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Der Chinese

Buchautor_innen
Henning Mankell
Buchtitel
Der Chinese
Mankells neues Buch als Essay: spannende Überlegungen zu einem imperialistisch werdenden China. Als Krimi: zusammengeschusterte Konstruktion voller schlechtschließender Türen und klappernder Nieten.
Rezensiert von Fritz Güde

Ein neues Buch von Mankell, das grausig wie immer beginnt und Erwartungen auf einen Krimi weckt, die alsbald enttäuscht werden. Wallander fehlt, dessen pfiffiges Gehirn in Mankells bisherigen Romanen die Handlung zusammengehalten hat. In dem vorliegenden Werk finden sich vier - oder wenn man will - fünf Handlungsstränge, die nebeneinander herlaufen, aber mit heißer Nadel nur notdürftig zusammengeflickt wurden.

Der grausige Beginn: ein schon immer fast menschenleeres Dorf im Norden Schwedens wird durch eine grässliche Bluttat endgültig menschenleer. Die Ur-Einwohner, durch Heiraten alle miteinander verwandt, erliegen den Hinrichtungen. Es überleben ein spät zugezogenes Hippie-Pärchen und eine demente Oma, die zur Klärung nichts beitragen. Eine Richterin Birgitta aus Südschweden liest in der Zeitung von der Untat. Sie erinnert sich an den Namen des Dorfes, weil dort ihre Mutter zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Waise aufgenommen und erzogen worden war.

Handlungsstrang 2 und 3: Birgitta, die das Dorf besuchte, findet alte Tagebücher und Briefe aus dem 19.Jahrhundert. Ein schwedischer Vorarbeiter beim Eisenbahnbau in den USA vermeldet stolz seinen Aufstieg. Mit welchen Methoden der Unterdrückung schwarzer, chinesischer, indianischer und irischer Arbeiter er seine jämmerliche Karriere erkauft, verschweigt er. Zugleich existieren Aufzeichnungen eben eines dieser chinesischen Ausgebeuteten, der als einziger seiner Familie die harte Dienstzeit bis zur Entlassung überlebt hat. Er kehrt nach China zurück, bedient zunächst einen schwedischen Missionar, erschlägt ihn später als Heuchler und lebt als relativ wohlhabender Mann vom bei dieser Gelegenheit erbeuteten Geld. Sein Sohn wird Mitgründer der chinesischen KP. Gelesen werden diese Aufzeichnungen von Ya Ru, einem hohen Funktionär der Partei, zugleich Multimillionär als Herr einiger echter und hunderter Scheinfirmen. Er will die geschändeten Vorfahren rächen.

Handlungsstrang 4: Birgitta war mit ihrer Freundin zusammen in jungen Jahren bei den schwedischen Maoisten. Diese werden freilich karikiert als Leute, die die Zeit damit verbringen, das kleine rote Buch zu schwenken, ohne einmal darin zu lesen. (Autobiographischer Rückblick: Aus jenen Tagen werden allenfalls in Deutschland die Leute des “Roten Morgen” verdächtigt, entsprechende Büchleinschwenker gewesen zu sein. KBW, KP-Rote Fahne und der - damalige - KABD versenkten sich ernsthaft in die elfenbeinfarbenen vier Bände der Gesamtausgabe von Maos Werken. Auch erinnere ich mich noch an ein schmales, aber bis heute empfehlenswertes Buch mit dem altertümlichen Titel: Vier Monographien. Darunter “Über die Praxis” und ”Über den Widerspruch”.) Andere Details aus den Erinnerungen der zwei jungen Maoistinnen wecken leichter Entsprechungen: etwa die Sommerschulungen in betont karger Umgebung und mit eindringlichsten revolutionären Gewissenserforschungen; oder die Fassungslosigkeit der müden Genossinnen um fünf Uhr vor dem Werkstor, denen die ebenso müden Arbeiter und Arbeiterinnen die flammenden Flugblätter vor die Füße warfen. Die Zeit in Birgitta zugeschüttet und mit Unkraut-Ex behandelt. So sehr, dass sie sich halbwegs mit der Antwort ihres Ehemanns zufriedengibt, der - auf die Frage, was blieb - zum Besten gibt: ”Wir rauchen weniger. Wir haben Computer und Handy” (S.290). Stehen die Dinge schon so verzweifelt, dass wir uns mit diesem Trost abzufinden haben?

