Zum Inhalt springen
Logo

Eine erinnerte Zukunft

Eine erinnerte Zukunft
Thema
Essay aus der Redaktion
Eine kollektive Erinnerungsarbeit muss aus dem Gefühl der Melancholie und Nostalgie heraus Vergangenes, gegenwärtige Kämpfe und Utopie zusammendenken, ohne Widersprüche auszublenden.
Essay von Redaktion

Kritisch-lesen.de ist, neben vielem anderen, letztlich ein Erinnerungsprojekt. In unserem Selbstverständnis, an welchem wir immer wieder einmal Neujustierungen vornehmen, überdauerte bislang eine Passage die Zeit. Wir, so schrieben wir um das Jahr 2010 herum, haben als Schreibende eine besondere Verantwortung, denn:

„Die Vorstellung, im Schnellzug der Geschichte zu sitzen, die Zukunft gewiss in der Hand zu haben, führte und führt ins Elend. Wer meint, im Voraus zu wissen was sein wird, ergibt sich! ‚Kritisch‘ erhält somit einen entscheidenden weiteren Sinn: Die Erfahrungen aus den Niederlagen der Vergangenheit sind zu bewahren, zu reflektieren – und weiterzugeben.“

Das bedeutet, Vergangenheit beim Schreiben immer mit hineinzudenken – mit dem Anspruch, diese auf Veränderungen und Aktualisierungen zu überprüfen, sie mit dem Wissen und den Erkenntnissen der heutigen Zeit zu verbinden.

Maßgeblich an diesem Selbstverständnis mitgewirkt hat Fritz Güde, einer der Mitbegründer von kritisch-lesen.de. Fritz verstarb 2017. Ein Jahr zuvor brachten enge Weggefährten eine Auswahl seiner Arbeiten in einem Sammelband heraus. Der Band trug den passenden Namen „Umwälzungen“ (siehe kritisch-lesen.de #39). Etwas hin und her zu wälzen, es genau auf all seine Bestandteile, auf verdeckte Bereiche, auf brüchige, gar zerbrochene Stellen, auf mögliche Reparaturmöglichkeiten zu prüfen – das funktioniert neben sinnlich-erfahrbaren auch mit metaphysischen „Dingen“, etwa mit Gedanken oder Argumenten. Und mit Erinnerungen.

In seinem Nachruf schreibt Sebastian Friedrich, der gemeinsam mit Fritz einst die Redaktion mitbegründete, sein langjähriger Genosse habe „Schutt und Scherben der Revolutionsversuche“ zusammengesammelt, er

„schob sie hin und her. Es ging ihm darum, die begangenen Fehler und Niederlagen im besten Sinne des Wortes zu überdenken. Er war der Ansicht: Das Material, aus dem etwas Neues geschaffen werden kann, besteht weitgehend aus Trümmerstücken.“

Für diesen Essay begeben wir uns in das Trümmerfeld. Es geht um die Frage nach Vergangenheitsanerkennung, Gegenwartsbewältigung, Zukunftsperspektiven. Um die Auseinandersetzung mit der Möglichkeit, sich nicht nur alternative Zukünfte, sondern auch verborgene, subalterne Vergangenheit(en) vorzustellen. Wir fragen nach der gesellschaftlichen Anerkennung derjenigen, die erinnern wollen; nach widerständigen Ritualen und mnemonischen Kampfarenen, politischen, (un)sichtbaren und paradoxen staatlichen Erinnerungspraktiken. Indem wir uns dabei kollektiv nähern, erhalten wir möglicherweise ein multidirektionales Bild. Wir befragen uns selbst und unsere Freund:innen nach (Un)Möglichkeiten des Erinnerns, nach Widersprüchen und Ambivalenzen, aber auch nach den Potenzialen und widerständigen Praxen. Das „Material, aus dem etwas Neues geschaffen werden kann“ – es liegt vielerorts schon vor uns.

