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Klassenpolitik statt Kulturkampf?

Klassenpolitik statt Kulturkampf?
Thema
Essay von Sebastian Friedrich

Die Debatte um eine „Neue Klassenpolitik“ stellte Kultur und Klasse einander gegenüber. Doch ein Blick in die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, dass Klassenkampf immer auch Kulturkampf war.

Zehn Jahre ist es her, dass in Deutschland die Debatte um eine „Neue Klassenpolitik“ Fahrt aufnahm. Der Brexit, der gerade unter Menschen in einfachen und mittleren Tätigkeiten überdurchschnittlich viel Zustimmung gefunden hatte, die Wahl Donald Trumps, nicht zuletzt ermöglicht durch Stimmen aus den ehemaligen Industrieregionen des Rust Belt, das Erstarken der AfD unter Arbeiter*innen und die Veröffentlichung der deutschsprachigen Ausgabe von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ waren ausschlaggebend für die Diskussion darüber, ob die Linke Klassenfragen vernachlässigt und sich zu sehr auf Fragen der Lebensführung und Identität konzentriert habe.

Die Gegenüberstellung von Kultur und Klasse zu problematisieren, war ein Ziel der Diskussion um eine „Neue Klassenpolitik“. Gleichzeitig war genau diese Entgegensetzung Ausgangspunkt der Kritik. So notwendig diese Kritik war, so schwer ließ sich der Widerspruch aufheben.

In einem Text, mit dem ich, damals noch Redakteur der linken Monatszeitung analyse & kritik – einstmals „Arbeiterkampf“ –, die Diskussion um Neue Klassenpolitik in der Zeitung eröffnete, ging ich selbst von einer Trennung zwischen einer „Kulturlinken“ und jenen aus, die an Klassenfragen interessiert sind.

Die Kritik daran, dass Diskussionen um Sprache, Repräsentation und individuelle Lebensführung soziale Verteilungs- und Machtfragen überlagern können, halte ich auch heute noch für richtig. Ebenso die Kritik an einem Kulturalismus, bei dem Anerkennungsfragen von politischer Ökonomie getrennt werden. Nancy Fraser warnt gerade davor, Anerkennung gegen Umverteilung auszuspielen und kulturelle Fragen von ökonomischer Ungleichheit abzukoppeln. Fragwürdiger erscheint mir heute die in der Entgegensetzung von „Kulturlinken“ und „Klassenlinken“ implizite Vorstellung, Kultur und Klasse seien getrennte Sphären. Kultur blieb etwas, das zur Klassenpolitik hinzutreten sollte, nicht etwas, das in ihr selbst bereits enthalten ist. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass die Gegenüberstellung von Kultur und Klasse historisch wie theoretisch fragwürdig ist.

Arbeiterbewegung als Kulturbewegung

Bereits die frühe Arbeiterbewegung verband die Kämpfe um soziale Befreiung mit Selbstbildung und kultureller Entwicklung. Der Kulturwissenschaftler Dietrich Mühlberg rekonstruiert in seinem lesenswerten Eintrag zu Kultur für das „Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus“ die Kulturkonzepte der Arbeiterbewegung. Zusammen mit Wolfgang Fritz Haugs ebenfalls im Historisch-Kritischen Wörterbuch erschienener Rekonstruktion des Kulturbegriffs bilden diese Texte wichtige Orientierungspunkte.

Mühlberg geht etwa auf Wilhelm Liebknecht ein, der 1872 die Aneignung von Wissen propagierte. „Wissen ist Macht“, wie es bei Francis Bacon heißt, könne auch umgedreht werden: „Macht ist Wissen“. Was wie die Vorwegnahme einer zentralen Einsicht der erst knapp hundert Jahre später einsetzenden Foucaultschen Diskurstheorie klingt, ist bei Liebknecht nicht weniger als die Integration kultureller Kämpfe in das sozialistische Emanzipationsprojekt: Das Wissen, über das die Herrschenden verfügen, sei den Beherrschten nur zubereitet und verfälscht zugänglich.

Rosa Luxemburg schrieb später in einem Brief an Franz Mehring, Liebknecht habe die Arbeiter gelehrt, „dass der Sozialismus nicht eine Messer-und-Gabel-Frage, sondern eine Kulturbewegung, eine große und stolze Weltanschauung sei“.

