Ungleich vor dem Gesetz
- Buchautor_innen
- Dennis Lehane
- Buchtitel
- Sekunden der Gnade
Eine weiße Tochter verschwindet, ein Schwarzer Arbeiter stirbt. In den 1970er Jahren werden in Boston arme Viertel und ihre Bewohner*innen gegeneinander ausgespielt.
1974 urteilt ein US-Gericht: Schwarze Kinder in Boston werden systematisch benachteiligt, viele Schulen sind faktisch nach Hautfarbe getrennt. Die Stadt soll handeln. Ein neues Schulsystem soll Kinder mit Bussen in andere Viertel bringen: Schwarze aus Roxbury nach South Boston, Weiße aus South Boston nach Roxbury.
Doch die Entscheidung entfacht offenen Rassismus. Weiße Familien in South Boston wollen keine Schwarzen Kinder in ihren Schulen. Dennis Lehane beginnt seine Erzählung „Sekunden der Gnade“ in den Wochen vor dem ersten Schultag unter den neuen Regeln. Schwarze Familien fürchten, ihre Kinder in feindselige Viertel schicken zu müssen. Angst und Wut wachsen. Polizeischutz wird zum Alltag auf dem Schulweg.
Die wohlhabenden Vororte bleiben von der Regelung weitgehend verschont. Sie gehören nicht zum Bostoner Schulbezirk. Viele Familien können zudem auf Privatschulen ausweichen. Dort müssen Kinder weder ihre Schulen wechseln noch mit Polizeischutz fahren. Das verstärkt den Zorn vieler Familien in South Boston.
Im Zentrum dieser Spannungen steht Mary Pat Fennessy, eine weiße, irischstämmige Arbeiterin. Sie lebt in den Commonwealth Projects, einer Sozialwohnanlage in South Boston, arbeitet in einem Pflegeheim und zusätzlich in einem Schuhlager – und kämpft ständig mit Geldsorgen. Eines Nachts verschwindet ihre Tochter Jules. Fast zeitgleich stirbt der junge Schwarze Kaufhausangestellte Auggie Williamson unter ungeklärten Umständen. Mary Pats Suche verbindet beide Fälle und führt sie immer tiefer in die Gewalt und das Schweigen ihrer Umgebung.
Arme gegen Arme
Die Menschen in South Boston leben zwischen Schulden, Drogen, kaputten Wohnungen und schlechten Schulen. Viele fühlen sich von Politik und Gerichten im Stich gelassen. Hier entlädt sich die Wut. Aus ihrer Sicht sollen plötzlich ihre Kinder die Folgen eines Problems tragen, das jahrzehntelang niemand lösen wollte.
Der Zorn trifft ausgerechnet Schwarze Familien aus Roxbury, die ebenso arm sind und mit denselben Problemen kämpfen. Als bekannt wird, dass Schwarze Kinder nach South Boston kommen sollen, begegnet man ihnen mit Parolen und Beschimpfungen. Viele klammern sich an ihr Viertel, das sie als letzte Sicherheit sehen. Zugehörigkeit ersetzt Gemeinschaft. Fremde werden zur Bedrohung.
Während ihrer Suche erkennt Mary Pat jedoch, wie ähnlich sich South Boston und Roxbury eigentlich sind. Beide Viertel leiden unter kaputten Schulen, Geldmangel und fehlenden Perspektiven. Statt gemeinsam bessere Schulen zu fordern, werden zwei vernachlässigte Stadtteile gegeneinander ausgespielt. Der Tod von Auggie Williamson macht das deutlich. Er arbeitet, hat Pläne für die Zukunft und stammt aus einer stabilen Familie, bevor er stirbt. Dennoch spekulieren viele über Drogendelikte oder vermuten Selbstverschulden. Ein Schwarzes Opfer wird zuerst stets als möglicher Täter gesehen.
Je tiefer Mary Pat gräbt, desto klarer wird ihr, dass die Gewalt in South Boston nicht nur aus Hass entsteht. Die Männer um Gangsterboss Marty Butler geben sich als Beschützer der Southies, sichern mit Gefälligkeiten und Gewalt aber vor allem ihre Geschäfte. Der Hass auf Roxbury lenkt davon ab.
