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Work in Progress

Buchautor_innen
Alex Demirović / Sebastian Klauke / Etienne Schneider (Hg.)
Buchtitel
Was ist der "Stand des Marxismus"?
Buchuntertitel
Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute
Warum Marxismus ein unabgeschlossenes Projekt ist und weshalb revolutionäre Praxis und Theorie zusammengehören.
Rezensiert von Maren Streibel

Der Sammelband „Was ist der Stand des Marxismus?“ diskutiert in zehn Beiträgen sowohl die aktuelle Lage des Marxismus als auch das, was zum Marxismus unweigerlich dazugehört: kritische Gesellschaftstheorie im weiteren Sinne. Konsens aller Beiträge ist, dass es um die kritische Gesellschaftstheorie in der deutschsprachigen Wissenschaft schlecht bestellt ist. Hier deutet sich schon eine Uneindeutigkeit in Bezug auf das Verhältnis von Marxismus und anderen kritischen Gesellschaftstheorien an. Kritische Gesellschaftstheorie – ist das nur Marxismus oder geht es hier um mehr? Je nachdem wie diese Frage beantwortet wird, kommen die Autor*innen zu verschiedenen Urteilen. Festzuhalten ist: Von allen kritischen Theorien gibt es zu wenig. Doch während Judith Butler und Michel Foucault an den Universitäten en vogue sind, ist gerade Marx zur Rarität geworden.

Marxismus – vom Aussterben bedroht?

Die Stärke der Einleitung liegt darin, weder Marxismus noch seinen Stand als einheitlich zu betrachten. Es gibt keine privilegierte Sprecherposition, von der aus Marxismus überblickt werden kann. Vielmehr ist Marxismus „ein Feld vielfältiger, ungleichzeitiger, mitunter widersprüchlicher Strömungen, ein globales Ensemble von Erfahrungen, Praktiken, Theorien“ (S. 16). Sowohl die Herausgeber als auch einige der Beiträge des Sammelbandes fragen, wann und warum Marxismus mitunter zur Orthodoxie verkehrt wurde. Der Beitrag von Michael Heinrich etwa hebt hervor, dass Marx eine ganze Sequenz unabgeschlossener Projekte hinterließ. Für doktrinäre Lesarten des Marxismus war Marx jedoch nicht „als ein ständig lernender, seine theoretischen Auffassungen entwickelnder Kopf interessant, sondern als jemand, der letzte Wahrheiten produzierte – eben ‚Marxismus‘“ (S. 127). Im Anschluss an Michel Foucault macht Heinrich Machteffekte marxistischer Diskurse verantwortlich für theoretische Ausschlüsse, die es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland gab.

Wenn die Herausgeber die zentrale Frage stellen, ob Marxismus weltanschaulichen Charakter habe und somit quasi im Alleingang Gesellschaft umfassend erklären kann, oder Marxismus eben „nur“ die Theorie von Marx sei, die durch andere kritische Gesellschaftstheorien ergänzt werden müsse, dann berührt das auch die alten leidlichen Debatten von Haupt- und Nebenwiderspuch. Zwar sieht die Einleitung Marxismus nicht nur als Ökonomie- und Klassentheorie und spricht sich dafür aus, dass kritische Gesellschaftstheorie „mehr sein muss als ein Ensemble kritischer ‚Bereichstheorien‘“ (S. 20) – mit ihren jeweils eigenen aber beschränkten Erkenntnispotentialen. Doch das Verhältnis von Marxismus und intersektionalen Ansätzen – als vielleicht bekanntestem Pendant – ist nicht ganz eindeutig. Einerseits sprechen sich die Herausgeber für „eine übergreifende Kohärenz“ aus – sprich: für einen übergreifenden (Gesamt-)Zusammenhang, auf den „der“ Marxismus, in Abgrenzung von begrenzten „Bereichstheorien“, immer wieder bestehen müsse. Andererseits entwerfen sie einen Marxismus, „der um seine Offenheit, seine Historizität, seinen Fallibilismus weiß“ (S. 20). Kurz: einen Marxismus, der seine eigenen Grenzen und Beschränkungen offenlegt und mitdenkt anstatt sie zu vertuschen.