Schon früh wurde dabei darüber gestritten, was eine sozialistische Kultur überhaupt sein könnte. Soll eine eigene proletarische Gegenkultur geschaffen werden? Oder geht es gerade darum, sich Wissen, Kunst und kulturelle Errungenschaften anzueignen, die unter bürgerlichen Bedingungen hervorgebracht wurden, aber keineswegs im Besitz des Bürgertums bleiben müssen? Und welche kulturellen Voraussetzungen braucht eine Bewegung überhaupt, die die Gesellschaft verändern will?

Antonio Gramsci stellte diese letzte Frage ganz grundsätzlich: Eine Revolution setzt eben nicht nur gemeinsame materielle Interessen voraus. Menschen, die unter kapitalistischen Bedingungen gelernt haben, ihre Probleme individuell zu bearbeiten, müssen erst Erfahrungen von Solidarität, gemeinsamer Handlungsfähigkeit und kollektiver Organisation entwickeln. Die Arbeiterbewegung produzierte folgerichtig auch selbst Kultur, schuf eigene Orte und entwickelte spezifische Formen von Bildung, Gemeinschaft und Öffentlichkeit: in sozialistischen und kommunistischen Turn- und Sportvereinen mit zeitweise mehr als einer Million Organisierten, in Arbeitergesangsvereinen und Chören, in Theatern und Volksbühnen, in Literatur, Verlagen, Presse und vielem mehr.

In Arbeiterbildungsvereinen bildeten sich diejenigen fort, die sonst nur begrenzten Zugang zur bürgerlichen Bildung hatten. Bildung als Voraussetzung für Emanzipation zu begreifen hieß auch, vielen überhaupt erst Lesen und Schreiben beizubringen. So gab es Arbeiterbibliotheken, selbstorganisierte Leseabende und Lesehallen. In der Sowjetunion wurde diese Idee direkt aufgegriffen: In speziellen Stellen zur Beseitigung des Analphabetismus („Likpunkty“) lernten Erwachsene Lesen, Schreiben und Rechnen.

„So betrachtet“, schrieb vor einigen Monaten der Schriftsteller Mesut Bayraktar in der jungen Welt, ist die Arbeiterbewegung „immer auch eine Bildungs- und Kulturbewegung gewesen“. Und weiter: „Das Selbstbewusstsein der Unterdrückten auch auf dem kulturellem Gebiet gestärkt zu haben, das ist ein welthistorisches Verdienst des Kommunismus. Und es bleibt seine Aufgabe.“

Ein materialistischer Kulturbegriff begrenzter Weite

Allein diese Debatten und Beispiele machen deutlich: Klassenkampf wurde in der Arbeiterbewegung keineswegs ausschließlich als Kampf um Lohn, Verteilung und Eigentum verstanden. Klassenverhältnisse waren nie nur auf das Materielle im engeren Sinne beschränkt. Es ging immer auch um Kultur – allerdings in einem begrenzt weiten Sinne: weder ganz eng gefasst als Kunst, Theater, Literatur oder sogenannte Hochkultur noch beinahe grenzenlos ausgeweitet als Synonym für die gesamte Lebensweise.

Ein materialistisches Verständnis von Kultur begreift diese weder als in sich geschlossene Sphäre der Ideen noch als reinen Ausdruck ökonomischer Verhältnisse. Mit Kultur ist vielmehr jene gesellschaftliche Ebene gemeint, auf der wir Erfahrungen deuten, Vorstellungen von Normalität und Gerechtigkeit erlernen und darüber streiten, welche Bedürfnisse als berechtigt gelten, welche nicht und wie wir leben wollen.

Ein materialistisches Kulturverständnis fragt also danach, wie kulturelle Deutungen unter konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen entstehen und diese Verhältnisse stabilisieren oder infrage stellen können.

Klassenkampf hat eine kulturelle Dimension

Mit einem solchen materialistischen Kulturbegriff begrenzter Weite lässt sich Klassenkampf kaum ohne seine kulturelle Dimension fassen. So baute auch die alte Arbeiterbewegung nicht als Selbstzweck ein dichtes Netz eigener Kulturinstitutionen auf. Dahinter stand die Erkenntnis, dass eine Klasse nicht allein dadurch zum politischen Akteur wird, dass genügend Menschen ähnliche Positionen im Produktionsprozess einnehmen. Eine geteilte Klassenlage erzeugt noch kein gemeinsames Klassenhandeln. Der Historiker E. P. Thompson hat Klasse deshalb nicht als feststehende Kategorie verstanden, sondern als ein Verhältnis, das sich in gemeinsamen Erfahrungen, Konflikten und Handlungen herausbildet.

