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Staatsfeind Nr. 1: Kommunist

Buchautor_innen
Jan Jekal
Buchtitel
Paranoia in Hollywood
Buchuntertitel
Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941–1953

Film Noir, Schwarze Liste und McCarthyismus: Das spannende Sachbuch verbindet die Geschichte des Hollywood-Exils mit der antikommunistischen Verfolgung der Nachkriegszeit.

Die Traumfabrik Hollywood war stets beides: Spiegel ihrer Zeit und zugleich eskapistische Gegenwelt zum kapitalistischen Alltag. Die besondere Wirkmacht des klassischen Hollywood-Kinos zeigt sich unter anderem darin, dass seine Blütezeit in den 1930er Jahren – mit den großen Screwball-Komödien, Musicals und Western – ausgerechnet in die Zeit der Weltwirtschaftskriese, der Großen Depression und des aufsteigenden europäischen Faschismus fiel. Die Unterhaltungsfilme boten einem Millionenpublikum Zerstreuung und Hoffnung auf eine heile Welt, während sich die gesellschaftlichen Krisen zuspitzten. Diese Ablenkung war aber auch ein kulturelles Sedativum, damit das gemeine Volk nicht aufbegehrt.

In den 1940er Jahren bekam diese Fassade einer heilen Welt jedoch Risse. An die Stelle des großen Spektakels traten zunehmend düstere Stoffe. Im Film Noir verdichteten sich die Erfahrungen von Krieg, Gewalt und gesellschaftlicher Verunsicherung zu einer Bildwelt, die von Fatalismus, Entfremdung, Zynismus und Nihilismus geprägt war. Maßgeblich beeinflusst wurde diese Entwicklung von zahlreichen Filmschaffenden und Intellektuellen, die vor den Nazis nach Hollywood geflohen waren. Zunächst wurden sie von den Studios mit offenen Armen empfangen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten viele von ihnen jedoch selbst ins Visier einer antikommunistischen Hexenjagd der frühen Nachkriegszeit.

Red Scare in Hollywood

Die bewegende Geschichte dieser Exilgemeinschaft verwebt der Kulturjournalist Jan Jekal in seinem wunderbar geschriebenen Buch „Paranoia in Hollywood“ zu einem Panorama der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Seine hohe Kunst besteht darin, die zahlreichen Biografien zu einer ebenso spannenden wie beklemmenden Geschichte über den paranoiden Antikommunismus der Nachkriegszeit zusammenzuführen. So entsteht beinahe ein Politthriller über die Red Scare, deren politische und kulturelle Nachwirkungen bis in die Gegenwart der USA reichen.

Als Chiffren dieser antikommunistischen Hysterie stehen zwei Namen: J. Edgar Hoover, der langjährige Direktor des FBI, und der republikanische Senator Joseph McCarthy, dessen Name zum Synonym der politischen Hexenjagd wurde. Für sie galten Kommunist*innen als „unsichtbare Feinde, die unerkannt die Mitte der Gesellschaft infiltrieren“ (S. 97) und – angeblich im Auftrag Moskaus – die amerikanische Gesellschaft von innen heraus zersetzen.

Besondere Aufmerksamkeit richtete Hoover auf Hollywood:

„Hollywood ist Hoover ein besonderer Dorn im Auge: eine mächtige Industrie, die die öffentliche Meinung beeinflussen kann und ihre kommunistische Propaganda […] als harmlose Unterhaltung getarnt auf das Volk loslässt.“ (S. 97)

Die Filmindustrie erschien als ideales Einfallstor kommunistischer Einflussnahme. Man befürchtete, Hollywood sei durchsetzt von kommunistischen Sympathisant*innen und Parteimitgliedern. So machte sich jeder verdächtig, der auch nur im Ansatz von Klassenunterschieden und ökonomischen Verhältnissen sprach. In den Kriegsjahren hält sich das FBI mit seinen Ermittlungen zwar zurück, doch nach Kriegsende sollte sich dies schnell ändern. Insbesondere das HCUA (House Committee on Un-American Activities, dt.: Komitee für unamerikanische Umtriebe), das in den 1930er Jahren, die Bedrohung einer Unterwanderung der amerikanischen Gesellschaft durch Anhänger*innen des Nationalsozialismus ins Leben gerufen wurde, nimmt von nun an vor allem vermeintliche und tatsächliche Kommunist*innen ins Visier. Dass dieser Ausschuss zu einem der maßgeblichen Instrumente werden konnte, mit denen die hysterischen Verfolgungen der McCarthy-Ära durchgeführt wurden, ist dem rechtsradikalen Abgeordneten John E. Rankin zu verdanken. Ab 1945 steht das Komitee unter seiner Leitung. Höhepunkt dieser antikommunistischen Verfolgung war die Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg im Jahr 1953.

Schwarze Serie & Schwarze Liste

Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre waren zahlreiche europäische Filmschaffende und Intellektuelle in Hollywood äußerst willkommen. Die Studios profitierten vom künstlerischen Talent von Regisseuren wie Ernst Lubitsch, Billy Wilder oder William Wyler ebenso wie von Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich oder Schriftstellern wie Thomas Mann.

