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Befreiende Bildung

Buchautor_innen
Janek Niggemann (Hg.)
Buchtitel
Emanzipatorisch, sozialistisch, kritisch, links?
Buchuntertitel
Zum Verhältnis von (politischer) Bildung und Befreiung
Der Sammelband stellt linke Bildungskonzepte vor und regt zur weiteren Auseinandersetzung an.
Rezensiert von Sebastian Friedrich

Linke Pädagog_innen haben sich vor allem im Zuge der 68er-Bewegung mit dem Zusammenhang von Bildung und Befreiung befasst. Seit den 1980er Jahren ist es deutlich stiller um linke Ansätze von Bildung (und Erziehung) geworden − umso erfreulicher, dass die verschiedenen Fäden linker Reflexion von Bildung seit einigen Jahren vermehrt wieder aufgenommen werden. Davon zeugt auch der von Janek Niggemann herausgegebene Sammelband „Emanzipatorisch, sozialistisch, kritisch, links?“, der 2012 in der Reihe Manuskripte der Rosa Luxemburg Stiftung beim Karl Dietz Verlag erschienen ist.

Der Band umfasst auf etwa 100 Seiten acht Beiträge, die bekannte und unbekanntere linke Bildungskonzepte vorstellen und andiskutieren. Allen Ansätzen geht es dabei um das im Untertitel des Sammelbandes formulierte Ziel, das Verhältnis von (politischer) Bildung und Befreiung unter die Lupe zu nehmen. In der Einleitung wird durch den Herausgeber eine erste Bestimmung dieses Verhältnisses vorgenommen:

„Befreiung, die vor allem eine Befreiung von materiellen Zwängen zum Ziel hat, kann sich weder auf Bildung beschränken, noch auf sie verzichten. Bildung ist wiederum unverzichtbar, wo es um die Weiterentwicklung von (subjektiven) Möglichkeiten und die Zurückweisung von Beschränkungen geht." (S. 8)

Bildung und Befreiung sind also jeweils die Grundlage füreinander, dennoch hat linke, emanzipatorische und sozialistische Bildung nichts weniger als Befreiung zum Ziel. Soweit dürften die vorgestellten Ansätze übereinstimmen, doch darüber hinaus geht die Einigkeit nicht allzu weit. Es ist allerdings nicht das Anliegen, die verschiedenen Ansätze gegenüberzustellen und die unterschiedlichen Grundannahmen zu diskutieren, sondern vielmehr einen (ersten) Überblick über vorhandene linke Bildungskonzepte zu liefern.

Einer der bekannteren linken Bildungsansätze wird von Julika Bürgin vorgestellt. Kenntnisreich führt sie in das Konzept der soziologischen Phantasie und des exemplarischen Lernens von Oskar Negt ein, das in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit insbesondere in den 1970er Jahren angewandt wurde, doch seit den 1990er Jahren zunehmend in Vergessenheit geriet. Bürgin hebt hervor, dass das Konzept auf Selbstermächtigung und -erziehung von unten setzt. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass die Interessenslage abhängig Beschäftigter heute nicht mehr so klar sei, wie in den 1960er und 1970er Jahren. Ebenso überzeugend befasst sich Marit Baarck mit der subjektwissenschaftlichen Lerntheorie von Klaus Holzkamp und gibt einen verhältnismäßig ausführlichen Überblick über den Ansatz.

Es gehört zu den Vorzügen des Sammelbandes, dass nicht nur im linken Gedächtnis präsente Bildungstheorien, sondern auch an zunehmend in Vergessenheit zu geraten drohende Ansätze erinnert wird. So ist es erfreulich, dass Carsten Krinn die Schulungsarbeit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) während der Weimarer Republik reflektiert. Er arbeitet dabei die zentralen Spannungsfelder der Schulungsarbeit heraus und verweist zu Recht darauf, dass die skizzierten Probleme auch heute noch von Aktualität sind. Auch Torsten Feltes Beitrag befasst sich mit dem mittlerweile weitgehend verschütt geratenen Ansatz des kritischen Pädagogen Heinz-Joachim Heydorn. Allerdings wäre angesichts der Position Heydorns, Bildung sei „der heute einzig mögliche Movens befreiender Praxis“ und eine klassische Revolution heute nicht mehr möglich, da jeder Aufstand der Massen die „Selbstzerstörung der Menschheit provozieren“ würde (S. 58), eine Diskussion ebendieser wünschenswert gewesen. Dennoch ein lesenswerter Beitrag, ebenso wie der von Bernd Wittich zum Social Justice-Ansatz und der Dialogik Martin Bubers, auch wenn hier ebenfalls mehr Kritik und Diskussion angebracht gewesen wäre. Beim Social Justice-Ansatz geht es darum, den „Wandlungsnotwendigkeit von Person und Gesellschaft zu erkennen und als Aufgabe anzusehen − in diesem Sinne ist „Emanzipation eine Entwicklung meines Selbstwert(es)gefühls im solidarischen Bezug auf andere Menschen“ zu verstehen (S. 105). In Bezug auf Diversity Ansätze wurde in den letzten Jahren die Kritik geäußert, dass sie einem liberalen Antidiskriminierungsdiskurs das Wort sprechen können. Interessant wäre die Frage, ob das auch auf den Social Justice Ansatz zutrifft beziehungsweise inwieweit es in der Praxis gelingen kann, Bildung in Richtung Befreiung auszurichten.

