Abgründe des Gesundheitswesens
- Buchautor_innen
- Zoë Beck
- Buchtitel
- Paradise City
Der ambitionierte Versuch eines gesellschaftskritischen und dystopischen Thrillers über das staatliche Gesundheitssystem bleibt leider hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Zoë Becks Romane scheinen in einer Literaturlandschaft, in der immer noch stark zwischen hoher belletristischer und einfacher unterhaltender Literatur unterschieden wird, einen kleinen Sonderstatus einzunehmen. Ihre Bücher erhalten regelmäßig übliche Krimipreise und werden vor allem dafür gelobt, einen besonders gesellschaftskritischen Anspruch des Genres geltend zu machen. Ihre Thriller arbeiten häufig mit dystopischen Elementen und Settings, die von plattformökonomischen Konflikten bestimmt sind – so auch ihr 2020 erschienener Roman „Paradise City“. Die Journalistin Liina gerät darin immer tiefer in eine politische Verschwörung innerhalb eines autokratischen Regimes, das seine Bevölkerung biopolitisch überwacht. Der dystopische Thriller zeigt, wie kritisches Schreiben innerhalb gegenwärtiger Krimikonventionen möglich ist, hat aber auch große Schwächen.
Paradise City als Gesundheits-Autokratie
„Paradise City“ spielt in einem Deutschland der Zukunft. Die Bevölkerung ist durch Pandemien und Klimakatastrophen massiv geschrumpft. Der Meeresspiegel steigt fortwährend an und der größte Teil der deutschen Bevölkerung lebt in einem zur Mega-City angewachsenen Frankfurt am Main. Dort herrscht, so scheint es, ein allgemeiner Wohlstand. Auch die Geschlechterverhältnisse scheinen sich verbessert zu haben. Typische bürgerliche Konventionen wie die traditionelle heteronormative Familie haben sich aufgelöst.
Bereits zu Beginn erfährt man jedoch:
„Die staatlichen Nachrichtenagenturen beherrschen die Medienlandschaft, unabhängiger Journalismus wird von den offiziellen Stellen möglichst in Verruf gebracht, natürlich mit dem Vorwurf, alles andere als unabhängig zu sein: Die Finanzierung ist nur noch durch private Geldspenden, teilweise aus dem Ausland, möglich.“ (S. 15)
Die Protagonistin Liina arbeitet für eines dieser wenigen Organe des unabhängigen Journalismus und kämpft aktiv gegen die Flut an Falschinformationen. Dafür verlässt sie Frankfurt und besucht die weniger besiedelten, ländlichen Randgebiete. Während einer Recherche zu eigenartigen Fällen von Hyänenangriffen häufen sich Selbstmorde in ihrem direkten Umfeld, denen Liina nun nachspürt. Nach und nach deckt sie die vertuschten Grausamkeiten der städtischen Eliten auf, in die sie und ihr Umfeld selbst stärker involviert sind, als sie zunächst glaubt.
Die nicht näher benannte Regierung setzt nämlich auf ein digitales, omnipräsentes Gesundheitssystem mit dem Namen KOS, das an die „Smartcases“ gekoppelt ist. Das sind Smartphone-ähnliche Apparate, welche sämtliche Bewegungen und Aktivitäten, selbst Urin- und Blutwerte aller Einwohner:innen überwachen und über eine KI auswerten. Per Drohnen werden dann Medikamente ausgeliefert. Dieses System führt zwar zu einer tatsächlichen Verbesserung der Lebensqualität, es werden aber auch regelmäßig unfreiwillige Abtreibungen vorgenommen. Zudem gibt es auch eine Gruppe an Leuten, die vom System ausgeschlossen werden: „Die Parallelen, so nannte man die Menschen, die nicht dazugehören wollten“ (S. 125). Die Frage lautet natürlich, ob „wollen“ in dieser exkludierenden Welt das richtige Wort ist?
Gescheiterer Dystopie-Roman
Große Teile des Buchs versuchen, erst einmal das prinzipiell spannende Szenario zu etablieren, so als ginge es eigentlich eher um dystopisches World-Building. Auch wenn Beck öffentlich klargestellt hat, dass sie den Roman bereits vor der Corona-Pandemie konzipiert und teilweise geschrieben habe, kommt man nicht umhin, ihn in diesem gesellschaftlichen Kontext zu lesen.
Das Problem dabei ist jedoch, dass diese Dystopie dafür zu unausgereift ist und auf Grauzonen verzichtet. Jede Person mit halbwegs liberalen politischen Einstellungen würde diese Welt ab Seite Eins ablehnen. Ein wirklich kritischer dystopischer/utopischer Roman, das haben etwa Ursula K. Le Guin oder Dietmar Dath gezeigt, löst aber gerade die strenge Dualität zwischen beiden Begriffen auf und verhandelt das ambivalente Verhältnis von Konstruiertheit und scheinbarer Naturhaftigkeit der Umwelt auf ästhetische Weise. So lassen sich etwa verschiedene Facetten einer Welt auch sprachlich verschieden beschreiben und grundlegend verfremden. Oder Perspektiven können gewechselt und auf den Kopf gestellt werden. Oder es können durch Parallelisierungen verschiedener Welten Ambivalenzen von Möglichkeiten und gleichzeitigen Beschränkungen ausgelotet werden.
