Zum Inhalt springen
Logo

Handreichungen gegen die extreme Rechte

Buchautor_innen
Stephan Braun / Alexander Geisler / Martin Gerster (Hg.)
Buchtitel
Strategien der extremen Rechten
Buchuntertitel
Hintergründe – Analysen – Antworten
Der voluminöse Sammelband vereint 37 wissenschaftliche und journalistische Beiträge, die nicht nur für Wissenschaftler_innen interessant sein dürften.
Rezensiert von Richard Gebhardt

In zahlreichen Medienberichten oder Politikerstatements wird Rechtsextremismus immer noch auf ein Problem von Wahlprozenten oder auf das vermeintliche Randphänomen depravierter Jugendlicher reduziert. Jüngere sozialwissenschaftliche Arbeiten betrachten Rechtsextremismus jedoch als vielschichtiges Syndrom aus Parteien, Netzwerken, Subkulturen, militanten und metapolitischen Strategien sowie antidemokratischen Einstellungen auch in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“. Der von den sozialdemokratischen Landtags- bzw. Bundestagsabgeordneten Stephan Braun und Martin Gerster sowie dem Politikwissenschaftler Alexander Geisler herausgegebene voluminöse Sammelband zu den „Strategien der extremen Rechten“ bildet diese Vielfalt auf der Höhe des Forschungsstandes ab und überzeugt insgesamt als fundierte Handreichung für die politische Bildungsarbeit. Die unterschiedlichen Perspektiven der Autorinnen und Autoren des Bandes (darunter prominente Wissenschaftler wie Wolfgang Benz und Micha Brumlik sowie Fachjournalisten wie Andreas Speit und Patrick Gensing) umfassen diskursanalytische Texte ebenso wie Darstellungen, die auf Grundlage des konventionellen Extremismusparadigmas argumentieren.

Die 37 wissenschaftlichen sowie journalistischen Beiträge sind innerhalb drei großer Abschnitte zu „Strukturen und strategische Grundlagen“, „Strategieanalysen“ sowie „Antworten und Gegenwehr“ plausibel in jeweils einzelne Kapitel zu „Politik und Parteien“, „Kultur und Medien“, „Recht und Verfassung“ und „International“ aufgegliedert. Der Anhang mit einem Personen- und Sachregister erhöht den Gebrauchswert als Nachschlagewerk, um z.B. den politischen Kontext von neo-nazistischen Aktivisten oder Solitären der „Neuen“ Rechten prüfen zu können. Übersichtsdarstellungen wie die von Andrea Röpke zu „Immobilienkäufe durch Rechtsextremisten“ sind nicht nur für ein akademisches Publikum interessant, sondern gerade für Mitglieder demokratischer Bürgerinitiativen gegen entsprechende Spekulationsstrategien geeignet. Der Sammelband eignet sich vorzüglich, um auch jenseits der Seminare einer interessierten Öffentlichkeit Grundlagenwissen zu vermitteln. Beiträge exponierter Forscher wie der von Gunter A. Pilz zu „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Fußballumfeld“ bieten Kennern zwar inhaltlich wenig Neues, liefern aber konzise und anschauliche Zusammenfassungen des Forschungsstandes. Die Unterwanderung des Fußballs als Strategieelement der extremen Rechten wird wiederum von den Herausgebern Geißler und Gerster prägnant aufgezeigt. Lesenswert – und eine Stärke des Bandes – sind die Beiträge zu bislang wenig beachteten Fraktionen der extremen Rechten. Helmut Kellershohn vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) liefert beispielsweise eine ausführliche Darstellung des „neu“-rechten Instituts für Staatspolitik und sowie der Konservativ-subversiven Aktion (KSA), die auf den ersten Blick überraschende Anleihen am Agit-Prop der Studentenrevolte von 1968 nimmt. Kellershohn zeigt, dass ad-hoc-Gruppen wie die KSA qua Herausbildung eines „jungkonservativen“ Provokationsstils medial effektvoll in die ideenpolitischen Debatten eingreifen wollen. Das Institut für Staatspolitik dient dabei als „Reemtsma-Institut von rechts“ der Verbreitung „neu“-rechter Ideologie. Kellershohn verortet diese (bislang nur eingeschränkt wirkungsmächtigen) Projekte im Umfeld der Wochenzeitung Junge Freiheit und zeigt entlang dieser Scharnierstelle zwischen Nationalkonservatismus und Neofaschismus materialreich Traditionslinien und Unterschiede im Lager der „Neuen“ Rechten auf.

