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Wenn Medien ihre Macht missbrauchen

Buchautor_innen
Rolf van Raden / Siegfried Jäger (Hg.)
Buchtitel
Im Griff der Medien
Buchuntertitel
Krisenproduktion und Subjektivierungseffekte
Von Berlusconi bis Afghanistan: Eine kritische Auseinandersetzung mit Medien in der Krise – das war der Ausgangspunkt des 23. Kolloquiums des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. Aus den Tagungsbeiträgen ist nun der Sammelband „Im Griff der Medien“ entstanden.
Rezensiert von Chantal Stauder

Auch Medien gestalten eine Wirklichkeit mit, in der bestimmte Formen von Wissen und Macht als anerkannt gelten und andere nicht. Wie das konkret aussieht und welche Folgen es letztlich für das gesellschaftliche Zusammenleben haben kann, versuchen einige AutorInnen des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung mit ihrer aktuellen Publikation aufzuzeigen. Dabei nehmen sie Jugendzeitschriften ebenso unter die Lupe, wie Ratgeber-Literatur und Computerspiele, um jene Diskurse offenzulegen, die in Medienmilieus am Werke sind.

„Im Griff der Medien“ ist im Rahmen einer Tagung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) entstanden. Anlass war das 23. DISS-Kolloquium, das im November 2010 in Würzburg stattgefunden hat. Der Band dokumentiert die Tagungsbeiträge und ergänzt diese um Stellungnahmen und Analysen von WissenschaftlerInnen und JournalistInnen. Im Vordergrund ihres Interesses steht hierbei in erster Linie, wie Medien mit Ausnahmezuständen umgehen.

Die TagungsteilnehmerInnen widmeten sich im weiteren Verlauf aber auch der Frage, inwiefern und wie genau die Medien diese Krisen (mit)produzieren und deuten, indem auch die Medien selbst in allen gesellschaftlichen Bereichen Tatsachen der Abweichung und der Norm schaffen. Dabei bedienen sich Medien oftmals diskursiver Ein- und Ausschlussmechanismen.

Herausgegeben wird der Band von dem Sozialwissenschaftler und Journalisten Rolf van Raden und dem Leiter des DISS Siegfried Jäger. Die Herausgeber verstehen das Buch als einen perspektivischen Querschnitt durch das weite Feld medialer, politischer und sozialer Konflikte. Anhand von Jugendzeitschriften, Ratgeber-Literatur, Youtube-Videos und Computerspielen analysieren die AutorInnen beispielhaft die Auswirkungen medialer Produkte auf herrschende Diskurse. Die Beiträge bedienen dabei ein breites Spektrum klassischer und neuerer Medien. So erklären Margarete und Siegfried Jäger anhand eines Vergleichs von Artikeln aus der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wie es Medien gelingt, in der Bevölkerung Kriegsbereitschaft zu schaffen und zu stabilisieren. Jörg Senf widmet sich dagegen den Deutungskämpfen rund um das Phänomen „Berlusconi“ und dem Umgang mit ihm seitens italienischer Medien. Ihrem Material begegnen viele AutorInnen mit der Methode der Diskursanalyse, die auf Ansätze des französischen Psychologen und Philosophen Michel Foucault zurückgeht. Hierbei richten sie den Fokus auf Sagbarkeitsfelder, die sprachliche Rhetorik von Aussagen und die damit verknüpften Argumentationsstrategien.

