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Victory statt Nike

Buchautor_innen
Miriam Davoudvandi
Buchtitel
Das können wir uns nicht leisten
Buchuntertitel
Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein

Eine persönliche Geschichte vom Aufwachsen in Armut zeigt humorvoll und eindringlich, dass sich Ungleichheit nicht allein am Kontostand ablesen lässt.

Hast du dich geschämt, Freund*innen zu dir nach Hause einzuladen? Bedeutete Freizeit für dich, vor der Glotze zu sitzen, weil für alles andere zu wenig Geld da war? Hast du mehr als einmal den Satz gehört: das können wir uns nicht leisten? Dann hat Miriam Davoudvandi dieses Buch für dich geschrieben, das macht sie bereits im Intro deutlich.

Mit ihrer autobiografischen Geschichte möchte sie aus abstrakten Zahlen und Statistiken zu Armut greifbare Phänomene machen, und zeigen, dass jede einzelne Geschichte es verdient hat, gehört zu werden: „Ich bin eine Zahl in dieser Statistik […]. Die meisten dieser Zahlen kommen nie zum Sprechen“ (S. 12). Damit ist ihr Buch in jedem Fall auch – oder insbesondere – für diejenigen lesenswert, die obige Fragen nicht mit Ja beantworten können. Davoudvandi erzählt darin von ihrem Aufwachsen in Armut und durchläuft dabei verschiedene Schauplätze wie Schule, Uni, Arbeit, Freundschaften, Dating, Aussehen, Wohnen, Gesundheit und Psyche – denn, wenig überraschend: all diese Bereiche sind stark davon beeinflusst, wie viel oder wenig Geld dir zur Verfügung steht. Miriam Davoudvandi versteht ihre eigene Geschichte als exemplarisch: „Fragmente dieser Geschichte finden sich in vielen Familien, die Erfahrungen mit Armut gemacht haben, denn Armut hat System“ (S. 15).

Die doppelte Arschkarte

Noch ein Buch zur eigenen Armutsbiografie, könnte man denken. Sind diese Geschichten nicht langsam auserzählt? Nein, sind sie nicht. Zumal Miriam Davoudvandi aus einer weiblich-migrantischen Perspektive spricht; ein Blick, der im bisherigen Diskurs mindestens unterbelichtet ist:

„Zwar haben einige Dinge, die ich in diesem Buch beschreibe, mit unserer Migration zu tun. Aber Behördendeutsch nicht zu verstehen oder mit Bürokratie überfordert zu sein, ist kein exklusives Ausländerproblem. Ja, wir hatten mit der Migration die doppelte Arschkarte gezogen“ (ebd.).

Davoudvandi wird 1992 in Bukarest in Rumänien geboren und verbringt dort ihre ersten Lebensjahre mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die auf Nachbar*innen im Plattenbau zurückgreift, um Kinderbetreuung und Jobs unter einen Hut zu bringen. Der iranische Vater versucht währenddessen in Deutschland ein Leben aufzubauen, um Frau und Tochter nachzuholen. Als Miriam sechs Jahre alt ist, erfolgt dann schließlich der Umzug in den Schwarzwald – eine Kleinstadt mit Sozialbausiedlung. Dort wächst Miriam auf, zwischen Gymnasium und Plattenbau. Sie merkt bald, dass sie sich zwischen den Welten bewegt; zu Hause in der engen, lauten Küche, in der es immer nach Essen riecht, macht sie ihre Schulaufgaben und hilft ihren Eltern beim Verstehen von Behördenbriefen. Besuche bei Schulfreund*innen in deren großen Häusern zeigen ihr, wie anders das Leben aussehen kann, wenn die Eltern Geld haben. Miriam ist fleißig, schafft den Aufstieg durch Bildung, Lernen und sehr viel Arbeit. Heute ist sie freie Journalistin, erfolgreiche Moderatorin und mehrfach ausgezeichnete Podcasterin. Und trotzdem beschreibt sie es als unmöglich, die eigene Herkunft hinter sich zu lassen: „Zwischen beiden Welten zu navigieren und sich selbst dabei treu zu bleiben, ist schwierig – und macht einsam“ (S. 245). Gegenüber anderen Menschen aus der Arbeiter*innenklasse fühlt sie sich schuldig, wie eine „Klassenverräterin“ (S. 242), während sie sich selbst nach Jahren in der Kultur- und Medienbranche auch dort nicht zugehörig fühlt.

