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Permanente Krise

Buchautor_innen
trouble everyday collective
Buchtitel
Die Krise der sozialen Reproduktion
Buchuntertitel
Kritik, Perspektiven, Strategien und Utopien
Das Buch zeigt, wie die Widersprüche des Kapitalismus von einem feministischen Standpunkt aus betrachtet werden können.
Rezensiert von Andrea Strübe

Die Zielsetzung des Kollektivs, das den kurzen Einführungsband zur „Krise der sozialen Reproduktion“ vorgelegt hat, geht voll auf. Diese bestand einerseits darin, die Kritik der politischen Ökonomie mit Debatten des Queer-Feminismus zu verbinden, und andererseits die eigenen Diskussionsergebnisse in einem einführenden, unakademischen Text festzuhalten. Mit einer breiten Aufarbeitung historischer und politischer Entwicklungen auf den Feldern der Produktion und der sozialen Reproduktion in einer sprachlich und inhaltlich voll nachvollziehbaren Weise ist den Autor_innen gelungen, was viele versuchen.

Das Anliegen, Kapitalismuskritik und Queer-Feminismus zu verbinden wird eingangs kurz erläutert:

„Auch uns ist die Verknüpfung der beiden Theorie- und Politikrichtungen wichtig, da es inzwischen eine queer-feministische Strömung gibt, die ohne jegliche Bezüge zu materialistischer Kritik auskommt. Sie fokussiert sich so stark auf die – durchaus notwendige – Kritik an Sprache und Identität, dass sie dazu tendiert, selbstreferentiell zu werden und grundlegende herrschaftsförmige Strukturen in der Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren.“ (S. 8)

Zugleich kämen antikapitalistische Strömungen ohne eine Analyse der Geschlechterverhältnisse aus. Für die Fokussierung der sozialen Reproduktion und ihrer Krisen ist diese Verknüpfung jedoch unerlässlich. Denn die für die kapitalistische Reproduktion notwendige Teilung der Sphären Produktion und Reproduktion ist eine mitunter vergeschlechtlichte.

Der Reproduktionsbegriff, wie ihn die Autor_innen verwenden, verweist auf eine Leerstelle in der Marxschen Lesart, die zwar von Reproduktion des Kapitals spricht, jedoch die soziale Reproduktion als Notwendigkeit zum Erhalt des Lebens von der Sphäre der Produktion abtrennt oder ganz ignoriert. Und auch in der breiten Öffentlichkeit geht es bei gegenwärtigen Reden um die Krise meist um eine Krise des Finanzsystems, während missachtet werde, dass es Menschen nicht erst seit dieser schlecht geht. Im Bereich der sozialen Reproduktion ist die Krise permanent. Hier werden die Autor_innen aktueller Beispiele nicht müde: Prekarisierung und Ausdehnung der Arbeit, Armut, Ausgrenzung, beispielsweise durch Hartz IV oder Rassismus, Wohnungsnotstand. Es sind Bedingungen, die in einer Gesellschaft herrschen, die auf zunehmende Individualisierung und Eigenverantwortung setzt. Mit dem Einnehmen eines Standpunktes der Krise der sozialen Reproduktion begreifen die Autor_innen die Kapitalakkumulation und soziale Reproduktion im permanenten Widerspruch zueinander.

Mit der Geschichte vergeschlechtlichter Arbeitsteilung wird genau dieser Widerspruch erklärt. Waren zu Zeiten des Feudalismus Arbeiten kaum geschlechtlich verteilt, wurde im Europa des 16. Jahrhunderts der Grundstein gelegt für die kapitalistische Produktionsweise. Diesen Prozess bezeichnete Marx als jenen der ursprünglichen Akkumulation, also dem Zum-Produktionsmittel-Machen von dem, was zuvor kein Produktionsmittel war. Hier findet die Trennung statt zwischen den Produktionsmittel besitzenden Kapitalist_innen und den Besitzlosen, die nach ihrer Vertreibung dazu gezwungen waren, ihre Arbeitskraft in den neu entstehenden Fabriken zu verkaufen. Es entwickelt sich das Ausbeutungssystem, das Mehrwert abpresst und investiertes Kapital – erbeutet auf der ganzen Welt und mit abgepresster Arbeitskraft – zu Mehrwert verwandelt.

