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Gefühle, die sich in den Körper einschreiben

Buchautor_innen
Annie Ernaux
Buchtitel
Die Scham
Ein autobiografischer Roman ergründet die Ursprünge einer tiefen, niemals loslassenden Scham, die Ausdruck von Klassenzugehörigkeit ist.

Schlägt man im Duden den Begriff „Scham“ nach, so wird dieser beschrieben als eine quälende Empfindung, die – besonders in moralischer Hinsicht – ausgelöst wird durch das Bewusstsein, versagt zu haben; durch ein Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben. Annie Ernaux seziert dieses Gefühl der eigenen Unwürdigkeit an sich selbst und beschreibt es als so tiefgreifend, als sei ihr die Scham regelrecht in den Körper eingeschrieben.

Scham als „Seinsweise“

Den Kern dieser Scham wird von der Ich-Erzählerin an einem schrecklichen Ereignis festgemacht: an einem Sonntag im Juni 1952, kurz vor Annies zwölftem Geburtstag, als ihr Vater versuchte, ihre Mutter umzubringen. Dieses Erlebnis veränderte ihr Leben für immer und wurde nie wieder besprochen, bis die Autorin es 44 Jahre später niederschrieb. Sie sieht darin einen Wendepunkt, der nicht nur durch das offensichtlich verstörende Erleben der Gewalt markiert wird, sondern in ihrem Verständnis als Sinnbild der Unwürdigkeit und Zugehörigkeitsmerkmal zu einer bestimmten Welt fungiert. Er bildet den Ursprung der Scham, die sie nie wieder losließ: „Die Scham wurde für mich zu einer Seinsweise. Fast bemerkte ich sie gar nicht mehr, sie war Teil meines Körpers geworden.“ (S. 110).

Ausgehend von diesem Sonntag entrollt Ernaux ihr Leben in zwei Welten: Sie entwirft eine „Topografie von Y.“ (S. 35), jener Kleinstadt zwischen Rouen und Le Havre, in deren Arbeiter:innensiedlung sie aufwuchs, deren Konventionen sie genauestens kennt und deren Sprache sie spricht. Sie beschreibt die soziale Hierarchie und den Alltag mit ihren Eltern, die eine Kneipe mit angrenzendem Gemischtwarenladen betreiben. Die Familie bewohnt eine kleine Wohnung, die unmittelbar mit Kneipe und Laden verbunden ist. Diese sind an jedem Tag des Jahres geöffnet und bilden den Mittelpunkt des Familienlebens. Mit beeindruckender Genauigkeit schildert Ernaux die Gesten, die Regeln des Zusammenlebens, kollektive Bräuche und vorgezeichnete Biografien ihres Umfeldes: „Mit zwölf Jahren lebte ich in den Konventionen und Regeln dieser Welt und konnte mir nichts anderes vorstellen“ (S. 49). Über die Sprache und Ausdrucksweise stellt sie fest, dass es kaum Worte für Gefühle gab; wenn, dann kamen sie in Chansons, Büchern oder Fortsetzungsromanen aus Zeitschriften vor. Die Sprache ihrer Welt bestand aus „Gebrauchswörter(n)“ (S. 56), die verbunden waren mit Gegenständen, Materie und Menschen und die keinen Raum für Transzendenz oder Träume zuließen:

„Mir scheint, dass ich immer danach strebe, in der sachlichen Sprache von damals zu schreiben (…). Ich werde niemals den Zauber von Metaphern erleben, den Glanz des Stils“ (S. 57).