Lehane zeigt am Vietnamkrieg, wie ungleich politische Entscheidungen wirken. Mary Pats Sohn Noel kehrt verändert aus dem Krieg zurück und wird heroinabhängig. Auch Bobby Coyne, der ermitelnde Polizist, ist Veteran und kämpft mit einer Abhängigkeit. Derweilen schützen wohlhabende Familien ihre Söhne durch Studium, Beziehungen oder ärztliche Atteste vor der Einberufung. Junge Männer aus armen Vierteln finden solche Auswege seltener. Sie werden eingezogen und tragen später die körperlichen und seelischen Folgen des Krieges, was Lehane anhand weiterer Charaktere und den lokalen Drogengeschäften veranschaulicht.
So zieht der Roman auch zwischen Krieg und dem Streit um die Schulen eine Parallele: In beiden Fällen leiden vor allem Menschen mit wenig Geld und Einfluss unter den Folgen politischer Entscheidungen. Die Familien in South Boston und Roxbury kämpfen gleichermaßen mit schlechten Schulen und fehlenden Chancen. Doch der Rassismus lenkt die Wut der weißen Bewohner gegen Roxbury. Eine gemeinsame Forderung nach besseren Lebensbedingungen entsteht nicht. Der Gedanke an Widerstand wird erstickt.
Ein System voller Ungerechtigkeit
Detective Bobby Coyne untersucht Auggies Tod. Seine Ermittlungen führen ihn zu Jugendlichen aus South Boston und überschneiden sich zunehmend mit Mary Pats Suche nach ihrer Tochter. Coyne wirkt ruhiger und reflektierter als viele seiner Kollegen. Die Polizei erscheint im Roman jedoch nicht als eine saubere Kehrseite. Auch Beamte setzen in Verhören vor allem jene unter Druck, denen Geld für gute Anwälte und einflussreiche Beziehungen fehlen. Der Detective steht dieser Praxis kritischer gegenüber als manche Kollegen, er bleibt aber Teil derselben Institution. Auch er arbeitet in einem System, das Manche schützt und Andere fallen lässt. Coyne begreift immer besser, wie Auggies Tod mit South Boston verknüpft ist. Doch viele schweigen – aus Loyalität oder aus Angst vor Marty Butlers Leuten. Immer wieder stößt er an die Grenzen dessen, was sich vor Gericht belegen lässt. Dabei weiß er mit der Zeit weit mehr, als er nachweisen kann.
Auch Mary Pat verändert sich in diesem Klima, diesem Fiebertraum. Am Anfang treibt sie die Angst um ihre Tochter. Je tiefer sie in die Geschichte eintaucht, desto mehr prägt die Gewalt ihrer Umgebung auch ihr eigenes Handeln. Weil Polizei und Nachbarschaft ihr keine Antworten geben, greift sie auf ihrer Suche selbst zu Drohungen und Gewalt.
Ihr Schmerz erklärt ihre Härte, entbindet sie aber nicht von Verantwortung. Sie gehört selbst zu jener weißen Welt, deren Vorurteile Auggie gefährdeten. Ihre Suche zwingt sie, die Männer des Viertels zu durchschauen und Vorurteile zu hinterfragen. Der Roman zeigt, dass rassistische Gewalt lange vor einer Tat beginnt, oft in dem, was Eltern ihren Kindern beibringen und wessen Leid sie ernst nehmen.
Lehane schreibt präzise und ohne Pathos. Im Nachwort dankt er seinem Lektor, der ihn zu einem ökonomischeren, genaueren Stil gedrängt hat. „Sekunden der Gnade“ löst diese Vorgabe ein: Der Roman zeigt soziale Konflikte in Wohnungen, Kneipen, bei Polizeiverhören und auf Straßen, wo rassistische Spannungen und soziale Ungleichheit den Alltag bestimmen. Er zeigt, wo Beziehungen die Folgen von Gewalt abfedern, wo weiße milder beurteilt werden, wo Arme die Last tragen – und Schwarze oft selbst als Opfer noch beweisen müssen, unschuldig gewesen zu sein.
Sekunden der Gnade.
Diogenes.
ISBN: 978-3-257-24778-7.
400 Seiten. 14,00 Euro.