Die zweite Trennung ist schließlich die von den Sphären Produktion und Reproduktion, von den Bereichen des Kapitals und des Häuslichen. Marxistische Theoretikerinnen wie Rosa Luxemburg und Silvia Federici haben darauf aufmerksam gemacht, dass die ursprüngliche Akkumulation im Bereich der Reproduktion ein nie abgeschlossener Prozess ist. Denn der Kapitalismus braucht ein „nicht-kapitalistisches Außen“ (S. 24), das kapitalisiert werden kann. In der Sphäre der Reproduktion wird Arbeitskraft produziert – ohne allzu hohe Kosten. Der Trennungsprozess von Produktion und Reproduktion, der Frauen − mitunter gewaltsam − in die unbezahlte, häusliche Arbeit drängte, stellt für den Kapitalismus eine ungeheure Entlastung dar – damals wie heute, wenn auch in je unterschiedlicher Gestalt.

In „Krise der sozialen Reproduktion“ schauen sich die Autor_innen nach ihrem historischen Abriss vor allem genau diesen Widerspruch zwischen Kapitalakkumulation und sozialer Reproduktion an. Die Versorgung, auch Care genannt, kann im Kapitalismus einerseits kapitalisiert werden, beispielsweise bei privaten Kitas. „Eine Profitsteigerung ist in den Bereichen allerdings nur begrenzt möglich, denn Kinder können nicht wie am Fließband gewickelt oder gefüttert werden.“ (S. 46) Eine Rationalisierung ist in diesen Bereichen nur begrenzt möglich, will man die Reproduktion der Arbeitskraft nicht gefährden. Care stellt also für den Kapitalismus eine grundlegende Arbeit dar, denn ohne Reproduktion der Arbeitskraft keine Produktion. Doch wird diese für den Kapitalismus zu teuer, sinken die Profite.

Deshalb findet Care andererseits im Privaten oder ehrenamtlichen Bereich statt. Hier können zwar keine Profite erwirtschaftet werden, jedoch ist diese Form der Reproduktion auch weniger teuer für die Kapitalvermehrung. „In kapitalistisch organisierten Gesellschaften besteht deswegen die Dynamik der Kapitalakkumulation, die darauf drängt, die Kosten der sozialen Reproduktion gering zu halten“ (S. 47). Unbezahlte Repro-Arbeit trägt also indirekt zur Kapitalvermehrung bei.

Zusammengetragen werden immer auch unterschiedliche Debatten, beispielsweise die Diskussionen um Hausarbeit und verschiedene Krisenanalysen, etwa jene der Überproduktion, des tendenziellen Falls der Profitrate und der Profit-Squeeze-Theorie. All diese Überlegungen werden kurz und verständlich in groben Zügen eingeführt, und wer sich danach vertiefend damit auseinandersetzen möchte, weiß, wo er_sie ansetzen muss. Eine Kritik an diesen Krisenanalysen bleibt jedoch bestehen und soll mit diesem Buch erneut in den Ring geworfen werden. Die Widersprüche des Kapitalismus sind nicht nur jene zwischen Kapital und Arbeit, sondern grundsätzlich auch jener zwischen Kapitalakkumulation und der sozialen Reproduktion. Je teurer die Reproduktion, desto geringer die Profitmaximierung. Doch andersherum ist sozialer Frieden auch nicht umsonst zu haben. Diesen Widerspruch, so plädiert das Autor_innenkollektiv, sollte man zumindest in zukünftigen Krisenanalysen auf dem Schirm haben und mit diesen die Verhältnisse umwälzen. Die konkreten Ideen sind ganz praktisch:

„Es ist wichtig, dass eine Revolution vom Standpunkt der sozialen Reproduktion aus die Lebensverhältnisse der Menschen im Blick hat. Viele Initiativen, Streiks, alternative Strukturen und Kämpfe im Reproduktionsbereich streben bereits heute eine umfassende Umwälzung der Verhältnisse an und machen die Lebensbedingungen der Menschen zum Ausgangspunkt ihrer Transformationsversuche. [...] Wir rufen auf zur Care Revolution!“ (S. 74f.)

trouble everyday collective 2014:
Die Krise der sozialen Reproduktion. Kritik, Perspektiven, Strategien und Utopien.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-126-6.
78 Seiten. 7,80 Euro.
Zitathinweis: Andrea Strübe: Permanente Krise. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1256. Abgerufen am: 17. 09. 2019 21:51.

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trouble everyday collective 2014:
Die Krise der sozialen Reproduktion. Kritik, Perspektiven, Strategien und Utopien.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-126-6.
78 Seiten. 7,80 Euro.