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Kommunismus ohne Wachstum

Buchautor_innen
Kohei Saito
Buchtitel
Marx im Anthropozän
Buchuntertitel
Ideen für die postkapitalistische Gesellschaft

Die Marx-Lektüre verabschiedet den Historischen Materialismus und findet in dessen Schriften dafür Ansätze eines Degrowth-Kommunismus.

Angesichts der eskalierenden Klimakrise überrascht es nicht, dass in den letzten Jahren ein ökologischer Marx diskutiert wird. Das ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Schließlich galt der Marxismus lange Zeit als bestenfalls uninteressiert an ökologischen Fragen, wenn nicht gar als Beispiel eines „Prometheismus“, dem zufolge die Befreiung der Arbeiter*innenklasse nur durch eine konsequente Naturbeherrschung möglich sei – vorausgesetzt diese werde bewusst und vernünftig ausgeübt. Diese Deutung werde Marx jedoch nicht gerecht, argumentiert der japanische Marx-Forscher Kohei Saito.

Rot und Grün

Saito gilt als ausgewiesener Marx-Kenner und war an der Edition der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) beteiligt. In seinen Büchern versucht er, die Gräben zwischen „rot“ (Sozialismus) und „grün“ (Umweltbewegung) zu überwinden, wobei jedes Buch ein anderes Publikum adressiert. Sein erstes Buch „Natur gegen Kapital“ (2016) analysierte Marx’ Auseinandersetzung mit ökologischen Denkern seiner Zeit. Das eher populärwissenschaftliche Buch „Systemsturz“ (2023 in deutscher Übersetzung erschienen) verkaufte sich in Japan mehr als eine halbe Million mal. Das nun übersetzte „Marx im Anthropozän“ schwankt zwischen der wissenschaftlichen Strenge des Ersten und dem politischen Interventionsanspruch des Zweiten. Saitos Argumente für eine ökologische Lesart des Marx’schen Werks sind überzeugend. Doch der doppelte Anspruch führt mitunter dazu, dass Leser*innen in der Vielzahl der theoretischen Exkurse den roten Faden verlieren können.

Stoff und Form

Denn Saito nimmt sich viel vor. Nicht nur soll Marx’ ökologische Kritik rekonstruiert werden – verbunden mit Exkursen zu Friedrich Engels oder Georg Lukács. Auch findet sich eine Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen, die die begriffliche Unterscheidung von „Natur“ und „Gesellschaft“ verwerfen, und eine Kritik des gegenwärtigen „utopischen Sozialismus“, der auf Vollautomatisierung setzt. Schließlich wendet sich Saito Marx’ letzten Lebensjahren zu und erkennt dort eine Abkehr vom Paradigma des historischen Materialismus sowie eine Vorwegnahme dessen, was Saito Degrowth-Kommunismus nennt.

Zunächst zeichnet Saito gekonnt die Marx’sche Theorie des gesellschaftlichen Stoffwechsels nach: Um ihr Leben zu reproduzieren, müssen die Menschen die Natur durch Arbeit umformen. Dieser transhistorisch notwendige stoffliche Prozess wird jedoch stets durch historisch spezifische soziale Formen vermittelt. Die „Organisation des gesellschaftlichen Stoffwechsels durch das Kapital“ mit seinem grenzenlosen Wachstumszwang sei jedoch nicht vereinbar mit den „materiellen Eigenschaften des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur“ (S. 51), was unweigerlich zu einem „Riss im Stoffwechsel“ (S. 54) führen müsse.

Wenn jedoch Autor*innen die begriffliche Trennung zwischen „Natur“ und „Gesellschaft“ verwerfen, da sie angeblich Ausdruck des „binären Denken[s] der Moderne“ sei (S. 189), verliere die Theorie vom Stoffwechselriss ihre Wirkung, so Saito: „Umweltprobleme entstehen gerade deshalb, weil die Naturgesetze objektiv und unabhängig von den gesellschaftlichen existieren“ (S. 221). Zwar kann es keine Gesellschaft ohne natürliche Grundlage geben, dennoch bleibt eine analytische Unterscheidung notwendig.

Im Feld des Ökosozialismus sind dies keine bahnbrechenden Erkenntnisse – ähnliche Argumente finden sich etwa bei John Bellamy Foster oder bei Andreas Malm. Saito trägt sie jedoch luzide vor. Ob es dafür allerdings zwingend eine ausufernde Diskussion von Lukács’ Stoffwechseltheorie braucht ist fraglich. Die ausführlichen Diskussionen in den ersten beiden Teilen des Buchs führen nämlich dazu, dass die explizit politische Intervention, die Marx als Theoretiker des Degrowth-Kommunismus interpretiert, erst nach mehr als 300 Seiten beginnt.

