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„Nahrungstotalitarismus“

Buchautor_innen
Vandana Shiva
Buchtitel
Geraubte Ernte
Buchuntertitel
Biodiversität und Ernährungspolitik
Die indische Ökofeministin Vandana Shiva setzt in ihrem Buch „Geraubte Ernte“ zur Verteidigung lokaler, ökologischer Landwirtschaften und der Biodiversität – wider dem neoliberalen Profitstreben – an.
Rezensiert von Sebastian Kalicha

Es gibt viele engagierte AktivistInnen, AkademikerInnen und Initiativen, die seit langem mit Nachdruck darauf hinweisen, welche desaströsen ökologischen Folgen es hat, wenn die Natur lediglich als Ressource zur kapitalistischen Profitmaximierung begriffen wird – und manchmal wirkt es so, als sei ein AktivistInnenleben im Bereich der Ökologie eines der frustrierendsten, das man haben kann. Eine dieser unbeugsamen AktivistInnen ist die Inderin Vandana Shiva, die vor allem mit dem Aufkommen der globalisierungskritischen Bewegung weltweite Bekanntheit erlangte.

Ganz generell und speziell in dem Buch „Geraubte Ernte“ konzentriert sich Shiva auf die Themen Biodiversität und Ernährungspolitik. Sie versteht sich als Anwältin für Kleinbäuerinnen- und bauern, für eine nachhaltige, ökologische, lokale und dezentralisierte Landwirtschaft, die nicht von WTO-Freihandelsabkommen und den davon profitierenden transnationalen Konzernen ruiniert werden soll. In „Geraubte Ernte“ berichtet sie von der „Zerstörung der Nahrungs- und Agrarsysteme durch weltweit operierende Konzerne und vom Widerstand der Menschen gegen diese Zerstörung“ (S. 13). In ihren Ausführungen konzentriert sie sich zumeist auf Indien, da sie zum einen „selbst aus Indien stamme“ und, weil Indien ohnehin „exemplarische Bedeutung“ (S. 17) dafür habe, wie lokale Landwirtschaft und Natur vom Profitstreben der Industrieländer zerstört werden. Von dieser Warte aus vermischt sie ihre Ausführungen immer wieder mit Erläuterungen und Anekdoten von lokalen Gebräuchen indischer Bäuerinnen und Bauern und stellt so einer neoliberalen Landwirtschaft à la WTO das positive Pendant des/der indischen Kleinbauers/bäuerin entgegen. Derartige Ausführungen sind zwar nicht ausführlich genug als dass man ihnen bereits vorwerfen könnte, hier ein verklärtes Bild und eine recht einfache Dichotomie zu schaffen – potentiell besteht in dem Buch die Gefahr dessen aber durchaus.

Spätestens wenn Shiva über den US-amerikanischen Agrarkonzern Monsanto schreibt, wird klar, was sie meint, wenn sie den Begriff „Nahrungstotalitarismus“ (S. 33) verwendet. Derzeit kontrollierten „10 Konzerne 32 Prozent des auf 23 Milliarden Dollar geschätzten Weltsaatgutmarkts und 100 Prozent des Markts für gentechnisch manipuliertes Saatgut“ (S. 20). Monsanto widmet sie sich vor allem in der zweiten Hälfte ihres Buches immer wieder ausführlicher. Eindrücklich schildert sie, mit welchen Methoden dieser Konzern versucht, immer mehr Bäuerinnen und Bauern an ihr gentechnisch verändertes Saatgut zu binden. Eine besonders kontroverse Methode ist jene, Saatgut gentechnisch so zu verändern, dass es nur einmal aufkeimt und die Bäuerinnen und Bauern dadurch gezwungen sind, jedes Jahr erneut Saatgut bei Monsanto einzukaufen. Die Folgen sind weitreichend, wie Shiva schreibt: „Mit einem einzigen weit ausholenden Schlag wird der Mensch den Zyklus Pflanze-Saatgut-Pflanze-Saatgut zerstören, auf dem das meiste Leben auf dem Planeten beruht.“ (S. 112) Pflanzen wurden auch mittels Gentechnik für bestimmte Pestizide immun gemacht – eben für genau jene, die nur der jeweilige Konzern herstellt, womit man den Profit erneut hochschrauben konnte. Wer sich, wie der kanadische Landwirt Percy Schmeiser, wie auch immer dagegen zur Wehr setzt oder „Patentverletzungen“ begeht, wird gnadenlos verklagt. Eben das ist ein weiteres Thema, das von Shiva behandelt wird: die Patentierung (beziehungsweise der Versuch dessen) von Pflanzen und Organismen durch Konzerne. Dadurch werden nicht nur alte Kulturpflanzen plötzlich „Eigentum“ eines profitorientierten Konzerns, sondern es wurde beispielsweise für indigene Gemeinschaften oftmals plötzlich „illegal“, bestimmte traditionelle Heilpflanzen einzusetzen, da diese nun „patentiert“ und im „Privatbesitz“ sind. Shiva war maßgeblich daran beteiligt, den heute recht bekannten Begriff der „Biopiraterie“ für derartig wahnwitzige Vorgänge in die öffentliche Debatte zu bringen. Neben diesen Aspekten wird noch eine vielfältige thematische Palette abgehandelt, die von Gentechnologie, dem Problem von Monokulturen und Freihandelsabkommen, Überfischung der Weltmeere bis hin zu Strategien für eine „Demokratie in Ernährungsfragen“ (S. 157) reicht.

