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Linke Kritik am Bolschewismus

Buchautor_innen
Hendrik Wallat
Buchtitel
Staat oder Revolution
Buchuntertitel
Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik
Wallat holt die linke Kritik an den Bolschewiki aus der Versenkung der Geschichte.
Rezensiert von Aaron Bruckmiller

Mit dem Titel spielt Hendrik Wallat auf Lenins vor der Oktoberrevolution verfasstes Werk „Staat und Revolution“ an, das bei manchen seiner AnhängerInnen als Beweis für dessen staatskritische Ader gilt. Dass Lenin nach der Machtergreifung niemals darauf verwies, führt ins Thema des Buchs: Die Bolschewiki wollten den Staat als Vehikel in eine Zukunft der Arbeiterklasse nutzen, das langsam überflüssig werden und sich am Ende selbst verflüchtigen sollte. Aus heutiger, emanzipatorischer Perspektive endete die Oktoberrevolution bekanntlich in einem Unfall mit Totalschaden. Wallat will die früheren RevolutionärInnen aber nicht moralisierend kritisieren, denn eine „Generallinie, die aus dem Zwang der Verhältnisse (sauber) hätte herausführen können, ist in der Tat schlechtes, unhistorisches Wunschdenken“ (S. 8). Im vorliegenden Buch steht Lenins Verständnis von Politik, Gewalt und Geschichte im Fokus der Kritik.

Laut dem obersten Bolschewik können die Massen ein „sozialdemokratisches Bewußtsein“ nicht von selbst bilden, sondern es müsse ihnen „von außen gebracht werden“ (zit. n. S. 18) – ein Gedanke, den Lenin von Kautsky übernimmt. Diese Rolle übernehmen – in der Leninschen Vorstellung – die in der Partei organisierten Berufsrevolutionäre, die die Leitung der Bewegung übernehmen müssten. Der „klassenbewußte Arbeiter“ wird hingegen zum „Soldaten der proletarischen Armee“ (zit. n. S. 22) degradiert. Das hierarchische Politikverständnis Lenins schreibt sich in dessen Verständnis vom Staat fort, den er als „ein Organ zur Unterdrückung der einen Klasse durch eine andere“ (zit. n. S. 24) fasst. In diesem Staatsverständnis liegt die Wurzel dafür, die Revolution als „Diktatur des Proletariats“ durchführen zu wollen.

Ursprünglich wurde diese Revolution von Marx als Gegensatz in der ökonomischen Sphäre zur Diktatur des Kapitals ausgerufen, die sich in der kapitalistischen Produktionsweise gerade dadurch auszeichnet, nicht demokratisch organisiert zu sein. Indem Lenin den Diktaturbegriff auf die politische Sphäre ausweitet, die in den kapitalistischen Staaten zumindest formell demokratisch organisiert ist, rechtfertigt er damit die undemokratischen und gewalttätigen Maßnahmen der bolschewistischen Partei. Neben dem hierarchischen Politikverständnis sei bei Lenin eine „hochexplosive Mischung aus einem instrumentalistischen Gewaltbegriff und der entwicklungsgesetzlichen Geschichtsphilosophie“ festzustellen. Die Partei sei der „Exekutor der Wahrheit“ der geschichtlichen Gesetze, die diese mit Gewalt durchsetzen dürfe und solle, was am Ende „nicht nur den kapitalistischen Klassenfeind, sondern alle Feinde der Partei traf“ (S. 36).

Lenins Ultrazentralismus

Rosa Luxemburg kritisierte schon 1904 Lenins ultrazentralistische Parteitheorie, in der eine Zweck-Mittel-Verkehrung stattfindet, die der Selbstaufklärung der Massen im Kampf entgegenstehet. Für Luxemburg ist die Alternative zur Verbindung von Kapitalismus und bürgerlicher Demokratie nicht Sozialismus ohne Demokratie, sondern Sozialismus mit allgemeiner Demokratie. Im selben Jahr wurden vom jungen Trotzki ähnliche Bedenken ausgedrückt. Dies jedoch nur kurz bevor er selbst zum Bolschewik werden sollte, um gleich nach der Machtergreifung auf eigene Faust die Todesstrafe wieder einzuführen. Erst nach verlorenem Machtkampf mit Stalin findet Trotzki zu einer kritischeren Haltung zurück. Ähnlich erging es Lukács, der als ethischer Kritiker des Bolschewismus seine Laufbahn begann und den Fehlschluss eines deterministischen Revolutionsverständnisses aufzeigte: Aus einer soziologischen Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und des Klassenkampfes lässt sich die Notwendigkeit der Befreiung nicht ableiten, zu der stets „das Wollen einer demokratischen Weltordnung“ (zit. n. S. 108) gehöre, schreibt er noch 1918. Später wurde Lukács zum Bolschewik, und plötzlich fiel seine Bestimmung der Moral „mit der richtigen Erkenntnis der gegebenen geschichtsphilosophischen Situation“ (S. 112) zusammen. Dies öffnet einem strikten Avantgardismus der Partei Tür und Tor, die als das organisierte, wahre Klassenbewusstsein verstanden wurde.

