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Sprachpolitik als Klassenprivileg

Buchautor_innen
Lann Hornscheidt
Buchtitel
feministische w_orte
Buchuntertitel
ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik
Auch die neueste feministische Sprachintervention zeugt von einer Ignoranz gegenüber Klassenverhältnissen und verfehlt die politische Praxis.
Rezensiert von Martin Brandt

Seitdem sich vor vielen Jahrzehnten im Zuge der Neuen Frauenbewegung an den Universitäten eine Feministische Linguistik etablierte, wird die Vorherrschaft des Maskulinums beziehungsweise des damit assoziierten männlichen Geschlechts in der deutschen Sprache offensiv kritisiert. Und tatsächlich konnten mittlerweile viele Studien nachweisen, dass Sätze wie „Die Sprachwissenschaftler sollten Lob für ihre Arbeit ernten“ eben nicht so verstanden werden oder so intendiert waren, dass auch Frauen darin mitgemeint sind. Diese Ausschlüsse und Ausschlusserfahrungen zeigen, dass das grammatische Geschlecht nicht unabhängig vom mutmaßlichen biologischen Geschlecht betrachtet werden kann und dass Sprachkritik kein Hirngespinst feministischer Linguist_innen ist.

Binnen-I und Unterstrich waren gestern

Um dieses Ungleichgewicht zugunsten der Männer, das sich im Deutschen vor allem in der Grammatik niedergeschlagen hat, zu beheben, hat die feministische Sprachkritik von Anfang an auf sprachpolitische Maßnahmen gesetzt. Binnen-I und Unterstrich sind dahingehend die bekanntesten Beispiele, die Einzug in die deutsche Sprache gehalten haben und von größeren Sprecher_innengruppen benutzt werden. Sollte das Binnen-I („SprachwissenschaftlerIn“) vor allem Frauen sichtbarer machen, ging es den Benutzer_innen des Unterstrichs („Sprachwissenschaftler_in“) um die Infragestellung des biologischen Geschlechts und die Sichtbarmachung all jener Menschen, die sich nicht dem System der Zweigeschlechtlichkeit unterordnen wollen oder können, also Transgendern, Transsexuellen oder Intersexen.

Die jeweils propagierten Sprachinterventionen blieben zu keinem Zeitpunkt unwidersprochen, weder in der Feministischen Linguistik noch im öffentlichen Diskurs. Dementsprechend verwundert es kaum, wenn auch Lann Hornscheidt in „feministische w_orte“, einem „lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministische linguistik“ zunächst einen Rundumschlag gegen alle bisherigen Interventionsversuche macht. Im Gegenzug zu Binnen-I und Unterstrich, die vor dem Hintergrund des Differenz- beziehungsweise des Queerfeminismus eingeführt wurden, basiert Hornscheidts x-Form („Sprachwissenschaftx“) auf einem „interdependenten“ Verständnis von Sexismus, das bei Hornscheidt unter „Genderismus“ firmiert. Unter diesen Begriff fallen sechs Formen sexistischer Diskriminierung. Hornscheidt kritisiert damit die zweigeschlechtliche Grundkonzeption der Gesellschaft („zweigenderung“), die Gleichsetzung von Männlichkeit mit Normalität („androgenderung“), die Normalsetzung von Heterosexualität („heteragenderung“), die Diskriminierung aufgrund einer zugeschriebenen Reproduktionsfunktion („reprogenderung“), die Annahme von eindeutig in die Zweigeschlechtlichkeit zuordenbaren Körpern („cisgenderung“) und überhaupt die Relevanzsetzung von Geschlecht („kategorialgenderung“). Diese Formen sexistischer Diskriminierung aber versteht Hornscheidt nicht losgelöst von anderen Herrschaftsverhältnissen, sodass Hornscheidt „genderistische“ Herrschaftsverhältnisse mit rassistischen und ableistischen (die Diskriminierung aufgrund der körperlichen Befähigung) begrifflich zusammenführt. Wissenschaftstheoretisch gesprochen geht Hornscheidt damit vom Paradigma der Intersektionalität (kritisch-lesen.de #10), das noch für die Unterstrichschreibweise charakteristisch war, über zum Paradigma der Interdependenz: Herrschaftsverhältnisse werden nicht mehr nur additiv gedacht, sondern sich gegenseitig verstärkend und beeinflussend. Das heißt konkreter, dass eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts niemals losgelöst werden kann von rassistischen oder ableistischen Strukturen, diese also immer mittheoretisiert werden müssen. Das an alle geschlechtlichen Wortspezifizierungen gehängte Hornscheidtsche -x soll nun diese Interdependenz zum Ausdruck bringen: „Einx schlaux Sprachwissenschaftx liebt xs Bücher“.