Auch ihre dezidiert ökofeministische Kritik und theoretische wie praktische Ausrichtung fließt, wenn auch nur recht kurz, in den Text mit ein:

„Nichtnachhaltigkeit ist die unvermeidliche Folge, wenn Wissen und gewaltfreie Beziehungen zu angeblich ‚minderwertigen‘ Spezies, auch zu den Frauen, verschärfter patriarchaler Herrschaft unterworfen werden. Nachhaltigkeit kann durch einen auf Miteinander zielenden Ökofeminismus entstehen, der einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Befreiung der Frauen und der Freiheit aller Spezies sieht und der noch unscheinbarsten Lebensformen inneren Wert, Unantastbarkeit und Autonomie zuspricht.“ (S. 102)

Die Autorin bringt die Dinge, über die sie schreibt, knapp auf den Punkt, sodass man auch auf nur 180 Seiten einiges an Information bekommt – auch, wenn sich der Inhalt dann notgedrungen auf das Wesentliche beschränkt. Der zu Anfang des Buches erwähnte „Widerstand der Menschen“ (S. 13) gegen die Dinge, die sie zu Recht anprangert, kommt in dem Buch generell leider etwas kurz. Wenn die Autorin gegen die Sojaindustrie anschreibt, die verstärkt auf den indischen Markt drängt, überspannt sie leider den Bogen indem sie mit reichlich selektiven Quellen zu belegen versucht, dass Soja an sich ungesund sei – eine Behauptung, die mit unzähligen Studien leicht widerlegt oder zumindest stark angezweifelt werden kann.

Das wirklich Ernüchternde an dem Buch ist aber, dass es vor über zehn Jahren – mit dem Rückenwind und der Aufbruchsstimmung der globalisierungskritischen Bewegung – in englischer Sprache veröffentlicht wurde, die Missstände aber auch heute im Jahr 2012 immer noch genau so vorhanden sind. Darum ist das Buch auch in seiner zweiten Auflage (die erste Auflage auf Deutsch erschien im Jahr 2004) immer noch hochaktuell − leider.

Vandana Shiva 2011:
Geraubte Ernte. Biodiversität und Ernährungspolitik. 2. Auflage.
Rotpunktverlag, Zürich.
ISBN: 978-3-85869-467-6.
180 Seiten. 15,00 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Kalicha: „Nahrungstotalitarismus“. Erschienen in: Ökologie und Aktivismus. 22/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1066. Abgerufen am: 20. 11. 2019 01:13.

Zum Buch
Vandana Shiva 2011:
Geraubte Ernte. Biodiversität und Ernährungspolitik. 2. Auflage.
Rotpunktverlag, Zürich.
ISBN: 978-3-85869-467-6.
180 Seiten. 15,00 Euro.