Ausblicke vom Trümmerfeld

Die „Scherben zusammenkehren“ – was hat es mit dem Niederlagen-Motiv auf sich? Viele Theoretiker:innen haben sich mit diesem Aspekt der linken Erinnerungskultur beschäftigt, darunter etwa Bini Adamczak oder auch der italienische Marxist Enzo Traverso. Nach Letzterem schöpfen linke Bewegungen ihre Kraft oft aus einem bestimmten Gemütszustand: der Melancholie, dem wehmütigen Bezug auf das Vergangene. Seit der Französischen Revolution folgten auf Revolutionsversuche häufig Ausbrüche von Melancholie und Nostalgie – als ein Prozess der Trauer über die nicht verwirklichten Träume der Vergangenheit und die damit obsolet gewordenen Visionen der Zukunft. Der Begriff der Nostalgie (nostos und algia, „Heimat“ und „Sehnsucht“) meint dabei, nochmals zugespitzt, den Fall, wenn die Sehnsucht sich einer Vergangenheit zuwendet, die nie existierte.

Es kann also an etwas erinnert werden, was noch gar nicht bestand: an die Zukunftsbezüge der Vergangenheit. Das bedeutet auch, dass Erinnern gar nicht zwangsläufig an eigene Erfahrungen geknüpft sein muss; es kann auch vermittelt durch politische Sozialisation und soziale Prozesse erfolgen. Ein Erinnern „über Bande“, sozusagen. Das Erinnern kann auch deshalb seine Kraft entfalten, weil es dialektisch verstanden werden kann als ein Blick zurück, lernend, um für das Kommende gerüstet zu sein. Liegt das Potenzial des Zusammenspiels von Rückschau und Utopie darin, Vorstellungsräume zu schaffen, die den Kontrast zur einer „Welt, wie sie ist“ ermöglichen? Der eingangs schon genannte Fritz Güde bringt dies in einem seiner essayistischen Rezensionen auf den Punkt:

„Es muss im Bewusstsein der Niederlagen der Kampf angetreten werden, im schärfsten Blick auf die Entstellungen, die bisherige Revolutionäre sich antaten, um ein Jahr oder fünf Jahre oder gar zehn weitermachen zu können. Gerade nicht im fahlen Schein der guten Vorsätze, wir würden im Neujahrs-Schnee anders an die Sache herangehen. Nein, in der Gewissheit, dass unsere Züge nicht weniger entstellt, unsere Hände nicht weniger schmutzig sein werden als die jener, die uns vorangegangen. Aber mit dem kleinen Unterschied, dass wir aufeinander achten wollen, aufpassen, wann es mit uns so weit ist, dann die Narben und Wunden nicht verstecken und zudecken, sondern offen ins Licht halten (…).“

Was aber, wenn, wie Traverso schreibt, es – etwa nach dem Ende des real existierenden Sozialismus – keine Utopie mehr zu geben scheint, keinen Raum mehr für Bezugnahmen auf revolutionäre Umwälzungen? Wenn der Bezug auf die Vergangenheit dabei steckenbleibt, nur Widerstand zu sein gegen eine ungewünschte Gegenwart? Wenn vom Verlorengehen der Vergangenheit auch die Zukunft leidet?

Eine Möglichkeit könnte sein, überhaupt erstmal die Auseinandersetzung mit Erinnern und Melancholie zuzulassen, ohne sie als rückwärtsgewandt abzutun. Dabei müssen wir von einem Paradoxon ausgehen: Die einzige Möglichkeit, eine objektive Haltung gegenüber der melancholischen Nostalgie einzunehmen, besteht darin, sie subjektiv zu verinnerlichen. Es bedeutet eine Unterscheidung zwischen restaurativer und reflexiver Nostalgie: Niederlage und Verletzung nicht nur als Schwächung und Hindernis, sondern als Motor von Veränderung zu erkennen – denn „Trauer ist von Hoffnung untrennbar“ (Traverso 2019, S. 61). Reflexive Nostalgie ist im Stande Verwundungen und Scheitern als Ausgangspunkt zu nehmen, um sich in Beziehung zu setzen zu den Gedemütigten, den Ausgeschlossenen. Und von dort aus weiterzudenken.

Vergessen, um weiterzumachen

Dabei ist nicht für alle Menschen Erinnerung etwas, auf das sich zu setzen lohnt. Erinnern, sagt eine Freundin neulich Abend fast schon wütend, ist ein Privileg, das man sich leisten können muss. Sie sei es leid, dass es immer nur darum gehe, wie wichtig die Auseinandersetzung mit vergangenen Geschehnissen doch sei: Die Leute sollen auf die Gegenwart klarkommen, da gebe es schon genug zu lernen. Dass die Linke sich immer nur mit der Vergangenheit auseinandersetze, die ihr in den Kram passe und dabei auch zutiefst eurozentrisch sei. Sie und ihre Familienangehörigen lähmten die Traumata der Vergangenheit; sie seien Blockaden, die das Weiterleben im Jetzt erschweren.

