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Der kapitalistische Ursprung

Buchautor_innen
Eric Williams
Buchtitel
Kapitalismus und Sklaverei

Die Abschaffung der Sklaverei war kein moralischer Fortschritt, sondern Ergebnis ökonomischer Interessen. Eric Williams' Klassiker zeigt, wie Sklavenhandel und Kolonialismus den Kapitalismus hervorbrachten.

Dass die Sklaverei eine ökonomische Institution von großer Wichtigkeit war und ihre Abschaffung keineswegs ein Akt der Menschenwürde, sondern der ökonomischen Notwendigkeit sowie die Folge von Aufständen, gilt unter Linken als Binsenweisheit. Wissenschaftlich untersucht hat diese erstmals Eric Eustace Williams. Williams war bis zu seinem Tod 1962 der erste Ministerpräsident des unabhängigen Trinidad und Tobago. 1944 wurde Williams’ ökonomische Studie unter dem Namen „Kapitalismus und Sklaverei“ erstmals veröffentlicht und diente als Grundlage unter anderem auch für die Untersuchungen Walter Rodneys. Erstmals in deutscher Übersetzung hat der Manifest Verlag nun die 1972 von Williams überarbeitete Fassung publiziert.

Zwar untersucht Williams vor allem den Sklavenhandel und die Sklaverei Großbritanniens, er hatte sich jedoch zu seiner Zeit vehement dagegen gewehrt, die Untersuchung im Titel lediglich auf eine Nation zu begrenzen. Denn Sklaverei und Merkantilismus, so die These des Buches, haben den Kapitalismus und das industrielle Zeitalter überhaupt erst in diesem Maße ermöglicht. Nach rund 100 Jahren erwies sich der Merkantilismus jedoch als verrottendes System, dessen profitierende Kapitalfraktionen die wirtschaftliche Entwicklung des British Empire blockierte und abgeschafft werden musste.

Merkantilismus: Die Wirtschaftsordnung Großbritanniens im 18. Jahrhundert

Das merkantilistischen System basierte auf einer Politik des Monopols. Der Merkantilismus lehnt den Freihandel zum Schutz der eigenen Wirtschaft ab und setzt auf Importbeschränkungen und Zölle für ausländische, besonders verarbeitete Waren. Wie so vieles wurde entsprechend auch der britische Sklavenhandel 1663 einem Monopol, der „Company of Royal Adventurers Trading to Africa“ auf 1000 Jahre anvertraut, die bald von der heute bekannteren „Royal African Company“ abgelöst wurde. Doch schon 1698 wurde das Monopol aufgelöst und der freie Handel mit versklavten Menschen als natürliches Rechts jeder*s Engländer*in anerkannt. Hinter diesem Freihandel stand vor allem die Riege der Pflanzer (von Zuckkerrohr) auf den westindischen Inseln.

Der Handel mit Versklavten war der Beginn des Dreieckshandels: Mit verarbeiteten Gütern beladene Schiffe legten in den rasant wachsenden britischen Hafenstädten wie Liverpool ab. Sie entluden die Waren in Afrika, wo sie versklavte Menschen „kauften“. Diese wurden in die Karibik und nach Mittelamerika deportiert, um dort auf dem entstehenden Plantagenwesen ausgebeutet zu werden. Vollbeladen mit Zucker und Baumwolle verließen die Schiffe den Westen wieder in Richtung Großbritannien.

Mit derselben Motivation, die die westindischen Pflanzer an den Tag legten, was den Freihandel mit Versklavten anging, engagierten sie sich 150 Jahre später gegen den Freihandel mit Zucker. Das Monopol hatte den Pflanzern ermöglicht, als einzige Zuckerlieferanten Großbritanniens hohe Preise zu halten, was den Zucker auf dem internationalen Markt nicht mehr konkurrenzfähig machte. Die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels oder der Boykott und die moralische Verurteilung des unter Sklavenarbeit produzierten und entsprechend billigen Zuckers auf der internationalen Ebene schien der britischen Politik ein Weg, den eigenen Zucker auch unter Monopolbedingungen konkurrenzfähig zu halten. Um den Sklavenhandel abzuschaffen, musste zudem das Land schon in Privatbesitz in Plantagen aufgeteilt und die Grundbevölkerung groß genug sein, um als doppelt freie Lohnarbeiter*innen auf den Plantagen ausgebeutet werden zu können.