Letzter Handlungsstrang: es stellt sich heraus, dass der chinesische Großmogul YA RU den Massenmord organisierte, um - in einer perversen Abart von Ahnenkult - den jetzigen Nachfahren des damaligen Vorarbeiters all das anzutun, was diese seinem Urgroßvater angetan hatten. Birgitta, die nach China fuhr, um ihrer Freundin Gesellschaft zu leisten, erfährt den Zusammenhang über Vertraulichkeiten der Schwester Hong des Anstifters zur Tat.

Ende gut, alles gut. Am Ende ist der Fall - halbwegs - gelöst. Der Ehemann begibt sich in medizinische Obhut, um die Ehebeschwernis - mangelnde Libido - seelenchirurgisch ausputzen zu lassen. Dass bei dieser Auflösung nur wenig zusammenstimmt, muss Mankell am Ende selbst aufgefallen sein. So verliert ein rotes Band am Ende jede Bedeutung, von dem auf den ersten zweihundert Seiten als Indiz das größte Aufheben gemacht wird, was Hauptfigur Birgitta stellvertretend für den Autor verschämt zu gestehen hat. Auf der Motivationsebene größte Verwirrung. Der verbissene Mörder YA RU soll zugleich der kaltblickende Imperialist sein, der nach englischem Vorbild betrügt, ausbeutet, die wahren Absichten verhüllt, nachdenkt über diskrete Transfermöglichkeiten von Kapital ins Mutterland. Cecil Rhodes durfte sich keine Sentimentalitäten erlauben, als er das damaligen Rhodesien für England erwarb. Mankell verwendet keinen Satz darauf, die angeblichen zwei Seiten in dem Chinesen zu verknüpfen. Es wird nicht einmal problematisiert, dass sie in dieser einen Person zugleich vorhanden sein sollen.

Soviel zum Krimi. Es ist als solcher einer der am lotterigsten gebauten Mankells, die ich kenne. Nun aber zum spannenden Teil: der Theorie.

Im Roman wird die Sitzung der höchsten Machthaber aus Partei und Staat geschildert, in der ein Problem gelöst werden soll. Wie können die Millionen immer noch oder wieder landloser Bauern befriedet werden, die vom Fabrik-Kapital in den Städten nicht aufgesaugt werden können. Müssen sie nicht am Ende zum kollektiven Aufstand antreten gegen eine Welt, die ihnen so geschlossen, so unbarmherzig entgegentritt wie im Kapitalismus die Unternehmerschaft. Ein Professor, lange freigestellt für diese Aufgabe, beginnt den vierstündigen Vortrag mit der landesüblichen Vorgeschichte. Aufstieg Chinas unter Mao, Sieg über die Japaner, Errichtung eines sozialistischen Staates. Mao, in höchster Verehrung stehend, wird als Staatsgründer akzeptiert. Nur zwei Fehler hat er leider begangen: Erstens den großen Sprung nach vorn inszeniert. (Ende der fünfziger Jahre) Dann die Kulturrevolution. Diese - nach der feinsinnigen Version des Redners - in dumpfer Wut gegen den nicht eingestandenen Fehler 1. Die Funktionäre damals warfen ihm Knüppel zwischen die Beine - in der Kulturrevolution rächte sich der sonst so erhabene große Steuermann. Gottseidank, dass Deng Tsiao Ping den Fehler korrigierte, kaum dass der Vorsitzende dahingegangen und vor “Marx getreten” war (Maos eigene scherzhafte Abwandlung von “vor Gott treten“).

Lösung des Problems: die Engländer nachahmen. Deshalb die Wahl von Zimbabwe, des früheren Rhodesien. Cecil Rhodes hatte genau den Gedanken gehabt: wir werden eine Revolution der Besitzlosen auf die Dauer nicht vermeiden können, wenn wir die Aufsässigen nicht außer Landes schaffen und als Farmer zu eigenem Erwerb bringen. Die Argumentation folgt fast wörtlich Lenins “Imperialismus als höchste Stufe”. Lenin beruft sich ausdrücklich auf Rhodes und seine Pläne. Ein Unterschied bleibt: Lenin wollte den Imperialismus zu Fall bringen, die hier vorgeführten Chinesen ihn neu erfinden.

Zwei reale Grundlagen der Erfindung Mankells: Wie z.B. “wildcat” aber auch viele andere Publikationen berichten, öffnet sich die Schere von Stadt und Land immer weiter. Offenbar gibt es fast täglich kleinere oder größere Aufstände von verzweifelten Landlosen. Von der Weltpresse und ihren Kapitaleignern nur weitgehend verschwiegen, um die chinesischen Machthaber nicht zu verärgern.