Das gab es doch schon im Alten Testament: Wer zurückschaut, wird zu Stein, wie die Frau von Lot, deren Namen natürlich keine:r kennt. Das Tabu des Erinnerns als Ausgangspunkt ist der Fokus auf ein Vergessen-Müssen. Und die Freundin steht damit nicht allein. Als wir für unsere Jugoslawien-Ausgabe mit zwei Aktivistinnen aus Bosnien und Herzegowina sprachen, brachten sie mit der Aussage „Nostalgie ist Zeitverschwendung“ ein ähnliches Gefühl auf den Punkt (siehe Interview in kritisch-lesen.de #59). Sie begründeten es damit, dass es durch die „Politik des Vergessens“, die den Ländern Post-Jugoslawiens von der internationalen Gemeinschaft auferlegt wurde, zu schwer sei, sich auf Vergangenes zu beziehen, ohne davon nur korrumpierte Versionen zur Verfügung zu haben. „Der Krieg ist Ground Zero“, wie Gorana und Nidžara es eindrücklich formulierten. Mit der Auslöschung von Leben, Städten, Zukünften erfolgte auch eine Auslöschung der Erinnerung an eine Zeit davor.

Allerdings: Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie bilden die Voraussetzung für die Existenz des jeweils anderen. Sich an alles zu erinnern ist genauso unmöglich wie gar keine Erinnerungen zu haben. Wie wird die Erinnerung so korrumpiert und umgeformt, dass sie ausgelöscht erscheint?

Entpolitisierung und Funktionalisierung von Erinnern

Die ökonomischen Kämpfe in Post-Jugoslawien wurden von einer konterrevolutionären Umdeutung der Geschichtsschreibung und des ideologischen Apparats begleitet, die sich nicht nur gegen die Erinnerung an die sozialistische Ära richtete, sondern auch und insbesondere gegen die Ereignisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Davon zeugen beispielsweise die Zerstörung zahlreicher jugoslawischer Partisanendenkmäler durch die kroatische Armee unter Präsident Franjo Tuđman in den 1990er Jahren, die Umbenennung von Straßen und Plätzen, die Vernichtung von Kulturgegenständen, Büchern, Bildern, Memorabilia und so weiter. Gleichzeitig fand eine staatliche Aneignung antifaschistischer Erinnerung statt. Der Wissenschaftler Gal Kirn spricht in unserem Essay der Jugoslawien-Ausgabe von der „ursprünglichen Akkumulation von Erinnerung durch den Staat“ (siehe Essay in kritisch-lesen.de #59) – dem Einsatz symbolischer Gewalt gegen die Vergangenheit, die auch eine Auslöschung von Ideen, die an unangepasste, partisanische oder sozialistische Subjekte und Zeiten erinnerten, umfasst.

Es ist eine Form restaurativer Nostalgie, eine reaktionäre Funktionalisierung von Erinnerung. Sie ist auf Nation, auf Kapital und Macht fixiert. Auch in Deutschland konnten der Aufstieg des Neoliberalismus und seine Attacken gegen wohlfahrtsstaatliche Errungenschaften nur mit einer Umdeutung der Vergangenheit bewältigt werden. Deutschland stilisierte sich nicht nur zum Exportweltmeister, sondern auch noch als Aufarbeitungsweltmeister – und zwar gleich zweier Diktaturen. Damit einher ging eine Verschiebung im kollektiven Gedächtnis, mit der sozialistische Geschichte und die der Arbeiter:innenbewegung abgewehrt und verdrängt wurde, und anhand derer nicht zuletzt nach 1989/1990 die Einheit der Nation als dominante Erinnerung neu legitimiert werden konnte. Erinnern, wie Vergessen-Machen, kann staatlich instrumentalisiert werden, um die gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse bis in die Vergangenheit hinein fortzuschreiben und zu legitimieren.

