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Widerstand heißt Leben

Buchautor_innen
Sakine Cansız
Buchtitel
Mein ganzes Leben war ein Kampf - Bd. 2
Buchuntertitel
Gefängnisjahre
Die Biographie offenbart, wie die kurdische Freiheitsbewegung auch im Knast weiterlebt.
Rezensiert von Tom Gath

Wenn heute über die Errungenschaften der von der PKK inspirierten kurdischen Freiheitsbewegung diskutiert wird, führt kaum ein Weg an ihrer feministischen Dimension vorbei. Egal, ob über mutige Kämpferinnen gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) in Rojava, über die paritätische Besetzung der leitenden Positionen in sämtlichen Gremien der kurdischen Selbstverwaltung oder über autonome Frauenorganisationen zur Schlichtung von familiären Konflikten berichtet wird: Die Befreiung der Frau scheint eine natürliche Einheit mit der Befreiung des kurdischen Volkes zu bilden. Dass diese heute so selbstverständlich scheinende Einheit aber – wie jeder emanzipatorische Fortschritt, auch innerhalb von linken Bewegungen – als Ergebnis eines harten Kampfes gedeutet werden muss, gerät dabei häufig aus dem Blick.

Eine der wichtigsten – und seit ihrer Ermordung durch den türkischen Geheimdienst in Paris im Jahr 2013 auch symbolträchtigsten – Protagonistinnen dieses Kampfes war Sakine Cansız. In ihrer dreibändigen Biographie rekonstruiert sie die Entstehung der kurdischen Frauenbewegung aus sehr persönlicher und schonungslos offener Perspektive. Während der erste Band ihren Werdegang von einem durchschnittlichen (zaza-)kurdischen Mädchen zu einem von zwei weiblichen Gründungsmitgliedern der PKK behandelt und der dritte Band seltene Einblicke in das Guerillaleben der 1990er Jahre bietet, spielt sich der hier rezensierte zweite Band ausschließlich während ihrer elfjährigen Gefangenschaft in türkischen Gefängnissen ab.

Diese elf Jahre waren geprägt von unzähligen Prozessen, mehreren Fluchtversuchen, der Erfahrung des Verrats von ehemaligen Genoss*innen und nicht zuletzt von grausamer Folter. Die Beschreibung der konkreten Ereignisse in Cansız‘ Haft stellen ein historisch wertvolles und zumindest in deutscher Sprache sicherlich einmaliges Zeitdokument der türkischen Gefängnispolitik der 1980er Jahre dar. Der Detailreichtum und die Nennung unzähliger Namen können eine*n Leser*in ohne ausführliche Kenntnis der PKK-Geschichte dabei schnell überfordern. Wird das Buch aber weniger mit einem Blick auf die historischen Fakten gelesen, sondern mit einem Fokus auf die persönlichen Reflexionen der vielfältigen Widerstandsformen, so treten viele universelle Erkenntnisse über den Umgang mit Knästen und anderen Arten der politischen Repression zu Tage.

Kollektiver Widerstand

Zunächst einmal sei hier die kollektive Organisierung unter den stark begrenzten Möglichkeiten innerhalb der Gefängnisse genannt. Auch bedingt durch die Vielzahl von inhaftierten PKK-Aktivist*innen, war Cansız nie dauerhaft zu vollständiger Isolation verdammt. So war es den Gefangenen möglich, eigene gefängnisinterne Strukturen aufzubauen. Diese dienten einerseits der Durchsetzung von besseren Haftbedingungen (etwa durch landesweit koordinierte Hungerstreiks) und andererseits der Fortführung der politischen Arbeit. Zwar wurden diese Strukturen vom türkischen Staat – mittels der Verlegung einzelner Häftlinge – kontinuierlich versucht zu zerstören; aber eben auch immer wieder durch die unermüdlichen Organisierungsbestrebungen der PKKler*innen neu aufgebaut.

Nicht minder wichtig für den elf Jahre aufrecht gehaltenen Widerstand von Sakine Cansız war der ständige Kontakt nach außen. Die eingeschmuggelten Parteianalysen und rausgeschmuggelten Berichte über die Vorgänge innerhalb der Gefängnismauern vermittelten dabei stets ein Gefühl der Zugehörigkeit und ließen die Vereinzelungs- und Spaltungsversuche der Gefängnisleitungen ins Leere laufen. Und ohne Material und Werkzeug von außen wären auch die damals zahlreichen, im Fall von Cansız aber leider knapp gescheiterten Tunnelgrabungen undenkbar gewesen.

