Zum Inhalt springen
Logo

Sport und Feminismus

Buchautor_innen
Feministische Studien (Hg.)
Buchtitel
Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung
Buchuntertitel
Sport – Kult der Geschlechter
Die Schwerpunktausgabe neigt dazu, die Facetten des Sports zu vereinseitigen.
Rezensiert von Martin Brandt

Wenn einer eine Zeitschrift tut und ein bestimmtes Thema wählt, dann wünscht man sich als Leserin, dass dieses in bestmöglicher Weise erarbeitet werde: Die zu publizierenden Aufsätze sollen die verschiedenen Facetten des abgegrenzten Gegenstandsbereichs erhellen. Aus Gründen, die an dieser Stelle unerheblich sind, kann das Ergebnis mal mehr, mal weniger gelungen ausfallen. Wie nun fällt das Ergebnis bei der Lektüre der „feministischen studien“, der „Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung“ aus?

Da die fünf Schwerpunktaufsätze nicht nur allesamt verschiedene Sportarten (Motorsport, Leichtathletik, Fußball, allgemein-körperliche Raumaneignung) behandeln, sondern zugleich unterschiedliche analytische Ziele verfolgen, könnte die Auswahl entweder beschönigend als vielseitig gelobt oder böswillig als beliebig verworfen werden. Beiderlei Urteile würden der Ausgabe aber nicht gerecht, denn: Einerseits gibt es mit Anke Hertlings „Angriff auf eine Männerdomäne: Autosportlerinnen in den zwanziger und dreißiger Jahren“ eine gut lesbare und informative sportgeschichtliche Studie, die die im Motorsport noch heute kaum vertretenen Frauen in Erinnerung ruft. Andererseits hat man, obwohl man Gabriele Dietzes Aufsatz „Intersektionalität im nationalen Strafraum: Race, Gender und Sexualität und die deutsche Nationalmannschaft“ an keiner Stelle widersprechen möchte, das Gefühl, das alles schon mal irgendwo gelesen zu haben, sodass die mutmaßliche Übertretung der männlichen Geschlechtergrenzen von übereinander herfallenden und sich Bussis gebenden Fußballern nicht mehr sonderlich hinter dem Ofen hervorlockt. Um einiges interessanter wären hier die von der Autorin angedeuteten Nazi-Kontinuitäten im deutschen Männerfußball oder eine ebensolche intersektionale Analyse der deutschen Frauen-Elf gewesen. – Und noch einmal: Einerseits liefert Stefan Wiederkehrs Artikel „Jenseits der Geschlechtergrenzen. Intersexuelle und transsexuelle Menschen im Spitzensport“ eine wertvolle und notwendige Kritik der sogenannten Geschlechtstests, die die Anmaßung von Sportfunktionären und -medizinern offenlegt, Geschlecht anhand primärer Geschlechtsmerkmale, Chromosomen und Hormonhaushalten bestimmen zu wollen. Andererseits vertreiben in Anke Strüvers und Claudia Wucherpfennigs Aufsatz „Spielerische Raumaneignung. Zur Performativität von Körpern und Räumen im Spiegel aktueller Forschung“ deren aufgeblähte sozialkonstruktivistische Worthülsen jegliche Lebendigkeit aus dem Prozess der öffentlichen Raumaneignung, um den es im Artikel gehen soll.

Falls jemand zu Beginn die Einleitung übersprungen hat und seine Füße erst beim Lesen des letzten Artikels oder beim Durchforsten des angehängten Literaturverzeichnisses eingeschlafen sind, sei diese hier noch einmal gesondert behandelt, weil sie auf das allgemeine Defizit akademischen Schreibens verweist, um der Herstellung des Wissens willen die ästhetisch-sinnliche Dimension des jeweiligen Gegenstands auszublenden. Das wird spätestens dann zum Problem, wenn zwischen lauter Urteilen darüber, ob nun etwas emanzipatorisch sei oder der Verlängerung der männlichen Herrschaft diene, der Kern des ganzen aus dem Blick gerät: Dass nämlich Sport ein Spiel ist, ein Spiel, dessen Freiheit erst auf Grundlage von Regeln entsteht und das nicht in der blinden Herrschaft über die Körper aufgeht. Diese Freiheit geht demjenigen ab, der im Sport lediglich einen „Kult der Geschlechter“ (S. 3) sieht, ihn als „Technologie des Selbst“ oder als „Disziplinierung der Körper“ (S. 4) denunziert. Damit seien keinesfalls die brutalen Herrschaftsverhältnisse relativiert, die gesamtgesellschaftlich existieren und die vor dem Bereich des Sports keinen Halt machen. Warum sonst konnte den Frauen in den Anfangszeiten des Motorsports aufgrund angeblicher physischer und psychischer Schwächen das Autofahren verweigert werden? Warum sonst kann Leichtathletinnen ihre Weiblichkeit abgesprochen werden, wenn sie zu erfolgreich sind und „zu männlich“ aussehen? Warum wird schlanken und technisch versierten männlichen Fußballern Homosexualität unterstellt und dies überhaupt als Beleidigung begriffen? Jenen, die solche Verhältnisse nicht abschaffen wollen, soll damit nicht in die Hände gespielt werden, denn weiterhin wartet die Formel 1 auf Rennfahrerinnen, begehen der Intergeschlechtlichkeit „überführte“ Sportlerinnen Suizidversuche und müssen schwule Fußballer ihre Sexualität verbergen. Dem Sport, so durchkommerzialisiert und geschlechtergetrennt dieser auch betrieben wird, liegt aber immer die Idee eines Spiels zu Grunde, das um der Freiheit von Herrschaft willen nicht preisgegeben werden darf und zumindest eine individuelle Befreiung bedeuten kann. Eine kurze selbstkritische Anmerkung der Herausgeberinnen vermittelt eine Ahnung dessen, wovon die Rede ist:

„In der Gesamtschau der hier versammelten Beiträge zum Kult der Geschlechter im Sport ist für uns die Frage nach der emanzipativen Kraft in diesem Feld in den Hintergrund getreten. Für die Akteurinnen allerdings, und zwar gerade für Frauen aus nicht-europäischen Ländern, stellt sich diese Frage offenbar anders dar.“ (S. 9)

„Offenbar“ haben die ehrenamtlichen Organisatorinnen des internationalen Frauenfußballturniers namens „Discover Footbal“, das in einem kleinen inspirierenden Artikel außerhalb des Schwerpunkts vorgestellt wird, und deren Teilnehmerinnen den Spaß am Sport noch nicht verloren. Man wünscht ihnen an dieser Stelle weitere erfolgreiche internationale Begegnungen.

Feministische Studien (Hg.) 2012:
Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Sport – Kult der Geschlechter.
Lucius & Lucius, Stuttgart.
ISBN: 0723-5186.
175 Seiten. 28,00 Euro.
Zitathinweis: Martin Brandt: Sport und Feminismus. Erschienen in: Sport - Zwischen Unterwerfung und Emanzipation. 28/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1131. Abgerufen am: 10. 12. 2019 23:42.

Zum Buch
Feministische Studien (Hg.) 2012:
Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Sport – Kult der Geschlechter.
Lucius & Lucius, Stuttgart.
ISBN: 0723-5186.
175 Seiten. 28,00 Euro.