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Solidarität ist etwas, das du in der Hand halten kannst

Buchautor_innen
Gabriel Kuhn
Buchtitel
Bankraub für Befreiungsbewegungen
Buchuntertitel
Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe
In einem gut edierten Band zeichnet Gabriel Kuhn die Geschichte der legalen und illegalen Praxis der dänischen „Blekingegade“-Gruppe von ihren Ursprüngen in einer maoistischen Kader-Organisation und deren Spaltung bis hin zu ihrer Verhaftung nach.
Rezensiert von Jens Zimmermann

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ bekannte in Brechts Dreigroschenoper schon freimütig und ironisch der stadtbekannte Mafia-Boss Mackie Messer. Eine ähnliche Perspektive auf Banküberfälle setzten in den 1970ern bis 1980ern Teile der dänischen Gruppe Kommunistischer Arbeitskreis (KAK) und später der Manifest-Kommunistische Arbeitsgruppe (M-AK) in die Praxis um. Wesentlicher Bestandteil der politischen Praxis war es, nationale Befreiungsbewegungen des Trikonts materiell zu unterstützen: durch bei Banküberfällen erbeutetes Geld!

Der Geschichte dieser sogenannten „Blekingegade-Gruppe“ (benannt nach der Straße, in der die Gruppe eine konspirative Wohnung hatte) geht ein Band des Autors Gabriel Kuhn nach, der neben einer selbst verfassten Einleitung zu den politisch-historischen Wurzeln der Gruppe ein ausführliches Interview mit zwei Aktivisten und einen detaillierten Essay zur politischen Praxis der Gruppe von eben jenen beinhaltet. Abgerundet wird der Band mit historischen Dokumenten, welche die Entstehung der Gruppe nachzeichnen und ihre politische Praxis theoretisch verorten.

Gründung des Kommunistischen Arbeitskreises und „Schmarotzerstaatentheorie“

Eine material- und faktenreiche Textsammlung also, die eine der sicherlich eigenwilligsten Gruppen der radikalen Linken in Europa beleuchtet, deren Mitglieder nach einem missglückten Raubüberfall 1989 in Kopenhagen verhaftet wurden. Um die Entwicklung der Theorie und Praxis der Gruppe zu verstehen, muss man in das Jahr 1963 zurückgehen, als der mit dem Maoismus sympathisierende Literaturwissenschaftler Gotfred Appel nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Dänemarks den Kommunistischen Arbeitskreis (KAK) gründete, welcher die „erste maoistische Organisation Europas“ (S. 17) wird. Neben dieser politischen Organisationsstruktur werden auch ein Verlag und eine Zeitung gegründet, die als theoretische Verständigungsorgane der Maoisten um Appel fungieren. In diesem organisatorischen Kontext entwickelt Appel auch die sogenannte „Schmarotzerstaatentheorie“, die großen Einfluss auf die AktivistInnen der „Blekingegade-Gruppe“ haben wird. Kern dieser These ist, dass die Mitglieder der Arbeiterklasse des globalen Nordens aufgrund ihrer Privilegien „zu verbündeten der herrschenden Klasse geworden sind“ (S. 17). Dies war die politisch-revolutionäre Absage an die europäische ArbeiterInnenklasse, die aus dieser Perspektive Teil des herrschenden imperialen Blocks und somit für jede Gesellschaftstransformation vorerst verloren war. Allein die sozialen und nationalen Befreiungsbewegungen des globalen Südens stellten noch eine „Bedrohung für das kapitalistische System dar“ (S. 18). Eine/die weitreichende Schlussfolgerung dieser Analyse war, dass nur revolutionäre Zustände in der „Dritten Welt“ zu einer krisenhaften Konstellation des Kapitalismus führen konnten, die dann wiederum die ArbeiterInnenklasse des globalen Nordens neu politisieren sollte.

