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Der permanente Widerstand

Der permanente Widerstand © Johanna Bröse
Interviewpartner_innen
Interview mit Juliana Streva
In Brasilien organisieren sich vor allem Frauen* auf allen Ebenen zum Widerstand gegen die Politiken der rechtsautoritären Bolsonaro-Regierung. Ein Gespräch mit der Juristin Juliana Streva zeigt, dass es ums Überleben geht.

Kritisch-lesen.de: Der rechte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro fällt immer wieder durch krassen Antifeminismus auf. Wie sieht Bolsonaros Regierungspolitik in Bezug auf feministische Themen aus?

Juliana Streva: Während der Wahlkampagnen im Jahr 2018, aber letztlich auch schon früher, hat Bolsonaro einen Diskurs über die so genannte „Gender-Ideologie“ in Gang gesetzt, indem er ständig die Marginalisierung und Objektivierung weiblicher* Körper verspottet und diese damit verstärkt hat. Seit den Wahlen stieg die ohnehin schon alarmierende Rate der Femizide in Brasilien dramatisch an. Im ersten Halbjahr 2019 etwa schnellte der Frauenmord in der Stadt São Paulo, der größten Stadt Lateinamerikas, um 220 Prozent in die Höhe. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der vorsätzlichen Morde an Männern zurück, was zeigt, dass eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen nicht bloß eine Folge der allgemeinen Zunahme von Gewalt in den Städten war. Man muss sich einen solchen Anstieg in einem Land vorstellen, das bereits zuvor die fünfthöchste Femizidrate der Welt hatte und das tödlichste Land für die LGTBIQ-Bevölkerung ist.

Mit der COVID-19-Pandemie wurde das politische Szenario noch akuter. Arme, an der Peripherie lebende, indigene und Schwarze Bevölkerungsgruppen sind von dieser Nekropolitik (Einer Politik der lebenden Toten; oder eine, die über Leichen geht, Anm. Red.) am stärksten betroffen. Der erste Todesfall durch das Coronavirus in der Stadt Rio de Janeiro war eine „empregada doméstica“, eine Hausangestellte. Die „patroa“, die Arbeitgeberin, kehrte mit Symptomen des Coronavirus aus Italien zurück. Während sie in Quarantäne blieb, musste die Hausangestellte weiter in der Wohnung arbeiten. Nach drei Tagen starb die Hausangestellte, eine 63-jährige Frau mit Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck, während sich die „patroa“ von dem Virus erholte. Wer stirbt, und wer bleibt am Ende des Tages am Leben? Dies ist kein natürliches Ereignis, sondern eine politische Frage. Die gegenwärtige Regierung erfordert eine möglichst dauerhafte Artikulation von Widerständen, insbesondere aus den Bereichen Antirassismus, Umwelt, Queer und Feminismus.

Welche Entscheidungen von Bolsonaro und seiner Regierungsvertreter treffen marginalisierte Frauen* besonders?

Es gibt viele Politiken, die materielle Auswirkungen haben. Im November 2019 veröffentlichte Bolsonaro beispielsweise ein Dekret, in dem er festhielt, dass die „Casa da mulher brasileira“, das Haus der brasilianischen Frau, nicht mehr in die Zuständigkeit des Staates falle. Eine solche Einrichtung war für die Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt von entscheidender Bedeutung, da sie Frauen in Gewaltsituationen Zuflucht und psychologische Hilfe bietet. Und das in einem Land, das bereits zuvor unter der extrem prekären Sozialpolitik litt. In Brasilien gibt es etwa pro 240 Städte ein Frauenhaus, was zu einer lächerlichen Zahl von 74 Unterkünften in einem Land mit über 103 Millionen Frauen führt! Bolsonaro hat auch das Sekretariat für Politik für die Frauen abgebaut und ein weiteres geschaffen, das den Namen Ministerium für Frauen, Familie und Menschenrechte trägt. Die Leiterin dieses Ministeriums ist eine ultrakonservative Priesterin, die Geschlecht folgendermaßen definiert: „Jungen sollten blau tragen und Mädchen rosa“. Man kann sich schon vorstellen, welche Frauenpolitik sie betreibt.

Warum gibt es eine so enge Beziehung zwischen dem autoritären Regime der Regierung Bolsonaros und dem Anti-Feminismus?

