkistischen Bewegung seines Heimatlands. Verfolgt wurde er von den 1948 im griechischen Bürgerkrieg siegreichen Monarchisten, aber auch der damals unterlegenen prosowjetischen kommunistischen Strömung. Deshalb ging Castoriadis ins französische Exil. Er wurde bald zu einem wichtigen Theoretiker der linkskommunistischen Gruppe Socialisme ou barbarie (Sozialismus oder Barbarei). Obwohl Castoriadis seit den späten 1940ern eine Vielzahl theoretischer Texte verfasst hat, war sein Name lange Zeit unbekannt. Er musste wegen seines unsicheren Aufenthaltsstatus in Frankreich unter Pseudonym veröffentlichen. Erst nachdem er französischer Staatsbürger geworden war, publiziert er unter seinem richtigen Namen. Bis zu seinem Tod veröffentlichte er viele weitere Texte und hielt philosophische Vorlesungen. Bis heute gibt es in Deutschland einen treuen Kreis von Anhänger*innen von Cornelius Castoriadis, die sich vor allem auf seine Texte in der Gruppe Socialisme ou barbarie und seine profunde Analyse der sowjetischen Gesellschaft positiv beziehen. In der Edition AV haben Harald Wolf und Michael Halfbrodt kürzlich den zehnten Band mit ausgewählten Schriften von Castoriadis herausgegeben. Er steht unter der Überschrift „Die bürokratische Gesellschaft“.
Weder Sozialismus noch Staatskapitalismus
Wer sich über die Gedanken von Castoriadis informieren will, dem sei die Lektüre dieses Bandes gleich aus mehreren Gründen empfohlen. In ihm findet sich ein Schlüsselbegriff von Castoriadis und der Gruppe Socialisme ou barbarie: Sie bezeichneten die Sowjetunion, aber auch China und die osteuropäischen Gesellschaften als „bürokratischen Kapitalismus“. Damit nahmen sie Trotzkis Theorie auf, gingen aber über sie hinaus. Trotzki sah in den 1930er Jahren in der Bürokratie diejenige Herrschaftsschicht der Sowjetunion, die es mit einer politischen Revolution zu entmachten galt. Er sprach von einem degenerierten Arbeiterstaat mit sozialistischer Wirtschaft, in der es kein kapitalistisches Privateigentum gebe. Castoriadis und seine Genoss*innen hingegen verneinten gänzlich, dass es in der SU überhaupt noch sozialistische Elemente gäbe. Dabei beziehen sich Castoriadis und seine Genoss*innen auf Marx und Engels:
„Es geht also bei der Untersuchung der sowjetischen Ökonomie wie bei jeder anderen Ökonomie darum, wie sich – hinter und jenseits der juristischen Verschleierung – Produktion und Verteilung tatsächlich vollziehen. Anders gesagt: Wer leitet die Produktion und verfügt folglich über den Produktionsapparat und wer profitiert davon?“ (S. 50)
Castoriadis grenzte sich allerdings auch von Theorien ab, die von einem sowjetischen Staatskapitalismus ausgingen, der sich nicht von der übrigen kapitalistischen Welt unterscheide. Demgegenüber betonte Castoriadis die Eigenständigkeit des bürokratischen Kapitalismus, der weder Sozialismus noch Privatkapitalismus sei. Das hatte klare politische Implikationen. In der Sowjetunion und seinen verbündeten Staaten war ebenso wie in der kapitalistischen Welt eine proletarische Revolution nötig, davon war Castoriadis noch bis in die 1950er Jahre überzeugt.
Doch setzte auch bei ihm wie bei vielen Linksintellektuellen eine Rechtswende ein, was man an dem im Buch dokumentierten Texten bis in die 1990er Jahre nachvollziehen kann. Nach seinem Abschied vom Marxismus bekam die russische Frage, die Castoriadis bis zum Lebensende beschäftigte, eine andere Bedeutung. War es zunächst die Frage, wieso die proletarische Revolution zur Herrschaft der Bürokratie werden konnte, machte er sich in Texten in den 1980er Jahren Gedanken, ob die NATO einem Angriff des Warschauer Pakts standhalten könne. So schreibt Castoriadis in seinem Text: „Im Angesichts des Krieges“:
„Man kann politischer Journalist sein – ich habe welche getroffen – ohne sich darüber im Klaren zu sein oder sein zu wollen, dass die NATO-Streitkräfte in Europa völlig unfähig sind, eine mit klassischen Mitteln durchgeführte russische Offensive mit klassischen Mitteln zu stoppen.“ (S 447)
Wenige Seiten weiter versuchte sich Castoriadis als Hobby-Militärstratege, wenn er schreibt:
„Nun ist die erste Tatsache, die es zu betrachten und zu erklären gilt, die, dass von den beiden Supermächten, die einander gegenüberstehen, gegenwärtig nur Russland eine offensive Politik verfolgt und auch allein die Möglichkeit dazu hat.“ (S. 448)