Vor allem Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität erwies sich vielen AutorInnen bei ihrer Arbeit als ein besonders geeignetes Instrument. Dieses Konzept beschreibt „eine Regierungsform (...), in der nicht mehr souveräne Herrschaft oder disziplinäre Kontrolle die Hauptrolle spielen, sondern in der unter dem liberalen Paradigma der Selbstverantwortung die Regierungstechniken in die Subjekte selbst verlagert worden sind“ (S. 6). Vor allem die Analyse „Im Beichtstuhl der Medien“ von Hannelore Bublitz fördert auf der Grundlage dieses Konzeptes beeindruckende Ergebnisse zutage. Dabei ergänzt sie das Foucaultsche Konzept um einen Ansatz von Judith Butler. Diese versteht die Beichte als erzwungene Praxis der normativen Selbstprüfung. Durch medial vermittelte Muster und staatliche Regulation würden Menschen dazu angeleitet, Selbsttechniken zu nutzen, um sich selbst in ursprünglich von außen vorgegebene Richtungen zu führen, schreibt Bublitz. Gekonnt lotet sie in ihrer Analyse das Spannungsfeld zwischen Wollen und Sollen aus, mit dem sich das Individuum konfrontiert sieht. Dabei demontiert und enttarnt sie in den Medien propagierte Heilsversprechen von absoluter Individualität und ökonomischem Erfolg. In ihrer Schlussbetrachtung warnt Bublitz daher davor, Selbstvermarktung als gesteigerte Form von Individualität misszuverstehen (S. 161). Sie zeigt auf, dass es stattdessen eines ausgeglichenen Verhältnisses von Selbst- und Fremdführung bedarf, wenn sich Menschen nicht zu widerstandslosen Wesen machen lassen möchten.

Zu den bemerkenswertesten Beiträgen gehören vor allem die Texte von Thomas Kunz und Niels Spilker. Die Autoren knüpfen ihre Analysen eng an die praktischen Dimensionen medial vermittelter Erlebniswelten. In seinem Beitrag „Und ewig droht der jugendliche Ausländer“ zeigt Kunz anhand einer Foto-Love-Story aus der Jugendzeitschrift Yam!, wie Fremdheits- und Feindbilder konstruiert und anschließend strategisch mit Integrations- und Sicherheitsdiskursen verschränkt werden. Spilker dagegen legt den Fokus vor allem auf subtil vermittelte Glaubenssätze. Mit „Übernehmen Sie selbst die Verantwortung, bleiben Sie am Ball!“ unterzieht er Ratgeber-Literatur und die hier beworbenen Selbstpraktiken einer genauen Prüfung. Noch stärker als schon Hannelore Bublitz stützt er sich dabei auf das Konzept der Gouvernementalität von Foucault. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Ratgeber-Literatur das zentrale Medium „einer neoliberalen Regierung der Arbeit“ sei (S. 165). Beide Autoren beschreiben hierbei sehr dicht und anschaulich, wie solche Diskurse Eingang in die Alltagswelt finden können. Mit ihren Ansätzen schärfen sie den kritischen Blick für vermeintliche Selbstverständlichkeiten und erinnern ihre LeserInnen daran, zu hinterfragen, wie sie gewohnt sind, die Phänomene der sie umgebenden Lebensrealität wahrzunehmen.

In einem weiteren Beitrag des Bandes setzt sich Jobst Paul mit den Codes und Ritualen von Gewaltdarstellungen auseinander. In seinem Text „Von Gladiatoren, Grenzschützern und Collateral Murder - zur psycho-sozialen Dynamik medialer Gewaltästhetik“ zeigt er anhand eines US-Militärvideos, das im Juli 2007 von der Whistleblower-Plattform Wikileaks veröffentlicht wurde, wie Gewaltästhetik zu einem Machtinstrument werden kann. Außerdem untersucht er die Funktion von Gewalt innerhalb der Berichterstattung zur Loveparade-Katastrophe 2010 in Duisburg und in TV-Casting-Shows. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass mediale Gewaltdarstellung keineswegs nur zur Information oder Unterhaltung diene, sondern stets auch als ein wirkungsvolles Instrument der Macht hinterfragt werden müsse.

In „Notstandsproduktionen. Eine Überblicksanalyse“ veranschaulicht Regina Wamper anhand von Berichten aus der Bild-Zeitung, des Spiegel und der Berliner Tageszeitung, wie in diesen Medien „linke Gewalt“ zu Akten „terroristischen Ausmaßes“ dramatisiert wird (S. 140ff). Dazu hat sich sie sowohl Berichte über die Demo am 1. Mai 2010 in Berlin angesehen, als auch einige Artikel über die Proteste gegen den Castor-Transport im November desselben Jahres. Dabei kommt sie zu dem Fazit, dass diese Zeitungs- und Onlinemedien Grundrechte nicht für alle DemonstrantInnen fordern, sondern nur für jene, die friedlich demonstrieren.