Im Sammelband wird sich insbesondere auf europäische Ansätze bezogen. Einzige Ausnahme ist der gelungene Beitrag von Marco Hahn, der sich mit dem brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire befasst. Freire hatte aus seinen Erfahrungen mit einem von ihm entwickelten Alphabetisierungsprogramm den Begriff der „Pädagogik der Unterdrückten“ geprägt. Er kritisierte das vorherrschende Schulsystem als eines, das nicht zu kritischem Bewusstsein anrege und Schüler_innen passiv mache. Dem entgegen stellte er den Abbau der Hierarchie zwischen Lehrenden und Lernenden und einer Mischung aus Reflexion und Aktion.

Sehr gute Ein- und Überblicke über das Werk zweier Menschen, die nicht primär als Pädagogen bekannt sind, geben die Beiträge über Antonio Gramsci und Bertolt Brecht. Janek Niggemann und Andreas Merkens arbeiten anhand zentraler Begriffe Gramscis das pädagogische Potential dessen Werks heraus. Es gelingt ihnen dabei, auf wenigen Seiten eine sehr präzise Einführung in zentrale Begrifflichkeiten Gramscis zu geben. Anhand derer zeigen sie etwa auf, dass für Gramsci Weltveränderung und Weltinterpretation ineinander fallen:

„Emanzipatorische politische Bildung ist aufgefordert, sich als Medium einer allgemeinen intellektuellen und kulturellen Aneignung und Umgestaltung des gesellschaftlichen Ensembles von 'unten' zu verstehen. Es geht darum, eingreifendes Denken zu produzieren.“ (S. 21)

David Salomon befasst sich mit dem „politischen Pädagogen“ Brecht und stellt heraus, dass weiterhin gilt, „an einer Ästhetik und Pädagogik zu arbeiten, die mit Gewohntem bricht und Herrschaftswissen, das bei Lichte besehen ein 'Nichts-über-(die)-Herrschaft-wissen' ist, blamiert“ (S. 51) − dafür gibt insbesondere Brechts Theaterarbeit mehr als Anregungen, auch wenn sich die Kontexte geändert haben.

Der Sammelband geht auf Treffen zwischen 2007 und 2009 des Arbeitskreises Politische Bildung der Rosa Luxemburg Stiftung zurück. Gut, dass die Wissensvermittlung einer eher internen Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurde. Besonders hervorzuheben ist, dass es sich nicht um eine schlichte Aneinanderreihung von Vorträgen und Aufsätzen handelt. Vielmehr folgen die Beiträge weitestgehend den Vorgaben des Herausgebers, neben der Vorstellung der Grundzüge der Theorie auch mögliche Kritikpunkte aufzuzeigen und darzustellen, welche Übersetzungsleistungen für die heutigen Verhältnisse notwendig sind. Der Sammelband eignet sich hervorragend als erste Einführung in verschiedene Ansätze linker Bildungstheorien und regt an, sich intensiver mit Bildung aus einer linken Perspektive zu befassen.

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Der Sammelband ist auch online verfügbar

Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Befreiende Bildung. Erschienen in: Sport - Zwischen Unterwerfung und Emanzipation. 28/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1127. Abgerufen am: 21. 07. 2019 19:27.

Zum Buch
Janek Niggemann (Hg.) 2012:
Emanzipatorisch, sozialistisch, kritisch, links? Zum Verhältnis von (politischer) Bildung und Befreiung.
Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3320022839.
110 Seiten. 9,90 Euro.