Neue revolutionäre Subjekte und die praktische Solidarität

Diese politisch-theoretischen Prämissen waren es auch, die ab 1968 die Mitglieder des neu gegründeten Kommunistischen Jugendverbandes (KUF) prägten, aus dem dann auch jene AktivistInnen hervorgingen, die zwanzig Jahre später verhaftet und für ihre spektakulären Banküberfalle und Betrügereien verurteilt wurden. In dieser Zeit werden vom KAK und KUF zahlreiche Kontakte zu nationalen Befreiungsbewegungen aufgebaut – zur Popular Front of the Liberation of Palestine (PFLP) und seinem Gründer George Habash wird dabei ein besonders enger Kontakt aufgebaut, der auch später von den AktivistInnen der „Blekingegade-Gruppe“ weiter aufrecht gehalten wird. Andere Gruppen, zu denen die KAK und KUF Kontakte bei persönlichen Treffen aufbauen, sind unter anderem FRELIMO (Mosambique), ZANU (Zimbabwe), MPLA (Angola), nordirische republikanische Widerstandskämpfer und das kanadische Liberation Support Movement (S. 20). Auffallend ist dabei die ausschließlich marxistisch-leninistische Ausrichtung der Gruppen, die ein zentrales Kriterium für die Kontaktaufnahme und Unterstützung war – die revolutionäre Stoßrichtung der Gruppen wird auch später für die „Blekingegade“-AktivistInnen zentral bei der Frage nach (materieller) Solidarität sein. Das erste dauerhafte Unterstützungsprojekt für jene Bewegungen wird ab 1972 das von KUF-Mitgliedern initiierte Projekt Kleider für Afrika (TTA) sein, in dessen Rahmen Kleider, Zelte, Medizin und Geld für von afrikanischen Befreiungsbewegungen verwaltete Flüchtlingslager gesammelt und verschickt werden. Nach der Auftaktphase von „Kleider für Afrika“ gründen sich in Dänemark mehrere UnterstützerInnengruppen, die fortan praktisch die Arbeit des KAK unterstützen.

Die zahlreichen Sympathisanten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der KAK weit davon entfernt war, eine Massenbewegung zu werden – maximal 30 Mitglieder gehören Mitte der 1970er zum festen Kern. Einen bewussten Grund mag diese fast schon minimale Organisationsdichte in der Tatsache haben, dass ab den frühen 1970ern der KAK auszuloten versuchte, inwiefern eine illegale Praxis der Geldbeschaffung für Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ innerhalb des AktivistInnen-Kreises etabliert werden konnte. Letztlich bildete sich ein innerer Kreis in der ansonsten schon kleinen Organisation, der sich zur „illegalen Praxis“ bereit erklärte. Genau jene Ausgewählten bildeten den Beginn der „Blekingegade-Gruppe“. Zwar werden in jenen Jahren keine KAK-Mitglieder verhaftet, doch bleiben sie die Hauptverdächtigen bei zahlreichen Aktionen im Kopenhagener Einzugsgebiet, bei denen Waffen und stattliche Summen Geld erbeutet werden. 1977 stellt dann vorerst das Ende der illegalen Aktivitäten dar und gleichzeitig auch das Ende des KAK, der sich selbst mittels „Kritik und Selbstkritik“-Sitzungen zerlegt.

Gründung der Kommunistischen Arbeitsgruppe und die Weiterführung der illegalen Praxis

Die Kommunistische Arbeitsgruppe (KA), welche später nach ihrer Zeitung „Manifest“ benannt wird (M-KA), ist dabei das mit Abstand produktivste und politisch einflussreichste Spaltungsprodukt des KAK. Neben der benannten Zeitung Manifest gründete die Gruppe einen Verlag, der vor allem Texte von und über nationale Befreiungsbewegungen herausgab und für diese Gruppen teilweise die Produktion von Propagandamaterial übernahm. Die Struktur der M-KA zeichnete sich vor allem durch das Fehlen einer zentralen Führungsfigur aus, wie es für den KAK mit Gotfred Appel typisch war. Mit der organisatorischen Veränderung wurde auch die Begründung der politischen Praxis umorientiert. Während Appel noch davon ausging, dass im KAK Kader herangebildet wurden, die beim Ausbruch einer Revolution in Dänemark die politische Initiative übernehmen konnten, wurde für die Mitglieder von M-KA „die Unterstützungsbewegung von Befreiungsbewegung […] ein Ziel an sich“ (S. 64). Aus dieser Feststellung resultierte für die Praxis des M-KA, dass die „Entwicklung unserer politischen Analysen und Theorie; die Verbreitung unserer Analyse und Theorie; und die Forstsetzung der legalen und illegalen Praxis“ zentrale Arbeitsgebiete wurden.

Aus der KAK-Zeit übernahmen die „Illegalen“ von M-AK die Planungsform des „inneren Kreises“, zu dem nur die an Aktionen Beteiligten gehörten; der Rest der insgesamt 15-köpfigen Manifest-Gruppe wusste nichts von den Aktionen – der Zugang zum „inneren Kreis“ wurde nur nach einer längeren Bewährungszeit ermöglicht.