Zunächst einmal sollte die Verbindung zwischen Antifeminismus und autoritärer Politik nicht als eine Besonderheit Brasiliens angesehen werden. Es ist ein globales Phänomen. Wenn man das berücksichtigt, kann man das Zusammenspiel von autoritärem Regime und Antifeminismus in Brasilien als etwas wahrnehmen, das in der Entstehung moderner Nationalstaaten verwurzelt ist, das heißt, genau in der Art und Weise, wie unsere Gesellschaften während des Kolonialismus strukturiert waren und später zu den so genannten „konstitutionellen Demokratien“ wurden. In meiner Arbeit untersuche ich die kolonialen Hinterlassenschaften, in denen sich die moderne Gesellschaft materiell und historisch konstituiert hat. Es geht darum, wie der rassistische Kapitalismus sich verfestigte und wie unsere „konstitutionellen Demokratien“ entstanden sind. Sie alle basieren auf den kolonialen, weißen, heteronormativen, cis-geschlechtlichen und ultra-maskulinisierten Idealen von Besitz, Herrschaft und Ausbeutung. Das Zusammenspiel manifestierte sich auch in Dimensionen wie privat und öffentlich, Produktion und Reproduktion, politisch und häuslich, bezahlt und unbezahlt, rational und emotional, Subjekt und Objekt, Besitzende und Enteignete von Eigentum und so weiter. Der gegenwärtige Aufstieg der autoritären rechtsextremen Politik ist ein Symptom, eine aggressive ultra-maskulinisierte Reaktion; ein Versuch, diese neokolonialen Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. Wenn marginalisierte Gruppen sich mit den Bedeutungen von Politik, von Identität, von öffentlich und privat auseinandersetzen, konfrontieren sie sich mit den Machtstrukturen moderner Nationalstaaten. Und wir sehen jetzt eine solche Reaktion, eine weiße rassistische, autoritäre, konservative, heteronormative und neoliberale Gegenwehr. Politik ist letztlich ein Streit.

Wie kann man feministische Themen, beziehungsweise wie können sich feministische Akteur*innen in eine solche Agenda der Konfrontation einbringen?

Wenn wir über autoritäre Politik und Konservative sprechen, sprechen wir über sexistische und weiße Vorherrschaftsideale. Das gehört zusammen, es bestimmt die Politik. Soziale Bewegungen setzen sich nicht nur außerhalb der institutionellen Sphären mit den Auswirkungen der Politik auseinander, auch die Bedeutung von Politik innerhalb des institutionellen Rahmens ist Teil des Kampffelds. Im selben Jahr, in dem Bolsonaro gewählt wurde, gab es in Brasilien die größte Zahl an Frauen* in der Geschichte des Landes, die sich zur Wahl aufgestellt haben. Im gleichen Jahr wurden zum ersten Mal gleich drei Schwarze Trans*-Frauen für einen Sitz in der Legislative gewählt: Erica Malunguinho, Erika Hilton und Robeyoncé Lima.

Als ich mit Frauen sprach, die für die Wahlen im Jahr 2018 kandidierten, hörte ich immer wieder von ihnen, wie herausfordernd und gefährlich es sei, Mitglied einer politischen Partei zu sein. Politische Parteien, auch die linkesten, werden nicht nur in Brasilien, sondern auch in Europa als ultra-maskulinisiert beschrieben. Das sieht man zum Beispiel im Bericht der Inter-Parlamentarischen Union aus dem Jahr 2018 (Sexism, Harassment and Violence against Women in Parliaments in Europe, Anm. Red.). Es geht also nicht nur um das Anliegen, die Zahl der Frauen in den Parlamenten zu erhöhen. Es geht auch um die Veränderung der maskulinisierten und rassistischen Art und Weise, in der formelle Politik funktioniert.

Anstatt die Politik zu entpolitisieren, versuchten die Frauen, die Politik neu zu erfinden, indem sie sie anders machten. Ein Beispiel für die Artikulation von Widerständen sind die „Juntas Codeputadas“ (Gemeinsame Treffen, Anm. Red), die im Bundesstaat Pernambuco geschaffen wurden: Gewählte Frauen beschlossen, eine feministische „mandata coletiva“ zu schaffen, eine kollektive Mandata, sozusagen ein Mandat in feministischer Form. Daraus lassen sich anhaltende feministische Widerstände, Strategien und Auseinandersetzungen ablesen, in denen die politischen Parteien als Instrumente für soziale Bewegungen wahrgenommen werden und nicht umgekehrt.