Der Sklavenhandel baute die britische Industrie auf, so Williams’ These. Ohne den Reichtum, den man sich als Sklavenhändler und Eigentümer von Sklavenschiffen machen konnte, das schließlich in Investitionen der industriellen Produktion in Großbritannien gesteckt werden konnte, wäre eine Industrialisierung nicht möglich gewesen.

Destruktivität und Blockade der neuen Ordnung

Der Übergang vom Merkantilismus zur Epoche des Freihandels verlief keineswegs geradlinig und einfach. Die vom Monopol profitierenden Kapitalfraktionen, also insbesondere jene der westindischen Pflanzer (Zuckerproduzenten) nutzten ihre Lobby, um sich dem Freihandel mit Zucker zu widersetzen. Um die Profite hochzuhalten und ausländischen billigen Zucker zu bekämpfen, ließ sich die britische Regierung beispielsweise auf den Kolonialkrieg mit Frankreich ein (1792-1814), der fast weltumspannend zwischen den Imperien geführt wurde rund um die erträglichsten Kolonien wie beispielsweise Saint-Domingue, der oft in der Zerstörung der umkämpften Agrarflächen endete. Ein seinem Untergang gegenüberstehendes Kapital, analysiert Williams also, kann durch seine zuvor erlangte Verankerung einen blockierenden und disruptiven Effekt auslösen.

Einen weiteren Grundzug des Kapitalismus erkannte Williams in der Unfähigkeit der anarchischen kapitalistischen Wirtschaft, langfristig zu planen. So verloren viele der Kolonien nach wenigen Jahren der sklavenbewirtschafteten Monokultur ihre zunächst hohen Erträge, weil die Böden völlig ausgelaugt waren. Konkurrierende Kapitalfraktionen sehen jeweils nur ihre eigenen unmittelbaren und kurzfristigen Interessen. So werden die Produktivkräfte einer bestimmten Zeit von den unvergleichlich größeren Produktivkräften einer späteren Zeit verdrängt werden.

Rassismus und Sklaverei

Die Weißen seien für die Arbeit in den Tropen nicht geeignet, sie seien nicht in der Lage, in der Hitze zu arbeiten: Das war eine der Begründungen in der Entstehung des Sklavenhandels. Die Absurdität und den Rassismus dieser Argumentation zeigt Williams schon dadurch auf, dass die ersten Versklavten verurteilte, oft weiße englische Straftäter*innen waren, die als Strafe eine zeitlang in den Kolonien arbeiten mussten. Im Unterschied zu den versklavten Schwarzen wurden sie jedoch nach einiger Zeit zu freien Menschen und hatten sogar die Chance, ein eigenes Stück Land in der Kolonie zu bekommen (daher auch die Abschaffung dieses Systems – zum Einen gab es zu wenige Straftäter*innen für den steigenden Arbeitskräftebedarf, zum Anderen wurden die englischen Sklav*innen zu teuer und das Land zu knapp). Nicht der Rassismus hat die Entstehung der Sklaverei und des Sklavenhandels verursacht, sondern umgekehrt. Die auf den wirtschaftlichen Interessen am Sklavenhandel aufbauenden rassistschen Ideen wirken dabei noch bis heute nach.

Williams Arbeit und seine Ableitung vom Spezifischen auf das Allgemeine, ähnlich wie bei Lenin, ist heute so aktuell wie zur Zeit seiner Publikation. Es reiht sich in die Publikationen des Manifest Verlags und die Arbeiten von René Arnsburg und Bafta Sarbo zu materialistischer Rassismuskritik und Kritik des Kapitalismus im Generellen ein, wenn sie auch durch den Charakter als wissenschaftliche Arbeit natürlich heraussticht und ein hohes Niveau an Vorwissen erfordert.

Eric Williams 2025:
Kapitalismus und Sklaverei. Übersetzt von: Andreas Brandl.
Manifest Verlag.
ISBN: 978-3-96156-138-4.
345 Seiten. 22,00 Euro.
Zitathinweis: Yaro Allisat: Der kapitalistische Ursprung. Erschienen in: All Krimis Are Political. 80/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/j8aH9. Abgerufen am: 14. 07. 2026 23:07.

Zum Buch
Eric Williams 2025:
Kapitalismus und Sklaverei. Übersetzt von: Andreas Brandl.
Manifest Verlag.
ISBN: 978-3-96156-138-4.
345 Seiten. 22,00 Euro.