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Care als Ware – ein Widerspruch?

Buchautor_innen
Silke Chorus
Buchtitel
Care-Ökonomie im Postfordismus
Buchuntertitel
Perspektiven einer integralen Ökonomie-Theorie
Silke Chorus untersucht das „Zur-Ware-Werden“ von Sorgearbeit und geht dem Widerspruch zwischen sozialer Reproduktion und kapitalistischer Produktionsweise nach.
Rezensiert von Anna Köster-Eiserfunke

Ausgehend von der Diagnose, dass bisher über die Transformation von Care im Postfordismus wenig Systematisches gesagt wurde, möchte Silke Chorus in ihrem Buch „Care-Ökonomie im Postfordismus“ eine „Skizze von Ansatzpunkten für eine ökonomische, kritische und feministische Perspektive [leisten], in der Geschlechterverhältnisse und Care-Arbeiten von Anfang an, d.h. integral einbezogen werden“ (S. 21, Herv. i. O.). Hierfür nutzt sie eine „Methode der spiralförmigen Erkenntnisgewinnung“ (S. 22). Sie möchte also vom Abstrakten zum Konkreten vordringen und stellt daher zunächst einen theoretischen Rahmen bereit, wendet sich anschließend der Entwicklung warenförmiger Care-Dienstleistungen zu und reflektiert abschließend (Krisen-)Tendenzen dieser Entwicklung.

Zunächst erarbeitet sie inhaltliche Dimensionen von Care-Arbeit, wie sie in der feministischen Ökonomik diskutiert werden. Care orientiert sich demnach an den Bedürfnissen anderer Personen, findet in persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen statt, ist zeitintensiv und kann nur bedingt rationalisiert werden. Welche (ökonomischen) Auswirkungen hat es nun, wenn diese Tätigkeiten in zunehmendem Maße zur Ware und über den Markt organisiert werden? Um diese Frage anzugehen, wendet sich Chorus der Regulationstheorie zu. Zentral für sie ist, dass in konkreten kapitalistischen Gesellschaftsformationen und Akkumulationsregimen unterschiedliche Produktionsweisen und gesellschaftliche Verhältnisse, so auch Geschlechterverhältnisse, miteinander artikuliert sind und zusammen ein soziales Ganzes bilden. Denn „produktive Arbeit“ allein kann „noch keine gesellschaftliche Reproduktion im umfassenden Sinne gewährleisten“ (S. 74). Unter „produktiver Arbeit“ versteht Chorus im Anschluss an Karl Marx Arbeit, die Mehrwert schafft und dem Kapitalverhältnis subsumiert, also unterstellt ist. Sie möchte damit keine unterschiedliche Wertigkeit von Arbeiten postuliert, sondern diese analytisch differenzieren.

Dieses Perspektive stärkt sie unter Bezug auf die Feminist Global Political Economy, indem sie das Konzept der „sozialen Reproduktion“ nutzt. Hiermit fasst Chorus alles „was zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ‚notwendig‘ ist, damit eine Gesellschaft in ihrer jeweils spezifischen Form existiert, d.h. sich reproduziert und/oder verändert“ (S. 83). Somit kommt sie zu ihrer zentralen These:

„Produktionsweise und soziale Reproduktion sind dann also widersprüchlich aufeinander bezogene Bestandteile eines integrierten, durch eine Vielzahl gesellschaftlicher Verhältnisse strukturierten, sozio-ökonomischen Gesamtprozesses […], die sich in ihren jeweils dominierenden Funktionslogiken und Handlungsorientierungen widersprechen und brauchen. [...] Handlungsräume, die nach einer nicht-kapitalistischen Logik funktionieren, sind also eine Voraussetzung für die menschliche Existenz, die Existenz eines gesellschaftlichen Zusammenhangs und die Produktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft“ (S. 86, Herv. i. O.).

Care im „Postfordismus-Labor“ von New York City

Der Kommodifizierung, also dem „Zur-Ware-werden“ von Sorgearbeit, geht Chorus am Beispiel von drei unterschiedlichen warenförmigen Care-Dienstleistungen in New York nach. Diese unterschiedlichen Formen von Care sind eingebettet in ein Workfare-Regime, in welchem alle Personen, unabhängig vom Geschlecht, dazu gedrängt werden, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Die Betreuung von Kindern im eigenen Haushalt wird in New York daher oft durch sogenannte Domestic Workers („Hausarbeiterinnen“) realisiert. Diese Arbeit wird privat bezahlt und geht notwendig mit einer großen Lohnspreizung zwischen den Care-Arbeiter_innen und ihren Arbeitgeber_innen einher. Obwohl sie gegen Lohn ausgeführt wird, ist sie nicht Bestandteil der „produktiven Arbeit“, weil durch sie kein Mehrwert erzeugt wird. Sie kann vielmehr eingekauft werden, weil im Lohn der Arbeitgeber_innen-Haushalte nach Chorus gewissermaßen ein Domestic-Worker-Lohnanteil enthalten ist. Die Arbeit ist schlecht entlohnt und wird vielfach von undokumentierten, migrantischen Frauen geleistet. Als gesellschaftliche Bedingungen dieser Arbeit werden damit neben Wohlfahrts- und Genderregimen auch Migrationsregime und globale soziale Ungleichheiten sichtbar sowie eine Geschichte rassifizierter Arbeitsteilung. Weiße Rollenmodelle und Weiblichkeitsentwürfe wurden erst durch die Auslagerung von Care-Work an Frauen of color möglich. Zweitens stellt Chorus „Home based Child Care“ als Form bezahlter Care-Arbeit vor. Diese Form wird staatlich subventioniert, stellt aber ebenfalls keine produktive Arbeit im Sinne von Marx dar, da auch hier Care-Arbeit von selbstständigen Frauen geleistet wird. Schließlich werden pflegebedürftige Menschen im eigenen Haushalt in New York auch noch im Rahmen von Home (Health) Care medizinisch versorgt und betreut. Dies ist der einzige von Chorus vorgestellte Care-Bereich, in welchem Profite realisiert werden können, da hier 82 Prozent der Gesamtfinanzierung auf staatlichen Programmen beruht und (profitorientierte) Unternehmen in die Durchführung der Care-Arbeiten eingebunden sind.