Menschen müssen ihre Klassenerfahrungen als solche deuten und sich fragen, warum die Situation, in der sie leben, so ist, wie sie ist, mit wem sie ähnliche Erfahrungen teilen, wer für diese Situation verantwortlich ist, welche Interessen sie selbst haben, welche Interessen andere verfolgen und wie das Leben verändert werden kann. Das Ringen um solche Deutungen ist Teil der Klassenauseinandersetzungen.

Das ist umso wichtiger in einem Kapitalismus, der sich mit der politischen Herrschaftsform der liberalen Demokratie verbindet und in dem Herrschaft nicht ausschließlich durch Zwang und Gewalt aufrechterhalten wird. Sie beruht auch darauf, bestimmte Vorstellungen von Arbeit, Leistung und Gesellschaft als selbstverständlich erscheinen zu lassen: dass niedriger Lohn zuvorderst individuelles Versagen, Arbeitslosigkeit persönliche Schuld und die Pflege und Betreuung von Angehörigen eine private Angelegenheit sei, dass sich Leistung in der Höhe des Einkommens ausdrücke, dass jede und jeder alles schaffen könne.

Solche Vorstellungen zu durchschauen und ihnen etwas entgegenzusetzen, ist Teil der Klassenauseinandersetzungen – im Sinne der Entstehung von Klassenbewusstsein ist es sogar eine ihrer Voraussetzungen. Materielle Interessen sprechen nicht von selbst, sondern sie werden erkannt, wenn Erfahrungen entsprechend gedeutet und politisch gebündelt werden. Ein materialistisches Kulturverständnis fragt also erstens danach, wie Erfahrungen gedeutet werden, welche Vorstellungen von der Welt sich durchsetzen und unter welchen Bedingungen daraus gesellschaftliches Handeln entstehen kann.

Doch einem materialistischen Kulturverständnis geht es nicht nur darum, wie Menschen die Welt interpretieren, sondern zweitens auch um die materiellen Voraussetzungen der Welt, wie sie ist, und jener Welt, wie sie sein könnte. Es fragt also nach den Bedingungen, die notwendig wären, damit Menschen ihr Leben tatsächlich selbstbestimmt leben könnten.

Jenseits von Utopismus und Individualismus

Hier unterscheidet sich ein materialistisches Kulturverständnis von abstraktem Utopismus. Vom Hier und Jetzt vollends abgekoppelte Vorstellungen eines anderen Lebens führen in gedankliche Schwerelosigkeit, wenn nicht zugleich der materielle Boden in den Blick genommen wird – also die Frage, welche gesellschaftlichen Verhältnisse ein anderes Leben verhindern oder ermöglichen.

Deshalb fragt ein materialistisches Kulturverständnis nach den materiellen Voraussetzungen, unter denen aus Vorstellungen tatsächliches Leben werden kann. Hier ist die genuin marxistische Einsicht entscheidend, dass die Möglichkeiten menschlicher Selbstentfaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen abhängen, die nicht durch bloße Veränderungen des Denkens oder des Willens überwunden werden können. Eine Gesellschaft, in der es mehr Zeit und Möglichkeiten gibt, sich gesellschaftlich einzubringen, politisch zu beteiligen, füreinander da zu sein, setzt andere Vergesellschaftungen voraus, andere Produktions- und Reproduktionsweisen, andere Institutionen, Wohnverhältnisse, Arbeitszeiten, Einkommen, Zwecke der Produktion. So grenzt sich ein materialistisches Kulturverständnis von rein individualistischen Fluchten aus Zwängen ab. Man kann versuchen, anders zu konsumieren, weniger zu arbeiten, aufs Land zu ziehen, sich dem digitalen Leben weitgehend zu entziehen. Solche Versuche, so sinnvoll sie für Einzelne auch erscheinen mögen, ändern aber nichts daran, dass die Möglichkeit, sich bestimmten Zwängen teilweise zu entziehen, nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden kann.

Kulturbegriff der radikalen Rechten

Ein solches materialistisches Kulturverständnis unterscheidet sich fundamental von einem rechtsnationalistischen Kulturbegriff, wie ihn etwa jüngst der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider in seinem Buch „Kulturpolitik“ formuliert hat (siehe dazu ausführlich die Besprechung in der Kaderschmiede des „Über Rechts“-Podcasts). Tillschneider entwirft darin einen „allumfassend-allunterscheidenden“ Kulturbegriff. Dass er Kultur ausdrücklich an nationale Identität bindet, ist auch in seinen öffentlichen Äußerungen und kulturpolitischen Forderungen dokumentiert.

