Am Käfig des Patriarchats rütteln
- Buchautor_innen
- Dahlia de la Cerda
- Buchtitel
- Reservoir Bitches
- Buchuntertitel
- Roman in Storys
Zwischen Narco, Feminizid und Armut zeigt der Erzählband die Komplexität gewaltgeprägter Lebensrealitäten von Frauen.
Zwischen Netflix-True-Crimes und Thrillern folgt die Darstellung von Gewalt gegen Frauen oft einem vertrauten Muster. Eine naive Frau wird Opfer eines monströsen Täters. Die Geschichte endet meist in dem Moment, in dem die Polizei „den Täter fasst“ und der Fall damit als gelöst gilt. Gewalt erscheint dadurch als individuelles Fehlverhalten einzelner Männer und nicht als Ausdruck struktureller Machtverhältnisse. Gerade diese Erzählweise macht patriarchale Gewalt oft unsichtbar: Die sozialen Bedingungen, die solche Taten hervorbringen, wie Misogynie, Armut und rassistische Ungleichheiten, verschwinden im Hintergrund. Mit dem Buch „Reservoir Bitches“ bricht Dahlia de la Cerda mit dieser Logik. Statt den Blick auf den Täter oder „spektakuläre“ Verbrechen zu richten, erzählt die Autorin von den Opfern selbst; von ihren Ängsten, ihrem Überleben, ihren Widersprüchen und ihrem Alltag innerhalb eines gewaltvollen Systems.
Der Erzählband versammelt lose miteinander verbundene Geschichten über unterschiedliche mexikanische Frauen: Von Influencer*innen bis zu Narco-Chefinnen, von Hausfrauen bis zu Sexarbeiterinnen. Manche träumen von Macht oder Sichtbarkeit, andere kämpfen schlicht darum, die nächste Woche zu überleben. De la Cerda schreibt über Feminizid, Abtreibung, Drogenhandel und extreme Armut, aber oft mit Ironie und einer beinahe beiläufigen Direktheit, die den Kontrast zwischen Alltag und Brutalität noch schmerzhafter macht. Zwischen Momenten von Viktimisierung und Handlungsfähigkeit entsteht ein komplexes Bild vom Leben von Frauen unter patriarchalen Bedingungen.
Komplexe Opferrollen und endriago-Subjektivitäten
Die Frauenfiguren in „Reservoir Bitches“ lassen sich kaum eindeutig mit vereinfachten Narrativen von Opfer und Täter*innen beschreiben. Sie bewegen sich vielmehr in einem Zwischenraum aus sozialer Verletzlichkeit und Notwendigkeit des Überlebens. De la Cerda unterläuft damit die Idee eines „perfekten“ Opfers. So entstehen Figuren, die in gewaltvollen Strukturen leben, sie durchqueren und dabei selbst Teil ihrer Dynamik werden. Diese Figuren lassen sich auch im Anschluss an die mexikanische Autorin Sayak Valencia verstehen. In ihrem Buch, „Gore Capitalism“, beschreibt sie endriago-Subjekte; Menschen, die von Gewalt betroffen sind, aber gleichzeitig an ihrer Reproduktion beteiligt bleiben. Genau wie De La Cerda geht Valencia über vereinfachte Konzepte von „individueller Schuld“ hinaus und verweist auf die Strukturen, die hinter Kriminalität stecken.
Diese Ambivalenz wird besonders in den Geschichten „Gott erbarme dich unser“ und „Gott hält sich da schon raus“ sichtbar. Erstere beginnt mit zwei Schwestern, deren Haus von einem Eindringling überfallen wird. Als zwei ältere und ledige Frauen leben sie allein in einem armen und extrem gewalttätigen Viertel und erzählen eine Geschichte sozialer Ausgrenzung: Der Ort, an dem sie früher lebten, wurde in eine teure Villengegend verwandelt, während ihr heutiges Viertel weder Zugang zu Wasser noch zu Strom hat, da es lediglich als „informelle Siedlung“ gilt. In der zweiten Geschichte bekommt die Person, die in ihr Haus eingedrungen ist, die Möglichkeit, ihre eigene Seite der Geschichte zu erzählen: In einer Sprache voller Schimpfwörter und Slang schildert ein extrem armes junges Mädchen die finanziellen Probleme ihrer Familie und ihren Weg in ein kriminelles Leben. De la Cerda zeigt hier die Gleichzeitigkeit der Gewalterfahrungen, die die Protagonistinnen beider Geschichten erleben, wie sich die unterschiedlichen Realitäten marginalisierter Menschen gegenseitig beeinflussen und vor allem, wie wirtschaftliche Ungleichheit und Rassismus Frauen aus der Arbeiterklasse ebenso verletzt wie patriarchale Gewalt.