Widersprüche?

Chorus macht somit deutlich, dass in den postfordistischen Care-Sektoren staatliche Politiken und Regulierungen einen wesentlichen Faktor ausmachen. Gleichzeitig verschieben sich mit der Kommodifizierung von Care Konfliktlinien und politische Ansatzpunkte.

„Mit der Kommodifizierung von Care wird der strukturelle und grundsätzliche Widerspruch im Kapitalismus zwischen Produktion und sozialer Reproduktion, der in der bisherigen Geschichte v.a. im vergeschlechtlichten ‚Äußeren’ der Geld- und Warenökonomie kanalisiert wurde, nunmehr auch innerhalb der Geld- und Warenökonomie deutlich sichtbar“ (S. 275).

Chorus geht daher abschließend einer Reihe von Tendenzen nach, welche nach ihrer Analyse die Kommodifizierung von Care an Grenzen treiben und (ökonomische) Krisenentwicklungen hervorrufen können. Wie Chorus selbst anmerkt sind einige dieser Krisentendenzen, wie beispielsweise ein tendenzieller Fall der Profitrate, innerhalb der marxistischen Debatten umstritten Chorus entscheidet sich für ein „moderat materialistisches Verständnis von Tendenzen und Grenzen“ (S. 255), womit sie allgemeine Tendenzen im Rahmen kapitalistischer Produktionsweisen annimmt, jedoch auch in Rechnung stellt, dass diese „auch zu einem gewissen Grad kontingent [sind] und […] von Prozessen und Entwicklungen ab[hängen], die nicht der Kontrolle des Kapitals unterliegen“ (S.255) und daher teilweise auch auf Gegentendenzen stoßen.

Als einen wesentlichen Punkt streicht sie zunächst heraus, dass der Profit in den vorgestellten Care-Sektoren aus einem „Wertetransfer und nicht einem Wertzuwachs resultiert“ (S. 263). Staatliche Programme und Subventionen bilden die finanzielle Grundlage für die genannten Care-Dienstleistungen. Aus Perspektive des Gesamtkapitals entstehe hier somit kein Mehrwert. Schlecht bezahlte Care-Arbeiter_innen (aber nicht nur sie) könnten darüber hinaus nicht genügend konsumieren, um die kapitalistische Überproduktion zu kompensieren. Außerdem führe die wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals, also nach Marx die wachsende Bedeutung maschineller Produktionsmittel im Verhältnis zur menschlichen Arbeitskraft, nach Chorus zu einem relativen Anstieg der Kosten im (zeitintensiven) Care-Sektor, denn Care-Leistungen und die Pflege von Menschen können nicht in gleichem Umfang wie andere Produktionsabläufe rationalisiert und zeitlich verdichtet werden. Vielmehr gehen bestehende Rationalisierungstendenzen von Care mit einem massiven Absinken der Qualität einher, was gesellschaftliche Care-Fragen aufwirft. Die Grenze der Kommodifizierung von Care ist in Chorus’ Augen nicht allein ökonomisch zu bestimmen, sondern „[d]iese Grenze ist eine gesellschaftlich gesetzte und verhandelbare, die historisch spezifisch und umkämpft ist“ (S. 256).

Ihrem explizit formulierten Anspruch, auch Geschlechterverhältnisse integral in die Ökonomietheorie einzubeziehen, wird Chorus in diesem Buch leider nicht umfassend gerecht. Denn die Untersuchung, wie Geschlechterkonstruktionen hergestellt und Arbeitsteilungen durchgesetzt werden – aber auch in Veränderungen begriffen sind – bekommt verhältnismäßig wenig Raum in ihrer Argumentation. Geschlechtsspezifische Zuordnungen von Arbeiten erscheinen vielmehr tendenziell als (historisch) gesetzt, ohne selbst in ihrer Dynamik einbezogen zu werden. Ihr Buch bietet jedoch interessante Denkanstöße und Zusammenführungen, wie (kommodifizierte) Care-Work (regulationstheoretisch) zu denken ist und welche Rolle sie in ökonomischen Krisenentwicklungen spielen kann. Obwohl Chorus auch auf gesellschaftliche Normen, Rollenbilder und Lebensweisen hinweist, verbleibt ihre eigene Krisenanalyse letztlich allerdings weitgehend im ökonomischen Bereich.

Silke Chorus 2012:
Care-Ökonomie im Postfordismus. Perspektiven einer integralen Ökonomie-Theorie.
Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-915-1.
305 Seiten. 29,90 Euro.
Zitathinweis: Anna Köster-Eiserfunke: Care als Ware – ein Widerspruch? Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1240. Abgerufen am: 16. 12. 2019 08:08.

Zum Buch
Silke Chorus 2012:
Care-Ökonomie im Postfordismus. Perspektiven einer integralen Ökonomie-Theorie.
Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-915-1.
305 Seiten. 29,90 Euro.