Die institutionelle Verankerung feministischer Politiken ist das eine. Du hattest aber auch die sozialen Bewegungen außerhalb davon erwähnt. Was sind zentrale Themen von Graswurzelbewegungen in Brasilien?

Wenn wir an die Bedeutung des Begriffs „Graswurzel“ denken, spielt „Gras“ auf Territorium, Erde, Natur, Lebenskreislauf oder Anbaufelder an und „Wurzel“ ruft die Assoziation von Vermächtnissen, Erinnerungen oder Vorfahren hervor. Anstelle von etwas Starrem und Festem bezieht es sich auf einen geopolitischen Ort. Es symbolisiert den Boden, auf dem periphere Körper platziert wurden und von wo aus sie historisch und kontinuierlich gekämpft haben: Eine Frauenvereinigung in der Peripherie oder im Slum, eine Transfrauenorganisation, ein LGTBIQ-Kollektiv, Schwarze Universitätsstudierende, Landarbeiter*innen, Hausangestellte, Sexarbeiterinnen und so weiter. Sie alle haben verschiedene Strategien und Formen des Widerstands. Die Proteste sind vielleicht die sichtbarsten. 2018 hatten wir in Brasilien die größten Proteste in der Geschichte des Landes, die von Frauen* angeführt und organisiert wurden, die #EleNão (#NichtEr (gemeint ist Bolsonaro), Anm. Red.). Zigtausende Frauen*, die in sozialen Bewegungen organisiert und nicht organisiert waren, protestierten und sperrten Straßen und Kreuzungen des ganzen Landes. Und auch international organisierten Frauen* Proteste in vielen Hauptstädten, so wie wir in Berlin. Es ist ein Beispiel für den Widerstand gegen die neoliberale, rassistische, antifeministische oder frauenfeindliche Politik, das schon während der Wahlen deutlich machte: Wir wollen nicht, dass er uns vertritt, er repräsentiert uns nicht. Im Jahr 2019 gab es weitere große und sehr wichtige Proteste – den ersten Marsch indigener Frauen in der Geschichte des Landes unter dem Motto „Territorium: unser Körper, unser Geist“, und den sechsten Marsch von Margaridas, der größten Mobilisierung von Frauen aus den Waldflächen und ländlichen Gebieten auf dem gesamten Kontinent. Der Protest ist nicht nur ein performatives Ereignis, bei dem Frauen physisch zusammen für etwas kämpfen. Sie sind darüber hinaus Prozesse. Ihnen wohnt das Potenzial inne, dauerhafte und kontinuierliche Artikulationen, Pläne, Foren und Kooperationen zu schaffen. Die drei erwähnten Proteste zeigen die Intersektionalität der politischen Ansprüche in Bezug auf Land, Territorium, Arbeit, Repräsentation, Umweltgerechtigkeit und vieles mehr. Und die Artikulation von Widerstand geht weit über Proteste hinaus: Sie beinhaltet kreative, kontinuierliche, disruptive und transformative Praktiken wie Initiativen der Solidarwirtschaft, feministische Interessenvertretung, Slams, künstlerische Interventionen und so weiter.

Es ist sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass Feminismus nicht als Praxis jenseits von Intersektionalität verstanden werden kann, oder zumindest nicht ohne Intersektionalität verstanden werden sollte. Damit meine ich, dass „die Frau“ nicht als abstraktes Konzept existiert, sondern wir sind alle verkörpert in Fleisch und Blut. Wir erfahren gewisse Dimensionen des Sozialen durch und wegen diesem Körper. Wir sprechen alle situiert, von einem bestimmten Ort. Ich bin Akademikerin, Aktivistin, Migrantin, gehöre der Mittelschicht an, bin aber auch cis-geschlechtlich, weiß, bisexuell und körperlich nicht-be_hindert. Ich kann nur von diesem Standpunkt aus sprechen. Doch diese Standpunkte beziehen sich nicht nur auf unsere körperlichen und ontologischen Identitäten, sondern verweisen auf die materiellen und historischen Strukturen, in welchen unser Verständnis von Gender, race, Sexualität und Klasse sozial produziert wurden. Der Kampf um Land, Essen, Kinderbetreuung, nicht-prekäre Arbeit oder gegen Polizeigewalt ist in dieser Weise mit den kolonialen und neoliberalen Strukturen verwoben, die auf Ausbeutung, Kommodifizierung, Objektifizierung, Entmenschlichung, Konkurrenz und Profit basieren. Mit anderen Worten, Kolonialismus, Kapitalismus und das Patriarchat sind materiell miteinander verwoben. Daraus folgt notwendigerweise, dass die Artikulation der Graswurzelbewegungen oder intersektional-feministische Kämpfe die Gesamtheit der Struktur anfechten, auf die der neokoloniale Staatsapparat aufgebaut ist.

