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Freiheit vom Gebärzwang

Buchautor_innen
Shulamith Firestone
Buchtitel
Frauenbefreiung und sexuelle Revolution
Für Shulamith Firestone sind Geschlecht und Reproduktion die Grundlage aller Gesellschaft. Mithilfe des Materialismus hat sie ausgerechnet den Marxismus infrage gestellt.
Rezensiert von Toni Lenz

Sie wollte die Familie und die Kindheit abschaffen, forderte das Ende von Arbeit und Reproduktionszwang und einen Bruch mit der Kultur. Shulamith Firestone (1945-2012) wurde wie viele der Radikalen Feministinnen als gefährlich und verrückt gebrandmarkt. Tatsächlich ist das „Verrückte“ an ihrem Buch die furchtlose Radikalität ihrer Analyse und Forderungen. Ihre Kompromisslosigkeit macht sie streitbar – über fast jede Seite des Buchs könnte man stundenlange Diskussionen führen. Genau deshalb ist dieses Buch noch heute so lesenswert, auch wenn einigen Thesen scharf zu widersprechen ist.

„Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“ ist eine feministische Theorie und Kritik der Gesellschaft auf allen Ebenen. Firestone nutzt und kritisiert den dialektischen Materialismus, die Psychoanalyse und Elemente der Kulturkritik. Daher ist das Buch durchaus voraussetzungsreich, wenn auch klar geschrieben. Firestones Ziel ist es, die Marxsche Methode, den dialektischen Materialismus, auf die Geschlechterverhältnisse anzuwenden (analog zu den Produktionsverhältnissen). Die biologischen Geschlechter und die Bedingungen von Reproduktion bereiten die psychosexuelle Basis jeder Gesellschaft. Weil Frauen Schwangerschaft, Geburt und Kinderbetreuung übernehmen müssen, seien sie ökonomisch abhängig von Männern. (In der Gebärfähigkeit sieht Firestone den Unterschied zwischen Frauen und Männern. Zusätzlich ist Geschlecht jedoch sozial beziehungsweise kulturell bestimmt.)

Diese erste reproduktive „Arbeitsteilung“ führt laut Firestone zu einer geschlechtlichen Klassengesellschaft. Die „biologische Familie“, im modernen Patriarchat die Kernfamilie, bildet dabei die grundlegende Organisationseinheit. In den 1970er Jahren war das eine knallharte Kampfansage an die marxistische Student_innenbewegung, die Geschlecht immer noch als Nebenwiderspruch verstehen wollten: Firestone macht die Geschlechter zu den grundlegenden Klassen und die Befreiung von Reproduktion und sexuelle Freiheit zum Ziel jeder Revolution.

Die Reproduktionsverhältnisse und die Familie sind laut Firestone die Ursachen dafür, dass Männer Macht haben und Frauen ins Private gedrängt werden. Sie bedingen somit tiefgehende psychosexuelle Störungen in der ganzen Gesellschaft: Hier bringt Firestone die Psychoanalyse ins Spiel, wenn sie auch deren Grundannahmen als androzentrisch und sexistisch zurückweist. Das Inzestverbot, notwendig für die biologische Familie, führe dazu, dass Kinder ihre ersten erotischen Begehren verdrängen müssen. Damit gehe einher, dass sexuelle von den anderen Emotionen getrennt werden. Übrig bleibe ausschließlich die „genitale Sexualität“ (S. 139), für Firestone eine verkümmerte Form von Sexualität, Erotik und Zärtlichkeit. Die kulturelle Sexualisierung aller Lebensbereiche, etwa sexualisierte Werbung, ist nur die andere Seite dieser Medaille. Zudem werden Kinder in der Familie zweigeschlechtlich sozialisiert, also zu „Männern“ und „Frauen“ erzogen.

Davon ausgehend analysiert Firestone die gesamte westliche Kultur als gespalten in „männliches“ und „weibliches“ Prinzip: Auf der einen Seite stehen (instrumentelle) Rationalität, Macht, Wissenschaft und Technik, auf der anderen Emotionalität, Erotik, Ästhetik und sinnliche Erfahrung. Diese Spaltung, sowohl in der Kultur als auch in der Psyche der Einzelnen, sei der Grund für Entfremdung und fortdauernde Unterdrückung – und müsste in der Revolution aufgehoben werden.