Ein weiterer wichtiger Effekt dieses Außenkontakts war die Mobilisierung der häufig entpolitisierten kurdischen Bevölkerung. Viele Familien sind erst durch die Konfrontation mit der entwürdigenden Behandlung ihrer Angehörigen zu einem politischen Bewusstsein über ihre kolonisierte Lebensrealität gelangt.

Individueller Widerstand

Dass diese Formen des kollektiven Widerstands zwar eine notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung für das psychische Überleben von Gefangenen ist, zeigt das Schicksal vieler Weggefährt*innen von Sakine Cansız: Unzählige Aktivist*innen konnten dem seelischen Druck sowie den körperlichen Qualen nicht standhalten. Sie liefen entweder zum Feind über oder verfielen einer Apathie, die nicht selten auch zum physischen Tod führte. Im dritten Band der Biographie von Cansız wird darüber hinaus deutlich – und auch das dürfte eine universelle Erfahrung von Häftlingen sein –, dass selbst nach einer überstandenen Gefangenschaft die erlittenen Verletzungen als nahezu unüberwindliches Hindernis bei der Reintegration in ein freies Leben erscheinen können.

Sakine Cansız konnte den Kampf während und nach ihrer Haft gewinnen, ohne auch nur einen Zentimeter von ihren Idealen abzurücken. Zweifellos hatte ihr starker Wille und ihre widerständige Persönlichkeit einen erheblichen Anteil an diesem Sieg.

Unabhängig davon lassen sich aus ihren Beschreibungen aber auch ganz allgemeine Strategien gewinnen, die auch in anderen Kontexten als Inspiration für den Umgang mit staatlicher Gewalt nützlich sein können. So begegnete Cansız den Polizist*innen und Justizbeamt*innen stets mit einer selbstbewussten Haltung. Sie hat ihre politischen Überzeugungen nie verborgen und sich konsequent zu ihrer revolutionären Identität bekannt. Diese renitente, aber dennoch kontrollierte Art – sie wurde nicht beleidigend, aber auch nie unterwürfig – hat ihr selbst bei den hasserfülltesten Folterern einen gewissen Respekt eingebracht und ihr im fremdbestimmten Knastleben ein Restgefühl der Autonomie bewahrt.
Auch Selbstdisziplin – im Sinne von bestmöglicher Ordnung und Hygiene, regelmäßigem Sport oder festen Zeiten für Schreibarbeit – wird von ihr als Methode gegen die drohende und vom Staat strategisch anvisierte geistige Verwahrlosung beschrieben.

Deutsche Zensur

Fernab vom Eintauchen in das Leben einer außergewöhnlichen Frau lohnt sich ein Blick in die Biographie auch deshalb, um einen Eindruck zu bekommen, vor welchen Inhalten der deutsche Staat sich fürchtet. Über den Umweg des Vereinsgesetzes hat Bundesinnenminister Horst Seehofer 2019 den Mezopotamien Verlag, der neben kurdischen Sprach- und Kinderbüchern auch die Biographie von Sakine Cansız publiziert hat, verboten und mehrere LKW-Ladungen Bücher beschlagnahmen lassen. Diese politisch motivierte Zensur von strafrechtlich nicht relevanten Veröffentlichungen dürfte in der Geschichte der BRD (zumindest in dieser Dimension) einmalig sein.

In einer solidarischen Reaktion hierauf haben sich die deutschsprachigen Verlage Mandelbaum, Unrast und edition 8 zusammengeschlossen und unter dem Titel Edition Mezopotamya Teile des Verlagsprogramms neu herausgegeben. Auch die Lebens- und Kampfgeschichte von Sakine Cansız ist seitdem wieder für die kritische Öffentlichkeit zugänglich.

Sakine Cansız 2019:
Mein ganzes Leben war ein Kampf - Bd. 2. Gefängnisjahre.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-862-3.
492 Seiten. 20,00 Euro.
Zitathinweis: Tom Gath: Widerstand heißt Leben. Erschienen in: Knast und Strafe. 58/ 2021. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1653. Abgerufen am: 27. 11. 2021 21:55.

Zum Buch
Sakine Cansız 2019:
Mein ganzes Leben war ein Kampf - Bd. 2. Gefängnisjahre.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-862-3.
492 Seiten. 20,00 Euro.