Siehst du denn auch Erfolge?

Das ist schwer zu beantworten, denn es ist ein kollektiver und permanenter Prozess. Aber als ich vor den Wahlen in 2018 mit Frauen aus der Peripherie Brasiliens gesprochen habe, die an diversen Fronten den Kampf aufgenommen hatten, betonten die meisten die miserable Lage der öffentlichen Einrichtungen, die sich um reproduktive Arbeit kümmern, wie beispielsweise die Kinderbetreuung und Frauenhäuser. Trotz der desolaten Unterfinanzierung dieser Strukturen und auch ihrer eigenen prekären finanziellen Situation, haben diese Frauen es geschafft, kollektive und kommunale Schutzräume für andere Frauen zu schaffen, wo sie miteinander sprechen, aber auch professionelle Fähigkeiten in Workshops erlernen, ihre Kinder zur Betreuung abgeben, oder sich vor Gewalttätern schützen können. Die Schutz-und Überlebensräume sind manchmal in Privatunterkünften der Frauen aufgebaut, oder an einem Ort, der kollektiv von den Frauen finanziert wurde. Ich habe gesehen, wie sie sich innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften organisiert und diese gegebenen, „künstlichen“ Zusammenhalte zu einer wahren „care-community“ umgestaltet haben. Schritt für Schritt erschaffen sie größere Unterstützungsnetzwerke um sich herum, eine Artikulation, wie ich es nenne, die wie ein physischer Körper funktoniert. Es gibt einzelne Glieder und Teile, doch wenn sie sich gemeinsam artikulieren und als Körper wahrnehmen, kann dieser sich auch bewegen.

Wie funktioniert dieses Zusammenkommen einzelner Teile?

Naja, die meisten Aktivistinnen* mit denen ich gesprochen habe, haben sich nicht politisiert, weil sie Marx gelesen haben (lacht). Nein, eher denken sie: Ich muss überleben. Ich erlebe diese ganze Gewalt alleine und andere Frauen* müssen ähnliche Dinge erleiden, wir sollten uns gegenseitig helfen. Sie bilden Netzwerke, erschaffen Organisationen, Kollektive. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Zusammenhalt wirklich wichtig und besonders ist. Obwohl wir so müde sind, so erschöpft von der Militanz. Denn das ist ja auch Arbeit, nicht wahr? Formelle, informelle, bezahlte, unbezahlte, militante, reproduktive, sorgende Arbeit. Diese vielen Schichten sind extrem auslaugend, doch dieses Gefühl des Zusammenhalts, des Beisammenseins, was durch den Aktivismus entsteht, das ist entscheidend. Das Gefühl, das wir nicht alleine sind und dass der Kampf ums Überleben kein individueller ist, sondern ein gemeinsamer. Dieses Konzept des Beisammenseins basiert auf dem Afrikanischen Konzept des Ubuntu. Ubuntu ist eine Philosophie der Bantu, welche auf dem Prinzip der Interdependenz und den kollektiven Bedeutungen der Menschheit basiert. Es ist in den Schwarzen feministischen Bewegungen in Brasilien sehr präsent. Zum Beispiel Marielle Franco, die schwarze feministische Politikerin, die aus politischen Gründen 2017 ermordet wurde, hatte den Slogan „Ich bin, weil wir sind“. Das ist Ubuntu, denn es verweist auf die Interdependenz, die Verbundenheit, welche unser Leben überhaupt erst ermöglicht. Also kommen einzelne Elemente zusammen, weil sie nur als Gemeinschaft um ihr Überleben kämpfen können, als kollektives und interdependentes gemeinsames Vorhandensein.