Dieses Problem ist so alt wie der Marxismus selbst. Den einen Punkt außerhalb der Theorie, von dem man bestimmen könnte, ob eine Theorie umfassend ist beziehungsweise ob der Bezug auf ihre vorrangige Herrschaftsform ausreicht, gibt es nicht. Deswegen brauchen wir hybride Blicke. Das bedeutet wiederum nicht, zwanghaft und immer mehrere Herrschaftskritiken verbinden zu müssen. Aber ihrer (begrenzten) Reichweite sollte sich jede Theorie – egal ob marxistisch, intersektional oder anders verortet – immer bewusst sein. Konkreter gesprochen: Es gibt keine Klassenfrage jenseits der Rassismus- oder Geschlechter-Matrix. „Umfassend“ heißt eben gerade nicht nur ein partieller Blick, sondern die Reflektion vieler partieller Blicke um class, race, gender und vieles mehr.

Diesen partiell-umfassenden Blick versucht der Band durch seine Auswahl an Artikeln genauer zu fassen. Jana Flemming, Melanie Pichler und Christina Plank diskutieren etwa sozial-ökologische Fragen. Pia Garske, Inga Nüthen, Benjamin Opratko und Katharina Pühl erörtern explizit das Problem der ausschließenden Sichtweite des Marxismus anhand von Interviews mit kritischen Gesellschafswissenschaftler*innen. Für alle gilt:

„Erfolgreiche emanzipatorische Politik benötigt Narrative, in die sich unterschiedliche, aber bündnisfähige Interessen, Begehren und Widerstände einschreiben können mit dem Ziel, die eigene Subalternität zu überwinden“ (S. 166).

Von der Produktion zur Reproduktion

Ein weiteres Goldstück des Sammelbands ist der Beitrag von Silvia Kontos. Sie verbindet Analysen um Klasse und Geschlecht und bezieht sich dabei auf Diskussionen, die in den siebziger Jahren in der sogenannten Haushaltsdebatte aufkamen. Darin wurde Hausarbeit (putzen, kochen, Zuneigung schenken) in Ergänzung zu Marx als für den kapitalistischen Produktionsprozess wesentlich herausgearbeitet, da sie die Ware Arbeitskraft (re-)produziert. Das Problematische an der marxistischen Rezeption der Hausarbeit damals wie in dem Ansatz der Care-Ökonomie heute ist, dass Hausarbeit auf ökonomische Kategorien reduziert wird. Doch mit Hausarbeit geht es gleichermaßen um die „Konstitution von Geschlechterbeziehungen und -bindungen, um die symbolische Ordnung der Körper und ihrer Sexualität“ (S. 89f.).

Die besondere Qualität von Hausarbeit bestehe laut Kontos darin, dass in ihr durch das „Maß an sozialer Nähe, Zuwendung […] ein widerständiges, kapitalismuskritisches Moment angelegt“ sei (S. 89). Umso besser, dass die Autorin bei diesem Gedanken nicht in Vereinfachungen von kapitalismusfreien Zonen verfällt, sondern bewusst die kapitalistischen Widersprüche reflektiert, von denen Hausarbeit durchzogen ist. Hausarbeit spielt auch eine Rolle für die „innere Vergesellschaftung“, auf die Kapitalismus setzt. Denn Subjekte werden nicht nur durch Institutionen und Diskurse in den Kapitalismus eingebunden, sondern dies geschieht in teils affirmativer, teils widerständiger Weise durch Reproduktionsarbeit. Eines bleibt dabei festzuhalten: Hausarbeit ist alles andere als geschlechterneutral: Nach wie vor sind es Frauen, die (oftmals unbezahlt) den Großteil der Plackerei in den eigenen vier Wänden erledigen.

Der Aufsatz „Hegemonie und Epistemologie“ von Alex Demirović macht stark, dass Marxismus nicht bloß Kritik an Ausbeutung ist, sondern ebenso eine erkenntnistheoretische Revolution beinhaltet. Die Suche nach Wissen und Erkenntnis ist also selbst ein sozialer Prozess, der unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen stattfindet. Mit anderen Worten: Aus marxistischer Perspektive muss immer mitgedacht werden, dass das „Denken selbst herrschaftlich organisiert und von Machtverhältnissen durchzogen“ ist (S. 23). Gesellschaftliche Verhältnisse müssten deshalb verändert werden, um auch der Erkenntnis „Freiheit zu ermöglichen“ (S. 23). Demirović geht es mit Gramsci darum, Hegemonieapparate (Schulen, Universitäten, Forschungseinrichtungen) zu verändern, da sie Denken, Wissen und Erkenntnis in herrschaftlicher Weise organisieren. Das lässt sich – wenn auch etwas hochtrabend – etwa so zusammenfassen: Um jede Herrschaftsform überflüssig zu machen, „bedarf es einer neuen kulturellen Organisation der Begriffe zum Verständnis der komplexen Herrschaftsverhältnisse und emanzipierter Lebensformen“ (S. 30). Etwas einfacher: Theorie und Praxis gehören zusammen! Das Eine speist sich aus dem Anderen. Es geht schon jetzt darum, Strukturen für kollektiven Austausch von (Unterdrückungs-)Erfahrungen zu schaffen. Und ebenso wichtig: Auch die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, die so wichtig für den Kapitalismus ist, gilt es zu überwinden.

