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Ein beschwerlicher Weg

Buchautor_innen
Mario Cruz
Buchtitel
Der Prinz
Endlich wurde Cruz' Manuskripts aus den 1970er Jahren veröffentlicht. Es beschreibt schwule Liebe unter Einflüssen von Gewalt, Macht und Männlichkeit.
Rezensiert von Tobias Kraus

Allein die Geschichten um das Buch an sich lesen sich wie ein Abenteuerroman. Nachdem zu Beginn der 1970er Jahre die Verlagssuche wegen homosexueller Darstellungen erfolglos verlief, druckte Mario Cruz einige Exemplare seines kurzen Romans „Der Prinz“ im Selbstverlag. Schnell musste er nachdrucken, da der Text in Chile zum Untergrund-Hit aufstieg. Während der Pinochet-Diktatur geriet der Roman aufgrund der vorherrschenden Homophobie in Vergessenheit, erst Jahrzehnte später entdeckte der Regisseur Sebastian Muñoz durch Zufall eines der Hefte an einem Zeitungsstand. Wie Florian Borchmeyer in seinem lesenswerten und informativen Nachwort ausführt, folgte eine surreale Recherche nach dem Ursprung dieses Heftes und nach dem zunächst nicht auffindbaren, scheinbar nicht existierenden Autor. Diese endet mit einer tragischen Begegnung mit einem eigensinnigen, kauzigen Mann, dessen Biografie maßgeblich mit den Bedingungen seines Textes verwoben ist. Im Herbst 2019 wird Muñoz´ gleichnamiges Filmdebüt bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt. Die im vergangenen Spätsommer vom Albino-Verlag herausgegebene und gut aufbereitete deutsche Übersetzung ist die weltweit erste Publikation der Romanvorlage in einem Literaturverlag.

Liebe ist Status

Der junge Protagonist Jaime schlug sich bislang leidlich durch: Gelegentliche Raufereien, Umherziehen auf der Suche nach Vergnügen, erste lieblose sexuelle Erfahrungen mit Frauen. Wegen Mordes in eine Zelle gesperrt, erfährt er sogleich die Zuwendung des offensichtlichen Anführers der Gefangenen El Potro. Dies kommt ihm zupass, denn der Kampf um die Hierarchien unter den Insassen ist gnadenlos. Unter den brutalen Bedingungen im chilenischen Knast verschafft sich Respekt, wer Gewalt und Tapferkeit ausstrahlt. Jaimes Position als Prinz hat jedoch seinen Preis, er verdient sie sich durch sexuelle Gefälligkeiten. Die erste erzwungene Nacht lässt ihn mit einer Mischung aus Ruhe und Angst, Scham und Ekel zurück. Im Laufe der Zeit entwickelt sich Zuneigung und es spinnt sich ein Netz aus Gewalt, Innigkeit, Macht und Status. „Alle respektierten mich, weil El Potro mich beschützte. Nicht mal die brutalsten und fiesesten Typen hätten mich gefickt.“ (S. 60) Auch wenn sich die Themen um Oberflächlichkeiten wie Mode – lange Haare und enge Klamotten sind der letzte Shit –, Lifestyle und den Tango als Lebensgefühl drehen, wird eines sehr deutlich: die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und die Allgegenwärtigkeit des Sexes unter den Gefangenen. „Was mich aufrecht hielt, waren die Gedanken an draußen. Klar, das war tagsüber. Nachts reichte es, dass El Potro mich berührte und wir unseren Spaß hatten – wenn auch nur für einen Moment.“ (S. 68) Der Prinz gewinnt auf der Suche nach (sexueller) Identität nach und nach an Bewusstsein für seinen Körper und dessen Ausstrahlung. Gleich versucht er, sich beides zu Nutzen zu machen: Er möchte nicht nur als Anhängsel geduldet, sondern als eigenständige Person und Anführer neben El Potro geachtet und respektiert zu werden.

„Er war sehr dominant. Ich liebte das. War glücklich, an seiner Seite zu sein. […] Aber ich wollte aufsteigen. Die anderen sollten wissen, dass ab und an ich der Dominante war; und er sollte aufhören, so zu tun, als wäre ich sein Eigentum. […] Ich hatte bewiesen, dass ich nicht nur eine unbedeutende Schwuchtel war, hatte mir den Respekt der Mithäftlinge erkämpft.“ (S. 74)

Modus Männlichkeit

Heteronormativität, ein Denken im Zweigeschlechtlichen, in dem die gegengeschlechtliche Liebe mit entsprechend zugeschriebenen Rollenverteilungen als Norm gesetzt wird, fungiert als Gradmesser der eigenen Position im Machtgefüge des Knasts. Diese ist abhängig von der unbedingten Notwendigkeit, ein Mann sein und sich und anderen die eigene Männlichkeit beweisen zu müssen. Wesentliche Implikationen wie Abwehr von Passivität, Abhängigkeit und Objektsein, Besitzansprüche und Stolz werden sichtbar verhandelt.

