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Ruhm

Buchautor_innen
Daniel Kehlmann
Buchtitel
Ruhm
Buchuntertitel
Ein Roman in neun Geschichten
Kehlmann hat in "Ruhm" das Bewusstseinsspiel der Romantiker gestützt auf Kittler und Foucault noch einmal gespielt, aber so, dass die äußerste Auflösung in Kommunikation das sprachlose Dasein der Körper offenlegt.
Rezensiert von Fritz Güde

Kehlmann hatte mit seiner "Vermessung der Welt" einen der größten Bucherfolge der letzten Jahre. Die zwei sehr gegensätzlichen Wesen - Alexander von Humboldt auf der einen, Gauss auf der anderen Seite - erfassten damals die letzten unbekannten Stellen der Erde. Humboldt mit ungeheurer körperlicher Anstrengung unterwegs durch Lateinamerika, Gauss, der Kalkulator, durch Entwürfe von Netzen der Erfassung aller möglichen materiellen Erscheinungen. Kehlmann den beiden ungeheuren Materialbewältigern gegenüber als derjenige, der die Kraft aufbringt, sie zusammen zu sehen, und all die Texte, die vor allem Humboldt hinterlassen hat, in höchster Konzentration zu erfassen. Damit war immerhin Weltstoff genug gegeben, mit dem fertig zu werden war. Aber auch materieller Anhalt genug, um nichts ins Luftige zu entschweben.

Dann pausierte Kehlmann etwas. Alles nervös, er selbst vielleicht auch: was nach einem solchen Erfolg noch bringen? Kehlmann wählte die Gegenwart und das Experiment; schrieb also frei von erkennbaren Textvorlagen. Die im Hintergrund wirkenden sind trotzdem erkennbar: sie stammen allesamt aus der Zeit der deutschen Romantik, mit zusätzlicher Beeinflussung durch Borges und Nabokov. Romantisch - hier im präzisen literaturgeschichtlichen Wortsinn gemeint. Also nichts vom romantischen Nachthemd oder dem candle-light-dinner. Romantisch sind eindeutig die Bewusstseinsspäße: die alte Frau, krebskrank, zum Sterben in der Schweiz entschlossen, will auf einmal nicht mehr und fleht ihren Schöpfer, ihren Erfinder, den Erzähler an, sie aus der Situation herauszunehmen. Personen, die nichts sehnlicher wünschen, als in eine Erzählung des Autors hineinzuwandern, um dort zu überdauern. Umgekehrt: der Autor, der aus allem Erzählen und seinem Ruhm aussteigen will, unerkannt bleiben, vergehen. Dazwischen die moderne Fassung des romantischen Salons: die Lesung im Goethe-Institut mit den vampirischen Annäherungsversuchen weiblicher Wesen mit Hornbrille, die immer neu erfragen, wo denn der Dichter Ideen schöpft. Notlösung: In der Badewanne.

Um auf jeden Fall nicht mit seinem berühmten Roman zu kollidieren, hat Kehlmann dieses Mal eine Form gewählt, in welcher lauter Kurzgeschichten einander ergänzen und spiegeln. In neun Texten finden wir immer wieder Personen aus vorigen Geschichten. Wieso dann aber doch der Titel Roman? Das hängt mit den Zutaten zusammen, die Kehlmann über das Romantische schüttet. Sie stammen von Kittler und von Foucault. Foucault, der mit seiner kleinen Schrift in Frageform "Was ist ein Autor" soviel leibhafte Dichter nervös gemacht hat, zeigte, dass Autor eigentlich eine Textfunktion ist. Ohne dass wir über eine bestimmte schreibende Person etwas wüssten, folgen wir gehorsam Winken der Schrift. Wir nehmen unterwürfig die Position eines Wesens ein, dem etwas erst Unbekanntes bekannt wird. Der Autor-Effekt kann dann über den ganzen Text wandern, ohne dass wir uns eine konkrete Person vorstellen dürften oder müssten. Kittler umgekehrt hatte in seinen Büchern aus den achtziger Jahren auf die Einwirkung der Reproduktionsmaschinen auf den Text hingewiesen. Erst die Schreibmaschine gegenüber der Handschrift, dann des Computers gegenüber allen unmittelbar papierbezogenen Medien-Prägungen.

