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(Politische) Übersetzungsprozesse zwischen Theorien und Praxen

Buchautor_innen
Melanie Groß, Gabriele Winker (Hg.)
Buchtitel
Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse
Der Band analysiert queer-|feministische und intersektionale Ungleichheitsverhältnisse im Neoliberalismus und fragt konsequent nach (teils noch un-)möglichen, alternativen Praxen.
Rezensiert von Alexander Bahr

Das „Eingreifen in politische Praxen“ (S. 8) von queer-|feministischen Projekten habe in den letzten Jahren an Bedeutung verloren, so die Ausgangsthese des Bandes „Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse“ von Melanie Groß und Gabriele Winker. Die Autorinnen* des Bandes nehmen es sich deshalb zur Aufgabe, wichtige theoretische Erkenntnisse in politische Praxen und vice versa einfließen zu lassen, um damit „Übersetzungsprozesse voranzubringen“ (ebd.).

Allen Beiträgen im Band ist zu Eigen, dass sie versuchen, die Trennung von Theorien auf der einen und Praxen auf der anderen Seite zu überwinden. Dabei werden der neoliberale Kapitalismus und verschiedene Herrschaftsverhältnisse in ihrer Aktualität und Gleichzeitigkeit analysiert und ihnen emanzipatorische politische Praxen zur Seite gestellt. Dazu werden in allen Beiträgen intersektionale Perspektiven eingenommen, um der wechselseitigen Verwobenheit von Herrschaftsverhältnissen gerecht zu werden. Insgesamt konzentrieren sich die Autorinnen* auf die Herrschaftsverhältnisse Rassismus, Klassismus sowie Heteronormativität.

Fokus Reproduktionsarbeit

Den Anfang macht Gabriele Winkers Beitrag „Traditionelle Geschlechterordnung unter neoliberalem Druck. Veränderte Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft“. Darin beleuchtet sie* mittels der Marx’schen Arbeitswerttheorie „am Beispiel der BRD die miteinander verwobenen Veränderungen der ökonomischen Produktion und der sozialen Reproduktion“ (S. 16). Als Raster dienen ihr hierfür sowohl betriebliche, arbeitsmarktpolitische als auch sozialpolitische Entwicklungen seit den 1960er Jahren, die sie* heteronormativitätskritisch nach Veränderungen der Geschlechterordnung und Familienformen befragt. Abschließend zeigt Gabriele Winker mit vier Handlungsschritten auf, wie unter anderem eine „Realisierung qualitativ hochwertiger Reproduktionstätigkeiten, da diese zentral für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit jedes Menschen sind“ (S. 44), geschehen kann.

Unter dem Titel „Neoliberale Refamilisierung & queer-feministische Lebensformenpolitik“ greift Kathrin Ganz den Diskurs der Lebensformenpolitiken aus Perspektive der Gouvernementalitätsstudien auf. Sie* beschreibt die Etablierung der Eingetragenen Lebenspartner(*innen)schaft in der BRD und kontrastiert diese mit heteronormativitätskritischen Einsprüchen und Alternativen. Kathrin Ganz erweitert die Diskussion um die Funktionsweisen von Familien innerhalb der derzeitigen neoliberalen Gouvernementalität. Denn, so die Autorin*, die aktuellen Refamilisierungstendenzen zeitigen weniger emanzipatorische Spielräume für und von verschiedensten Lebensformen, sondern sie verdeutlichen vielmehr den Abbau sozialer Sicherungssysteme und die damit einhergehende Privatisierung von Risiken und Verantwortungen. Nach der funktionalen Verortung wendet sich Kathrin Ganz dem Aufruf „Beyond Same-Sex Marriage“ in den USA zu, um zum einen queere Gegenstrategien und Alternativen zur Eingetragenen Lebenspartner(*innen)schaft zu skizzieren und um zum anderen Leerstellen und neoliberale Ambivalenzen hervorzuheben. In ihrem* Resümee tritt sie für neue Lebensformen- und Familienpolitiken ein, die „sich der Logik von Verwertbarkeit und Verantwortung an gewissen Punkten widersetzen“ (S. 74).

