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Hippies Contra Cops

Buchautor_innen
Thomas Pynchon
Buchtitel
Inherent Vice

Die postmoderne Ode an die US-amerikanische Gegenkultur der 1960er und -70er beschwört zugleich das Entsetzen und den Terror von Macht und Herrschaft im Kapitalismus.

Los Angeles im Jahr 1970: Der Zenith der Hippie- und Surfkultur in den USA, von „Love and Peace“ und der Massenbewegung gegen den Vietnamkrieg ist überschritten. Wir befinden uns mitten im dialektischen Umschlag – die Zerstörung der utopischen Potenziale durch mörderischen Machtmissbrauch à la Charles Manson; zugleich der konterrevolutionäre Backlash unter dem seit 1969 amtierenden Präsidenten Richard Nixon, dem historischen Vorläufer von Donald J. Trump. Vor dem Hintergrund dieser historischen Gemengelage entwirft der us-amerikanische Meister des postmodernen Romans, Thomas Pynchon (geboren immerhin 1937), mit „Inherent Vice“ (2009) einen psychedelischen Crime-Thriller, der zugleich eine Ode an die Potenziale und Gelüste einer vergangenen Zeit ist.

Der Regisseur Paul Thomas Anderson, der seinen letzten Film „One Battle After Another“ (2025) an Pynchons „Vineland“ (1990) anlehnte, verfilmte im Jahr 2014 auch „Inherent Vice“. Der Titel des Buchs, ins Deutsche übersetzt mit „Natürliche Mängel“, deutet aber schon eine fundamentalradikale Richtung an: Das Laster, die Untugend, die Destruktionslust von Macht und Herrschaft sind kein Zufall, sondern dem System inhärent – und sie korrumpieren alles und jeden. Nicht umsonst der nostalgische Verweis im Roman auf Raymond Chandlers Philipp Marlowe, der literarischen Figur des hartgesottenen Privatdetektivs in einer zutiefst verdorbenen, krisengerüttelten Welt; und trotz anderer Zeit und Farben hört man den Continental Op aus Dashiell Hammetts „Red Harvest“ (1929) im Hintergrund raunen: „going blood-simple like the natives“. Und die rote Flüssigkeit, sie fließt auch in „Inherent Vice“ in Strömen.

Eine fröhlich-schaurige Achterbahnfahrt

Wir folgen dem Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello beim Versuch, den Liebhaber seiner Ex-Freundin – einen Multimillionär – vor einer Intrige seiner Ehefrau und ihres Liebhabers zu bewahren. So weit, so konventionell. Aber „Inherent Vice“ wäre kein Thomas Pynchon, würde er nicht schon auf den ersten Seiten damit loslegen, seine Romanwelt mit kuriosen und unheimlichen Gestalten zu bevölkern und die Frage nach den Grenzen und Inhalten der Realität zu verwirren: Ein jüdischer Nazi aus Deutschland, der Teil der Westside Hochdeutsch Mafia ist und von Bikern der Arischen Bruderschaft geschützt wird; ein gewaltgeiler schwedischer Cop mit TV-Star-Ambitionen; eine hartgekochte Immobilien-Tante mit toughen Ratschlägen; und extrem viel Cannabis.

Nur wenige Seiten später knallt es dann ordentlich. Die Welt gerät aus den Fugen, ausgerechnet in einem oralsexfixierten Massagesalon auf dem Gelände des neuesten Anschlags eines Immobilienhais auf die Umwelt: Tote, Verletzte, unbekannte organisierte Täter mit schweren Waffen und Kampferfahrung, falsche Verdächtigungen und Fährten in alle Richtungen. Und schließlich, in der altbekannten ins Paranoide abdriftenden Pynchon-Art, erhebt sich langsam ein schauriger Komplex aus Verweisen aus dem Dickicht der hin und her wabernden, psychedelisch-schillernden Entwicklung der Geschichte – die Golden Fang: eine Gang, ein Schiff, ein Büro-Tower, eine Anstalt, multilingual und in allem letztlich ein Codewort, eine Allegorie auf die Verstrickung von Macht, Kapital, Faschismus und Korruption, das Subjekt hinter allem und zugleich nur loses Netzwerk ohne Identität, das sich von der Verzweiflung derer nährt, die dem Leben im Kapitalismus entfliehen wollen.

