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Mit poststrukturalistischem Literaturwissenschaftler auf Gespensterjagd

Buchautor_innen
Joseph Vogl
Buchtitel
Das Gespenst des Kapitals
In seiner akribisch recherchierten Studie entlarvt der Autor Theorie und Praxis des Finanzkapitalismus als Spuk.
Rezensiert von Stefan Schmied

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ So beginnt das von Karl Marx und Friedrich Engels 1848 verfasste „Manifest der Kommunistischen Partei“. Die Figur des Gespenstes wird hier bemüht als Metapher für etwas, das den Leuten das Fürchten lehrt. Fürchten sollten sich Fabrikherren, Großgrundbesitzer, wie überhaupt alle an der Aufrechterhaltung der bürgerlichen Gesellschaft Interessierten. Denn die „Proletarier aller Länder“ werden im letzten Satz des Manifestes aufgefordert, sich zu vereinigen, um durch ihren Sieg die Klassenherrschaft zu beseitigen. Das „Gespenst des Kommunismus“ ist solchermaßen auch ein Wanderer zwischen zwei Welten. Wie die Geister nicht zur Ruhe kommender Verstorbener zwischen der Welt der Lebenden und jener der Toten wandeln, so führt dieses einem Zombie gleich ein Dasein zwischen Vergangenheit und Zukunft, Kapitalismus und Kommunismus, „Naturgeschichte“ oder menschlicher „Vorgeschichte“ (Marx) und einer Zeit, in der die Menschen anfingen, ihre Geschichte selbst zu machen.

Mit seinem Buch „Das Gespenst des Kapitals“ hat sich Joseph Vogl aufgemacht, die Gespenster im Widersacher der „Proletarier aller Länder“, dem Kapital, auszumachen. Gegliedert ist der Essay in sechs Kapitel. Das einleitende erste Kapitel zeigt mit Bezügen aus Don De Lillos Roman Cosmopolis die Machtlosigkeit und Ausgeliefertheit finanzwirtschaftlicher Akteure gegenüber dem Hereinbrechen unkalkulierbarer Ereignisse im Kapitalismus unserer Tage auf. Es ist im Zuge der Nacherzählung des Romans die Rede vom „Verlöschen der Gebrauchswerte“ (S. 11) oder dem „Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit“ (S. 12) und damit bereits auf Topoi verwiesen, die später in den zentralen Teilen des Essay wiederkehren.

Ausgehend von der anhand des Romans für den Kapitalismus als eigentümlich aufgezeigten Chaoshaftigkeit werden die unbefriedigenden Antwortversuche der Wirtschaftswissenschaften auf die jüngste Krise vorgestellt, denen zufolge diese nur aufgrund des inkompetenten Verhaltens einzelner Akteure möglich war. Der (Finanz-)Markt als solcher wird quasi-religiös als in sich selbst vernünftiges und ausgleichendes System vorgestellt, welchem man in Form von prognostizierbaren Kursverläufen seinen eigenen Takt ablauschen könne.

Einer der bekanntesten Antwortversuche auf das Dilemma der Theodizee, also der Frage, wie ein als gut und allmächtig vorgestellter Gott gleichzeitig das Leiden zulassen könne, ist jener von Gotthold Wilhelm Leibniz. Er 'löste' dieses Dilemma mit der These, dass der Plan der 'Schöpfung' das Gute auf der Welt nur zum Preis von leider notwendig auch Schlechtem ermögliche. Um den analogen wirtschaftswissenschaftlichen Glauben einer solcherart prästabilierten Harmonie auf den Begriff zu bringen, wird in Anlehnung an Leibniz der Neologismus einer „Oikodizee“ geprägt. Ausgehend von diesem Begriff wird die Geschichte der politischen Ökonomie als „die Geschichte dieser Hoffnungsfigur“ (S. 31) vorgestellt. Beispielhaft dafür steht Adam Smith` Lehre, dass der Einzelne umso größeren Nutzen für die Gemeinschaft erziele, je egoistischer er handle. Hinter dem Verfolgen individueller Interessen setzten sich im Zusammenspiel mit anderen - vermittelt durch den Markt - die „unsichtbaren Hände“ einer systemimmanenten Vernunft durch.

