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Große Hülle, kleiner Kern

Buchautor_innen
Byung-Chul Han
Buchtitel
Topologie der Gewalt
Das Buch fokussiert die veränderten Formen der Gewalt und bleibt letztlich grobschlächtig.
Rezensiert von Sebastian Friedrich

Seit jeher beanspruchen vor allem Intellektuelle für sich, eine in ihren jeweiligen Spezialbereichen grundlegende paradigmatische Wende ausfindig gemacht zu haben. So sprechen etwa Bildwissenschaftler_innen vom ‚iconic turn‘, Raumforscher_innen vom ‚spatial turn‘ und einige (Post-)Diskurstheoretiker_innen grenzen sich von der Tradition des ‚linguistic turn‘ ab und rufen zugleich den ‚material turn‘ aus. Um bei all diesen grundlegenden Grundlegungen nicht die Übersicht zu verlieren, bietet es sich an, bei solchen Werken die Vehemenz der Abgrenzung zum Etablierten mindestens durch den Faktor drei zu teilen, um die häufig durchaus interessanten Erkenntnisgewinne besser filtern zu können und sich nicht durch weite Gewänder vom dahinter liegenden Inhalt ablenken zu lassen. Hohe Konjunktur haben bereits derzeit die ‚turns‘, die sich mit veränderten Regierungsformen im Sinne von veränderten Macht- und Herrschaftsverhältnissen befassen. Es besteht Einigkeit dahingehend, dass sich die Gesellschaft, in der wir leben, grundlegend geändert hat. Byung-Chul Han ist auch eine derjenigen, die sich in den letzten Jahren Gedanken über die veränderte Gesellschaft gemacht haben. Er schrieb bereits zwei Essays mit den Titeln „Müdigkeitsgesellschaft“ (2010) und „Transparenzgesellschaft“ (2012, Rezension in: kritisch-lesen.de #18). Zwischen diesen Texten erschien im Jahr 2011 das Buch „Topologie der Gewalt“, in dem er seine Ideen auf ein theoretischeres Fundament stellt.

Gewalt der Positivität

Laut Han hätten wir es in den vergangenen Jahrtausenden und Jahrhunderten vor allem mit einer Gewalt der Negativität zu tun gehabt, während wir heute vor allem mit einer Gewalt der Positivität konfrontiert seien. Bisher war sie offen sichtbar und diente damit auch als Abschreckung, doch die neue Form der Gewalt sei vor allem eines: unsichtbar, diskret statt direkt, psychisch statt physisch, medial statt martialisch und viral statt frontal (S. 15). Die Folge für die Menschen sieht Han darin, dass das spätmoderne Leistungssubjekt niemandem mehr außer sich selbst unterworfen sei, was sich etwa in fortwährender Leistungsbereitschaft ausdrückt. Hier ist der Link zu Hans Vorstellung der „Müdigkeitsgesellschaft“: In der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft beuten sich die Leistungssubjekte permanent selbst aus – bis sie ausbrennen.

Diese These wird in zwei Teilen ausgebreitet, in denen es um die Makro- und die Mikrophysik der Gewalt geht. Han setzt sich dabei mit vielen aktuellen und klassischen Theoretikern auseinander und erläutert, warum viele davon aus seiner Sicht aus einer Perspektive der negativen Gewalt heraus argumentieren. Dabei kommt insbesondere Giorgio Agamben schlecht weg, da er immer noch gedanklich einer Gesellschaft der Negativität verhaftet sei. Im zweiten Teil widmet sich Han vielen zumindest in ‚Westeuropa‘ beliebten Theoretikern: Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Slavoj Žižek, Gilles Deleuze, Félix Guattari und Antonio Negri. Dabei scheint Han die unterschiedlichen Ideen lediglich als Aufhänger nutzen zu wollen, um seine These in nicht enden-wollendem Gleichklang zu wiederholen: Repeat-Knopf statt weiterführender Argumentationsstränge.

