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Leistung, Leistung über alles

Über drei Zeilen komprimierter Buchtitel in folgender Aufteilung "Die A - SOZI - ALEN", wobei alle Buchstaben in großen Lettern stehen und schwarz gehalten sind. Nur das A ist rot gedruckt. Der Titel nimmt fast die ganze Seite ein. Darunter steht der Untertitel in kleineren roten Lettern: "Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren - und wer davon profitiert."
Buchautor_innen
Walter Wüllenweber
Buchtitel
Die Asozialen
Buchuntertitel
Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert
Walter Wüllenweber nimmt Bevölkerungsgruppen in die Mangel, die er als Ober- und Unterschicht bezeichnet und umgarnt damit die sogenannte Mittelschicht.
Rezensiert von Christian Baron

Wir haben es doch immer gewusst. Schuld am schleichenden Zugrundegehen unserer famosen und gerechten Leistungsgesellschaft sind diabolische Milliardäre. Diese listigen Langnasen schleusen ihr ererbtes Vermögen ungeniert am Fiskus vorbei und vergiften damit in bösartiger Absicht die Brunnen des deutschen Wohlstands. Noch schlimmer ist da nur diese verwahrloste Unterschichtenbande. Rotzfrech lässt sie sich mit Steuergeldern mästen und gönnt sich in der gemütlichen sozialen Hängematte ein faules Leben in Saus und Braus. Beide Gruppen baden also in dreister Dekadenz auf Kosten der hart arbeitenden Mittelschicht.

Was klingt wie am extrem rechts angehauchten Stammtisch von nebenan aufgeschnappter Irrsinn, findet sich tatsächlich als Kernaussage in dem Buch eines Journalisten, dessen Reportagen im Jahr 2005 mit dem von den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege verliehenen Deutschen Sozialpreis ausgezeichnet wurden. Sein Name: Walter Wüllenweber. Als Redakteur des längst zur lachhaften Illustrierten abgehalfterten Stern veröffentlichte der studierte Politologe seit dem Beginn der 2000er Jahre zahlreiche Artikel, in denen er der sogenannten Unterschicht moralische Verkommenheit vorwarf. Als Quintessenz seiner diesbezüglichen Ergüsse erschien 2012 im Sarrazin-Verlag DVA das Werk „Die Asozialen“.

Um sich jedoch davor zu bewahren, als Bruder im Geiste des rassistischen Sozialdemokraten wahrgenommen zu werden, stellt der Mittfünfziger seinen Tiraden gegen die gesellschaftlich Marginalisierten ein Kapitel voran, in dem er auf sechzig Seiten „die Flucht in die Parallelgesellschaft“ (S. 41) durch die „kleine, reiche Minderheit“ (S. 9) aus dem „Geldadel“ (S. 25) anprangert, dessen Anteil er auf etwa ein Prozent der Gesamtgesellschaft beziffert.

Hierzu zählt für ihn nur, wer über ein großes Vermögen verfügt. Exorbitant hohe Einkommen wie „Boni und Vorstandsbezüge“ gehören explizit nicht dazu, und zwar aus einem ebenso einfachen wie wirren Grund: „Für das Einkommen muss man zuerst etwas leisten, bevor man es bekommt“ (S. 29). Ihm scheint nicht nur völlig egal zu sein, dass sich Einkommen aus Erwerbsarbeit in Deutschland noch nie nach einem objektiven gerechten Kriterium bemaßen; es ist ihm sogar bewusst, denn – so seine Auffassung – „Einkommensungleichheit ist für das Funktionieren der Leistungsgesellschaft unverzichtbar und Treibstoff der Marktwirtschaft“ (S. 27).

Marktwirtschaft als Naturgesetz

Spätestens hier wird klar, woher der Wüllenweber-Wind weht: Er ist ein Nostalgiker, der sich in bester ordoliberaler Tradition nach echtem marktwirtschaftlichem Wettbewerb, nach einer reinen Leistungsgerechtigkeit sehnt, und er verkündet dies im jammernden Ton eines Kleinkindes, dessen Lolli am harten Steinboden zerborsten ist. Dass dieser Lolli namens Leistungsgerechtigkeit aber auf nimmer Wiedersehen entschwunden ist, weil sein süßes Versprechen einer Konfrontation mit der bitteren Realität nunmal nicht standhalten kann, kommt ihm nicht in seinen den marktwirtschaftlichen Wettbewerb zum Naturgesetz erhebenden Sinn.