Theorie und Praxis – ein ständiger Austausch

Durch den gesamten Sammelband zieht sich der Konsens, dass kritische Gesellschaftstheorie ihre Verbindung zu sozialen Bewegungen nicht verlieren darf. So betonen etwa die Herausgeber, dass das Verhältnis von akademischem Marxismus und außeruniversitären sozialen Bewegungen und subkulturellen Milieus im Vergleich zu früher geschwächt ist. Frank Deppe wiederum vollzieht einen Abriss des „kurzen Sommer des akademischen Marxismus‘“ (Altvater) und Lutz Brangsch erinnert an Marx’ Anspruch, dass das Umwälzen der Verhältnisse nur mit dem rationalen Verstehen der Verhältnisse zusammengehen kann. Marxismus bedeute, sich selbst als Subjekt der Veränderung zu sehen, so dass Praxis und Theorie zusammenfallen. Deshalb war „Akademisierung und Intellektualisierung des Marxismus […] in entscheidendem Maße Quelle seines Zusammenbruchs“ (S. 104). Marxistische Emanzipationsansprüche konnten in der breiten Gesellschaft nicht verankert werden. Brangsch gibt einen kurzen Abriss über die geschichtliche Entwicklung des Verhältnisses von Theorie und Praxis in marxistischen Bewegungen vor und in der DDR. Dabei hebt er vor allem den Bruch zwischen akademischer und nichtakademischer Richtung marxistischer Bildungs- und Forschungssysteme hervor.

Auch Ingo Stützles Text ist ein Beispiel der marxistischen Reflexion von sozialen Bewegung. Er geht auf Marx’ Formbegriff und seine Rolle für antikapitalistische Kämpfe ein. Bewegungen, die etwa höheren Lohn fordern, verbleiben mit ihrer Kritik immer noch in der (kapitalistischen) Lohnform, anstatt gegen die Form selbst zu kämpfen. „Der Kampf um oder gegen die Form hat ein Verständnis von deren gesellschaftlicher Beschaffenheit zur Voraussetzung“ (S. 135). Zum Verständnis ökonomischer Formen ist ihr geschichtlicher Hintergrund von Bedeutung. So hatte etwa Geld in vorkapitalistischen Gesellschaften eine derart andere gesellschaftliche Funktion und Bedeutung als heute, dass wenn wir heute von Geld sprechen, nicht anders können, als unsere moderne kapitalistische Vorstellung von Geld darauf zu projizieren.

To be continued...

Insgesamt leistet das Buch eine spannende, wichtige und kritische Diskussion, die von zusätzlichen Perspektiven jedoch durchaus profitiert hätte. Die Herausgeber greifen einer Kritik über fehlende postkoloniale Ansätze voraus, indem sie sie selbst benennen. So gibt es zwar einen Artikel von Weißen über das Fehlen ebendieser Ansätze, eine postkoloniale-marxistische Fusion nach dem Vorbild von Kontos’ Artikel, der feministische und marxistische Ansätzen verbindet, wäre jedoch wünschenswert gewesen. Umso mehr: Marxismus bleibt ein unabgeschlossenes Projekt!

Alex Demirović / Sebastian Klauke / Etienne Schneider (Hg.) 2015:
Was ist der "Stand des Marxismus"? Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 9783896917171.
185 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Maren Streibel: Work in Progress. Erschienen in: Marx!. 46/ 2018. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1451. Abgerufen am: 22. 04. 2018 16:10.

Zum Buch
Alex Demirović / Sebastian Klauke / Etienne Schneider (Hg.) 2015:
Was ist der "Stand des Marxismus"? Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 9783896917171.
185 Seiten. 19,90 Euro.
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