Verengte Analyse

Dabei sind die Ansätze bei Han alles andere als uninteressant. Die Leistungsideologie durchzieht mittlerweile bei einigen Menschen sämtliche Lebensbereiche: Körperlich fit sein bedeutet leistungsfähig sein, nie Zeit zu haben bedeutet Erfolg zu haben. Allerdings ist „Topologie der Gewalt“ im Vergleich zu anderen Beiträgen weder neu noch überzeugend. Foucault hat etwa insbesondere in seinem Arbeiten zu Gouvernementalität schon dreißig Jahre vorher dazu gearbeitet – diese Arbeiten streift Han nur am Rande. Insgesamt fällt auf, dass er zwar in der Breite auf sehr viele Intellektuelle eingeht, sie aber in der Tiefe kaum fassbar darstellt. So befasst er sich zwar mit dem „Anti-Ödipus“ von Deleuze und Guattari, blendet aber das mittlerweile breit rezipierte „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ von Deleuze (1993) vollkommen aus. Darin hat Deleuze in wenigen Zeilen angelehnt an Foucault konstatiert, dass die Kontrollgesellschaften dabei seien, die Disziplinargesellschaften abzulösen. An einer Stelle schreibt Han auch von Kontrollgesellschaften (S. 134), allerdings ohne sich auf Deleuze zu beziehen.

Hans Perspektive ist zudem verengt, auch wenn er auf den ersten Blick sehr weit erscheint. Das zeigt sich etwa in der Auseinandersetzung mit Hardt und Negri, denen er vorwirft auf Grundlage „historisch überholter Kategorien wie Klasse und Klassenkampf“ (S. 153) zu argumentieren. Klassenkampf sei aber gar nicht mehr angebracht, weil es schlicht keine Klassen mehr gebe.

Daher habe etwa auch Žižek unrecht, da er ebenfalls von objektiver Gewalt ausgehe und somit am Negativitätsmodell festhalte. Zizek „entgeht jene systemische Gewalt, die ohne Herrschaft stattfindet, die zu einer Selbstausbeutung führt, eine Gewalt, die nicht nur einen Teil, sondern die Gesamtheit einer Gesellschaft betrifft“ (S. 106, Herv. i.O.). Alles falsch, denn: „Die Leistungsgesellschaft als Dopinggesellschaft kennt keinen Klassen- oder Geschlechterunterschied.“ (Ebd.) Sowohl topdogs als auch underdogs seien vom Leistungs- und Optimierungsdiktat erfasst. Hier zeigt sich ein wesentliches Problem bei Hans Ausführungen. So interessant sie stellenweise sind, sie ignorieren die Empirie. Angenommen man folgt Han und konzipiert die Gesellschaft als eine, in der alle vom Leistungsdiktat in irgendeiner Weise betroffen sind, so gibt es darin dennoch Unterschiede. Ein Top-Manager (männliche Form reicht hier wohl aus) oder ein_e Call-Center-Mitarbeiter_in stehen jeweils gehörig unter Druck. Der eine hechelt vielleicht von Meeting zu Meeting, hat unerhört lange Arbeitstage, der oder die andere hat stets die Kontrollen durch Vorgesetzte im Nacken, ja genügend Abschlüsse zu machen, und – damit keine Zeit verloren geht – wird nach Beendigung des einen Telefonats sofort eine neue Nummer gewählt oder ein Anruf aus der Warteschleife durchgestellt. Dennoch unterscheiden sich die Lebenslagen der beiden Personen fundamental – ganz offensichtlich sitzen sie nicht im selben Boot, sondern schippern auf unterschiedlichen Ozeanen. Und auch von Burnout sind im Gegensatz zu Hans Annahme nicht alle gleich betroffen. Erst kürzlich zeigte die „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS), dass das Burn-out-Syndrom mit der Höhe des sozioökonomischen Status (SES) steigt. Laut der Studie sind 2,6 Prozent der Menschen mit niedrigerem SES betroffen, während es bei Menschen mit höheren 5,8 Prozent sind (DEGS 2012, S. 8). Es bleibt zudem die Frage, wer sich in prekären oder sogar ‚illegalen‘ Beschäftigungsverhältnissen ein Burn-out ‚leisten‘ kann. Oder ob es in der ‚Dopinggesellschaft‘ nicht gerade Frauen und People of Color beziehungsweise Migrant_innen sind, die im Niedriglohn- und im informellen Sektor arbeiten. Fragen wie diese reißt Han nicht an.