Verzeitlichung des kapitalistischen Systems

Mit dieser unterstellten Homologie von Markt- und Naturgesetzen verbunden, ist das Vertrauen auf das „homöostatische Vermögen“ des Systems, also die Fähigkeit des Marktes sich ähnlich eines Ökosystems selbst zu erhalten. Erschüttert werde dieser Glaube durch „die Beobachtung des Umlaufs von Schulden, Kredit und Kapital“ (S. 62), welche die Annahme einer ausgleichenden Marktdynamik gefährdete. Eine „Urszene des Kapitals“, wo also „mit der Auslösung von Schuldzyklen Kapitalschöpfung betrieben wird“ (S. 83), sieht Vogl im Ende des „Abkommens von Bretton Woods“ Anfang der 1970er Jahre. Bis dahin war versucht worden, die Gefahr von Krisen durch die Koppelung des amerikanischen Dollars an den sogenannten Goldstandard und aller anderen Währungen an diesen, einzudämmen. Dies änderte sich mit dem Ende des Abkommens und dem neuen Kredo wirtschaftswissenschaftlicher Theorie und Praxis, durch weitgehende Deregulierung das internationale Währungssystem sich selbst ausgleichen zu lassen. Gleichzeitig wurde die Vorstellung maßgebend durch den permanenten Verkauf risikobehafteter Wertpapiere in eine endlos verlängerte Zukunft die Gegenwart abzusichern.

Ende der Oikodizee

Schließlich wird mit der wirtschaftswissenschaftlichen Annahme aufgeräumt, die kapitalistische Ökonomie vollziehe sich mit der Finanzialisierung des gesellschaftlichen Lebens sowie der Dominanz des Finanzmarktes als damit erst wirklich zu sich selbst gekommenes System ausgleichender Gerechtigkeit. Vielmehr hätten wir es mit einem „Ende der Okodizee“ zu tun, indem die „Haltbarkeit dieser Legenden“ (S. 175) mehr und mehr zu bröckeln beginne und die Werte, die den Markt bestimmen sollten, letztlich nichts weiter als „Wertgespenster“ (S. 157) seien.

Es gehört zu den Stärken des Essays, wenn über teils mehrere Absätze historische wie zeitgenössische (neo-)klassische Ökonomen zu Wort kommen, während sich der Autor selbst hinsichtlich deren Kommentierung weitgehend in Zurückhaltung übt. Die in der Analyse ihrer Selbstbeschreibungen vorgeführte klassische wie neoklassische Wirtschaftstheorie wird jedoch keineswegs nur als in der Rolle eines unbeteiligten Beobachters gesehen. Es wird von dem grundlegenden Umstand ausgegangen, „dass das ökonomische Wissen der letzten dreihundert Jahre die wirtschaftlichen Tatsachen geschaffen hat, mit deren Entzifferung es sich selbst konfrontiert“ (S. 8).

In weiten Teilen erinnert die Lektüre somit an die ersten Seiten der Marxschen Pariser Manuskripte, wenn oft kommentarlos Zitate (neo-)klassischer Ökonomen aneinandergereiht werden. Sie sollen offenbar weitgehend für sich selbst sprechen und auf diese Weise wirtschaftstheorieimmanente Widersprüche sowie Ungereimtheiten aufdecken, indem jene Ideen mit ihrer eigenen Wirklichkeit konfrontiert werden. Am Ende erscheint dadurch die Lehre der Wirtschaftstheorie als bloßer Spuk. Im Gegensatz jedoch zu einer marxistisch-materialistischen Herangehensweise ist dem Autor weniger an einer Aufdeckung des Zusammenhangs von Waren- und Denkform gelegen. Vielmehr entsteht der Eindruck einer allein, oder zumindest in erster Linie wirkmächtigen Denkform, welche aus sich heraus soziale Wirklichkeit gebiert.

Vogls selektive Lesart der Marxschen Analysen

Die Frage ist also, was trotz eines zwar stellenweise langatmigen aber alles in allem unterhaltsam geschriebenen Essays, der durch fundiertes ökonomisches Wissen des Autors auffällt, auf der Strecke bleibt. Wofür werden wir blind, wenn wir die kapitalistische Produktionsweise und deren momentane Phase des Finanzmarktkapitalismus lediglich als Ausdruck falscher Glaubenssätze begreifen? Begeben wir uns mit Marx auf Gespenstersuche innerhalb des Kapitals, so entpuppt bei näherem Hinsehen dieses selbst sich als Zombie oder genauer: Vampir, welcher als „vergegenständlichte tote Arbeit“, den konkrete Arbeitskraft verausgabenden Arbeiterinnen und Arbeitern ihr (selbstbestimmtes) Leben aussaugt. Begegnet dieser Vorgang uns im Marxschen Frühwerk unter dem Begriff der „Entfremdung“, so wird dieser Zombie im „Kapital“ zum „automatischen Subjekt“. Diese widersprüchliche Formulierung verweist auf den in sich widersprüchlichen Charakter des Kapitals: Es handelt sich einerseits um einen dynamischen, zyklischen Prozess, eine scheinbare Selbstbewegung, die aber, um sich vollziehen zu können, angewiesen ist auf die reale Verausgabung von Arbeitskraft.