Marker einer Klassenherkunft

Neben der Sprache und den Ausdrucksweisen sind auch das Wohnviertel und das Verhalten Marker für eine Klassenherkunft, die mit Scham assoziiert ist und die sich kaum verbergen lässt; die Scham ist wortwörtlich Teil des Körpers. Das wird beispielsweise deutlich, wenn Annie Ernaux über mehr als eine Seite des Romans ein Foto beschreibt, welches sie als Kind mit ihrem Vater zeigt. Sie schließt mit der Feststellung, sie habe das Bild wohl aufbewahrt, weil es sie als etwas zeige, was sie nicht waren: feine Leute. Eine besondere Rolle kommt hier ihren Zähnen zu: „Auf keinem der beiden Fotos sind meine Lippen beim Lächeln geöffnet, wegen meiner schlechten, schiefen Zähne“ (S.18) – die Zähne werden hier ein Klassenmarker, ein schambesetzter Makel, der versteckt werden muss.
Die Scham wird zu Annie Ernaux ständiger Begleiterin, sie lässt sie nicht mehr los und erlangt immer schmerzhaftere Ausmaße, je mehr das Mädchen erkennt, dass sie einer anderen Welt angehört als die meisten ihrer Mitschülerinnen auf der katholischen Privatschule, die sie besucht. Die Welt der „Erstklassigkeit“ (S. 71) der Privatschule bedeutet ihr als Kind alles und eröffnet ihr die Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs. Zunächst erscheint es ihr so, als gäbe es dort keine Armen und Reichen, „nur eine große katholische Familie“ (ebd.), in der sie als Klassenbeste überzeugen kann. Doch die Widersprüche und Gegensätze ihrer beiden Lebenswelten prallen mit Wucht aufeinander, als sie eines Nachts von ihrer Lehrerin und einigen Mitschülerinnen nachhause begleitet wird. Ihre Mutter öffnet mit urinverschmutztem Nachthemd und zerzaustem Haar die Tür – die jugendliche Annie möchte vor Scham am liebsten im Erdboden versinken. Sie beschreibt die Szene als Fortsetzung des Mordversuchs ihres Vaters an ihrer Mutter: als Beweis ihrer Unwürdigkeit und Nichtzugehörigkeit, der ihre „wahre Natur und Lebensweise“ (S. 92) bloßlegt und sie damit „in das Lager derjenigen einordnete, deren Gewalttätigkeit, Alkoholismus und geistige Verwirrung den Stoff für Erzählungen lieferten“ (S. 90f.). Für das Mädchen gab es fortan kein Entrinnen mehr vor der Scham, deren schlimmstes Attribut es ist, dass sie einen glauben macht, man wäre die Einzige, die so empfindet, so Annie Ernaux. Von nun an begegnen ihr immer mehr Aussagen und Hinweise, die ihren Platz in der Gesellschaft und ihre Zugehörigkeit zu einer Klasse markieren; sie empfindet ihr ganzes Leben als schambesetzt und die Scham wird zur Konsequenz ihrer Art zu Leben. Eine Vielzahl von Erlebnissen und Erfahrungen lassen sich nun dahingehend einordnen, da das Bewusstsein der Autorin fortan entsprechend geschärft ist.

Gefühle als Motor

Bleibt die Frage, ob diese tief verwurzelte Scham auch ein Motor sein kann? Annie Ernaux schreibt:

„Nichts kann ungeschehen machen, dass ich diese Schwere, diese Erfahrung der Nichtung empfunden habe. Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 52 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt“ (S. 105).

Immer wieder verknüpft sie ihr zwölfjähriges Ich mit der erwachsenen Frau und Schriftstellerin, die sie mittlerweile ist. Sie denkt darüber nach, welche Konsequenzen das Erlebnis von 1952 bis heute auf sie hat, sie versucht es zu verstehen und einzuordnen und in einen Bezug zu ihrem Leben und Handeln zu bringen. Hier fällt auch ihr berühmter Satz, dass sie im Grunde eine Ethnologin ihrer selbst sei. Durch das Niederschreiben des Erlebnisses möchte sie eben diese unfassbare Erfahrung in Bewegung versetzen, untersuchen, es soll nicht länger etwas „Heiliges“, eine „Ikone“ (S. 24) sein. Die Autorin enthüllt an dieser Stelle ihre Annahme, die Szene im Juni damals sei es, die sie zum Schreiben bringe und der zufolge all ihre Bücher auf diesem Moment beruhten. Damit wäre dieses Erlebnis und die darin begründete Scham als zentraler Ausgangspunkt für ihre Werke, ihre klugen Gedanken und akribischen politischen Analysen zu sehen, die sie durch ihr Schreiben ihren Lesenden zugänglich macht. Vermutlich müsste man Annie Ernaux fragen, ob sie dieser These zustimmen kann – ein augenöffnendes Gedankenspiel ist es allemal, das quälende Gefühl der eigenen Unwürdigkeit mit einem solchen Potenzial zu versehen.

Annie Ernaux 2021:
Die Scham. 4. Auflage.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-47180-7.
110 Seiten. 11,00 Euro.
Zitathinweis: Lena Hezel: Gefühle, die sich in den Körper einschreiben. Erschienen in: Politische Gefühle. 71/ 2024. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1873. Abgerufen am: 21. 05. 2024 15:44.

Zur Rezension
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Annie Ernaux 2021:
Die Scham. 4. Auflage.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-47180-7.
110 Seiten. 11,00 Euro.