Allumfassend ist er, weil Kultur bei Tillschneider im Grunde sämtliche vom Menschen hervorgebrachten Lebensformen umfasst: Werkzeuge, Familie, Institutionen, Religion, Essen, Kleidung. In einer rechten Kulturpolitik, schreibt er, „ist die Kultur nicht ein kleiner Teil der Politik, sondern umgekehrt die Politik nur ein kleiner Teil der Kultur“.

Die enorme Weite dieses Kulturbegriffs bringt bereits eigene Probleme mit sich. Entscheidender ist jedoch seine zweite Bestimmung: das „Allunterscheidende“. Unter Rückgriff auf den Strukturalismus grenzt Tillschneider Kulturen scharf voneinander ab: „Kulturen können niemals in einen Dialog treten“. Die strukturalistische Betonung von Differenz radikalisiert er dabei und verbindet sie mit einer expliziten Nationalisierung des Heideggerschen Weltbegriffs.

Aus Martin Heideggers „In-der-Welt-Sein“ wird bei Tillschneider ein In-der-nationalen-Welt-Sein. Der zentrale, letztlich alles bestimmende Bedeutungs- und Verweisungszusammenhang des Individuums ist die Nationalkultur. Entsprechend schreibt er: „Die Nationalkultur ist keine Frage des Definierens, sondern eine Frage des Seins eines Volkes und meiner selbst, also eine Frage des Selbstseins“.

Widersprüche statt Homogenität

Ein solches rechtsnationalistisches Kulturverständnis behandelt Nationalkultur damit als einen vorgängigen Zusammenhang, in den das Individuum hineingestellt ist. Es beruht auf einer Vorstellung von Homogenität in zweierlei Richtungen: nach außen wie nach innen. Nach außen werden Nationalkulturen scharf voneinander getrennt, nach innen erhält die nationale Gemeinschaft Vorrang vor den gesellschaftlichen Interessengegensätzen innerhalb der Nation. Die Arbeiterin und der Unternehmer erscheinen somit in erster Linie als Deutsche, ihre gegensätzlichen Positionen innerhalb der gesellschaftlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse treten dahinter zurück.

Ein materialistischer Kulturbegriff setzt genau andersherum an. Er geht nicht von einer irgendwie bereits vorhandenen kulturellen Einheit aus, sondern von konkreten materiellen Verhältnissen, unter denen Menschen Kultur hervorbringen, sich aneignen und verändern: von Arbeit und Eigentum, von Zeit und Bildung, von sozialen Hierarchien und institutioneller Macht. Kultur entsteht in diesen Verhältnissen und in den Kämpfen um ihre Aufrechterhaltung und Veränderung.

Das Gegenstück zur rechten Nationalkultur ist deshalb nicht eine vermeintlich authentische Arbeiterkultur. Es ist vielmehr ein Kulturverständnis, das gesellschaftliche Widersprüche nicht verdeckt, sondern sichtbar macht. Wo eine nationalistische Kulturgeschichte die Geschichte eines vermeintlich einheitlichen Volkes erzählt, fragt eine materialistische Kulturgeschichte nach den Widersprüchen, Herrschaftsverhältnissen und Kämpfen, durch die Kultur überhaupt erst hervorgebracht wurde.

Eine materialistische Geschichte der Ruhrgebietskultur würde nicht aus der Perspektive einer deutschen Regionalkultur erzählt, die durch Industrialisierung geprägt wurde. Sie würde auch nicht einfach eine Tradition von Zechen und Malochern erzählen, sondern danach fragen, wie aus Industrialisierung, Eigentumsverhältnissen, Migration, Klassenauseinandersetzungen, Aneignungen und Momenten der Selbstbestimmung jene Kultur entstanden ist, die im Rückblick als eine einheitliche, irgendwie organisch gewachsene Tradition erscheint.

Gegenprobe

Bis jetzt sollte klar geworden sein, dass Klassenkampf immer auch kulturelle Auseinandersetzungen umfasst und Klasse und Kultur also keineswegs einfache Gegensätze bilden. Aber wie ist es andersherum: Ist jeder Kulturkampf auch Klassenkampf? Ist der Kulturbegriff ein allumfassender? Hier lässt sich zweierlei einwenden.

