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Glatt oder gekerbt - Räume und Gesellschaft

Buchautor_innen
Gilles Deleuze, Félix Guattari
Buchtitel
Tausend Plateaus
Buchuntertitel
Kapitalismus und Schizophrenie
Eine Relektüre von „Tausend Plateaus” öffnet den Blick für die Beziehung von Raum und Freiheit in Architektur und Gesellschaft.
Rezensiert von Joshua Guiness

Wie können wir den Raum, in dem wir leben, als ein Medium begreifen, dessen Form die Art unseres Zusammenlebens prägt? Die physische Form unserer Umwelt limitiert die Art, wie wir in ihr leben: Umso definierter ein Raum, desto leichter vorhersehbar sind die Aktionen, die in ihm stattfinden können. Jede Architektur ist also nichts anderes als die Einschränkung von Möglichkeiten, um einen bestimmten Zusammenhang von Ereignissen zu generieren.

Die von Gilles Deleuze und Felix Guattari in ihrem Werk „Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie“ aufgezeigte Dialektik zwischen „glattem“ und „gekerbtem“ Raum stellt die Frage, inwiefern die Ordnung und Struktur des Raumes sich auf die Lebensformen und Machtverhältnisse der darin lebenden Menschen auswirkt.

Das Unerwartete und der Raum

In „Das Glatte und das Gekerbte“ skizzieren Deleuze und Guattari zwei grundlegend verschiedene Typen von Raum: Der „Gekerbte“ beschreibt für sie jenen Raum des Staates und der Sesshaftigkeit, während der „Glatte“ dem Nomadischen gleichgesetzt wird. Glatter Raum ist offen, irregulär. Gekerbter Raum gerastert und geordnet. Beide Typen von Raum werden mit bestimmten Herrschaftsformen in Verbindung gebracht, mit grundlegend verschiedenen Machtverhältnissen und Lebensstilen, die sich in gegensätzlichen Auffassungen von Territorium und Raum niederschlagen. Raum lässt sich für die beiden Autoren also nur in Relation zu Macht denken. Eine Kategorisierung unterschiedlicher Raumtypen muss der Erkenntnis dienen, wie sich diese auf das Zusammenleben und gesellschaftliche Verhältnisse auswirken und wie sie sich im Hinblick darauf manipulieren lassen.

Deleuze und Guattari nutzen einige Modelle, anhand derer sie die Unterteilung in „gekerbt” und „glatt” verbildlichen. Der glatte Raum entspreche zum Beispiel eher Filz oder Patchwork statt Gewebe, er ist „unendlich, offen und in alle Richtungen unbegrenzt” und „breitet eine kontinuierliche Variation aus” (S. 659). Während dem gekerbten Raum eine Ordnung unterliegt, innerhalb derer Ereignisse geplant und vorherzusehen sind, ist der glatte also per Definition ein Raum unvorhersehbarer Aktion, in dem die freie Handlung des Menschen – zumindest potenziell – möglich ist.

Der Frage nach der Beziehung von gebautem Raum und Freiheit widmet sich auch Rem Koolhaas in seinem gesamten Werk als Architekt, in dem er immer wieder den ständigen Kampf zwischen den limitierenden Eigenschaften von Architektur und der Freiheit betont. Die Projekte von seinem Büro OMA (Office for Metropolitan Architecture) versuchen, innerhalb physischer Limitationen räumliche Offenheit zu schaffen – Ereignisse einerseits zu lenken und Handlungsstränge zu implizieren und gleichzeitig Raum zu lassen für das Unerwartete. Die von Gilles Deleuze und Felix Guattari aufgezeigte Dialektik beschreibt mögliche Kriterien, anhand derer die von OMA genutzten Entwurfsstrategien analysiert und bewertet werden können. Kann Architektur zu mehr Freiheit führen? Ein ungebauter Entwurf von Rem Koolhaas aus den Neunziger Jahren zeigt, wie glatter und gekerbter Raum sich in der Architektur auf das Leben der Bewohner*innen auswirken könnten.

Mehrdeutigkeit und das „Dazwischen”

Der Entwurf Rem Koolhaas’ für die Bibliothek in Jussieu von 1993 schafft eine Raumsequenz, um sich einer Architektur mit glattem Raum anzunähern. Durch das „Falten“ der Geschossplatten bilden geformte Rampen einen Weg von unten nach oben durch einen Kubus, der zwei Bibliotheken beherbergt. Es entsteht ein Bewegungsstrom, der das Gebäude durchflutet und für die Dynamik sorgt, die einer zu statischen Trennung einzelner Bereiche entgegenwirkt. Die Rampen kreieren Kontinuität zwischen den Etagen und etablieren geschossübergreifende Blickverbindungen, die den Raum durchstoßen. In der linearen Sequenz von Räumen treten herkömmlich voneinander abgetrennte Bereiche miteinander in Beziehung. Durch das Verjüngen und Verbreitern des Bodens geht der geneigte Weg, die Linie, immer wieder über in ebene Flächen, die als Arbeits- und Lesebereiche dienen. Die Grenze zwischen dem „Korridor“ und den „eigentlichen“ Räumen ist komplett fließend und bietet daher Interpretationsspielraum.