„Als El Potro und Wimper zusammen geschlafen hatten, wer hatte da wohl den Mann gemacht? Und als sie zum ersten Mal in den Knast gekommen waren, hatten sie sich da nicht auch den Stärkeren unterwerfen müssen? Dann waren also auch sie Schwuchteln. Das lag in der Natur der Sache.“ (S. 55)

Penetration gilt als verweiblicht, als Demütigung, der aktive Part verschafft im Machtgefüge Renommee. Der Prinz lotet die Möglichkeiten aus, unter Einflüssen von Gewalt, Repression und einem traditionellen Bild von Männlichkeit seine Identität auszubilden und etwas wie körperliche und zunehmend auch emotionale Nähe und Liebe unter Männern zu empfinden. Auch in der völligen Abhängigkeit, auch unter demütigenden Befehlen, spürt der Prinz die liebevolle und sorgende Art El Potros, er braucht ihn. In ruhigen Momenten erzählen sie sich gegenseitig von verflossenen Liebschaften, schönen Dingen und ihren Träumen. „Wir sahen einander an, voller Liebe und Schmerz“ (S. 84) heißt es im gleichzeitig schönen und berührenden wie traurigen und bedrückenden Schluss. Trotzdem verweigert er sich, der emotionalen Seite zu viel Wert beizumessen und zu viel Gefühl zuzulassen.

„Die Liebe im Dunkeln war die einzige Möglichkeit sich zu amüsieren. Sie ernst zu nehmen, sentimental zu werden, bedeutete, das Verderben zu suchen, sich zum Narren zu machen, zum lächerlichen Trottel.“ (S. 60)

Der unbeachtete Beginn der literatura gay

Der wiedergefundene Autor Mario Cruz führte ein einsames Leben in Vergessenheit; Umstände und biografische Konstellationen ermöglichten ihm nie, seine Homosexualität offen auszuleben. Bereits unter der Präsidentschaft des demokratisch-sozialistischen Salvador Allende stellten Repression und ein gesellschaftliches Klima voller Abwertung und Missgunst Homosexuelle vielerorts mit dem rechten Gegner auf eine Stufe – die gesamte lateinamerikanische Linke verstand sich als Arbeiterbewegung, die keine Anknüpfungspunkte für Homosexuelle bot. Diese Bedingungen erklären, weshalb Cruz nach dem Militärputsch den aberwitzigen Versuch unternahm, der Missachtung seines Romans ein Ende zu setzen und ihn an die faschistischen Machthaber um Pinochet heranzutragen. Deren Homophobie verschlimmerte freilich die Lebenssituation homosexueller Menschen noch, von Beginn an wurden sie terrorisiert, verschleppt, misshandelt und ermordet. Erwartungsgemäß wiesen sie Cruz ab, der anschließend vollends in der kulturellen Versenkung verschwand. Sein Roman stellte in dieser Zeit ein absolutes Novum dar, eine Schilderung gleichgeschlechtlichen Sexes ohne Abwertung oder vernebelnde Darstellung war undenkbar. Zudem entwarf er eine Kulisse, die sämtliche Parameter zur Schmuddelgeschichte erfüllte und damit noch mehr Potenzial barg, auf heftige Ablehnung zu stoßen: Schwuler Sex unter gesellschaftlich Marginalisierten, als Verbrecher deklarierten Weggesperrten. Gemeinhin galten andere als Vorreiter der chilenischen literatura gay, deren früheste Erzeugnisse die Geschichtsschreibung der LGBTIQ-Kultur in Chile auf das Ende der Pinochet-Diktatur datiert. Cruz‘ Text entstand etwa ein Jahrzehnt zuvor.

Mario Cruz 2020:
Der Prinz. Übersetzt von: JJ Schlegel.
Albino Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86300-294-7.
126 Seiten. 18,00 Euro.
Zitathinweis: Tobias Kraus: Ein beschwerlicher Weg. Erschienen in: Gegenöffentlichkeit in Bewegung. 60/ 2021. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1690. Abgerufen am: 16. 10. 2021 16:42.

Zum Buch
Mario Cruz 2020:
Der Prinz. Übersetzt von: JJ Schlegel.
Albino Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86300-294-7.
126 Seiten. 18,00 Euro.