Schematischer Blick

Dem sehr schematischen Blick Hans auf diagnostizierte grundsätzliche Umwälzungen entgehen auch die Ausschließungen fern der vermeintlich Eingeschlossenen. Es sind nicht alle Menschen Top-Manager, Grafikdesigner_innen, Architekt_innen oder auch Call-Center-Agent_innen. Han meint:

„Das Gehorsamssubjekt und das Disziplinarsubjekt haben den Anderen gegenüber, der sich als Gott, als Souverän oder als Gewissen manifestiert. Sie sind einer äußeren Instanz unterworfen, von der nicht nur Repression oder Bestrafung, sondern auch Gratifikation ausgeht. Das Subjekt der Leistungsgesellschaft ist dagegen von einer narzisstischen Selbstbezüglichkeit geprägt. Aufgrund der ausbleibenden Gratifikation durch den Anderen wird es dazu gezwungen, immer mehr Leistung hervorzubringen. Auch die Negativität des Anderen, die noch dem Konkurrenzverhältnis innewohnt, fehlt dem Leistungssubjekt, denn es konkurriert letzten Endes mit sich selbst und sucht sich selbst zu überbieten. Es kommt dadurch zu einem fatalen Wettlaufen und endlosen Kreisen um sich selbst, das irgendwann zum Zusammenbruch führt.“ (S. 64)

Hier übersieht Han die in den letzten Jahren stärker gewordenen Ausgrenzungsdiskurse. Erinnert sei an die ‚Sarrazindebatte‘, als mit einer Mischung aus (antimuslimischem) Rassismus und Klassismus Politik gemacht wurde; oder an den seit Mitte der 2000er Jahre etablierten Diskurs um ‚Neue Unterschicht‘. In diesem Diskurs werden Sozialleistungsabhängige entweder als faul, frech, dreist beschrieben oder ihnen nicht nur die ‚Leistungswilligkeit‘, sondern in biologistischer Weise die ‚Leistungsfähigkeit‘ in Abrede gestellt. Stärker werden in Deutschland auch die Abwertungen gegenüber Südeuropäer_innen und Sinti und Roma. Die verschiedenen Ausgrenzungsdiskurse haben zwar unterschiedliche Effekte und Funktionen, dennoch verweisen die Markierungen der „Anderen“ immer auch auf das Bild des „Eigenen“. Dies wurde in der Rassismusforschung an vielerlei Stellen treffend beschrieben: Wenn etwa als Muslime identifizierte Menschen als rückständig, unzivilisiert und undemokratisch beschrieben werden, bedeutet das in der Dichotomie „Okzident“ und „Orient“ immer zugleich auch, dass – der kulturalistischen Denkweise folgend – eine „westliche“ Gesellschaft als fortschrittlich, zivilisiert und demokratisch/aufgeklärt konzipiert wird. Ähnlich – wenn auch nicht simultan übersetzbar – ist das bei Abwertungen von Sozialleistungsabhängigen, die etwa als „faul“ beschrieben werden. Eine solche Kategorisierung stärkt das bürgerliche Selbstverständnis vom „Leistungsträger“. Anders gesagt: Jenseits von einer möglicherweise stattfindenden Konkurrenz „mit sich selbst“ sind es vor allem strukturelle Ungleichheitsverhältnisse, durch die „Leistung“ als weiß, männlich und bürgerlich vorgeprägt wird.

Hans Werk erfasst vieles nicht, da auch er beim Versuch, grundlegende Veränderungen zu beschreiben, zwei Pole aufmacht: Die gegenwärtige „Leistungsgesellschaft“ und die endgültig vergangene Gesellschaft. Verschiedene Gewalten treten allerdings nie in Reinform auf, vielmehr scheinen Macht- und Herrschaftsverhältnisse vor allem stark, wenn es gelingt, verschiedene Formen der Gewalt zu vereinen. Hans Blickfeld bleibt insgesamt zu schmal. Vom Versuch, seine populären Ideen auf theoretischere Beine zu stellen, bleibt nur wenig Substanzielles an Überlegungen übrig, auch wenn die Stoßrichtung bisweilen interessant sein mag.

Zusätzlich verwendete Literatur

Gilles Deleuze 1993: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: Gilles Deleuze: Unterhandlungen 1972-1990. Suhrkamp, Frankfurt a.M., S. 254-262.

Byung-Chul Han 2010: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz, Berlin.

Byung-Chul Han 2012: Transparenzgesellschaft. Matthes & Seitz, Berlin.

B.-M. Kurth / Robert Koch-Institut, Berlin 2012: Erste Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS). Online einsehbar hier.

Byung-Chul Han 2011:
Topologie der Gewalt.
Matthes & Seitz, Berlin.
ISBN: 978-3-88221-495-6.
192 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Große Hülle, kleiner Kern. Erschienen in: Polizei im Rassismus. 21/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1059. Abgerufen am: 23. 09. 2019 11:36.

Zum Buch
Byung-Chul Han 2011:
Topologie der Gewalt.
Matthes & Seitz, Berlin.
ISBN: 978-3-88221-495-6.
192 Seiten. 19,90 Euro.