Hinter dem Vorhang

Aber auch subalternes Erinnern kann korrumpiert und seiner eigentlichen Stoßrichtung beraubt werden. Beispiel Frankreich: Parallel zur Verherrlichung des Kolonialismus lässt sich in den politischen Diskursen über die französische Kolonialvergangenheit eine weitere Dimension auffinden. Koloniale Erinnerungen werden aufgegriffen und mit staatlichem Gedenken vermischt. Kolja Lindner (2011) nennt dies die „Nationalisierung der Erinnerung“: zugunsten einer zusammengestrickten Geschichte einer kollektiven Kriegserfahrung wird im nationalen Gedächtnis beispielsweise die Rekrutierung und Behandlung der Kolonialsoldaten ausgeblendet. Solche Erinnerungen verschleiern, dass in Kriegen keine Gleichbehandlung herrscht, auch nicht zwischen den Kämpfenden einer Seite.

In einer solchen nationalen Erinnerungskultur wirkt eine Logik, die Stuart Hall für seine Analyse des autoritären Populismus herausarbeitet: gesellschaftliche Widersprüche aufzugreifen und herrschaftsaffirmativ „aufzulösen“. Um welche Nation es sich dabei handelt – um Frankreich, Deutschland oder die Türkei: durch ideologische Führung und politische Kontrolle über das Erinnern sowie der aktiven Einbindung eines popularen Einverständnisses über das Erinnerte wird das nationale Selbstverständnis reartikuliert und mögliche Krisen nationalen Zusammenhalts zurückgewiesen. Erinnerungspolitik ist damit Teil großer politischer Hegemonieprojekte: Sie benötigt Zustimmung, ohne progressive Reflexionsprozesse anzustoßen.

Erinnerungspolitik hängt im europäischen Raum sehr eng mit der Frage nach der sogenannten Vergangenheitsbewältigung zusammen. „Gedächtnistheater“ nennt Max Czollek das deutsche Erinnern in Bezug auf Holocaust und Vernichtungskrieg in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk(2021): „Ein Theater, das ein Drehbuch hat, was einen Titel trägt. Und der Titel ist die Wiedergutwerdung der Deutschen“. Im Begriff schwingt Funktion und Farce mit, vermutlich, weil diesem Erinnern wie einer Theaterproduktion damit eine vorgegebene Dauer, eine Zielsetzung und auch Grenzen unterstellt wird. Die Beteiligten haben eine Position auf der Bühne, etwa die des Täter-Nachgeborenen und die des Opfers. Theaterstücke haben eine weitere Eigenart: Sie sind in die Realität nur teilweise eingebunden, irgendwann fällt der Vorhang, die Vorstellung endet und die Normalität setzt wieder ein: „Es muss doch auch mal wieder normal sein, es ist doch auch mal wieder genug“, mokiert sich Czollek. Nicht zuletzt schwingt die Annahme mit, dass in dieser durchchoreografierten Erinnerungskultur immer auch die Idee der Versöhnung innewohnt, um dieses Kapitel der Geschichte abschließen zu können.

Demgegenüber steht der unbedingte Anspruch, dass Erinnern unbegrenzt ist und auch sein muss: Das ist aktuell im Kontext des sogenannten zweiten Historikerstreits relevant, über dessen zentrale Debatten auch Rezensionen in dieser Ausgabe zu finden sind. Wenn Michael Rothberg (2021) in seiner Arbeit die Erinnerung an den Holocaust in Beziehung setzt zu weiteren historischen Traumata der Menschheitsgeschichte, dann stellt er diese Arbeit in die Tradition eines unbedingten Erinnerns als globale Praxis. Erinnern muss sich zwangsläufig mit dem Herstellen von Unterscheidungen und dem In-Beziehung-Setzen von Ereignissen beschäftigen, Erinnerung entsteht erst in diesem Prozess. Dirk Moses, der die Debatte mit einem Essay zum „Katechismus der Deutschen“ mitauslöste, schrieb etwa dazu: „Der Holocaust ist Teil vieler Geschichten: des Antisemitismus, der massenhaften Versklavung, von Aufständen in den Kolonien und von Vertreibungen, um nur einige Beispiele zu nennen.“ (Dirk Moses, 2021).

