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Die Schublade der ökonomischen Macht aufräumen

Buchautor_innen
Søren Mau
Buchtitel
Stummer Zwang
Buchuntertitel
Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus
Eine kritische Untersuchung macht marxistisches Basisvokabular praxistauglich.
Rezensiert von Christoph Zeevaert

Die Debatte um ökonomische Macht im Kapitalismus ist eine, die die marxistische Linke seit jeher mal unterschwellig, mal offensichtlich begleitet. Die „Kapital“-Exegese, die mal für dogmatische Wertkritik, mal für einen ausbeutungsfixierten Klassenreduktionismus herhalten muss, scheint dabei auf den ersten Blick eine inhaltliche Grundlage für alle Art marxistischer Glaubensrichtungen herzugeben. Søren Mau unternimmt mit seinem Werk den Versuch, dieses Feld zu sortieren.

Marx auf Marx anwenden

Søren Maus frisch publiziertes Werk „Stummer Zwang – Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus“ ist entgegen des Anscheins keine marxologische Abhandlung, sondern eine scharfsinnige materialistische Herleitung, die es sich in die Praxis zu übersetzen lohnt. Die ausführliche Schrift von Mau deckt beinahe sämtliche Bereiche notwendiger theoretischer Rekonstruktion ab. Zunächst beschäftigt der Autor sich mit einer ausführlichen Einführung in marxistische Basis-Begriffe wie Macht, Herrschaft und Gewalt, die er kritisch überprüft. Grade seine Abhandlungen über marxistische Staats- und Ideologietheorien sind zwar knapp, aber äußerst aufschlussreich zur Rahmung der Diskussion um Macht im Kapitalismus. So führt Mau vor allem anhand sogenannter westlicher Marxist*innen aus, wie ideologische Verhältnisse eine eigene Macht entfalten, die über ihre ökonomische Quelle hinauswachsen kann und eine eigene Dynamik abseits der rein ökonomischen Ebene entwickeln.

Eine große Stärke des Buches ist der scharfe Umgang mit Marx’schen Begriffen. So wendet Mau thesenhaft die Fetischkritik auf den Begriff des automatischen Subjektes an. Das Kapital als angeblich eigenständiges gesellschaftliches Subjekt dekonstruiert Mau als ein soziales Verhältnis, dass, in den gesellschaftlichen Denkbewegungen seiner historischen und politischen Dimension beraubt, als etwas Natürliches erscheint. Das Kapital ist die Summe der Kapitalist*innen, die wiederum gesellschaftlich handelnde Subjekte sind und nebenbei ein unmittelbares Klasseninteresse daran haben, die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht nur fortzusetzen, sondern bei jeder Gelegenheit zu verschärfen. Gleichzeitig stellt Mau heraus, dass diese Handlungsweise vom systematischen Rahmen des Kapitalismus nicht nur belohnt und nahgelegt, sondern sogar vorausgesetzt wird. Im Spannungsverhältnis dieser Erkenntnisse versucht Mau aufzuzeigen, dass eine marxistische Argumentation weder bei einer subjektlosen Kritik abstrakter Verhältnisse stehen bleiben kann, noch der Weg über eine moralische Kritik der Ausbeutungsverhältnisse den Weg aus der kapitalistischen Totalität weist. Für einen praktischen Ausblick untersucht Mau vor allem Kämpfe im Bereich der Logistik, denen er großes Potenzial zuweist.

Rundumschlag statt Skizze

Das Werk von Søren Mau bietet einen tiefen und inhaltlich scharfen Einblick in die Frage nach der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Sowohl die Rekonstruktion der Marx’schen Überlegungen zum Thema, die marxistischen Debatten, die sich daran anschlossen als auch die praktischen Implikationen finden in diesem Werk eine umfassende Betrachtung. So analysiert er an verschiedenen Stellen Versuche linker Feindbestimmung, die einen Begriff davon entwickeln, wo Macht im bürgerlichen Kapitalismus entsteht. Ein Beispiel dafür ist für ihn die Mobilisierung des ...umsGanze!-Bündnisses am Rande der G20-Gipfel-Proteste im Hamburg, das unter dem Motto „Shut down the logistics of capital“ zu Blockadeaktionen am just-in-time-produzierenden Hafen aufgerufen hatte. Mau wendet seine Analysekategorien dabei niemals holzschnittartig an, sondern entwickelt die Begriffe sauber, bevor er sie als operative Werkzeuge verwendet. Auf den ersten Blick wirken einzelne Kapitel redundant, im Verlauf der Lektüre stellt sich dieser Eindruck aber ausnahmslos als falsch dar.

Wie Michael Heinrich im Vorwort des Buches ausführt, ist das Werk eine Art Pionierprojekt. Zwar ist die Debatte um ökonomische Macht im Kapitalismus, wie eingangs beschrieben, schon immer eine Wegbegleiterin marxistischer Theorie und Praxis, eine konzentrierte Auseinandersetzung mit der Analysekategorie des „Stummen Zwangs“ stand aber bisher noch aus. Dieses Lehrstück materialistischer Analyse wird dadurch sehr umfangreich, was Stärke und Schwäche zugleich ist. Als Einführungswerk in die Debatte eignet es sich durch seine Form nicht wirklich, doch die geduldige Lektüre lohnt sich allemal. Das Verständnis von kapitalistischer Subjektivierung – auf der proletarischen wie auf der bourgeoisen Seite der Klassenverhältnisse – ist essentielle Vorbedingung einer marxistischen Praxis, die ihren Namen verdient.

Søren Mau 2021:
Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Übersetzt von: Christian Frings.
Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-320-02384-3.
360 Seiten. 29,90 Euro.
Zitathinweis: Christoph Zeevaert: Die Schublade der ökonomischen Macht aufräumen. Erschienen in: Klima Katastrophe Kapitalismus. 62/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1733. Abgerufen am: 17. 01. 2022 05:15.

Zum Buch
Søren Mau 2021:
Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Übersetzt von: Christian Frings.
Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-320-02384-3.
360 Seiten. 29,90 Euro.