Genau an diesen Stellen tritt eine Unschärfe auf, eine Glätte im Sinne Deleuzes und Guattaris, die den Fokus auf die freie Wahl des Nutzers lenkt. Selbstbestimmtes Handeln in Bezug auf die Aneignung dieser Zwischenräume wird erforderlich, die Besucher*in wird zur Nomad*in, ihre Handlungsspielräume weiten sich. Das genaue Protokoll wird von Nutzer*innen geschrieben, auch wenn die grundlegende Richtung vorgegeben ist. Diese bereichernde Mehrdeutigkeit gründet jedoch auch auf einer gewissen „Kerbung“ des Raumes. Die Definition unterschiedlicher Räume und ihre Belegung mit spezifischen Aktivitäten ist nicht nur notwendig für die Organisation des Gebäudes, sondern bietet die Möglichkeit, Spannungsfelder zwischen ihnen aufzubauen. Erst durch Festlegung können auch Grauzonen entstehen: „glatt“ und „gekerbt“ als Eigenschaften des Raumes bedingen sich hier und bestärken sich gegenseitig. Das „Dazwischen“, der Weg zwischen definierten Stationen, wird somit zum Protagonisten und schafft „eine Zone der Unausmachbarkeit, die dem Werden eigen ist” (S. 676).

Das gesamte Erlebnis des Gebäudes kann als instabiler Zwischenzustand beschrieben werden, als ein Werden, das sich in die eine oder andere Richtung neigt. Ein Raum der Bewegung, der immer wieder mit klar zugeordneten Bereichen verschmilzt. Die Rampe schafft eine ständige Neigung, die jeglichem Stillstand physisch entgegenwirkt.

Im glatten Raum verändere sich laut Deleuze und Guattari die Orientierung Schritt für Schritt: Man sehe von nahem und nehme schrittweise kleine Veränderungen wahr, an denen man sich orientiert. Diese „haptische“ Wahrnehmung des Raumes charakterisiert das „Glatte“ – eine lokale Wahrnehmung, immer an einer Stelle, nicht „optisch“ im Sinne einer totalen Perspektive, die von einem Standpunkt aus viele andere Stellen wahrnehmen kann. Dies liegt dem Prinzip von Kontinuität im Entwurf von OMA zugrunde. Stetige geometrische Veränderungen in Breite und Tiefe des Raumes sowie die Steigungen der Rampen erleichtern es, den Raum in Teile zu gliedern und gleichzeitig das Potenzial der Zwischenräume zu stärken. Mit einer herkömmlichen Unterteilung des Raumes durch Wände träten diese nie auf.

Verschwimmende Grenzen

Bezieht man die theoretischen Begrifflichkeiten Deleuze’ und Guattaris auf konkrete Beispiele architektonischer Entwürfe, tut sich ein Fenster auf, durch das man die Form unserer Umwelt anders denken kann. Deleuze und Guattari warnen jedoch selbst vor einer Vereinfachung ihres Denkmodells als Romantisierung des undefinierten, unendlich offenen Raumes: „Man sollte niemals glauben, dass ein glatter Raum genügt, um uns zu retten“ (S. 693). „Glatt” und „Gekerbt” existieren also nicht in reiner Form, stattdessen ist es die Gleichzeitigkeit von gegensätzlichen Faktoren, die die Realität ausmacht.

In ihrer theoretischen, absoluten Form gleichen sich der glatte und der gekerbte Raum in ihrer Über- beziehungsweise Unterdeterminiertheit: Sie sind beide dystopisch. In der Realität jedoch sind beide Arten des Raumes immer „unrein“ und mit einander vermischt, man kann nur Intensitäten von „Glattheit“ und „Gekerbtheit“ bestimmen. Freiheit kann nur angenähert, niemals komplett erreicht werden – in ihrer Vollendung würde sie ins Gegenteil umschlagen. Laut den Autoren sind beide Arten von Raum immer eng miteinander verwoben und „treiben einander voran” (S. 674). Ähnlich wie bei Rem Koolhaas wird hier eine ständige Abhängigkeit zwischen Limitation und Freiheit angedeutet: „Nichts ist jemals zuende: die Art, in der ein glatter Raum sich einkerben lässt, aber auch die Art, in der ein gekerbter Raum Glattes zurückgibt.“ (ebd.)

Eine erneuerte, räumliche Lesart von „Tausend Plateaus” kann den Weg in eine Praxis ebnen, die sich wieder dieser Beziehung von Raum und Freiheit in Architektur und Gesellschaft widmen.

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Fotos der besprochenen Entwürfe findet ihr hier.

Gilles Deleuze Félix Guattari 1993:
Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie.
Merve, Berlin.
ISBN: 978-3883960944.
716 Seiten. 45,00 Euro.
Zitathinweis: Joshua Guiness: Glatt oder gekerbt - Räume und Gesellschaft. Erschienen in: Gebaute Gesellschaft. 51/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1545. Abgerufen am: 06. 12. 2019 21:15.

Zum Buch
Gilles Deleuze Félix Guattari 1993:
Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie.
Merve, Berlin.
ISBN: 978-3883960944.
716 Seiten. 45,00 Euro.