„Ick bün all hier!“

Dort liegt Saitos eigentlicher Beitrag. In seinem ersten Buch hat er argumentiert, dass der späte Marx zum Ökosozialisten geworden sei. Nun geht Saito einen Schritt weiter: Ganz am Ende habe Marx auch mit dem „Produktivismus“ gebrochen, der die Entwicklung der Produktivkräfte zum Motor der Geschichte erklärt. Wenn den (stofflichen) Produktivkräften bereits die kapitalistische soziale Form eingeschrieben ist, stellt sich die Frage, ob sie überhaupt den Weg in Richtung einer emanzipierten Gesellschaft weisen können. Weil damit zugleich der Vorbildcharakter der westeuropäischen Kapitalismusentwicklung infrage gestellt wird, habe Marx zudem seinen Eurozentrismus überwunden. Daraus folgt Saitos durchaus kontroverse These, Marx habe am Ende seines Lebens den historischen Materialismus verworfen.

Stattdessen habe er durch das Studium nichtwestlicher, vorkapitalistischer Gemeinschaften den Weg zum Degrowth-Kommunismus gefunden. Saito sieht dies insbesondere in den Briefentwürfen an die russische Revolutionärin Vera Sassulitsch von 1881 bestätigt. Ein solcher Degrowth-Kommunismus würde: die Produktion an Gebrauchswerten statt Profiten ausrichten; eine Verkürzung der Arbeitszeit ermöglichen; die weiterhin notwendige Arbeit so umgestalten, dass die Autonomie der Produzent*innen gestärkt wird; die Wirtschaft entschleunigen; und den Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit aufheben (S. 409–417). Wenn die durch die kapitalistische Eigentumsform hergestellte künstliche Knappheit abgeschafft werde, könne die kommunistische Gesellschaft stattdessen „genossenschaftlichen Reichtum“ im Überfluss genießen. Dieser basiere jedoch nicht auf unbegrenztem Wachstum, sondern drücke sich unter anderem in freier Zeit aus, die allumfassende und vielseitige menschliche Entwicklung möglich mache.

Darüber, wie die genossenschaftliche Produktion im Degrowth-Kommunismus konkret organisiert werden soll, sagt Saito allerdings wenig. Das ist schade, denn es wäre wichtig darüber nachzudenken, wie die Produktion und Verteilung von Arbeiten und Gütern in einer zukünftigen kommunistischen Gemeinschaft organisiert werden kann – insbesondere, wenn deren Umfang den der russischen Dorfgemeinde übersteigen soll, die Marx in den Sassulitsch-Briefentwürfen vor Augen hatte. Der Verweis darauf, dass fortan Gebrauchswerte produziert werden sollen, reicht dabei nicht aus, wie die in den letzten Jahren wieder verstärkt geführte Debatte über demokratische Wirtschaftsplanung zeigt.

Angesichts der sich verschärfenden Klimakrise klingen Saitos Vorschläge dennoch überzeugend, wenn es darum geht, nachhaltige Formen menschlichen Wohlergehens zu denken. Ob einige knappe Passagen aus – nie abgeschickten – Briefentwürfen tatsächlich ein solches Programm tragen, bleibt jedoch fraglich. Aber warum sollte das ein Problem sein? Mitunter scheint es, als fühle sich Saito verpflichtet nachzuweisen, dass Marx bereits die richtigen Antworten auf heutige Probleme vorweggenommen habe. Oder: Wie im Märchen vom Hasen und vom Igel findet sich dann immer ein Marx, der ruft: „Ick bün all hier!“ Ob Marx am Ende seines Lebens tatsächlich zum Degrowth-Kommunisten wurde oder nicht, ist wohl weniger entscheidend, als die Einsicht, dass seine Kritik der politischen Ökonomie erklärt, warum die Aufhebung des kapitalistischen Wachstumszwang heute zur Überlebensfrage geworden ist.

Kohei Saito 2025:
Marx im Anthropozän. Ideen für die postkapitalistische Gesellschaft. Übersetzt von: Thomas Atzert.
dtv, München.
ISBN: 978-3-423-35256-7.
560 Seiten. 20,00 Euro.
Zitathinweis: Marlon Lieber: Kommunismus ohne Wachstum. Erschienen in: Zivil-Militärische Zusammenarbeit. 79/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/bykTQ. Abgerufen am: 21. 04. 2026 14:40.

Zum Buch
Kohei Saito 2025:
Marx im Anthropozän. Ideen für die postkapitalistische Gesellschaft. Übersetzt von: Thomas Atzert.
dtv, München.
ISBN: 978-3-423-35256-7.
560 Seiten. 20,00 Euro.