Die Engführung in der deutschen Erinnerungskultur, selbst wenn sie sich als progressiv und kritisch versteht, verunmöglicht Solidaritäten – unter anderem, indem real existierende Verschränkungen übergangen werden. Die von Moshtari Hilal und Sinthujan Varathajara 2022 in einem Instagram live angestoßene Debatte über die Verschränkung von Kapital und Rassismus bei Deutschen mit Nazihintergrund etwa verschiebt die Erinnerungs- und Integrationsdebatte zugleich. Sie fragt nach der Geschichte und den Kontinuitäten einer vermeintlich überlegenen Leitkultur, die identitätspolitisch aufgeladen ist, und verweist auf die faschistischen Wurzeln derselben.

Erinnern, um andere, subalterne Lebensgeschichten lebendig zu halten und die Erinnerung an geografische bzw. Klassen-Herkunft, an Vertreibung oder Ankommen in der Diaspora weiterzureichen, ist an die Zentralität einer kollektiven Erinnerung gebunden und in diesem Kontext auch zutiefst politisch. (Das unterscheidet sie von einem individuellen Familienerinnern als genealogischem Unterfangen, als Aneignung eines „dynastischen Moments“, bei dem die eigene Blutlinie durch die hochbürgerlichen Unternehmer- und Fürstenfamilien hindurch bis ins Mittelalter verfolgt werden kann). Oft sind die öffentlichen Archive derer ungeschrieben, unbefüllt, fragmentarisch geblieben, die sie als Rückhalt und Vergewisserung ihrer eigenen Existenz am dringendsten benötigen könnten: die der Ausgebeuteten, Subalternen, Undokumentierten. Das soziale Erinnern dient als Orientierung in der Gegenwart, mithilfe dessen wir uns als Teil eines kollektiv geteilten Vergangenheitsbezugs verorten können.

Erinnern von unten

„Ich möchte von einem Archiv erzählen. Es trägt keinen Namen und hat keinen festen Ort. Es liegt verteilt im Land. In den Städten. In den Wohnungen. In Zimmern. In alten, verstaubten, lange nicht mehr geöffneten Schränken in den Kellern. Unter Häusern und Straßen.“ (Deniz Utlu, 2011)

Was für viele Bereiche der Geschichts- und Erinnerungsforschung und mehr noch für davon untersuchte Erinnerungspolitiken gilt: Sie haben eklatante Leerstellen, im öffentlichen Erinnern und auch in den Archiven. Dies wird in Bezug auf Geschlechterthemen sichtbar, in Bezug auf die Aufarbeitung rassistischer und kolonialer Vergangenheit, letztlich in allen anderen Feldern, in denen es um die Erinnerung derer geht, die Marginalisierung, Unterdrückung und Ausbeutung erfahren.

„In den letzten Monaten habe ich oft nach einer Tür gesucht, die in dieses ‚Archiv der Migration‘, so möchte ich es nennen, führt. Was ich fand, rückte für mich vieles in ein neues Licht. Ich stellte fest, wer kein Archiv hat, muss das Rad immer wieder neu erfinden. Und vielleicht entpuppt sich dieses Rad am Ende auch noch als Hamsterrad.“ (Utlu, 2011)

Marginalisierte Menschen haben im großen Erinnerungstheater kaum Raum; ihre Erfahrungen und Vergangenheitsbezüge stehen oftmals diametral zu den Erinnerungen, die eine Nation von sich selbst und von ihren Bürger:innen erzählen möchte.

„Ebenso wie andere Schwarze Deutsche und ImmigrantInnen wußte ich, daß selbst ein deutscher Paß keine Einladung zu den Ost-West-Feierlichkeiten [am 09.11.1989, Anm. d. Red.] darstellte. Wir spürten, daß mit der bevorstehenden innerdeutschen Vereinigung eine zunehmende Abgrenzung nach außen einhergehen würde – ein Außen, das uns nicht einschließen würde. Unsere Beteiligung am Fest war nicht gefragt.“ (May Ayim, 1997, S. 90)