Ausklammerung von Klasse

So bedacht Hornscheidt auch ist, Sexismus/Genderismus, Rassismus und Ableismus zusammen zu verhandeln, klammert Hornscheidt Klassenverhältnisse auf kuriose Weise aus. Dies ist umso merkwürdiger, als es interdependenten Analysen eben genau darum geht, die unterschiedlichen Unterdrückungsformen nicht isoliert voneinander zu betrachten. Zwar wisse Hornscheidt um die „unterschiedliche[n] herstellungen einer hierarchisierung gesellschaftlicher möglichkeiten und zugänge“ (S. 59) durch Klassismus, auch sind für Hornscheidt „alle diese realisierungsformen von class […] gleichzeitig immer auch über die interdependenz von genderismus_rassismus_ableismus strukturiert“ (ebd.). Jedoch ist Hornscheidts Klassismusverständnis ein falsches, wenn es Klasse lediglich als „gleichberechtigte“ Unterdrückungsstruktur neben anderen „gleichberechtigten“ Unterdrückungsstrukturen innerhalb des Interdependenz-Paradigmas (und damit auch wiederum nur intersektional) begreift, die notfalls auch ausgeklammert werden kann. Eine solche soziologisch verkürzte Analyse wird der Frage nach der politisch-ökonomischen Dimension der kapitalistischen Wirtschaftsweise und ihrer dann auch soziologischen Konsequenzen in keinster Weise gerecht.

Dazu passt, dass Hornscheidt einen Klassen-Theoretiker wie den männlichen, weißen, sogenannten able-bodied Karl Marx rein aufgrund von dessen „falschem“ Geschlecht, „falscher“ Hautfarbe und „falscher“ Befähigung verwirft und nicht argumentativ aufgrund von dessen Thesen:

„sowohl bell hooks als auch chrystos machen deutlich, dass ein immer noch beziehen von class-kriterien, -definitionen und -klassifizierungen auf karl marx eine ent_wahrnehmung einer eurozentristischen weißen typisierten ableistischen auffassung sei, die an dieser stelle universalisiert würde“ (S. 59)

Nun aber ist „objektives Wissen“ nicht an die soziale Positionierung als solche geknüpft und darauf limitiert, sondern ist lediglich die Durchsetzung des „objektiven Wissens“ in sexistischen, rassistischen und ableistischen Klassengesellschaften an die privilegiertere soziale Position gebunden. Dass eine fundamentale Kritik der kapitalistischen Produktionsweise zuerst von einem weißen gesunden Mann geliefert wurde, sagt deshalb erst einmal wenig über die Qualität der Theorie aus als über die ungleiche Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen, die es Schwarzen, nicht-ableisierten, lesbischen Frauen eher versagt, solcherlei Analysen zu produzieren. Deshalb auch besitzt nicht automatisch der_diejenige Deutungshoheit über einen Sachverhalt, der_die aus der unterdrücktesten aller sozialen Positionen spricht.

Sprachpolitische Konsequenzen

Die Ausklammerung von Klasse ist nun jedoch keine Besonderheit Hornscheidts, sondern seit Anfang an Merkmal feministischer Sprachpolitik, die in vielen Fällen nicht danach fragte und fragt, wer sich ein solches Sprechen überhaupt leisten kann oder leisten will. Eine Klassenanalyse dieser akademischen Sprachkritiker_innen würde ergeben, dass sie ihre eigenen ökonomisch privilegierten Positionen verschleiern, ihre partikularen Interessen verallgemeinern und dadurch neue Ausschlüsse produzieren. Eine theoretisch einsichtige Sprachkritik nämlich wird dann falsch, wenn sie als übersetzte Politikform von den unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen und Bildungsvoraussetzungen der Menschen abstrahiert und ihre Interventionsvorschläge verabsolutiert, gemäß dem Motto: wer nicht nach unserer Zunge spricht, hat bei uns nichts verloren.

Gleichwohl Hornscheidts Vorschlag der x-Form, der unter sprachwissenschaftlichem Gesichtspunkt der bisher avancierteste ist, ohne Zwang daherkommt, bleibt der Eindruck, dass eine solche Sprachkritik und -politik vergessen hat, dass die Mehrheit der Menschen ihr Dasein nicht auf sprachwissenschaftlichen Professor_innenstühlen fristet und mit Problemen zu kämpfen hat, die Alternativen zum generischen Maskulinum nicht werden lösen können. Fruchtbarer für ein Diskussionsklima wäre deswegen, politische Partizipation nicht allein von der Einhaltung formalsprachlicher Subszenen-Standards abhängig zu machen.

Lann Hornscheidt 2012:
feministische w_orte. ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik.
Brandes & Apsel, Frankfurt a. M..
ISBN: 978-3-86099-948-6.
384 Seiten. 36,90 Euro.
Zitathinweis: Martin Brandt: Sprachpolitik als Klassenprivileg. Erschienen in: Umkämpfte Migration. 30/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1177. Abgerufen am: 19. 09. 2019 15:06.

Zur Rezension
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Lann Hornscheidt 2012:
feministische w_orte. ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik.
Brandes & Apsel, Frankfurt a. M..
ISBN: 978-3-86099-948-6.
384 Seiten. 36,90 Euro.