Kannst du dazu noch etwas mehr sagen, zu dieser Interdependenz? Was für Aktivismus ergibt sich aus diesem theoretischen Anspruch?

Ich glaube nicht, dass sich Aktivismus aus einer Theorie ergibt, sondern, dass Theorie und Praxis nicht voneinander zu trennen sind. Zum Beispiel basiert meine theoretische Arbeit, die Kartographien des Widerstands aufzeichnet, auf eben diesen Praktiken der Frauen in den Graswurzelbewegungen in Brasilien vor Ort. Wenn ich ihre Lebenserfahrungen und mündlichen Überlieferungen als Wissen betrachte, gerät der Begriff des theoretischen oder akademischen Wissens ins Wanken. Ihre Praxis demonstriert, wie das Konzept der Artikulation und des Beisammenseins in politischen Aktionen widerhallt und andersrum ebenso. Da es ums Überleben geht, müssen diverse Strategien miteinander kombiniert werden. Zum Beispiel werden Diskurse der rechten und ultra-maskulinen Domänen der Demokratie nicht nur problematisiert, sondern eben auch diskutiert und transformiert. Es geht nicht nur darum, feministische Interessensvertretung zu performen. Sie leben sie, experimentieren mit ihnen, praktizieren sie, und versuchen, Dinge anders zu machen. Wie kann eine feministisch-solidarische Wirtschaft aussehen? Wie können wir gemeinschaftliche Frauenhäuser für unsere Communities errichten und wie können wir leben, und uns dabei unterstützen? Das sind keine theoretischen Fragen, sondern alltägliche Herausforderungen. Wie in der Erde verteilen sie die Saat ihrer Arbeit und hoffen, dass etwas daraus erwachsen kann. Nach dem Mord an Marielle Franco ist dieses Konzept der Saat sehr präsent im brasilianischen Feminismus. Es bezieht sich auf die Verbundenheit mit der Erde als Land und Boden, aber auch als Rückbezug auf Vorfahren, Ökologie, Verwurzelung und Wachstum, und auf einen permanenten Prozess.

Noch eine Sache: Das „Mandata Quilombo“, welches von Erica Malunguinho propagiert wird, beruft sich ebenfalls direkt auf Ubuntu. Wie gesagt, bezieht sich „mandata“ auf eine feminisierte Version des „Mandats“ und „Quilombo“ ist ein historischer Begriff, der sich auf einen Ort des diasporischen Widerstands Schwarzer während der Sklaverei bezieht. Diese erhoben sich gegen das Kolonialregime und bildeten kleine kämpferische Zellen gegen ihre Unterdrücker. Diese Erklärung ist sicherlich viel zu kurz gegriffen, aber ich hoffe, sie reicht aus, um einen wesentlichen Punkt herauszustellen. Ihr Mandat beruft sich eben auf das Konzept des Quilombo und aktualisiert es, um die heutige institutionelle Politik anzugreifen. Im Sinne von: Wie können die Werkzeuge des Meisters genutzt werden, um das Haus des Meisters zu demontieren? Es ist ein politischer Prozess, der wieder in Besitz nimmt, was historisch enteignet wurde. Es ist ein permanenter kollektiver Kampf um die Vorstellungen von Demokratie und Gemeinschaft.

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Interview von Johanna Bröse. Das Interview wurde auf englisch geführt und von der Redaktion übersetzt.

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Juliana Streva ist eine interdisziplinäre Wissenschaftlerin und experimentelle Künstlerin aus Brasilien und lebt derzeit in Berlin. Ihre Arbeit befasst sich insbesondere mit dem Zusammenspiel des Körpers (Körperlichkeit), kollektiven Bewegungen und (neo-)kolonialen Strukturen von Gewalt. Zu ihren jüngsten Arbeiten gehören das Buch „Corpo, Raça, Poder“ (Körper, race, Macht, 2018), der Beitrag zum deutschsprachigen Buch „Materializing Feminism“ (2019) und der Film „Women in Movement“ (2020).
Zitathinweis: kritisch-lesen.de Redaktion: Der permanente Widerstand. Erschienen in: Feministische Kampfansagen. 56/ 2020. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1626. Abgerufen am: 26. 10. 2020 22:12.