Ein wichtiges Mittel zur fortdauernden Beherrschung der Frauen liegt laut Firestone in der romantischen Liebe – gerade in einer historischen Phase, in der Frauen sich befreien könnten, weil etwa Verhütungsmittel allgemein verfügbar sind. Genau wie Firestone die Romantisierung von Schwangerschaft und Geburt als Bestandteil einer „reaktionären, Rousseauschen Zurück-zur-Natur-Ideologie der Hippies“ (S. 186) abfertigt, gilt ihr die romantische Liebe als Verschleierung der patriarchalen Machtverhältnisse. Aus Liebe beuten sich Frauen für Männer aus, die dann schöpferisch tätig werden können. Echte Liebe muss auf gegenseitiger Verletzlichkeit beruhen. In krassen Machtverhältnissen werden jedoch allein die Schwächeren verletzlich; Liebe wirkt zerstörerisch.

Nieder mit der Familie

Aus Firestones Sicht muss eine erfolgreiche Revolution vier Ziele erfüllen: Die Frauen müssen von der „Tyrannei der Fortpflanzung“ befreit werden (S. 191), Kinder und Frauen müssen ökonomisch und politisch unabhängig werden, voll in die Gesellschaft integriert werden, und sexuelle Freiheit muss verwirklicht werden. Der wichtigste Schritt für die feministische Revolution ist die Abschaffung der Familie. Erwachsene sollen ihre Partner_innen, Kinder ihre Bezugspersonen frei wählen können. Kinder müssen alle Rechte haben, auch sexuelle. Die Befreiung der Kinder bedarf allerdings einer Abschaffung der Kindheit selbst, denn „Kindheit – das ist die Hölle“ (S. 98).

Die meisten dieser Forderungen bedeuten einen erheblichen Eingriff in Privatleben und Psyche der Menschen – etwas, was den Radikalen Feminismus insgesamt auszeichnet. Firestone kennt das totalitäre Potential von Revolutionen, sieht aber das Versagen bisheriger Versuche eher dahin, dass Familie und „männliches“ Prinzip eben nicht vollständig aufgelöst wurden: „Das Gleichgewicht sexueller Polarisierung zu zerstören, ohne es vollkommen abzuschaffen, war schlimmer als überhaupt nichts zu tun.“ (S. 197) So würde sie wohl auch den sexuellen Missbrauch von Kindern erklären, der unter anderem mit dem Label der Freiheit kindlicher Sexualität und der Ablehnung des Inzest-Tabus gerechtfertigt werden sollte. Wie Kinder unter den von Firestone geforderten Umständen geschützt werden könnten, ob und wie Kinder tatsächlich konsensuell zu Sex zustimmen könnten, lässt sie völlig offen. Zudem: Selbst wenn die Kindheit und folglich die Unmündigkeit „nur“ gesellschaftliche Konstruktionen sein sollten, so sind sie doch zur gesellschaftlichen Realität geworden. Firestones Bild vom Kind als mündigen, selbstreflexiven kleinen Menschen als gegeben anzunehmen oder zumindest zu heucheln, hat zu physischem, psychischem, und sexuellem Missbrauch von Kindern geführt – zu ihrer Verletzung und nicht ihrer Freiheit.

Die frustrierte weiße Mittelschichts-Ehefrau

Firestones Text hat trotz einer bemerkenswerten Analyse blinde Flecken. Sie wusste um die wechselseitige Bedingung von Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus, und doch bleibt ihrer Analyse in der weißen Mittelschicht gefangen. Das Problem ist nicht, dass sie aus dieser Perspektive schreibt, sondern dass ihre Analyse von „Rassismus und Sexualunterdrückung“ ethnozentrisch ist. Sie setzt die weiße Familie als (wenn auch falsche) Normfamilie. So sitzt Firestones „klassische“ amerikanische Frau frustriert zuhause, weil sie zwar gebildet ist, aber ins Private gedrängt bleibt. Historisch trifft dieses Bild auf (schwarze) Arbeiterinnen nicht zu. Nur untergeordnet untersucht Firestone schwarze und schwarz-weiße Geschlechterbeziehungen. Schwarze Frauen und Männer macht sie unter Ausweitung ihrer Psychoanalyse zu den gesellschaftlichen „Kindern“ weißer Eltern – und nur unter dieser Linse sieht sie die rassistische Unterdrückung und die schwarzen Befreiungskämpfe. In diesem Zugriff erscheint das Patriarchat also letztlich als weiß.