Wüllenweber will eine Rückkehr in die Zeit, „als die Banken noch Diener waren und keine Herren“ (S. 201). Der Traum immerwährender Prosperität war kurz, aber offenbar so berauschend, dass der Publizist noch immer ernsthaft an den guten Kapitalismus glaubt: „Leistung garantiert Wohlstand und damit die Existenz des Sozialstaates. Doch sie ist noch mehr: einer der Stützpfeiler im Wertegebäude der Deutschen“ (S. 10).

Und von diesem haben sich für Wüllenweber vor allem „Unterschichtsfamilien“ (S. 118) verabschiedet. Ihnen kreidet er ihre vermeintliche „Unterschichtskultur“ (S. 78) an, die der Autor anhand weniger Extremfälle beschreibt, die er in seiner Reportertätigkeit aufgesucht hat oder die ihm in den gescripteten Trash-Formaten der privaten Fernsehsender präsentiert werden. So besitzen diese „Lebensformen, die sich in der Unterschicht entwickelt haben“ (S. 223), angeblich allesamt skandalöserweise „Mikrowellenherde, Spielkonsolen, Smartphones, Computer und natürlich Flachbildfernseher“ (S. 78). Seine durch und durch diskriminierende Darstellung gipfelt in einem umfassenden Rassenprofil der „deutschen Unterschicht“ (S. 75).

In Schlagworten charakterisiert er seinen typischen Sozialschmarotzer. Das erste lautet: „Du bist, was du arbeitest“. So „entstand eine ganze Lebensform, […] in der das Geld so selbstverständlich vom Amt kommt wie der Strom aus der Steckdose. In der trickreiches Taktieren in den Versorgungsämtern weitaus lohnender ist als ein Job“ (S. 88). Galant weggelassen hat der Schreiberling hier, dass im Kapitalismus systematisch wirtschaftliche Verlierer „produziert“ werden. Das wirkt sich konkret etwa in zahllosen Sanktionen gegen Leistungsberechtigte aus, welche Sozialgerichte für rechtswidrig erklärt haben, in den täglich sich ereignenden skandalösen Stromabschaltungen in verschuldeten Haushalten, weil für Elektrizität kein Posten im ALG-II-Regelsatz enthalten ist oder auch in den vielen menschenunwürdigen Niedriglohnjobs.

Wüllenwebers Rassenprofil der „Unterschicht“

Mit den Lügen und Halbwahrheiten geht es aber in diesem Sinne munter weiter. In „Du bist, was du isst“ stellt Wüllenweber ökonomisch Benachteiligte als träge Fresssäcke dar, deren sündiges Verhalten sich in „Rauchen, übermäßigem Alkoholkonsum, ungesundem Essen, Bewegungsmangel“ (S. 93) äußere. Verschwiegen wird, dass viele in Burnout-Kliniken versackende Leistungsgesellschaftsfanatiker aus den von Wüllenweber als „Elite Deutschlands“ (S. 50) gefeierten Management-Etagen meist noch ungesünderen Fraß in sich hineinstopfen und dass sie in ihrem von Achtzigstunden-Wochen überfrachteten Alltag oftmals reichlich rauchen, saufen und koksen.

Die weiteren Teile aus Wüllis Unterschichts-Rassenprofil sind schnell abgehandelt: Unter dem Stichwort „Du bist, was du übst“ moniert er, ihnen fehle „Disziplin, Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Pflichtbewusstsein“ (S. 95) und „Anstand“ (S. 99). In „Du bist, wie du wohnst“ wärmt Wüllenweber den Mythos vom freiwilligen Leben der „Unterschicht“ im versifften Plattenbau auf, derweil er mit dem Slogan „Du bist, wie du liebst“ Groll gegen jene hegt, für die nicht Arbeit, sondern „Sex das absolute Highlight ihres Lebens“ (S. 101) ist.

Unter der Headline „Du bist, wie du deine Kinder erziehst“ prangert der Autor die vorgeblich unzureichende oder falsche elterliche Zuwendung in einkommensschwachen Familien an, die ihren Kindern nicht die Werte der Leistungsgesellschaft vorleben. Für ihn scheint es redlicher zu sein, wenn vollerwerbstätige Eltern ihre Gören die ganze Woche im Hort verschanzen, sie abends in die Musikschule verfrachten und am Wochenende zur Oma abschieben, weil sie noch einen wichtigen Geschäftstermin reinbekommen haben. Die daraus resultierende emotionale Vernachlässigung der hiesigen Mittelklassekinder interessiert Wüllenweber nicht, weil sie ja die Leistungsträgerlein von morgen sind.