Erstens ist nicht jeder Konflikt auf Klassenlagen zurückzuführen. Zwar verschränken sich im Kapitalismus die meisten mit Klassenkonflikten, sie gehen aber dennoch nicht in diesen auf. Rassifizierungen sind nicht allein Resultat von Klassenauseinandersetzungen, patriarchale Herrschaftsverhältnisse und generationale Konflikte ebenso wenig. Sie besitzen eigene gesellschaftliche und historische Dynamiken, sind zugleich mit Klassenverhältnissen verschränkt und werden von ihnen, oft auch wesentlich, mitgeprägt, ohne mit ihnen identisch zu sein.

Zweitens sollte Kultur nicht mit der gesamten Lebensweise gleichgesetzt werden. Wenn Kultur alles ist – Werte, Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen, Gewohnheiten –, stellt sich die Frage, was eigentlich nicht Kultur ist. Wenn alles Kultur ist, verliert der Begriff seine spezifische Bedeutung. Kultur sollte zwar weiter gefasst werden als Hochkultur und Kulturpolitik, aber enger als Lebensweise, verstanden als Gesamtheit gesellschaftlicher Praktiken und Bedingungen. Kultur ist demgegenüber die Ebene, auf der diese Lebensweisen Bedeutung erhalten, indem sie gedeutet, bewertet, offengelegt, verschleiert, legitimiert oder delegitimiert werden.

Ausbeutung ist kein Kulturkampf, sondern zunächst ein materielles gesellschaftliches Verhältnis. Zur kulturellen Auseinandersetzung wird sie dort, wo über sie gestritten wird, wo sie gedeutet, legitimiert oder delegitimiert und ihre Überwindung vorstellbar wird. Eine materialistische Kulturperspektive fragt in diesem Sinne danach, wie Erfahrungen der Ausbeutung gedeutet und gebündelt, Interessen sichtbar und Alternativen vorstellbar werden.

Zum Ausgangspunkt

Die fein säuberliche Trennung von Klasse und Kultur ist falsch. Klassenauseinandersetzungen werden immer auch darum geführt, wie Erfahrungen gedeutet werden, welche Bedürfnisse als berechtigt gelten und welche Vorstellungen eines guten Lebens sich durchsetzen. Klassenkampf hat deshalb notwendig eine kulturelle Dimension. Umgekehrt geht aber nicht jeder kulturelle Konflikt im Klassenkampf auf. Klassenverhältnisse strukturieren Kultur wesentlich, sie determinieren sie aber nicht.

Dennoch verweist die Gegenüberstellung von Klasse und Kultur auf ein reales Problem: Kulturelle Auseinandersetzungen können sich von Fragen gesellschaftlicher Macht, Eigentum und materieller Ungleichheit lösen. Sie können sich auf einen liberalen Gleichheitsbegriff verengen, der die formale Gleichrangigkeit aller behauptet, ohne begreifen oder gar angreifen zu müssen, welche Bedingungen tatsächliche Gleichrangigkeit verhindern.

Die Debatte um „Neue Klassenpolitik“ bearbeitete also nicht das falsche Problem, setzte aber teilweise einen falschen Gegensatz voraus. Richtig war die Kritik an einer kulturellen Politik, die sich von Fragen gesellschaftlicher Macht und materieller Ungleichheit gelöst hatte – und sich etwa in dem ausdrückte, was Nancy Fraser als „progressiven Neoliberalismus“ bezeichnet hat. Fraser meint damit die Verbindung einer finanzzentrierten politischen Ökonomie mit einer progressiven Politik der Anerkennung. Falsch war jedoch der zumindest implizite Schluss, Kultur und Klasse ließen sich voneinander trennen.

Die Antwort darauf kann also nicht lauten, kulturelle Auseinandersetzung durch Klassenkampf zu ersetzen. Ein materialistisches Kulturverständnis fragt vielmehr danach, wie kulturelle Deutungen mit Eigentum, Arbeit, Macht und konkreten Lebensbedingungen zusammenhängen – ohne Kultur darauf zu reduzieren. Es macht die kulturelle Dimension gesellschaftlicher Herrschaft sichtbar und fragt zugleich nach ihren materiellen Voraussetzungen wie nach den Bedingungen, unter denen Befreiung und Selbstbestimmung überhaupt möglich werden.

Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Klassenpolitik statt Kulturkampf? Erschienen in: Kulturkampf von rechts? 81/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/vxPdk. Abgerufen am: 14. 10. 2026 00:52.