Das war der Ton des Bellizismus, der in den 1980er Jahren eine ganze Reihe von Ex-Linken an die Seite von Reagan und Co. brachte. Wie stark dieser neue Bellizismus die linke Analysefähigkeit beeinträchtigte, zeigt sich auch bei Castoriadis, wenn er schreibt:
„Weder war es das Finanzkapital, das die Kubaner nach Äthiopien geschickt hat, noch der tendenzielle Fall der Profitrate, der die Vietnamesen nach Kambodscha gebracht hat, und noch schließlich die Kapitalverwertung, die die Russen gezwungen hat, Afghanistan zu erobern.“ (S. 44)
Mit diesen Zeilen geht Castoriadis auf Distanz zur marxistischen Analyse zur Erklärung von Kriegen. Auffällig ist jedoch, dass er auf eine Analyse, der von ihm aufgezählten weltpolitischen Konflikte, die Ende der 1970er und 1980er Jahre eine Rolle spielten, verzichtet. Er subsumiert diese alle unter das Machtstreben Russlands. Hätte er die Konflikte genauer untersucht, wäre ihm aufgefallen, dass das kubanische Engagement auf dem afrikanischen Kontinent keineswegs im Auftrag und im Interesse der herrschenden Nomenklatura in der Sowjetunion erfolgte. Die riet vielmehr davon ab, weil sie fürchtete, dass sich die Beziehungen zu den westlichen Staaten noch weiter verschlechtern würden. Frappierend ist auch, dass Castoriadis den Einmarsch der vietnamesischen Armee in Kambodscha umstandslos zu den sowjetischen Aggressionen zählt. Dabei lässt er unerwähnt, dass der Einmarsch nach zahlreichen von Kambodscha unter den Roten Khmer inszenierten Grenzkonflikten mit Vietnam erfolgte. Aber noch wesentlicher: Mit dem vietnamesischen Einmarsch wurde das mörderische Regime der Roten Khmer gestürzt, also ein Großteil der betroffenen Bevölkerung real befreit. Das war allerdings für Castoriadis kein Thema, wie übrigens auch nicht für einen Großteil der zu NATO-Freund*innen gewandelten Ex-Linken. Das ist besonders bemerkenswert, weil sie doch immer wieder die fehlenden Menschenrechte im Nominalsozialismus anprangerten. Dass vietnamesische Soldat*innen in Kambodscha ein besonders brutales Regime stürzten, wurde von ihnen indessen ignoriert. Diese Ignoranz stand ganz im Einklang mit der Politik der Staaten der westlichen Welt. Sie sorgten dafür, dass Kambodscha in der UN noch über viele Jahre von einem Botschafter vertreten wurde, der von den Roten Khmer ernannt worden war. Die pro-vietnamesische Regierung, die nach dem Sturz der Roten Khmer in Kambodscha die Macht übernahm, galt für die westlichen Staaten als illegitim, weil sie ein Bündnispartner Vietnams und der Sowjetunion war. Auch Castoriadis hat hier sein Instrument der kritischen Analyse, das seine früheren Texte prägte, beiseitegelegt.
Neuer Bellizismus auch bei Castoriadis
Damit änderte sich auch Castoriadis Polemik gegen seine Kritiker*innen. Spottete er zunächst über Trotzkist*innen, die in der Sowjetunion noch etwas Verteidigenswertes sehen wollten, so teilte er in seinen späteren Texten gegen diejenigen aus, die für eine Entspannungs- und Verständigungspolitik gegenüber dem Warschauer Pakt eintraten. So rührte das späte Interesse an seinen Schriften auch daher, dass manche ihn als linken Befürworter von westlicher Aufrüstung in Stellung brachten. Obwohl Castoriadis sich gelegentlich von solchen Bestrebungen abgrenzt und auch davor warnt, den Totalitarismusbegriff zu weit auszudehnen und die Sowjetunion mit dem NS-Regime gleichzusetzen, finden sich in mehreren der dokumentierten Texte des späten Castoriadis doch viele bellizistische Anklänge. Die Lektüre des Bandes ist auch eine Einladung, Castoriadis kritisch zu lesen. So sollten die Formulierungen, auf die sich NATO-Apologet*innen positiv beziehen, nicht verschwiegen werden. Doch auch die Stärken in Castoriadis Kritik an der bürokratischen Klasse in der SU sollte aufgegriffen und weiterentwickelt werden. So stellt sich die Frage, ob dieser Ansatz nicht auch für die Analyse der aktuellen russischen Gesellschaft nützlich wäre. So stellt Thorsten Fuchshuber in seinem Buch „Rackets. Kritische Theorie der Bandenherrschaft“ (siehe kritisch-lesen.de #65) die Frage, ob der Racket-Ansatz nicht auch auf die russische Gesellschaft passt. Es wäre eine lohnende Frage, ob es von der bürokratischen Gesellschaft, wie sie Castoriadis definiert, zum Racket-Ansatz nicht theoretische Verbindungen gibt.
Bürokratische Gesellschaft. Ausgewählte Schriften. Band 10.
Verlag Edition AV, Bodenburg.
ISBN: 978-3-86841-327-4.
559 Seiten. 34,00 Euro.