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Geschlecht als Menschenrecht

Buchautor_innen
Anne Allex (Hg.)
Buchtitel
Stop Trans*-Pathologisierung
Buchuntertitel
Berliner Beiträge für eine internationale Kampagne
Das Berliner Bündnis Stop Trans*-Pathologisierung 2012 stellt sich und seine Arbeit vor, um Aufklärung zu leisten und neue Bündnispartner_innen zu gewinnen.
Rezensiert von Martin Brandt

Als psychisch krank muss sich zum Beispiel in Deutschland erklären lassen, wer nicht in seinem_ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht leben möchte. Die Psychiatrie spielt dabei die Rolle einer Gatekeeperin, weil ihre Diagnosen und Begutachtungen darüber entscheiden, ob Namensänderungen, hormonelle und chirurgische Maßnahmen zur Angleichung an das Wunschgeschlecht rechtlich und medizinisch bewilligt werden. Das Berliner Bündnis Stop Trans*-Pathologisierung 2012, ein Ableger der international agierenden Kampagne Stop Transpathologization 2012, wendet sich gegen diese ausgrenzende Krankschreibung. Unter Pathologisierung verstehen die Aktivist_innen „jede Deutung von Verhaltensweisen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen und zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft“ (S. 51).

Pathologisierung äußere sich nicht nur in den erniedrigenden psychologischen und körperlichen Begutachtungen, die Trans*-Menschen aufgrund der Diagnose über sich ergehen lassen müssen, sondern auch in den alltäglichen psychischen und physischen Gewalterfahrungen sowie ihrem institutionellen Ausschluss.

Der kurz vor dem jährlich stattfindenden Aktionstag zur Entpathologisierung von Trans* am 20. Oktober herausgegebene Band versammelt Texte in verschiedener Qualität und Länge. Es finden sich zwischen Songtext und sozialwissenschaftlichem Aufsatz Kundgebungsreden, Flugblätter, kurze Gesetzesanalysen und persönliche Berichte. Zu Beginn versucht ein Glossar die Bedeutungen der in den Texten auftretenden Begriffe zu erläutern, am Ende werden eine Handvoll weiterführender Bücher und Filme angegeben. Ziel des Bandes ist neben der Aufklärung über die individuelle und strukturelle Ausgrenzung von Trans*-Menschen die Vernetzung mit anderen Gruppen über die Berliner Szene hinaus.

Im eröffnenden Artikel arbeitet Diana Demiel „die bewusste Verwechslung der Effekte der Transphobie mit denen der Transsexualität“ heraus, die dazu führt, dass durch die psychiatrische Diagnose „das 'Problem' des Trans*-Seins in die Person gelegt“ wird, anstatt die Normalität der auf Zweigeschlechtlichkeit beruhenden Gesellschaft in Frage zu stellen (S. 16f). Die Autor_in zeichnet im weiteren Verlauf die bisherigen Aktivitäten des Berliner Bündnisses nach, stellt den Forderungskatalog der Kampagne vor und erläutert in einem weiteren Artikel die Kritikwürdigkeit der Gesundheitskataloge der Weltgesundheitsorganisation und der Amerikanischen Psychiatervereinigung.

Corinna Schmechel beschreibt in einem der folgenden Beiträge die Institution Psychiatrie als „Disziplinierungs- und Sanktionierungsinstanz“ (S. 30), die ihren Ursprung in der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise hat und deren Heilungsauftrag erst nachträglich hinzugefügt wurde. Die Autor_in zeigt darüber hinaus, dass die Vorannahme der Zweigeschlechtlichkeit – wie sie unter anderem von Trans*-Menschen unterlaufen wird – das psychiatrische Wissen einerseits vorstrukturiert und dass die Psychiatrie, andererseits, Zweigeschlechtlichkeit erneut herstellt, wenn sie die ehemals als „krank“ ausgegrenzten Trans*-Menschen durch die angleichenden Maßnahmen als „geheilte“ Frauen oder Männer unsichtbar macht.

Die Herausgeber_in Anne Allex nimmt die institutionelle Ausgrenzung von Trans*-Menschen in Jobcentern in den Blick, die häufig auf Grund ihrer Trans*-Diagnose als nicht erwerbsfähig „ausgesteuert“ werden, und leistet eine über Trans*-Belange hinausgehende Kritik an der Praxis der psychologischen Gutachten, die unter anderem auf eine eklatante Tendenz hin zur Psychologisierung sozialer Ungleichheit innerhalb der Jobcenter verweist. Der Artikel zeigt zudem die Notwendigkeit einer radikaleren Psychiatriekritik, für die die Abschaffung der Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ nur den Anfang einer weiterreichenden Emanzipationsbewegung darstellt, die in naher Vergangenheit bei der Diagnose Homosexualität bereits erfolgreich war und aktuell in Sachen Intergeschlechtlichkeit zur Disposition steht.

Der Sammelband, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und einige Layout- und Rechtschreibmängel aufweist, widersteht auf jeder Seite dem medizinisch-rechtlichen Blick auf Trans* und empfiehlt sich als Einführung in eine noch kleine soziale Bewegung zur Emanzipation von Trans*-Menschen.

Anne Allex (Hg.) 2012:
Stop Trans*-Pathologisierung. Berliner Beiträge für eine internationale Kampagne.
AG SPAK Bücher, Neu-Ulm.
ISBN: 978-3-940865-36-6.
106 Seiten. 9,50 Euro.
Zitathinweis: Martin Brandt: Geschlecht als Menschenrecht. Erschienen in: Gedenkpolitik: Zwischen Mythos und Kritik. 26/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1106. Abgerufen am: 21. 01. 2020 05:56.

Zum Buch
Anne Allex (Hg.) 2012:
Stop Trans*-Pathologisierung. Berliner Beiträge für eine internationale Kampagne.
AG SPAK Bücher, Neu-Ulm.
ISBN: 978-3-940865-36-6.
106 Seiten. 9,50 Euro.