Im letzten Beitrag des ersten Schwerpunkts widmet sich Kathrin Englert „Globalisierte[n] Hausarbeiterinnen[*] in Deutschland“. Sie* eröffnet den Beitrag mit Hintergründen zum Bedarf migrantinischer* Hausarbeiterinnen* in Deutschland. In einer internationalen Perspektive stellt sie* die Folgen von Migration für „Frauen[*], ihre[*] Familien und die Situation in den Herkunftsländern“ (S. 81) dar. Anschließend untersucht sie* auf bundesdeutscher Betrachtungsebene die Arbeitssituation von migrantinischen* Hausarbeiterinnen*. Dabei lässt sich herausstellen, dass die „global eingekaufte Versorgungsarbeit“ (S. 93) der Migrantinnen* sowohl Mittelschichtsfamilien als auch dem Wohlfahrtsstaat Deutschland bei der Gewinnmaximierung hilft. Folgerichtig tritt Kathrin Englert für die gesellschaftliche Anerkennung von Reproduktionsaufgaben und die Veränderungen von Migrations- und Arbeitspolitiken ein.

Fokus Politische Aktionsformen

Den Schwerpunkt zu politischen Aktionsformen eröffnet Dorothee Greve mit dem Beitrag „Migrantinnen[*] in der Hausarbeit und feministischer Widerstand“. Dabei folgt sie* der Figurationssoziologie Norbert Elias’, einem Ansatz, der individuelle Verhaltensweisen in Abhängigkeit von Gruppenstrukturen zu erklären versucht. Dorothee Greve macht mit diesem die Konstruktionsprozesse und Machtdifferenzierungen zwischen „Etablierten“ und „Außenseiter*innen“ nachvollziehbar. Dabei zeigt sie* auf, dass Migration heterogen ist und verschiedene Herrschaftsverhältnisse wirkmächtig sind. Der Rückgriff auf die Figurationssoziologie dient ihr*, um geschlechtsspezifische und rassifizierende Strukturen und Phänomene zu erläutern. Vor diesem Hintergrund diskutiert sie* schließlich Möglichkeiten der Verbesserung der Lebensbedingungen und Rechte von Migrantinnen*. Betont werden dabei Praxen, die helfen, Machtdifferenzierungen abzubauen und Migrantinnen* im Haushalt zu bestärken.

Als eine weitere politische Aktionsform stellt uns Stefanie Bentrup ein „Feministisches Queer-Lesen der Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen“ vor. Sie* befragt die Konzepte und Debatten nach „eine[r] politische[n] Strategie, Kapitalismuskritik zu artikulieren“ (S. 130). Bei der Umsetzung dieses Vorhabens deckt sie* aus queer-feministischer Perspektive verschiedene Leerstellen und ausgeblendete Blickwinkel auf – beispielsweise, dass es wenige Vorschläge zum bedingungslosen Grundeinkommen aus feministischen und keine aus queeren Perspektiven gibt. Des Weiteren eröffnet sie* eine globale Dimension und führt das Konzept des sexuellen Arbeitens ein, um „[k]omplexe Zusammenhänge von Arbeitsbedingungen und Geschlecht in Bezug auf affektive, emotionale und kommunikative Arbeit […] durch Einbeziehung des Aspektes der Heteronormativität erst sichtbar“ (S. 142) werden zu lassen. Als Fazit konstatiert Stefanie Bentrup, dass das Streiten für ein bedingungsloses Grundeinkommen nur eine Strategie im Kampf gegen den Kapitalismus darstellt und dass auch dieses Streiten nach den verschiedenen Positionierungen und Marginalisierungen fragen muss.

Nach Ausschlüssen innerhalb queerer Kontexte fragt auch Christiane Wehr in „Queer und seine Anderen. Zu den Schwierigkeiten queerer Bündnispolitik zwischen Pluralismusansprüchen und Dominanzeffekten“. Dabei nimmt sie* sich besonders der „Kritiken von Migrant_innen, Queers of Color und nicht mehrheitswestlichen Queers an queeren Communities“ (S. 151) an. Sie* zeigt auf, wie Weißsein privilegiert und wie die Konstruktion von „Anderen“ Diskriminierungen und Ausschlüsse re/produziert. Ihr* Ziel besteht darin, queere/n Anspruch und Wirklichkeit miteinander abzugleichen. Schließlich leitet sie* aus den Kritikpunkten Möglichkeiten ab, um einem queer gerecht(er) zu werden, das nicht nur mögliche Handlungsfähigkeiten erhält, sondern schafft. Vor allem werden das Bewusstsein für eine eingeschränkte Urteilsfähigkeit – insbesondere durch Weißsein – und Praxen der Selbstrepräsentation als Möglichkeiten gefordert.