Thomas Pynchon ist ein linker Autor. Die Verweise auf strukturellen Rassismus, auf die Macht des internationalisierten Finanzkapitals, dessen illegale Machenschaften vom Staat im antikommunistischen Kampf toleriert werden, die Organisationen von Black Power wie der Black Guerrilla Family und die Black Riots der 1960er, die Bürgerrechtsskandale und der Rechtsradikalismus der Polizei sowie schließlich die Zusammenarbeit von Staat und faschistischen Milizen aus radikalisierten Vietnam-Veteranen durchziehen den Roman. Gegen sie bringt sich eine bunte, vielfältige, multiethnische, sexuell diverse und äußerst frivole, zu jeder Uhrzeit bekiffte, gelegentlich auch auf Acid trippende, schließlich aber auch in Heroinsucht, Druffi-Bullshittalk, drogeninduzierte Pseudo-Erkenntnisse, Esoterik und hierarchische Sexkommunen abdriftende Multitude in Stellung. Pynchons Sympathien liegen offensichtlich bei Letzterer und er huldigt dieser in teils seitenlangen, mit der Storyline im besten Fall lose verbundenen Exkursen: Surferlegenden von epischen Wellenritten, dutzende Vignetten zu skurrilen Charakteren, Situationen und Capricen, wahnsinnige Acid-Trips zwischen Atlantis und Lemuria gemeinsam mit der vorsintflutlichen pazifischen Gottheit Kamukea oder ein Fressflash auf eine Joghurt-Papaya-Schweinefleisch-Marshmallow-Pizza mit „Denis, der sich reimt auf Penis“, dem Dealer Ensenada Slim und der Chakra-Lady Sortilège – die dunklen und bescheuerten Seiten der Gegenkultur der 1960er werden nicht verschwiegen.

Pynchon lässt uns beide Seiten der Postmoderne durchleben: das fröhliche, teils überintellektualisierte und manchmal bis in Blödsinn und Penälerhumor übersteigerte Freispiel mit allem, einerseits die Depression und die Panik über die Subversion zwischenmenschlicher Beziehungen und Potenziale durch selbstsüchtige, egoistische, zerstörerische Tendenzen und Interessenkoalitionen andererseits. Und schließlich lässt sich vielleicht eine sehr zentrale, fast schon Feelgood-Botschaft herausdestillieren: Es gibt keine Ausflucht aus dem kapitalistischen System, es ist überall, selbst im Drogeneskapismus – dennoch ist Solidarität möglich, sie ist sinnvoll, und sie kann etwas verändern, wenn auch manchmal nur im Kleinklein.

Allzu Zeitgenössisches

Am Ende ist „Inherent Vice“ ein Roman für Gelegenheitspostmodernist*innen wie mich und/oder für Leser*innen, die einen zugängliche(re)n Einstieg in die unendlichen Weiten der freiflottierenden Zeichen und ihres unheimlich-prekären Bezugs zu einer problematisch gewordenen Realität suchen. Also für die, denen der frühe Pynchon einfach zu dissoziiert, Wenedikt Jerofejew zu schwerdepressiv im Delir, Viktor Pelewin zu postsowjetisch und Jorge Borges zu verschachtelt ist. „Noch“, möchte man sagen, „traut euch ruhig, versucht doch hier den Anfang“, mag man hinzufügen. In „Inherent Vice“ dominiert die Existenz einer mehr oder minder klar erkennbaren Storyline und von Subjekten mit mehr oder manchmal auch sehr vermindert einheitlicher Identität – ein altersmildes Eingeständnis Pynchons an Leserlichkeit und Unterhaltung, so wie auch später in „Bleeding Edge“ (2013) und dem kürzlich erschienenen „Shadow Ticket“ (2025). Das glückt ihm durchaus. Wer kann, sollte den Roman im englischen Original lesen – der zwischen hard-boiled Neo-Noir, edgy cool und Hyperspace frei und assoziativ oszillierende Stil lässt sich kaum ins Deutsche übersetzen.

Bei aller postmodernen Subversion – Pynchon bleibt auch in diesem Roman ein knallharter Historiker mit beeindruckend weitläufigem Wissen. Wie auch für andere seiner Romane existiert eine eigene Wikiseite für „Inherent Vice“, die Kapitel für Kapitel, Buchseite für Buchseite all die Verweise auf Automodelle, Songtitel, Bands, Ereignisse, Debatten, Marken, Bekleidungsstile, Personen und vieles mehr der 1960er, die Pynchon offensichtlich alle minutiös kennt und in den Roman eingearbeitet hat, aufführt und einordnet. Glücklicherweise muss man das alles nicht unbedingt recherchieren; dem Autor gelingt es damit einfach gekonnt bis zur Meisterschaft, die Leser*in in die Atmosphäre seines Romans und das L.A. der späten 1960er Jahre zwischen Magenta und Grün, Blumenmustern, wilden Wirbeln einerseits und dunklen, uneindeutigen, üblen Verstrickungen und (Selbst-)Zerstörungsspiralen andererseits eintauchen zu lassen. Das macht viel Vergnügen, wie es einen auch erschaudern lässt – am unheimlichsten ist, wie aktuell alles wirkt.

Thomas Pynchon 2009:
Inherent Vice.
Penguin Books.
ISBN: 978-0143117568.
384 Seiten. 12,99 Euro.
Zitathinweis: Alp Kayserilioğlu: Hippies Contra Cops. Erschienen in: All Krimis Are Political. 80/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/vcRzo. Abgerufen am: 14. 07. 2026 23:07.

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Thomas Pynchon 2009:
Inherent Vice.
Penguin Books.
ISBN: 978-0143117568.
384 Seiten. 12,99 Euro.