Kehlmann selbst erweist sich als fasziniert vom Handy. In einer Sendung bei Beckmann zeigte er stolz das neu Erworbene vor, und bekannte, wie er nach der Sendung nichts eiligeres zu tun haben werde, als nach neuen Anrufen und SIMSen sich umzutun. Die Ortlosigkeit der Gespräche über Handy hat es ihm angetan. In der ersten Erzählung ist einem Computerfachmann eine falsche Handy-Nummer zugeteilt worden, über die er tausend Anrufe erhält, in tausend Beziehungen zu Frauen und Kollegen rutscht und am Ende im Grunde das wahrmacht, was Hölderlin nur herbeihalluzinieren hatte können. In einer Folge von Sprechakten geht das Ich im Kommunikationsvorgang auf und unter. Natürlich muss es auch den Ehebrecher geben, der nicht vom Bürostuhl aufsteht, aber per Handy erfolgreich bis fast zum Schluss, seiner Frau vortäuscht, er sei immer irgendwo anders, gerade aufgehalten usw. Dieses konturenauflösende Schwebe-Ich, das hier vorgeführt wird und sich selbst produziert - ist es denn fähig, unser ganzes materielles Leben zu vergegenwärtigen, genau in den Teilen, in denen es nicht im Sprechakt aufgehen kann? Also das körperliche Dasein, insofern es schweigt, auch leidet?

Dieser Frage stellt sich Kehlmann genau in der mittelsten der neun Erzählungen: "Osten". Eine Schriftstellerin ist von einem Kollegen, dem es zuviel wurde, zur Lesereise in ein unbekanntes Land in Asien vermittelt worden. Sie erlebt nun die Kehrseite der Kommunikation: die Unmöglichkeit der Verständigung. Das Verlorengehen. Der Akku des Handy entleert sich und kann nicht aufgeladen werden. Die Ausweise kennt keiner. Deutsche Botschaft gibt es nicht. Geld und Scheckkarte sind hier ohne Gültigkeit. In kehlenschnürender Angst sehen wir uns hineingezogen in ein Dasein ohne die Möglichkeit der Äußerung, ohne Kommunikation. Auf den eigenen, immer schwächer werdenden Leib zurückgeworfen, unterwegs zur Dingwerdung. Nicht anders hat Hofmannsthal in der Nachfolge der Romantik im "Märchen der 671. Nacht" den Untergang des Prinzen nachvollzogen, der sich im Gewimmel der Vorstadt verliert und den keiner erkennt. Ähnlich auch Kubin, der Maler und Zeichner, der in seinem einzigen Roman "Die andere Seite" ein Innerasien entwirft, in welchem der Wahnsinn herrscht. Bei beiden Mustern ist das Herausfallen aus einer vorverständigten Welt ins Sprachlose das Entsetzliche, eine, in der es nur noch den ausgelieferten Körper gibt. Bei Kehlmann verschärft sich der Schock des Herausgeratens, weil die sonstige Welt seiner übrigen acht Erzählungen sich so luftig geradezu körperlos gestaltet, als reiner Effekt der Kommunikation.

So hat Kehlmann doch noch eine zweite Vermessung geliefert: im ersten war es die der horizontalen Erstreckung gewesen. In "Ruhm" die vertikale: von der Auflösung im reinen Geräusch oben bis hinunter in das Verstummen der brütenden Materie.

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Die Rezension erschien zuerst im März 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 12/2010)

Daniel Kehlmann 2009:
Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-498-03543-3.
208 Seiten. 18,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Ruhm. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/834. Abgerufen am: 15. 12. 2019 12:11.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. März 2009
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Zum Buch
Daniel Kehlmann 2009:
Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-498-03543-3.
208 Seiten. 18,90 Euro.