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Vergebene Chance

Buchautor_innen
Niels Haberlandt
Buchtitel
Rechtsextreme Strategien im Sport
Buchuntertitel
Der organisierte Sport im strategischen Konzept rechtsextremer Gruppen im Land Brandenburg
Der Autor widmet sich neonazistischen Einflüssen auf den organisierten Sport in Brandenburg – und scheitert an der Dimension des Themas.
Rezensiert von Robert Claus

Es ist ein bekanntes Problem: Vielerorts engagieren sich Neonazis ehrenamtlich und erfahren dadurch gesellschaftliche Anerkennung. Zu trauriger Bekanntheit kam 2009 das Beispiel der NPD-Funktionärin Stella Hähnel, die sich im Familienzentrum des Brandenburger Ortes Hohen Neuendorf aktiv zeigte. Und die Gefahren solcher Einflussnahmen sind groß. Denn die versteckte politische Einflussnahme erweist sich oft als effizient, wenn eben nicht unverhohlen mit extrem rechten Symbolen hantiert wird. Dennoch erfährt das Problem nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte, sind es doch gerade diese zivilen, vor-staatlichen Räume, in denen sich Hegemonien bilden und politische Einstellungen schärfen. Nicht zuletzt deshalb wäre eine kritische Betrachtung des organisierten (Amateur-)Sports in Bezug auf die Entwicklung extrem rechter Einstellungen mehr als notwendig.

Sodann lässt Haberlandt keine Zweifel an der Reichweite seines Themas aufkommen. Schlüssig arbeitet er die gesellschaftliche Bedeutung des Sports im Land Brandenburg heraus, in dem 2012 über 300.000 Menschen in knapp 3.000 Vereinen organisiert waren. Er beschreibt, wie der Sport sowohl wirtschaftliche, gesundheitliche, pädagogische, politische als auch soziale Funktionen erfülle. Letztere unterteilt er in positive und negative Dimensionen. Auf der einen Seite könne Sport zu Integration, Versöhnung, Gleichberechtigung und sozialen Kompetenzen beitragen, auf der anderen aber auch Ausgrenzung, Rassismus und Gewaltbereitschaft fördern. So grundlegend sinnvoll diese Übersicht auch ist, stellt sich hier bereits ein zentrales Problem der Arbeit ein: die Begriffe werden nirgends hinterfragt. Es bleibt zum Beispiel unklar, wer durch wen worin integriert wird, und die Einordnung von „Völkerverständigung“ als politische Funktion des Sports zeugt von einem unzeitgemäßen Verständnis einer hybriden Gesellschaft und ihrer Vielfachidentitäten.

Selbiges gilt für Haberlandts zentralen Forschungsbegriff: den Rechtsextremismus. Diesen bezieht Haberlandt unkritisch aus den Quellen des Verfassungsschutzes, anstatt sich auf sozialwissenschaftlich fundierte Quellen, wie zum Beispiel die Studien von Brähler und Decker, zu beziehen. Diese thematisieren zugleich die Schwächen des Begriffs, die ihm inne liegende Trennung zwischen einer gesellschaftlichen „Mitte“ und deren „Rand“, seine potentielle Gleichsetzung zwischen Links und Rechts sowie seine ordnungspolitische Orientierung. Zwar bemerkt der Autor selbst, dass die Extremismustheorie umstritten sei, ergänzt jedoch, dass sie „im sportfachlichen Bereich erfahrungsgemäß leichter anwendbar“ (S. 22) wäre. Dies erfährt keine weitere Begründung, und die Frage, ob der Verfassungsschutz mit seinen skandalösen Verwicklungen in die Verhinderung und Aufklärung der Mordtaten des NSU eine seriöse Quelle zur Bearbeitung von Rassismus und weiteren menschenfeindlichen Ideologien sei, bleibt außen vor.

Die Brandenburger NPD und der Sport

In seiner Dissertation, deren Datenmaterial er vorrangig als Referent der Brandenburgischen Sportjugend im Projekt „Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus“ zwischen 2007 und 2010 sammelte, versucht Haberlandt zu klären, „inwieweit Strategien rechtsextremer Gruppen hinsichtlich der Sportstrukturen eine Rolle spielen und welche Konsequenzen sich daraus für den organisierten Sport ergeben“ (S. 19). Im Rahmen seiner politikwissenschaftlichen Arbeit konzentriert sich der Autor anschließend stark auf die Definition einer politischen Strategie, welche er in Abgrenzung zum Begriff der Taktik als situationsübergreifend versteht. Zudem fokussiert er seine Arbeit auf die Brandenburger NPD, da sie seines Erachtens als einzige rechtsextreme Kraft über die Kapazitäten für die Umsetzung einer solchen Strategie verfüge.

Doch auch diese hat nicht viel zu bieten. Denn einzig einen offenen Brief des Brandenburger NPD-Vorsitzenden Klaus Beier aus dem Jahre 2009 gegen ein Spiel des Bundesligaclubs FC Energie Cottbus bei Germania Storkow unter dem Titel „Mit Energie für Toleranz“, kann Haberlandt als Versuch der direkten Einflussnahme ausmachen. Dieser wurde jedoch sogleich vom Vorsitzenden des Storkower Vereins bei den lokalen Behörden gemeldet und während die NPD zum Wahlkampf eine Kundgebung mit knapp 100 TeilnehmerInnen parallel zum Spiel durchführte, zeigte sich der Ort mit Plakaten gegen Rechts geschmückt. Die NPD versuchte also, die mediale Öffentlichkeit für sich zu nutzen und erzielte darin einen kleinen Erfolg. Für weitere Aktionen dieser Art sei der Landesverband letztlich jedoch zu schwach aufgestellt und auch im Partei- und Wahlprogramm fänden sich keinerlei Hinweise auf „Strategiebildungsversuche zur Nutzung des Sports insgesamt“ (S. 101).