Der Welt von „Paradise City“ fehlt aber bedauerlicherweise diese Komplexität, dafür ist der Roman sprachlich zu konventionell geschrieben und unnötig verworren konstruiert. Es gibt nummerierte Kapitel aber auch welche, die Namen von Figuren tragen, aber ohne dass diese sich sprachlich besonders abheben. Es sind einfach kleine eingebettete Textteile, die mehr über die Figuren verraten, aber nur selten zur Weltkonstruktion oder Handlung beitragen. Kritisches Potenzial, tatsächlich etwas über Biopolitik, Autokratien oder Gesundheitsdiktate zu sagen, geht dabei verloren. Zudem wirken die Figuren aufgrund der gleichtönig geschriebenen und sehr präsenten Dialoge relativ flach: „Ich dachte, das sei heikel…Wenn du jetzt auch noch stirbst, das wäre heikel“ (S. 43).
Vergeudung gesellschaftskritischer Potenziale
Eigentlich könnte der Genremix aus Dystopie und Kriminalroman interessante ästhetische Potenziale für eine Gesellschaftskritik entfalten. So schaffen es beispielsweise Detektivromane immer wieder, beides zusammenzubringen. Man denke an den Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ oder andere (Neo-)Noir-Variationen, in denen es wesentlich um das Verhältnis zwischen Individuum und einem undurchsichtigen kriminellen System geht. Auch in „Paradise City“ wirkt besonders die Verbindung zu einem gesundheitsautokratischen System, dessen repressiver Charakter sich erst nach und nach entfaltet, wie ein gelungenes Setting, um sich politische Fragen zu stellen. Der Thriller hätte durch seine stärker ins Offene angelegte Form, die sich im Gegensatz zum Detektivroman nicht über einen direkt identifizierbaren, theoretisch lösbaren Fall erstreckt, eindeutig Potenzial, mit Gefühlen von Ressentiment und Undurchsichtigkeit zu spielen. Leider bleibt dieses Potenzial ungenutzt.
Walter Benjamin schreibt in seinem Text zum Flaneur, dass das Interesse der Detektivgeschichte in einer logischen Konstruktion liege (vgl. Benjamin 2019: S. 544). In „Paradise City“ wiederum steht als Thriller weniger die Logik der Konstruktion im Vordergrund als die Konstruktion selbst, also die Welt der Gesundheitsautokratie und Frankfurt als Mega-City an sich.
So erscheint auch die Gesundheitsautokratie in „Paradise City“ weniger logisch, sondern fast bis zum Schluss vollkommen unergründlich. Besonders die Idee von Frankfurt als Mega-City passt dabei zu einem weiteren Aspekt des Kriminalromans, der ebenfalls von Walter Benjamin hervorgehoben wurde. Dieser schreibt: „Der ursprüngliche gesellschaftliche Inhalt der Detektivgeschichte ist die Verwischung der Spuren des Einzelnen in der Großstadtmenge“ (ebd., S. 546). Gerade dies könnte im Kontext einer Mega-City ein interessanter Punkt sein, woran der Roman jedoch scheitert, da nur selten kollektive Stellen beschrieben werden. Immer wieder wird sich auf die Protagonistin und ihr nahestehende Figuren konzentriert, was zum Schluss auch in eine sehr private Auflösung mündet, in der die eigentliche Unübersichtlichkeit vollkommen in die persönlichen Beziehungen der Protagonistin überführt wird.
Besonders in der Kopplung von Großstadt, Unübersichtlichkeit und Offenheit des Thrillers hätte der Roman vielleicht etwas Spannendes zum Themenkomplex eines staatlichen Gesundheitssystems beitragen können. Gerade weil der Thriller das meistgelesene Buchgenre in Deutschland ist, könnte man bestimmte breitere gesellschaftliche Ressentiments und Unsicherheiten durch die Verunsicherungen und Offenheit des Genres effektiv irritieren. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey schreiben in ihrem Buch „Gekränkte Freiheit“ mit Blick auf die Corona-Pandemie von einem neuen autoritären Liberalismus. Dieser schlägt sich in einem massiven Misstrauen gegenüber jeglichem staatlichen Handeln und einer ständigen Bedrohung persönlicher Freiheit und gesundheitlicher Selbstbestimmung nieder. Die beiden Autor:innen argumentieren, dass es sich bei diesem Verhalten um ein Resultat der neoliberalen Hegemonie der vorherigen Jahrzehnte handelt, in der eine unbedingte Autonomie des Individuums jeglicher kollektiver und zielgerichteter Kritik am bürgerlichen Staat entgegenwirkt und diesen sogar weiter stützt. Ein Thriller, der sich mit einer Gesundheitsautokratie auseinandersetzt und dazu noch zu Beginn der Pandemie erscheint, hätte gerade über die Möglichkeiten des dystopischen Settings einiges an Potenzial gehabt, solche Tendenzen im Verhältnis von Individuum und System kritisch aufzugreifen. „Paradise City“ lässt dieses Potenzial jedoch leider ungenutzt.
Zusätzlich verwendete Literatur:
Amlinger, Carolin / Nachtwey, Oliver 2022: Gekränkte Freiheit. Aspekte des Libertären Autoritarismus. Frankfurt. a.M: Suhrkamp.
Benjamin, Walter 2019: Abhandlungen. Gesammelte Schriften Band 1.2. Frankfurt a.M: Suhrkamp.
Paradise City.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-47157-9.
280 Seiten. 16,00 Euro.