Damit begeht Firestone den gleichen Fehler, den sie der männlichen Kultur zuschreibt, die das Weibliche immer nur als Abweichung vom Männlichen erkennt. Hinzu kommen abstruse Thesen: So seien weiße Frauen keine echten Rassistinnen (S. 104). Firestone sieht sie in einer Opferrolle und verkennt, dass Frauen gerade als Rassistinnen ernst zu nehmende Täterinnen sind. Und sie zeigt sich ignorant gegenüber den Betroffenen, welche die Echtheit des Rassismus weißer Frauen sehr genau kennen.

Verkürzt, altmodisch, biologistisch, utopisch?

Viele von Firestones Thesen sind historisch nicht ganz korrekt oder nicht ausreichend belegt. Das biologische Geschlecht zum Ausgangspunkt der Geschichte zu machen, hat sie dem Vorwurf ausgesetzt, ahistorisch zu arbeiten. Tatsächlich sind die derzeitigen (westlichen) Geschlechterverhältnisse nicht auf eine personalisierte Herrschaft von Männern über Frauen zu reduzieren. Frauen gestalten Gesellschaft, und Frauen reproduzieren Herrschaftsverhältnisse. Allerdings beschreibt „Frauenbefreiung“ die Familien der 1940er bis 1960er Jahre, die auf strikten Geschlechterrollen basierten – wie Firestones eigene Familie.

Firestone ist vielen Irrwegen und regressiven Tendenzen nicht gefolgt, im Gegensatz zu Feminist_innen vor und nach ihr. Etwa will sie ihre Kritik der Schönheitsideale nicht mit „dem Sturm auf die Schönheit überhaupt verwechselt“ (S. 146) sehen. Und: „Wenn wir die Abschaffung der Erotik fordern, meinen wir damit nicht die Vernichtung der sexuellen Lust und Erregung, sondern deren Ausweitung auf alle Lebensbereiche“ (ebd.). Brüste auf Werbeplakaten sind ihr nicht zu viel Erotik, sondern eine verengte Form derselben. Niemals verklärt sie Matriarchate, sie will nicht „zurück zur Natur“. Sie sieht keinen selbstverständlichen Fortschritt darin, Reproduktion der Lohnarbeit gleichzustellen, im Gegenteil: Sie wollte, dass „erzwungene Tätigkeit und vor allem die entfremdete ,Lohn‘-Arbeit“ (S. 192) durch Automatisierung und radikale Veränderung der Produktion abgeschafft wird. Dies ist für sie die Voraussetzung für die ökonomische und politische Unabhängigkeit von Kindern und Frauen – somit verwirft sie den Marxismus nicht, sondern weist ihm einen anderen Platz zu: Das Patriarchat sei grundlegender als der Kapitalismus. Diese Kritik wurde nicht angenommen, aber auch kaum wissenschaftlich überprüft.

Aus heutiger Sicht ist Firestones Festhalten an biologischen Geschlechtern problematisch. Ihr materialistischer Ansatz sollte daher kritisiert, aber nicht mit biologistischen Erklärungen verwechselt werden: Sie wollte nichts weniger als „Frauen von ihrer Biologie zu befreien“ (S. 191). Ihr utopischer Entwurf wirkt dabei zum Teil schauderhaft: Um die Schwangerschaft abzuschaffen, will sie die kybernetische Technik nutzen und Kinder in Brutkästen statt in Frauenkörpern heranwachsen lassen. Dass diese utopische Forderung Illusion geblieben ist, wird niemand ernsthaft bedauern. Trotzdem hat Firestone nachdrücklich dafür gestritten, dass Schwangerschaft und Geburt nicht als privates Problem von Frauen abgetan werden sollten und auf materieller Ebene angegangen werden müssen.

Shulamith Firestone hatte sich bereits zur Zeit der Publikation von „Dialectics of Sex“ weitgehend aus der politischen Aktivität zurückgezogen, auch wegen Zerwürfnissen mit der feministischen Bewegung. Es folgten Zerwürfnisse mit ihrer Familie, schwere psychische Probleme, Psychiatrisierung und Armut. Das ist keine Seltenheit unter den Radikalen Feministinnen. Firestones Forderungen waren furchtlos, wohl auch weil sie die Umstände nicht ertragen wollte.

Shulamith Firestone 1975:
Frauenbefreiung und sexuelle Revolution.
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M..
ISBN: 9783436019358.
224 Seiten.
Zitathinweis: Toni Lenz: Freiheit vom Gebärzwang. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1239. Abgerufen am: 20. 08. 2019 20:37.

Zum Buch
Shulamith Firestone 1975:
Frauenbefreiung und sexuelle Revolution.
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M..
ISBN: 9783436019358.
224 Seiten.