Anderen Fährten, wie einem NPD-Mitglied, der eine Jugendmannschaft beim BSC Rathenow trainiert, oder diversen Fällen extrem rechter Hobby- und Stadtligateams wie dem SSV Neuschwabenland oder dem FC Einheit 06 Prenzlau, geht der Autor nicht weiter nach, sondern listet sie nur auf. Diese Phänomene scheinen außerhalb seines Strategiebegriffes zu liegen, der seine Forschung schnell in eine Sackgasse führt. So fällt sein Fazit schon früh sehr knapp aus: „Für eine gezielte Unterwanderungsstrategie von Vereinen gibt es allerdings keine Anzeichen“ (S. 50).

Ein verengter Blick

Es drängt sich die Frage auf, ob der auf Parteien fokussierte politikwissenschaftliche Strategiebegriff wirklich produktiv ist oder ob das Thema nicht andersherum gedacht werden muss. Handelt es sich bei genauerer Betrachtung extrem rechter Einflüsse im Sport oftmals nicht vielmehr um Personen, die ihr Privatleben und Ehrenamt bestreiten, welches sie mit ihren politischen Einstellungen vermengen? Sind nicht extrem rechte AktivistInnen oft auch lange schon im Club aktiv, bevor sie sich politisch organisieren und dies ausnutzen? Sie gehören zur lokalen Zivilgesellschaft und engagieren sich. Auf diesen Wegen finden extrem rechte und rassistische Einstellungen in die Vereine, ohne dass eine organisierte politische Kraft wie eine Partei mit klar definierten politischen Strategien dahintersteht und ihr Personal detailliert anweist.

Umso verwunderlicher ist es, dass Haberlandt seine Forschungsfrage im weiteren Verlauf des Buches nicht auf den Prüfstand stellt. Eine Reihe an Punkten böte sich hierzu an: Wäre es nicht sinnvoll gewesen, nach rassistischen Einstellungsmustern unter den Sporttreibenden zu schauen, um ideologische Anknüpfungspunkte für die extreme Rechte herauszuarbeiten? Und hätte es die Ergebnisse nicht deutlich valider gestaltet, auch die Stimmen von migrantischen beziehungsweise nicht-weißen SportlerInnen und Vereinen anzuhören? Kann der Vereinssport nicht zudem Gefahr laufen, einem Wertekanon traditioneller Geschlechterideale und militärischer Männlichkeitsvorstellungen die Schuhe zu schnüren, wie Haberlandt selber zaghaft in Bezug auf den Kampfsport andeutet? Zumindest wären all diese Aspekte eine Frage wert gewesen. Denn ohne dies zu tun, lassen sich Überschneidungen von Einstellungselementen sowie sozialen Ausgrenzungsmustern mit der sogenannten gesellschaftlichen Mitte nicht analysieren und führen schlechterdings zu der von Haberlandt abschließend aufgestellten Perspektive, auch Linksextremismus stärker bearbeiten zu wollen. Wie dieser definiert werden und was diesen ausmachen soll – darauf finden sich jedoch keinerlei Hinweise, und die kontrafaktische Aussage eines anonym bleibenden Vereinsmitglieds, dass die Mehrheit der Gewalt im Stadion von Linksextremen ausgehe, bleibt unkommentiert im Raum stehen.

Letzten Endes sind die Ergebnisse des Buches sehr beschränkt. Die Aussage, dass in Brandenburg kein politisch organisierter Rechtsextremismus existiert, der fähig wäre, gezielte Unterwanderungsstrategien im organisierten Sport zu verfolgen, ist wichtig. Und angesichts der Tatsache, dass laut Selbstauskunft nur sieben Prozent aller Vereine regelmäßige Schulungen zum Thema durchführen, ist der Versuch, die Vereinslandschaft des Flächenlandes weiter für extrem rechte Phänomene zu sensibilisieren, nur zu unterstützen. Dies sollte aber auf einem soliden fachlichen Fundament geschehen, um rassistische und sozialdarwinistische Einstellungen in all ihren Erscheinungsformen erkennen und bearbeiten zu können. Jedoch macht der hier verfolgte Forschungsansatz unbeabsichtigt deutlich, worin die Schwächen einer allzu formalistischen Politikanalyse sowie eines inhaltlich wenig fundierten Rechtsextremismusbegriffes in der Genese des Verfassungsschutzes liegen. Mit ihnen lassen sich gesellschaftspolitische Entwicklungen jenseits von Parteien nicht fassen und einzelne Diskriminierungen nicht analysieren. Das ist äußerst schade, denn ein kritischer Blick in die Entwicklungen des organisierten Sports ist noch immer nötig.

Zusätzlich verwendete Literatur

Brähler, Elmar/ Decker, Oliver (2010): Die Mitte in der Krise. Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin.

Niels Haberlandt 2013:
Rechtsextreme Strategien im Sport. Der organisierte Sport im strategischen Konzept rechtsextremer Gruppen im Land Brandenburg.
LIT Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-643-11993-3.
232 Seiten. 29,90 Euro.
Zitathinweis: Robert Claus: Vergebene Chance. Erschienen in: Deutschland im Krieg. 32/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1216. Abgerufen am: 22. 11. 2019 14:59.

Zum Buch
Niels Haberlandt 2013:
Rechtsextreme Strategien im Sport. Der organisierte Sport im strategischen Konzept rechtsextremer Gruppen im Land Brandenburg.
LIT Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-643-11993-3.
232 Seiten. 29,90 Euro.