Dann: paradoxerweise die antikolonialistische Vergangenheit Chinas. Auch Russland hatte es leichter in der CSSR als anderswo, weil es einmal Befreier vom Faschismus gewesen war. Das hinderte die damals noch hellsichtigen Chinesen keineswegs daran, sie ab dem Einmarsch in Prag 1968 Imperialisten zu nennen.

Mankell, durchaus belesen in Maos Werken, kennt die Lehre vom unvermeidlichen Kampf zweier Linien innerhalb der Partei. Mankell siedelt diesen Kampf innerhalb derselben Familie an aus der herrschenden Clique. Hang, die Schwester des Multimillionärs, stellt sich seinen Bestrebungen entgegen und wirft ihm vor, mit seiner neuesten und letzten Wendung alles zu verraten, was die kommunistische Partei in fast sechzig Jahren aufgebaut hätte. Freilich - mit welchen Argumenten? Hong heißt die Politk eines Deng Hsia Ping aus vollem Herzen gut. Auch den Einsatz der Volksarmee gegen das Volk auf dem Tsienamen-Platz 89 findet sie nachträglich immer noch in Ordnung. Erst mit der Wendung zum offenen Imperialismus sieht sie den Kommunismus in Gefahr.

Das zeigt die Oberflächlichkeit einer solchen Version des Kampfs der zwei Linien. Wie hätte eine analysierende Kommunistin die Politik eines Deng für die nahtlose Fortsetzung derjenigen Maos halten können, da sie doch offene Auflehnung dagegen war. Um nicht gleich von Verrat zu sprechen. In Dengs enthemmter Hinwendung zum Kapitalismus wurzelt die Weiterentwicklung zum Imperialismus in China. Wie jeder andere Imperialismus der Geschichte hat er zur Voraussetzung einen durchgesetzten Kapitalismus mit den bekannten inneren Widersprüchen. Tatsächlich hatte zu Maos Zeiten und auch noch danach der Staat China zwar Krieg geführt - gegen Indien, gegen Vietnam. Niemals aber versucht, das militärisch Erworbene imperial auszubeuten. Die Armee zog sich jedes Mal ohne Landnahme zurück. In den früheren Tagen hatte sich China wie gesagt in Afrika einen guten Ruf erworben - als Unterstützerin im antikolonialistischen Befreiungskampf. Gerade auch im damaligen Rhodesien, heutigen Zimbabwe. Mankell sieht die Gefahr, dass genau dieser gute Ruf zur Verschleierung der neuen imperialen Absichten Chinas dienen kann. Den ansässigen Bürgerinnen und Bürgern zum Beispiel Mosambiks würde in Erinnerung an vergangene Großtaten Honig ums Maul geschmiert, um die zunehmende Einflussnahme und Beherrschung nicht als solche erkennen zu lassen.

Dieser Teil des Buchs als Analyse einer möglichen chinesischen Entwicklung ist durchaus spannend. Die Romanhandlung, in die der Autor ihn einwickelte, überflüssig und langweilig. Immerhin hat Mankells Roman ein Verdienst: So oberflächlich er die maoistische Bewegung von 1968 wiedergibt, so ernst nimmt er die Entwicklung der “Mao-Tse-Tung-Gedanken” in China und ihre dortige Entstellung genau durch die, welche Mao als die künftigen Feinde des Proletariats denunziert hatte. Mit den Worten Maos gegen seine Absichten kämpfen - das war schon der Trick der Dengs gewesen.

In aufgeklärten Kreisen gilt es inzwischen als angebracht, von Mao nur als Massenmörder zu sprechen - und alle zusammengetragenen Legenden sämtlicher Hasser genüsslich sich einzuverleiben. Vermutlich, um über die Bedrohung loszuwerden, die die chinesische Bewegung einst für die ganze bürgerliche Welt darstellte. Mankell hat immerhin ins Gedächtnis gerufen, welches Potential in den großen Gedanken jener Epoche jetzt noch enthalten ist. Es steckte vielleicht doch mehr hinter der chinesischen Revolution und ihren Vorkämpfern als Schlägerbande und Genickschussanlage.

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Die Rezension erschien zuerst im Juni 2008 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 12/2010)

Henning Mankell 2008:
Der Chinese.
Zsolnay und Deuticke Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-552-05436-3.
608 Seiten. 24,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Der Chinese. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/808. Abgerufen am: 19. 02. 2020 04:29.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Juni 2008
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Henning Mankell 2008:
Der Chinese.
Zsolnay und Deuticke Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-552-05436-3.
608 Seiten. 24,90 Euro.