Augen öffnen, statt Schädel zerschmettern

Es regte sich aber auch innerbolschewistische Kritik in Form der Arbeiteropposition an der bürokratischen Versteinerung der Sowjetunion. Für Alexandra Kollontai ging es darum, „ob wir den Kommunismus mit Hilfe der Arbeiter verwirklichen werden, oder über ihre Köpfe hinweg vermittels der Sowjetbeamten“ (zit. n. S. 142). Sie hielt an der Idee der Selbstbefreiung fest, deren Weg nur durch Versuch und Irrtum zu finden sei. Die rätekommunistischen DenkerInnen traten wiederum gegen eine Führerpolitik und für eine Massenpolitik ein, in der der Kampf der organisierten Kerne um die Köpfe und Herzen der Arbeiterklasse geführt werden müsse. Im Anschluss an Pannekoek stellt Wallat daher fest, dass in der Sowjetunion „keine Vergesellschaftung des Staates, sondern eine Verstaatlichung der Gesellschaft“ (S. 158) stattgefunden habe.

Folgerichtig traten die RätekommunistInnen für eine konsequente Selbstbefreiung der Massen und für die Konstituierung einer Regierung von unten durch Räte ein. Es gehe nicht darum „die Schädel zu zerschmettern, sondern die Augen zu öffnen“ (Pannekoek, zit. n. S. 160). Andere kritisieren die schrittweise Aufgabe des Ziels der befreiten Menschheit im Sozialismus durch die Bolschewiki zugunsten eines Pragmatismus, dem jedes Mittel Recht war. Kautsky erkannte das mangelhafte Demokratieverständnis des Bolschewismus und die Behauptung, die absolute Wahrheit zu vertreten, als zwei Seiten derselben Medaille. Der Cheftheoretiker der deutschen Sozialdemokratie sah, dass es keinen vorweggenommenen Besitz der Wahrheit gibt, sondern dazu ein „Prozess des Erkennens“ (zit. n. S. 95) notwendig sei. Wie der Anspruch auf absolute Wahrheit das Kritikvermögen und damit das Mittel der Wahrheitsfindung schädige, so verunmögliche die Diktatur der Partei die Freiheit der Opposition und des Widerspruchs. Diese sind aber notwendig, da die Welt „uns immer wieder vor neue noch unbekannte Probleme [stellt], die mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu lösen sind“ (zit. n. ebd.).

Wallat betont hier, wie Kautsky „das epistemologische mit dem politischen“ (ebd.) zu einem Argument verschränkt, dass der Instrumentalisierung der Theorie in der bolschewistischen Praxis bei Lenin, Lukács und Co genau entgegengesetzt ist. Für Kautsky kann Terror nie ein Mittel der Befreiung sein: „Ein zweckwidriges Mittel wird durch den Zweck nicht geheiligt“ (zit. n. S. 96). Kautskys Kritik am Bolschewismus dient aber letztlich dazu, die reformistische Anpassung der SPD an das Bestehende zu rechtfertigen. Der linke Sozialrevolutionär Isaac Steinberg wendete seine Kritik am Bolschewismus hingegen nicht reformistisch. Er reflektierte die Revolution mit einer politisch-ethischen Orientierung, die ohne den moralischen Zeigefinger auskommt, denn er ist sich der „Tragik jeder Revolution“ (zit. n. S. 205) bewusst: In der Konfrontation mit der alten Herrschaftsgewalt kann in der Revolution nicht auf die Anwendung von Gewalt verzichtet werden. Die spontane revolutionäre Gewalt sei unmittelbar aus der Wut der jahrhundertelang Unterdrückten und Ausgebeutet entsprungen. Die Bolschewiki haben diese „praktische Kritik“, die laut Wallat „gewaltfrei kaum zu haben ist, in das Ressentiment“ (S. 208) überführt. Steinberg wendet sich gegen einen billigen Pazifismus, der am Ende seinen Zweck unterlaufen muss, weil die konsequente Gewaltlosigkeit die herrschende Gewalt letztlich anerkennt. Es fehlen dann die Mittel, um den Zweck zu verwirklichen. Der bolschewistische Zweck sprach jedoch die Mittel heilig. Daher müssten nach Steinberg Weg und Ziel miteinander vermittelt werden: „Ist unser Zweck moralisch, so ist nur dasjenige Mittel zur Erreichung dieses Zwecks moralisch, das die Verwirklichung seines inneren Wesens [...] fördert“ (zit. n. S. 210f). Wallat schließt das Buch mit der Feststellung, dass es „etwas weit schlimmeres als das Ausbleiben der Revolution“ (S. 258) gibt: Das bolschewistische „Mittel vernichtete den Zweck“ (S. 267) der Befreiung.