Deutschrap und weiße Sneaker

Davoudvandi erzählt erfrischend anders und darin liegt eine große Stärke des Buches. Ihre Kapitel beginnen mit Zitaten aus Rapsongs von Haftbefehl, Apsilon, Xatar und anderen, die als „Destillat des jeweils nachfolgenden Kapitels“ (Anmerkung im Impressum) gelesen werden können. Ihre Geschichten sind eingebettet in die Popkultur der 2000er und 2010er Jahre, und dadurch sehr zugänglich und nah an der Lebenswelt dieser Generation. Beispielsweise wenn der Traum von den weißen Nike Air Force Ones, wie sie die Rap-Idole tragen, mit dem mütterlichen Griff ins Deichmann-Schuhregal und zur Eigenmarke Victory jäh begraben werden muss: das können wir uns nicht leisten. Mit Erzählungen wie diesen können sich sicher viele Leser*innen ebenso identifizieren wie mit Gefühlen von Schuld und Scham den Eltern gegenüber, die unweigerlich aufkommen, wenn man an ähnliche Szenen aus der eigenen Kindheit und Jugend zurückdenkt. Aus heutiger Sicht und rückblickend wird klar, in welcher Situation sich die eigenen Eltern befanden, dass es schlicht unmöglich war, weiße Sneaker im Wert eines Wocheneinkaufs an Lebensmitteln für eine mehrköpfige Familie auszugeben. Gefühle von Schuld, Scham und Zerrissenheit sind bekannte Motive aus anderen Aufstiegsgeschichten. Doch Davoudvandis weibliche Perspektive erschließt Blickwinkel, die eben auch eine Leser*innenschaft stärker ansprechen kann (zumindest ist das mein Eindruck als weibliche Leserin, die ebenfalls in den 90ern/00er Jahren in Süddeutschland sozialisiert wurde). Etwa wenn die Autorin über gängige Schönheitsideale berichtet und darüber schreibt, wie sie trotz extrem begrenzter Mittel versucht, ihr Aussehen anzupassen, mitzuhalten, dazuzugehören, sei es durch Fake-Versionen teurer Markenkleidung, das Durchforsten von Kleiderspenden nach Designerklamotten, Fast Fashion oder den Haarschnitt aus dem heimischen Badezimmer. Erschwert wird das ganze außerdem durch ungeschriebene, aber trotzdem weit bekannte Gesetze darüber, was „classy“ ist, wenn man reich ist, aber als „trashy“ gilt, wenn man arm ist; beispielsweise Jogginghosen, Second-Hand-Kleidung oder Gelnägel tragen. Dabei stellt sie treffend fest:

„Nicht einmal an Subkultur kann man ohne Geld teilhaben. Konzerttickets, die Fahrten aus der Kleinstadt dahin, CDs, Merch, Kleidung – das alles kostete. Selbst Punk zu sein, kostete“ (S. 147).

Mit viel Humor und Sarkasmus gelingt es Davoudvandi eine Art von Leichtigkeit in ihre Erzählung zu bringen, die angesichts der Schwere des Themas alles andere als selbstverständlich ist. Auch darin liegt ein Zugang; dadurch fällt es leichter, in die Geschichten einzutauchen. Als kritische Leserin und aus einer klassenanalytischen Perspektive hätte ich mir an einigen Stellen allerdings eine stärkere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Mechanismen von Armut und sozialer Ungleichheit gewünscht. Zwar verwendet die Autorin Begriffe wie „herrschende Klasse“ (S. 12), „Klassenscham“ (S. 201), „Klassenkampf“ (S. 198) oder „Klassenverräterin“ (S. 242), die auf eine Klassenperspektive verweisen; vereinzelt werden auch Ursachen von Armut und sozialer Ungleichheit benannt. Zentrale Mechanismen der Klassengesellschaft werden jedoch allenfalls angedeutet, statt systematisch herausgearbeitet. Das ist angesichts des autobiografischen Charakters des Buches kein zwingender Einwand, markiert aber eine Grenze der gesellschaftlichen Einordnung der erzählten Erfahrungen. Gerade in der anschaulichen, zugänglichen und humorvollen Erzählung ihrer eigenen Erfahrungen und ihrer Perspektive liegt jedoch eine besondere Stärke des Buches: Davoudvandi macht Armut als konkrete Lebensrealität sichtbar und zeigt, dass ihre Geschichte eine von vielen ist – und Armut weit mehr bedeutet, als wenig Geld zu haben.

Miriam Davoudvandi 2026:
Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein.
btb Verlag, München.
ISBN: 978-3-442-76329-0.
256 Seiten. 18,00 Euro.
Zitathinweis: Lena Hezel: Victory statt Nike. Erschienen in: Kulturkampf von rechts? 81/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/zxtuv. Abgerufen am: 14. 10. 2026 00:51.

Zum Buch
Miriam Davoudvandi 2026:
Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein.
btb Verlag, München.
ISBN: 978-3-442-76329-0.
256 Seiten. 18,00 Euro.