In „Yuliana“ und „Regina“ werden die Grenzen zwischen Vulnerabilität und aktiver Gegenhandlung von Frauen noch komplexer. In beiden Erzählungen wird das Spannungsverhältnis zwischen narco-geprägten Machtstrukturen und der prekären Position von Frauen in diesem Umfeld sichtbar. Yuliana ist in diese Logik bereits hineingeboren, während Regina, die Tochter eines Politikers, sich ihr im Verlauf der Handlung annähert. Beide bewegen sich innerhalb eines Systems, das von sozialen Ungleichheiten und extremer Gewalt durchzogen ist. Gleichzeitig schützt sie ihre Macht nicht davor, weiterhin verschiedenen Formen patriarchaler Gewalt ausgesetzt zu sein. Reginas Geschichte sticht dabei besonders hervor: Nach ihrem Tod durch einen Feminizid in der Geschichte „Yuliana“ kehrt sie erzählerisch aus dieser Perspektive zurück und rekonstruiert ihre eigene Version der Ereignisse in „Regina“. Yuliana wiederum überschreitet die Grenze zwischen Opfer und Handlungsmacht, indem sie den Mord an ihrer Freundin rächen lässt und einen Auftragskiller engagiert. Mit Ironie, Brutalität und kleinen Momenten von Zärtlichkeit zwischen Freundinnen schafft de la Cerda Narrative, die gleichzeitig die Brutalität des Narco-Systems sowie die widersprüchliche Rolle von Frauen innerhalb seiner Machtstrukturen offenlegen.
Geschichten erzählen, Knochen ausgraben
„Mexiko ist ein frauenfressendes Monster“ (S. 171) schreibt Dahlia de la Cerda in der letzten Geschichte „Die Knochensammlerin“. Dort schreibt die Autorin verletzlich und auf sehr persönliche Art über eine ermordete Freundin, Claudia. Durch eine Mischung aus Brief, Tagebucheintrag und Facebook-Post verarbeitet sie ihre Wut und verbindet das Persönliche mit kollektiver Erfahrung von Frauen in Mexiko. Sie erinnert sich an ihre Freundschaft, ihre schönen Zeiten und vor allem an Claudias Humor und Persönlichkeit, die immer in kleinen Momenten im Text durchscheinen, wie: Es „ist mir eingefallen, wie kitschig und bescheuert du das fändest“ (S. 151). De la Cerda vergleicht sich selbst mit der mexikanischen mythischen Gestalt der Knochensammlerin (La Huesera), die die Knochen von Wölfen ausgräbt, die sich dann in Frauen verwandeln und frei gehen können. Genauso sieht sie ihre Aufgabe als Autorin: die Geschichten von Frauen zu erzählen, die komplexen Wahrheiten und das System dahinter auszugraben.
Die Perspektive der strukturellen Gewalt zieht sich durch den gesamten Band. Wenn Gewalt gegen Frauen in den Medien oft nur als schockierender Einzelfall erscheint, erinnert „Reservoir Bitches“ daran, dass sie sich nicht auf das Individuelle reduzieren lässt, sondern immer schon strukturell verankert ist. Deshalb lässt sich die Frage nach Veränderung nicht in den vereinfachten Kategorien von Schuld und Kriminalisierung beantworten. Zwischen Wut, Humor und Schmerz entsteht eine Erzählung, in der weibliche Überlebensstrategien sichtbar werden und Gewalt in ihrer Vielschichtigkeit aufscheint. Genau darin zeigt sich, dass der Käfig des Patriarchats nicht unveränderlich ist, sondern sich durch Erzählen und Erinnern ins Rütteln bringen lässt.
Zusätzlich verwendete Literatur
Valencia, Sayak (2018): Gore Capitalism: Necropractices, Violence, and Survival in the Global South. semiotex(e), South Pasadena/CA.
Reservoir Bitches. Roman in Storys. Übersetzt von: Johanna Malcher.
CulturBooks Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-95988-245-3.
184 Seiten. 22,00 Euro.