Mit der leidvollen Leitdebatte um Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ beschäftigen sich Hannah Schultes und Sebastian Friedrich. Mithilfe einer kursorischen Diskursanalyse zeigen die beiden anhand von Zeitungsartikeln aus dem Jahr 2010, welche Diskurse innerhalb der medialen Berichterstattung zu diesem Thema miteinander verwoben werden. In „Alles nur Sarrazin? Ein Blick auf die LEID-Debatte“ kommen sie zu dem Ergebnis, dass es hierbei vor allem um vier zentrale Diskurse geht: Leistung, Einwanderung, Islam und Demografie.

Im Rahmen eines anderen Beitrages erklärt Jürgen Link mithilfe seiner Normalismustheorie, wie es zu Verschränkungen von politischen Programmen und wirtschaftlichen sowie medialen Strategien kommen kann. Link zeigt in seiner Analyse „Zum Anteil des medienpolitischen Diskurses an der Normalisierung der Krise“ wie bei medialer Berichterstattung mithilfe von Ab- und Ausgrenzung geregelt wird, ob etwas als normal oder abnormal zu gelten hat und inwiefern Abweichung überhaupt zugelassen oder unterbunden wird. So lässt sich erklären, wie sich in einer Gesellschaft auch rassistische Diskurse durchsetzen können. Nämlich, indem in binär-reduktionistischen Kategorien gedacht und auf diese Weise über Ereignisse gesprochen wird. Dabei kann beispielsweise eine „klassisch biologisch-rassistische Mentalität“ in den Bereich der Normalität gerückt werden (S. 53).

In anderer Hinsicht bemerkenswert ist der programmatisch angelegte Beitrag von Gabriel Kuhn. Unter dem Titel „Overcoming Fear. Überlegungen zu Widerstandsformen und Alternativen im Medienbereich“ präsentiert sich der wohl irritierendste Text des Buches. „Angst“, so schreibt er, sei als „eine paranoid-reaktionäre Herrschaftskategorie“ vor allem seit den Anschlägen des 11. September“ zu einer zentralen Herrschaftskategorie geworden (S. 233). Das klingt eher wie ein Allgemeinplatz, denn wie eine überraschende Erkenntnis. Der Autor bedient sich zudem zweier Begrifflichkeiten aus dem „Anti-Ödipus“ (1972) von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Diese setzt er jedoch zu wenig in Beziehung zu ihrem ursprünglichen Kontext. Das liegt jedoch in der extrem verkürzenden Darstellungsweise des Textes. Kuhn hätte die Gelegenheit nutzen sollen, um seinen Ansatz und die praktischen Konsequenzen etwas ausführlicher zu erläutern.

Die AutorInnen arbeiten sehr anschaulich und beantworten das Gros potentieller Unklarheiten und Fragen im Rahmen ihrer textlichen Möglichkeiten. Darüber hinaus bieten sie den LeserInnen nachvollziehbare Analysen, womit sie etwas Licht ins Dickicht der Mediendiskurse bringen. Schlüssige Argumentationen und eine ebenso strukturierte wie kohärente Darstellungsweise bildet hierbei das Fundament der Texte, so dass es den Herausgebern mit „Im Griff der Medien“ gelingt, einerseits einen guten thematischen Überblick zu bieten, während gleichzeitig informative Querverweise und weiterführende Ausblicke geliefert werden.

Rolf van Raden / Siegfried Jäger (Hg.) 2011:
Im Griff der Medien. Krisenproduktion und Subjektivierungseffekte.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-758-9.
290 Seiten. 24,00 Euro.
Zitathinweis: Chantal Stauder: Wenn Medien ihre Macht missbrauchen. Erschienen in: Überschneidungen von Unterdrückungen. 10/ 2011, Medien und Gegenöffentlichkeit. 41/ 2016. URL: https://kritisch-lesen.de/c/945. Abgerufen am: 15. 12. 2019 19:11.

Zum Buch
Rolf van Raden / Siegfried Jäger (Hg.) 2011:
Im Griff der Medien. Krisenproduktion und Subjektivierungseffekte.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-758-9.
290 Seiten. 24,00 Euro.