Migrantisches, koloniales Erinnern ist getränkt von Gewalt, von systematischen Ausschlüssen, von Verachtung und Delegitimierung. Umso wichtiger ist es, diese Stimmen als integralen Bestandteil eines transnationalen Gedächtnisses ernst zu nehmen und nicht als passive Objekte. Rothberg spricht von einer „gemeinsamen Verantwortung für Dinge, die wir nicht getan haben“ (2018) – ein Ansatz, der dezidiert über subjektive oder Gruppenidentitäten hinausweist, indem er ein Verständnis von Erinnern auf der Grundlage universaler Verantwortung etabliert. Und dabei noch weiter reicht als der Erinnerungsfokus postkolonialer Herrschaftskritik, weil er den „migrant ‚double bind‘“ (Rothberg 2018) des Erinnerns mitdenkt: das Dilemma, sich sowohl den Platz der eigenen, transgenerationalen Erinnerung erkämpfen zu müssen, als auch den, in den (durchaus auch umkämpften) Erinnerungspraxen der Dominanzgesellschaft nicht teilnehmen zu sollen. So ist etwa in den von May Ayim erwähnten Feierlichkeiten rund um den Mauerfall – eine der zentralen Erinnerungstheater der Bundesrepublik, Sinnbild des nationalen Traumas und der Erlösung – eine generelle Abwesenheit von migrantischem Leben (aus der Türkei, Vietnam und anderen Ländern) festzustellen (obgleich zum Beispiel viele der Vertragsarbeiter:innen und nachfolgende Generationen in den Vierteln entlang der Mauer leb(t)en). Dies trägt zu einem Prozess des selektiven Vergessens bei, der Menschen von Erzählungen und Gedenkorten ausschließt, die gleichzeitig konstituierend für eine bundesdeutsche Identität sind.

Erinnern muss immer erkämpft werden, das ist klar. Aber ist auch dann noch nicht widerspruchsfrei. Erinnern an die Opfer und Orte rassistischer, rechter Gewalt war und ist zumeist ein selbstorganisiertes Erinnern, ein wütendes Erinnern, ein kontinuierliches Erinnern gegen das Vergessen. Oft genug können damit dennoch nur die bekannten Trampelpfade der Erinnerungspraktiken ausgeschöpft werden: hier eine Platz-Benennung gegen den Widerstand der Stadtverwaltung durchkämpfen, dort einen eigenen Redebeitrag an einem (in-)offiziellen Gedenkort und so weiter. Erinnerung ist an Orte gebunden, sie machen Vergangenes sichtbar, schaffen kollektive Momente. Orte sind in Erde, Stein, Beton und Stahl gegossene Erinnerung. Um sie zu kämpfen ist wichtig, keine Frage; sie schreiben sich mit Kraftanstrengung und langem Atem in den öffentlichen Raum ein. Der Fokus der Initiativen liegt auf Anerkennung, Repräsentation und Sichtbarmachung von (andauernder) Gewalt und einer aktiven Praxis von Memory-Making. Ob in Berlin, München, Hanau, Köln, Dessau oder Kassel: Wir klagen an! Wir erinnern! Wir werden weiter kämpfen!

„Niemand wird vergessen
Hiç unutmadık, hiç unutmayacağız
Wir erinnern und wir kämpfen
Hiç unutmadık, unutmayacağız“
(Refpolk & Kutlu, 2015)

Gleichzeitig bleiben die Beteiligten oft lange Jahre unter sich, Erinnerungskämpfe werden partikular und nicht als gemeinsame Praxis geführt: die weißdeutschen Antifa-Strukturen bei ihrem jährlichen Gedenken an den von Nazis ermordeten Silvio Meier in Berlin; Angehörige, erinnerungskulturelle Initiativen und politische Exilorgas bei den Demos für die vom sogenannten NSU ermordeten Menschen. In den letzten Jahren ist hier aber eine Veränderung zu beobachten, die Hoffnung macht.

Erinnern muss verbinden!