Lenins Schwanken

Insgesamt ist Wallat ein informatives Buch gelungen, das es aber nicht nötig gehabt hätte, einige akademische Unarten anzunehmen (auf der einen Seite der Einleitung fallen zum Beispiel die Namen von Marx, Aristoteles, Arendt und Adorno, S. 7). Außerdem unterläuft Wallats Methode sein Erkenntnisziel, da er sich auf die „Interpretation kardinaler Texte“ (S. 15) beschränkt. Die Probleme, die eine Abarbeitung an den alten Riesen und deren Werken mit sich bringt, können mit der Bemerkung, dass diese die jeweilige geschichtliche Situation auf den Begriff gebracht haben, nicht weggewischt werden. Warum standen Lukács und Trotzki vor ihrer Verwicklung in die bolschewistische Maschinerie dieser kritisch bis ablehnend gegenüber? Das kann höchstens erahnt werden, ist aber nicht Gegenstand der Analyse, selbst wenn Wallat ständig betont, dass „die Aporie der Emanzipation“ darin bestehe, „auf dem Boden der Herrschaft die Freiheit errichten zu müssen, ohne jene zu reproduzieren“ (S. 13).

An diesen Stellen wird Wallat unkonkret und flüchtet sich in philosophische Worthülsen. Das ist ein methodisches Problem; mehr materialistische Widerspruchsanalyse stünde dem Buch besser zu Gesicht. Was ist mit der praktischen Kritik der Massen an der bolschewistischen Herrschaft im Kronstädter Aufstand? Die Matrosen und einstigen Speerspitzen der Oktoberrevolution meuterten in der kronstädtischen Festung gegen die bolschewistische Diktatur unter der Parole „Alle Macht den Sowjets – Keine Macht der Partei“. Die Bolschewiki ließen die Gewehrmündungen antworten. Der Aufstand wird zwar erwähnt, aber es wird nicht untersucht, warum die Massen von der bolschewistischen Fahne desertierten. Während des revolutionären Aufstandes standen die Verdammten des zaristischen Russlands tatsächlich hinter der Partei, unter anderem weil sichLenin von heute auf morgen zum Rätefreund wandelte. Dass die Bolschewiki die „emanzipatorischen Impulse der Oktoberrevolution“ (S. 146) nicht nur verunmöglicht haben, wird damit übersehen: zum Beispiel die Räte, die erste Ministerin der Welt und der Aufbruch in Kunst und Kultur. Lenin schwankte selbst sein Leben lang in vielerlei Hinsicht: Trotz seines Auftretens steckte in ihm ein Zweifler und er bereute am Ende seines Lebens einiges.

Genauso wie Wallat die berechtigte Kritik am Bolschewismus referiert, ohne die Ambivalenzen der KritikerInnen zu verschweigen, müssten Lenin kritisiert und sein Projekt gerettet werden. Denn er rechnete sich einer Arbeitendenbewegung zu, die in der Tat oft besser war als ihre Theorie, die aber so grausam wurde, dass sie die Theorie und die Befreiung buchstäblich verrecken ließ. Da sich das Buch nur auf die theoretischen und ideologischen Auseinandersetzungen beschränkt und nicht die historischen Umstände in den Fokus nimmt, kann es nicht klären, warum sich nicht die KronstädterInnen, Luxemburgs sozialistische Demokratie, der junge Trotzki und die AnarchistInnen durchgesetzt haben. Es wird keine unproblematische Revolution geben, aber was nach der Oktoberrevolution geschah, hätte nicht passieren müssen und dürfen. Der Ausgang war allerdings ungewiss, der Stalinismus war ebenso wenig historisch notwendig, wie es der Kommunismus je gewesen ist. Wenn es wahr ist, dass die SiegerInnen die Geschichte schreiben, hat die linke Kritik am Bolschewismus doppelt verloren: gegen die Herrschaft des Kapitals und gegen ihre herrschaftsförmige Aufhebung im Staatssozialismus. Das Buch ist daher nicht nur ein fundiertes Nachschlagewerk für linke Kritik am Bolschewismus, sondern weckt ebenso Hoffnungen. Die von Wallat gerufenen Geister werden wieder umgehen können.

Hendrik Wallat 2012:
Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik.
Edition Assemblage, Münster.
ISBN: 978-3-942885-17-1.
288 Seiten. 29,80 Euro.
Zitathinweis: Aaron Bruckmiller: Linke Kritik am Bolschewismus. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1249. Abgerufen am: 16. 12. 2019 08:10.

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Hendrik Wallat 2012:
Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik.
Edition Assemblage, Münster.
ISBN: 978-3-942885-17-1.
288 Seiten. 29,80 Euro.