Theoretisch entwickelte sich die Gruppe weiter und modifizierte die „Schmarotzerstaatentheorie“, indem sie Schriften der marxistischen Wirtschaftswissenschaftler und Historiker Samir Amin, Immanuel Wallerstein und Arrghiri Emmanuel adaptierte. Der Begriff des „ungleichen Tausches“, der von Emmanuel geprägt und von Amin weiterentwickelt wurde, fußte darauf, dass gerade die Produktion von Waren in Ländern des globalen Südens zu extrem niedrigen Lohnbedingungen die gegenwärtige Grundlage der Armut in diesen Regionen sei. Zwischen Emmanuel und den Mitgliedern von M-KA entwickelte sich fortan ein reger Austausch, der letztlich in einem Vorwort von Emmanuel für ein Buch von M-KA mündete, welches sich wesentlich auf seine Theorie des ungleichen Tausches bezog.

Verhaftung der „Blekingegade-Gruppe“ und der Prozess

Die Invasion der israelischen Armee in den Libanon wurde für die „Illegalen“ des M-KA zu einem Auftakt verstärkter klandestiner Praxis. Im November 1982 brachen sie in ein Waffen- und Munitionsdepot der schwedischen Armee ein und erbeuteten „mehrere Kisten Sprengstoff, über hundert Handgranaten sowie 34 später in der Blekingegade-Wohnung gefundene[] Panzerabwehrraketen“, die allesamt der PFLP zukommen sollten, was aber aufgrund von logistischen Schwierigkeiten nie klappen sollte. Insgesamt wurden der „Blekingegade-Gruppe“ im Gerichtsverfahren zwischen September 1990 und Mai 1991 noch vier weitere Raubüberfälle zur Last gelegt, bei denen beträchtliche Summen erbeutet wurden. Als am 2. Mai 1991 der Urteilspruch verkündet wurde, wurden Niels Jørgensen, Torkil Lauesen, Carsten Nielsen und Jan Weimann des Købmagergade-Überfalls für schuldig befunden, aufgrund dessen sie von der Polizei gefasst wurden und bei dem auch ein junger Polizist erschossen wurde – alle wurden zu Haftstrafen zwischen zehn und acht Jahren verurteilt. Mit Bo Weimann, Karsten Møller Hansen und Peter Døllner standen drei weitere Aktivisten des M-KA vor Gericht, die wegen unterschiedlicher Delikte (Waffenbesitz, Urkundenfälschung etc.) zu Haftstrafen verurteilt wurden. So endete die „illegale Praxis“ der „Blekingegade-Gruppe“ und des M-KA, ihrer politischen Heimat, und es wurde gleichzeitig eines der mit Sicherheit ungewöhnlichsten Kapitel der linksradikalen Bewegungsgeschichte aufgeschlagen.

Dies mag auch vor allem an der fast schon professionellen Planung und Durchführung der Überfälle liegen, die selbst für die Polizei ein Rätsel waren und wohl kaum einen politischen Hintergrund vermuten ließen. Dieser ließ sich bis zur Ergreifung der Gruppe auch nicht herleiten, denn die „Blekingegade-Gruppe“ verfasste nie ein „Bekennerschreiben“, in dem sie ihre Praxis rechtfertigte, ging es ihr doch um eine materielle Solidarität und nicht um die eigene Praxis. Dies wird vor allem im Interview deutlich, das Gabriel Kuhn mit Torkil Lauesen und Jan Weimann geführt hat. Im Rahmen dieses Gesprächs werden vor allem die Unterschiede und bewussten Abgrenzungen zur RAF deutlich, die von Lauesen und Weimann mit der Fokussierung auf Befreiungsbewegungen des globalen Südens begründet wird und eben nicht mit einer Praxis als „Stadtguerilla“.

Darüber hinaus bietet der Band eine wirklich beeindruckende Fülle an Details und empirischem Material, welches die komplette Geschichte der „Blekingegade-Gruppe“ zugänglich und eben auch kritisierbar macht. Der Essay von Jørgensen, Lauesen und Weimann lotet zum Beispiel das Verhältnis von Politik und Moral aus und versucht die eigene „illegale“ und politische Praxis zu reflektieren. Ergänzt werden diese Reflexion durch eine subjektive Geschichtsschreibung der eigenen organisatorischen und politischen Praxis. Wer sich mit der Geschichte der radikalen Linken und ihrer „illegalen Ableger“ beschäftigen will, kommt um dieses Buch nicht herum.

Gabriel Kuhn 2013:
Bankraub für Befreiungsbewegungen. Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-535-6.
232 Seiten. 14,00 Euro.
Zitathinweis: Jens Zimmermann: Solidarität ist etwas, das du in der Hand halten kannst. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1247. Abgerufen am: 14. 12. 2019 14:57.

Zum Buch
Gabriel Kuhn 2013:
Bankraub für Befreiungsbewegungen. Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-535-6.
232 Seiten. 14,00 Euro.