Thomas Grumke analysiert unter der Überschrift „Sozialismus ist braun“ die sozialdemagogische Agitation und Globalisierungskritik im Rechtsextremismus und bilanziert, „dass klassische, vergangenheitsbezogene Themen“ nicht mehr die alte Dominanz haben. Stattdessen werden immer häufiger aktuelle Probleme wie „Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Kürzungen im Sozialbereich oder die Internationalisierung von Märkten in den Vordergrund gestellt.“ (S. 159) Jan Schedler beschreibt kenntnisreich die „Übernahme von Ästhetik und Aktionsformen der radikalen Linken“ durch die relativ neue Subkultur der „Autonomen Nationalisten“ (AN), deren Selbstverständnis sich erheblich vom alten Habitus der Nazi-Skins mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel unterscheidet. Schedler zeigt, dass sich der „vermeintliche Antikapitalismus“ der AN auf die aus der NS-Ideologie tradierte „Unterscheidung von schaffendem und raffendem Kapital“ (S. 344) reduziert. Eine „Modernisierung“ des rechten Lagers sei dies nicht: Schon Ernst Bloch habe früh auf die nationalsozialistischen „Entwendungen aus der Kommune“ (d. h. Übernahme linker Symboliken etc.) hingewiesen. Bei diesen informativen Vergleichen der antagonistischen Akteure hätte die Betonung der inhaltlichen Differenzen zwischen der extremen Rechten und ihrem (vermeintlichen) linksradikalen Pendant noch schärfer ausfallen können. Schließlich übernehmen NPD, AN und „Freie Kameradschaften“ jenseits phänomenologischer Ähnlichkeiten in Ästhetik und Aktionsform nicht bloß die linke Phraseologie gegen die multinationalen Konzerne des High-Tech-Kapitalismus. Die Globalisierungskritik von rechts richtet sich gegen Migranten, speist sich – wie gezeigt wird – aus antisemitischen Quellen und formuliert wider die globale One World eine anti-modernistische Kritik, welche die Zersetzung der kulturellen Reinheit beklagt. „Universalismus“ gilt als Kategorie des Feindes. Dies kennzeichnet als Pointe des Vergleichs aber auch (zumindest idealtypisch) klar die zentralen Unterschiede zwischen den politischen Lagern: Die extreme Rechte übernimmt nicht bloß taktisch und unvermittelt linke Politiken und Aktionsformen – sie wandelt diese um und gibt ihnen autoritär-völkische Inhalte, die gleichzeitig konstitutiv für die Weltanschauung sind. So wäre es gemäß dem Weltbild der extremen Rechten nicht möglich, dass linke Postulat eines universalistischen Humanismus zu okkupieren. Eine Analyse der Aneignungsstrategien von Form und Inhalt ermöglicht so eine scharfe begriffliche Trennung zwischen links und rechts.

Mager fällt dagegen die theoretische Einleitung der ansonsten verdienstvollen Herausgeber aus. Hier werden in Bezug auf Terminologie, Konzept und Methodik Ansprüche formuliert, die später nicht eingelöst werden. Schon angesichts der in diesem Band versammelten Vielzahl der Phänomene und Zugänge zum Thema scheint eine kohärente Einigung auf eine Begriffsbestimmung wie „extreme Rechte“ kaum möglich. Zu wenig ausgearbeitet wird die „Problematik des Extremismusbegriffs“ (S. 14). Auch der nicht nur für die Titelwahl zentrale „analytische[n] Mehrwert des Konzepts ‚extreme Rechte‘“ (S. 15) wird eher deklariert als argumentativ begründet. Da in dieser Publikation jedoch vom unionsnahen Studienzentrum Weikersheim bis zur NPD ein breites Tableau an Parteien, Personen und Positionen verhandelt wird, wäre eine separate und vertiefende Klärung des Kontextes sinnvoll gewesen. Ein einziges Schaubild zu den „Differenzierungen des rechten Spektrums“ (ebd.) wird den offenen Fragen kaum gerecht. Die Vorzüge der Interpretation dieses Spektrums „im Sinne der Bewegungsforschung“ (ebd.) werden unter Verweis auf die entsprechenden Referenzautoren denn auch zu knapp benannt. Außerdem berücksichtigen zahlreiche Autorinnen und Autoren die Grundlegung der Herausgeber gar nicht oder verwenden Begriffe eher beliebig. Da doch gerade das hier gewählte Konzept „extreme Rechte“ unterschiedliche und eben auch nicht explizit verfassungsfeindliche Gruppierungen umfasst, herrscht im umkämpften Feld der Begriffspolitik weiterhin ein verstärkter Klärungsbedarf. Auch deshalb, weil die aktuelle Bundesregierung im Rahmen ihrer Programme zur „Extremismusbekämpfung“ Rechts- und Linksextremismus sowie Islamismus unter derselben Rubrik subsumiert, die Spezifika extrem rechter Inhalte und Gewalttaten derart jedoch nivelliert werden.

*

Die Rezension erschein zuerst im Dezember 2010 in der Politischen Vierteljahresschrift (PVS) (4/2010, S. 759-762) und wurde uns freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt

Stephan Braun / Alexander Geisler / Martin Gerster (Hg.) 2009:
Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten.
VS Verlag, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-531-15911-9.
667 Seiten. 39,90 Euro.
Zitathinweis: Richard Gebhardt: Handreichungen gegen die extreme Rechte. Erschienen in: Rechte „Mitte“ – „extreme“ Rechte. 3/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/898. Abgerufen am: 06. 12. 2019 21:39.

Zum Buch
Stephan Braun / Alexander Geisler / Martin Gerster (Hg.) 2009:
Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten.
VS Verlag, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-531-15911-9.
667 Seiten. 39,90 Euro.