„Nicht in den Bändern der Zeit eingelegt zu sein wie eine Mumie, allen Techniken des Bewahrens eine Absage erteilen, die Schichten abstreifen, die Knoten aufdröseln, ihre Verknüpfungen nachgehen, die Knubbel ertasten, die Riemen umschnüren und ablösen, das ist Erinnerung.“ (Doron Rabinovici, 1997)

Die Passage aus Doron Rabinovicis Roman „Die Suche nach M.“ ist Teil eines Briefwechsels zwischen zwei jungen jüdischen Freunden. Mit (oft bissigem) Humor karikiert Rabinovici darin zwei Söhne von Auschwitz-Überlebenden, die beide in Wien leben. Der Roman und seine Beteiligten sind verstrickt in die spezifisch österreichischen Erinnerungs- und Verdrängungsdiskurse. Protagonist Arieh beschreibt das Erinnern als eine „Arbeit“, als Tätigkeit, die ausgeführt wird, um etwas von „Schichten“ und „Knoten“ zu befreien. Die Beschreibung, „alle(n) Techniken des Bewahrens eine Absage erteilen“, richtet sich gegen eine Konzeption der Erinnerung als ein Bild der Vergangenheit, das bewahrt werden soll; gegen eine Konzeption der Erinnerung als Darstellung der Geschichte, wie sie war. Eine solche Auffassung bedeute Mumifizierung. Im Roman bleibt Arieh nicht bei dem Beschreiben des Erinnerns stehen, sondern beginnt, sich darüber in Beziehung mit seiner Umwelt zu setzen. Erinnern als Praxis, Erinnern als andauernder und kollektiver Prozess, der sich auch vor dem Mitdenken gewaltsam unterbrochener Erinnerungsfragmente nicht scheut.

Ein eindrückliches Beispiel gemeinsam gelebten politischen Erinnerns mit weitreichender Wirkung ist die jahrelange Kollaboration von Esther Bejarano mit der Microphone Mafia rund um den Rapper Kutlu Yurtseven. Bei ihren Auftritten konnte auf ein Lied, das in einem Konzentrationslager zur Zeit des Deutschen Faschismus entstand, eines der internationalen Arbeiter:innenbewegung und dann eines aus der türkeistämmigen Diaspora folgen, um dann in einem antimilitaristischen Appell von Esther Bejarano oder in einem Ruf nach internationaler Solidarität zu münden. Das ist Erinnerungsarbeit, die weit über nationale oder gruppenidentitätsbezogene Rahmen hinausgeht. Sie praktizierten das, was wir eingangs als reflektierte Erinnerungsarbeit bezeichneten: die Ambivalenzen von Nostalgie und Zugehörigkeit mit einer deutlichen Kritik an den Widersprüchen der kapitalistischen, nationalistischen, rassistischen Verhältnisse verbinden, im Beispiel vermittelt durch gemeinsame Musik. An Esther Bejarano zu erinnern, die 2021 verstarb, heißt auch, dieses Erbe weiterzutragen. Erinnern, um gemeinsam nach vorne zu denken – und zu kämpfen.

Verwendete Literatur

Ayim, May (1997): Das Jahr 1990. Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive. In: Dies.: Grenzenlos und unverschämt. Orlanda Frauenverlag, Berlin.
Deutschlandfunk Kultur (2020): „Warum muss die Pointe des Erinnerns immer Versöhnung sein?“ Max Czollek im Gespräch mit Philipp Schnee, 29.01.2020. Online einsehbar hier.
Lindner, Kolja (2011): Policing minorities and postcolonial condition. In: Baasner, Frank et al. (Hg.): Frankreich Jahrbuch 2010. Frankreichs Geschichte: Vom (politischen) Nutzen der Vergangenheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien, Wiesbaden. S. 105 - 121.
Moses, Dirk A. (2021): Der Katechismus der Deutschen. In: Geschichte der Gegenwart, 23.05.2021. Online einsehbar hier.
Rabinovici, Doron (1997): Die Suche nach M. Roman in zwölf Episoden. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Rothberg, Michael (2021): Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonialisierung. Metropol-Verlag, Berlin.
Rothberg, Michael (2018): Inheritance Trouble: Migrant Archives of Holocaust Remembrance. Vortrag an der University of Minnesota. Online bei Youtube einsehbar hier.
Traverso, Enzo (2019): Linke Melancholie. Über die Stärke einer verborgenen Tradition. Übersetzt von: Elfriede Müller. Unrast Verlag, Münster.
Utlu, Deniz (2011): Das Archiv der Migration. In: der Freitag, 31.10.2011. Online einsehbar hier.

Zitathinweis: Redaktion: Eine erinnerte Zukunft. Erschienen in: Erinnern von unten. 66/ 2023. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1803. Abgerufen am: 29. 01. 2023 06:36.