Gleichzeitig ist im Marx`schen Kapital die Rede von „theologischen Mucken“, „Mystifikationen“ und „Fetischisierungen“. Wodurch unterscheiden diese sich in ihrem metaphysischen Gehalt von den Gespenstern Vogls und was heißt das vor allem angesichts der von ihm geforderten „Säkularisierung ökonomischen Wissens“ (S. 176)? Handelt es sich bei den Gespenstern in der Analyse Vogls um verkehrte Denk- und Wissensstrukturen, werden sie von Marx aufgedeckt als reale Widersprüche einer materiellen Wirklichkeit, die als solche wiederum die Verkehrungen im Denken hervorbringt: Die als dingliche Eigenschaft erscheinende Wertgegenständlichkeit der Waren, hinter welcher sich ein nicht erkanntes gesellschaftliches Verhältnis versteckt, wird von Marx als „gespenstige Gegenständlichkeit“ bezeichnet. So gesehen ist das eine nicht ohne das andere zu beseitigen, die Gespenster nicht auszutreiben, da selbst der Kritiker sich zu den Waren verhalten muss, als hätten sie substanziellen Wert und Marx bei all seiner entschiedenen Kritik zu den Realabstraktionen kapitalistischer Warenwirtschaft als sozialen Tatsachen sich verhalten musste.

In diesem Sinne gibt uns auch der Marxsche Begriff des "doppelt freien Lohnarbeiters" zu denken. Es ist der Zwang, der die Freiheit setzt - eine Freiheit, die wählen lässt zwischen Lohnarbeit und Tod beziehungsweise sozialstaatlichen Disziplinierungsmaßnahmen. Gesetzt und durchgesetzt wird diese Freiheit durch den Staat als „ideellem Gesamtkapitalisten“ (Engels) und des durch ihn garantierten Rechts. Der bei Marx zur Kritik stehende Begriff der „politischen Ökonomie“ bezeichnet also neben einer akademischen Fachrichtung ein soziales Verhältnis. Ein Verhältnis, welches beruht auf (struktureller) Klassenherrschaft ̶ auch wenn der Kapitalist im klassischen Sinne als Eigentümer von Kapital und Produktionsmitteln im Verschwinden begriffen ist und zunehmend abgelöst wird vom Manager als bloßem Angestellten einer Aktiengesellschaft.

Auch übersehen werden bei der Geisterkunde des Jürgen Vogl die im Kapitalverhältnis vermittelte höchst reale Gewalt und das Leid. So gibt es in den geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins einen „Engel der Geschichte“, aus dessen Außenperspektive die menschliche Geschichte als einzige Leidensgeschichte offenbar wird. Diese realisiert sich in Landraub und Sklavenausbeutung als Elemente „ursprünglicher Akkumulation“, Zwangsräumungen, Altersarmut oder anderen äußerst spürbaren Auswirkungen kapitalistischer Warenwirtschaft.

Es ist das Kapital, welches "die Welt im innersten zusammenhält". Als automatisches Subjekt schreibt es menschliche Geschichte. Die „Anarchie der Warenproduktion“ (Marx) wird so zur Anarchie der Geschichtsproduktion. Deshalb wäre die einzige Möglichkeit dem Gespenst, welches auszutreiben Vogl angetreten war, den Garaus zu machen und sich von dessen Fremdherrschaft zu emanzipieren, die organisierte Güter- wie Geschichtsproduktion seitens eines noch nicht existierenden gesellschaftlichen Gesamtsubjekts, einer Menschheit, die ihr Schicksal selbst in die Hand nähme und damit der Vorgeschichte ein Ende setzte.

Bei aller Kritik: Von diesem wilden, gut recherchierten Ritt durch 400 Jahre literaturwissenschaftlich aufbereiteter Wirtschaftstheoriegeschichte soll nicht abgeraten werden.

Zusätzlich verwendete Literatur

Benjamin, Walter (1974): Über den Begriff der Geschichte. In: Ders.: Gesammelte Schriften Band I (hrsg. von Rolf Tiedemann/ Herrmann Schweppenhäuser). Suhrkamp. Frankfurt a. M., S. 691-704.
Marx, Karl (1982): Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23. Dietz. Berlin.

Joseph Vogl 2011:
Das Gespenst des Kapitals.
diaphenes Verlag, Zürich.
ISBN: 978-3-03734-116-2.
224 Seiten. 14,95 Euro.
Zitathinweis: Stefan Schmied: Mit poststrukturalistischem Literaturwissenschaftler auf Gespensterjagd. Erschienen in: Neue Bürgerlichkeit. 36/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1285. Abgerufen am: 18. 06. 2019 05:01.

Zum Buch
Joseph Vogl 2011:
Das Gespenst des Kapitals.
diaphenes Verlag, Zürich.
ISBN: 978-3-03734-116-2.
224 Seiten. 14,95 Euro.