Lieber stürzt er sich auf den für ihn freiwilligen Weg in „Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Schulversagen und Geldmangel“ (S. 114) der Subalternen („Du bist nicht, woher deine Eltern kommen“) oder auf das vermeintliche Dummdödeldasein dieser „Asozialen“ („Du bist, was du glotzt“): „Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, die Welt des gedruckten Wortes ist für die Unterschicht ein fremder, unbekannter Planet. Auf ihrem Planten existieren nur flimmernde Medien“ (S. 111). Der Redakteur hat sich offenbar noch nie unter Oberstufenschüler_innen eines Gymnasiums gemischt, denn dann würde er schnell merken, dass die Kids größtenteils über Computerspiele reden und kaum über Theater und Oper.

Die reichen Armen und die armen Reichen

Aber darum geht es ihm ja gar nicht. Er möchte mit all dem verdeutlichen, wer allein Schuld ist an Massenarbeitslosigkeit, leeren Staatskassen und verlotterten Sitten: die böse „Unterschicht“. Zwar greift er auch die 800.000 reichsten Deutschen an, verbindet diese Anklage aber stets mit Verständnis. Reiche seien etwa „häufig vereinsamt und haben Angst“ (S. 34). An anderer Stelle berichtet Wüllenweber mitleidig von „reichen Söhnen, die von ihrer Umgebung missachtet, oft verlacht werden“ (S. 36), obwohl sie sich doch so anstrengen, dazuzugehören: „Viele fahren im Alltag Golf, um nicht aufzufallen“ (S. 32).

Gegen den „Müßiggang der Empfänger von Sozialtransfers“ (S. 132) dagegen zieht er in aller Härte zu Felde. Schließlich, so Wüllenweber keck, habe der deutsche Sozialstaat die Armut längst besiegt: „In Deutschland haben die Armen Geld genug“ (S. 9). Geldarmut sei nicht etwa „die Ursache der beschriebenen Verhaltensweisen, sondern ihre Folge […]. Das wahre Elend ist also die Armut im Geiste, nicht die im Portemonnaie“ (S. 78).

Einem solchen Menschen wünscht man beinahe die Wiedergeburt in eine Familie, die von der Gesellschaft missachtet, als überflüssig betrachtet und als Disziplinierung für die Mittelklasse in Perspektivlosigkeit und Armut gehalten wird. Kein Wort verliert er über die psychische Dimension des Aufwachsens am unteren Ende der Einkommens- und Teilhabeskala, die jede ökonomische Perspektivlosigkeit verschärft, weil die hegemoniale Ordnung lieber das Treten nach unten predigt als diesen Menschen helfend die Hand zu reichen.

Weil Wüllenweber nun aber die für ihn allein Schuldigen an allem Übel dieser Tage schon so deutlich benannt hat, sind die letzten fünfzig Seiten dieses Machwerks auch völlig überflüssig. Hier versucht er kläglich, als Profiteur_innen der konstatierten Sündhaftigkeit von Ober- und Unterschicht eine aus der angeblichen Armutshysterie entstandene „Hilfsindustrie“ (S. 162) und eine vermeintlich von den Superreichen kultivierte „Geldindustrie“ (S. 197) zu entlarven.

Was am Ende bleibt, ist ein Lügenpamphlet, das den Kapitalismus als seiner Leistungsdimension beraubt interpretiert sowie mit dem Armen zugleich ausgerechnet diejenigen zu Sündenböcken erklärt, welche an dieser Gesellschaft ohnehin schon am meisten zu leiden haben. Wüllenweber leugnet stattdessen die sich rasant ausbreitende Armut und verweist die ob ihrer Abstiegsangst wütende „Mittelschicht“ (S. 11) nicht etwa auf den zerstörerischen Kapitalismus als systemischer Ursache ihrer Misere, sondern hetzt die Umgarnten wohlfeil auf den ritualisierten Watschenbaum vom bösen Milliardär und insbesondere auf die hemmungslos stereotypisierte Sozialfigur der Unterschicht.

Walter Wüllenweber 2012:
Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert.
Deutsche Verlags-Anstalt, München.
ISBN: 978-3-421-04571-3.
256 Seiten. 19,99 Euro.
Zitathinweis: Christian Baron: Leistung, Leistung über alles. Erschienen in: Radikale Soziale Arbeit?. 33/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1222. Abgerufen am: 22. 08. 2019 22:57.

Zum Buch
Walter Wüllenweber 2012:
Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert.
Deutsche Verlags-Anstalt, München.
ISBN: 978-3-421-04571-3.
256 Seiten. 19,99 Euro.