Zum Abschluss des Bandes widmet sich Melanie Groß „Feministische[m] Widerstand aus post-/queer-/linksradikal-feministischer Perspektive“. Sie* gibt Einblicke in einige ebendieser Gruppen und deren Selbstverständnisse und Angriffsziele. Die Bedeutung und Wirkmächtigkeit von Widerständigkeit, so wird deutlich, wachsen vor allem aus der Vielfältigkeit der interventionistischen Praxen. So wird es möglich, „gleichzeitig verschiedene Macht- und Herrschaftsformationen anzugreifen“ (S. 169). Ziele der Angriffe sind – in Abhängigkeit vom Selbstverständnis der jeweiligen Gruppe – Normativität, Zuschreibung und Wirkmächtigkeit. Wie ein Fazit des gesamten Bandes liest sich auch das Fazit dieses Beitrags: Widerstände müssen vielfältig und komplex gedacht und gelebt werden, um Veränderungen in Herrschaftsverhältnissen bewirken zu können.

Resümee

Melanie Groß und Gabriele Winker charakterisieren den Entstehungsprozess des hier besprochenen Bandes so: „Dieser Prozess war anstrengend, mit harter Arbeit verbunden und hat uns gleichzeitig viel Spaß gemacht und zu einer Reihe neuer Lernprozesse geführt“ (S. 8). Ich behaupte, dass dies auch für den Prozess des Lesens, Verstehens und Nachgehens der verschiedenen Bandbeiträge und Argumentationsstränge gilt!

Das verfolgte Anliegen der „Übersetzungsprozesse“ (ebd.) besteht darin, mit theoretischen und empirischen Erkenntnissen verschiedene Ungleichheitsverhältnisse und Marginalisierungspraxen zu analysieren, um aus diesen kritische und emanzipatorische Handlungsperspektiven abzuleiten. Die anvisierte Verknüpfung von Theorien und (politischen) Praxen gelingt den Autorinnen* durchgängig. Es werden zum einen komplexe und thematisch breit aufgestellte Analysen dargelegt, zum anderen liegt der Fokus auch immer auf Handlungsfähigkeit und Ermächtigung sowie auf deren Reflexionen.

Überaus produktiv setzen die Autorinnen* ihre queer-|feministischen Verständnisse in Verbindung zu intersektionalen Perspektiven, um der Verwobenheit von multiplen Herrschaftsverhältnissen und deren Kategorisierungsprozessen sowie dem Kapitalismus – in Form der neoliberalen Programmatik – gerecht zu werden. Bedauerlich ist allerdings, dass auf das Herrschaftsverhältnis Bodyismus verzichtet wurde. Insgesamt lässt sich festhalten, dass aufgrund solcher Syntheseleistungen nicht nur bisher „tote[…] (Blick)Winkel“ (S. 130) eingenommen und Leerstellen erhellt werden, sondern sich neue Erkenntnisse und Handlungschancen sowie alternative Kampfstrategien und Spielräume für diverse Existenzweisen eröffnen.

Einen „toten (Blick)Winkel[…]“ (ebd.) können wir bei der Lektüre des Bandes allerdings auch ausfindig machen: das fehlende Benennen des Kapitalismus. Die Fokussierung auf das „neoliberale Projekt“ (S. 8) trifft selbstverständlich die berechtigte Kritik an den Umwandlungen von Gesellschaft und Staatlichkeit seit den 1970er Jahren weltweit und seit den 1990ern insbesondere in Deutschland; darunter zum Beispiel „eine Universalisierung von Marktmechanismen […] und damit die Ausrichtung möglichst vieler gesellschaftlicher Bereiche an kapitalistischen Verwertungsinteressen“ (ebd.). Allerdings können wir dieses „neoliberale Projekt“ durchaus als Aktualisierung oder (Weiter-)Entwicklung des Kapitalismus verstehen. Diese Erkenntnis bleibt leider zwischen den Zeilen versteckt, eine explizite Kritik am Kapitalismus – und damit nicht nur an seiner derzeitigen Ausformung – hätte die Untersuchungen des Bandes und deren Schlagkraft gestärkt. Trotzdem bleibt „Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse“ selbstverständlich ein sehr gelungener Band, den wir nicht nur lesen können, sondern den wir lesen sollten!

Anmerkung
Um hegemoniale Heteronorm(alis)ierungen aufzubrechen, verwende ich durchgängig eine * Form.

Melanie Groß, Gabriele Winker (Hg.) 2007:
Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-389771-302-4.
191 Seiten. 14,00 Euro.
Zitathinweis: Alexander Bahr: (Politische) Übersetzungsprozesse zwischen Theorien und Praxen. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1243. Abgerufen am: 16. 12. 2019 08:41.

Zum Buch
Melanie Groß, Gabriele Winker (Hg.) 2007:
Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-389771-302-4.
191 Seiten. 14,00 Euro.