Viele Exilierte engagierten sich auch aktiv im antifaschistischen Kampf. Thomas Mann wurde zu einem der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen des Exils. Marlene Dietrich unterstützte die Alliierten mit Truppenbetreuungen und Werbekampagnen für Kriegsanleihen. Filme wie wie „To Be or Not to Be“ (dt.: „Sein oder Nichtsein“) oder „Casablanca“ beide von 1942 verpackten den Antifaschismus in das Gewand der Komödie beziehungsweise des Melodrams. Der deutsch-schweizerische Regisseur William Wyler, der 1943 einen Kassenhit mit dem Kriegsdrama „Mrs. Miniver“ landete – für den er sogar mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, stets ein Insigne für hegemoniale gesellschaftliche Relevanz – ging anschließend selbst zur Armee und drehte mehrere Filme über den Luftkrieg in Europa.

Auch wenn die Sowjetunion offiziell als Bündnispartner galt, ging es beim Kampf gegen den Faschismus stets um die Hegemonie der USA und des Kapitalismus. Mit Kriegsende wandelte sich das politische Klima schließlich grundlegend. Die Truman-Doktrin definierte den Antikommunismus zur außen- und innenpolitischen Leitlinie der Vereinigten Staaten und die USA als globale Ordnungsmacht. Für Hollywood hatte dies weitreichende Folgen: „Ab jetzt wird Kommunismus […] in Hollywood mit Arbeitslosigkeit und sozialer Ächtung bestraft.“ (S. 257) Vor allem Drehbuchautor*innen, Regisseur*innen und Produzent*innen aus der zweiten Reihe landeten auf schwarzen Listen und verloren jede Beschäftigungsmöglichkeit.

Einige wenige Stars blieben dagegen weitgehend unangetastet. Billy Wilder etwa, ein offen Linkliberaler hatte Dank seiner Kassenschlager weiterhin einen Freifahrtschein für seine Filme. Der wirtschaftliche Erfolg sticht die politische Überzeugung aus. Gerade seine Noir-Klassiker „Double Indemnity“ (dt.: „Frau ohne Gewissen“) von 1944, „Sunset Boulevard“ von 1950 sowie im Jahr darauf „Ace in the Hole“ (dt.: „Reporter des Satans“) fangen die Atmosphäre gesellschaftlicher Verunsicherung exemplarisch ein. Sie zeigen eine Welt, die vom wachsenden Gefühl des Fatalismus und der Entfremdung geprägt ist – eine Welt, in der individuelle Handlungsmacht zunehmend fragwürdig erscheint, obwohl auf politischer Ebene vermeintliche ur-amerikanische Werte hochgehalten werden. Im Film Noir regieren Mord und Totschlag und das Publikum folgt gebannt verkommenen und gebrochenen Charakteren. Die Grenzen zwischen Ordnungshüter*innen und Gangstern verschwimmen bis zu Unkenntlichkeit.

Zu den Profiteuren des politischen Klimas gehörten dagegen konservative Persönlichkeiten wie Walt Disney oder der spätere US-Präsident Ronald Reagan, die voll und ganz auf antikommunistischem Kurs fuhren. Auch wenn die Verfolgung von Kommunist*innen in Hollywood gegen Ende der 1950er Jahre nachließ, blieb der Antikommunismus der ideologische Kitt des Kalten Krieges. Wie auch die beiden erfolgreichsten Exportschlager der USA Filme und Waffen blieben.

Alles beim Alten

Im Epilog schlägt Jekal schließlich den Bogen zur Gegenwart. Einige rechtliche Grundlagen der McCarthy-Ära wirken bis heute nach. So verweist er auf den Immigration and Nationality Act von 1952:

„Nach dem Immigration and Nationality Act von 1952 können Menschen ohne Staatsbürgerschaft festgenommen und wegen einer Handlung, die zum Zeitpunkt ihrer Begehung legal war, abgeschoben werden. Zu den Abschiebegründen gehört die Mitgliedschaft in einer subversiven Organisation.“ (S. 366)

Die politischen Entwicklungen unter Trump sollte man aber nicht als eine Wiederholung von Geschichte verstehen, sondern als ein Kontinuum von Konflikten – Konflikte, die bis heute ungelöst sind. Sicherlich ist es eine Gefahr, bei Texten, die sich auf einen bestimmten historischen Moment konzentrieren, nur von diesen Augenblicken aus Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Doch der Antikommunismus steckt tief in der Ideologie der westlichen Welt und seiner Hegemonialmacht der USA. In welcher Weise er zutage treten kann, zeigt Jan Jekal mit seinem Buch auf eindrucksvolle Weise.

Jan Jekal 2026:
Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941–1953.
Matthes & Seitz Berlin.
ISBN: 978-3-7518-2103-2.
400 Seiten. 28,00 Euro.
Zitathinweis: Sascha Kellermann: Staatsfeind Nr. 1: Kommunist. Erschienen in: All Krimis Are Political. 80/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/nbKBY. Abgerufen am: 14. 07. 2026 23:06.

Zum Buch
Jan Jekal 2026:
Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941–1953.
Matthes & Seitz Berlin.
ISBN: 978-3-7518-2103-2.
400 Seiten. 28,00 Euro.